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Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben

Nur ein Roman über lebenslange Freundschaft?

 

Die langanhaltende Freundschaft zwischen einem Künstler, einem Schauspieler, einem Architekten, und Jude, einem Anwalt. Letzterer von jedem geliebt, obwohl er nichts von sich und seiner Vergangenheit preisgibt. Einzig seine Schmerzanfälle begleiten Freunde, Umfeld und den Leser immer wieder, während alles seinen Lauf geht und Jude mit den Jahren Freundschaft und Liebe erfährt – eine Tatsache, die er sich nie hat erträumen lassen, denn eines ist immer wieder zu lesen: Judes Selbsthass. Seine Scham über sich als Krüppel. Seine Vergangenheit und sowieso all seine Taten die er begangen hat. Seite für Seite bekommen wir einen Hauch von Ahnung, was ihm zugestoßen sein könnte. Bruchstücke, die auch Judes Umfeld mit den Jahren erfahren sollen, mehr erratend als wissend. Es vergehen hunderte von Seiten, Jahrzehnte im Buch, bis etwas Konkretes erfahren wird.

Der Leser wird Teilhaber des Lebens der Vier. Er wird Freund und innerer Anteil Judes, der selbstliebende Anteil im Protagonisten, der in seinem Inneren schlummert, aber unaufhörlich von ihm ignoriert wird. Ebenso wie Zärtlichkeit und Fürsorge seiner besten Freunde. Die Frustration, das Nicht-helfen-können, wenn einem nahen Menschen Grausamkeiten angetan worden sind, ist ein entscheidendes Hauptanliegen, das durch wechselnden Erzähler, durch das In-die-Länge-ziehen des Romans bei gleichzeitigem Unwissen erreicht wird. Durch die Fülle an Wörtern wird ein Gefühl der Frustration, der Wut und Hilflosigkeit erzeugt und doch kann man nicht aufhören den Roman weiterzulesen, können die Freunde Jude nicht im Stich lassen, auch wenn das Unsagbare nicht gesagt wird, die Hilfe nicht angenommen wird.

Im Roman wird aufgezeigt, was es heißt, mit jemanden zusammenzustehen. Was es für einen Überlebenden von Misshandlung heißt, alle äußeren wie inneren Gefühle von Liebe, Geborgenheit und Fürsorge zu missachten, sich selbst so sehr für Taten zu hassen, die einem zugestoßen sind, und die Kontrolle letztendlich den inneren sowie äußeren Saboteuren zu überlassen.

Wenn man so will ist der Roman ein Sinnbild des Kampfes zwischen dem Guten und dem Schlechten, zwischen Liebe und Hass, letztendlich zwischen dem Aussprechen-Können des Unsagbaren und dem ewigen Schweigen darüber.

Nur der Erzähler, die Freunde und somit der Leser bekommen die Möglichkeit des Redens, um das Schweigen über Misshandlung, Quälerei und Grausamkeit zu brechen. Wenn Überlebende keine Worte für ihre Vergangenheit finden, kann nur das Umfeld dieses Tabu brechen. Nichts weniger will dieser Roman aussagen und aus keinem anderen Grund, hat diese Erzählung solche Furore gemacht.

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