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Cormac McCarthy, Die Straße

Er lag da und lauschte dem im Wald tropfenden Wasser. Muttergestein, das. Die Kälte und die Stille. Die Asche der vorigen Welt von den rauen, irdischen Winden in der Leere hin- und hergeweht. Herangeweht, verstreut und abermals herangeweht. Alles aus seiner Verankerung gelöst. Ohne Halt in der aschenen Luft. Getragen von einem Atemhauch, zitternd und kurz. Wenn nur mein Herz aus Stein wäre. Er wachte vor Morgengrauen auf und sah zu, wie der graue Tag anbrach. Langsam und halb undurchsichtig. Während der Junge noch schlief, stand er auf, zog sich seine Schuhe an und marschierte, in seine Decke gewickelt, zwischen die Bäume. Er stieg in einen Felsspalt ab, wo er sich hustend zusammenkrümmte und lange Zeit weiterhustete. Dann kniete er einfach in der Asche. Er hob das Gesicht dem erblassenden Tag entgegen. Bist du da?, flüsterte er. Werde ich dich endlich sehen? Hast du einen Hals, damit ich dich erwürgen kann? Hast du ein Herz? Hol dich der Teufel, hast du eine Seele? O Gott, flüsterte er. O Gott.
Ist das noch Literatur? Eine vermutlich ebenso sinnlose wie banale Einstiegsfrage in einen Text, der ein Buch besprechen soll. Natürlich, so lautet die erste – und durchaus nachvollziehbare – Antwort, ist das Buch Die Straße von Cormac McCarthy Literatur, was auch sonst?
So nachvollziehbar diese Haltung ist, so schwierig ist es, diese auch beim Lesen durchzuhalten. Denn in und durch diesen Roman geschieht mehr, als nur das kontextuelle Aneinanderereihen von Wortfolgen, die Sätze und im besten Fall eine Geschichte ergeben. Hier wird deutlich, was Literatur in ihrem besten Fall sein kann: eine eigene Welt, poesis im reinsten Wortsinne, die durch die Kraft der Narration aufgespannt wird.
Aber beginnen wir am Anfang. Die zitierten Sätze stammen aus einer der ersten Seiten des Werkes und schon hier wird deutlich, was den gesamten Roman ausmacht: die Leere, die Ödnis, die mit Händen zu greifende Verzweiflung des Mannes, der seinen Sohn beschützen muss. Aber vor was? Das wird nicht genau geschildert. Der Leser erfährt nur, dass Vater und Sohn unterwegs sind, um nach Süden zu gelangen, in die Sicherheit der Wärme vor dem heranbrechenden Winter. Aber was sich hier nach einem harmlosen Roadtrip anhört, spielt sich in der schlimmsten aller möglichen Welten ab: einer postapokalyptischen Erde. Ein Nuklearangriff? Ein Meteoriteneinschlag? Eine Umweltkatastrophe? Der Leser erfährt es nicht und auch wenn man sich am Beginn durchaus noch die Frage stellt, was geschehen sein könnte und ob nicht der Erzähler auf die Gefahren eines bestimmten Lebensstils des Menschen hinweisen will, verliert diese Frage nach und nach an Bedeutung. Weil sich die tatsächlichen existenziellen Probleme des Gespanns in den Vordergrund stellen: die Suche nach Nahrung, nach einer Unterkunft für die Nacht, nach Geborgenheit und Sicherheit und dabei immer mit der Hoffnung, den Weg nicht zu verlieren.
Natürlich, wendet an dieser Stelle der gelehrte Meta-Kritiker ein, dieses Szenario ist schon unzählige Male durchgespielt wurden. In Filmen, Theaterstücken, Romanen. Was ist also das Neue an diesem Werk, damit es hier besprochen werden kann? Es ist die unglaubliche Erfahrung des wirklichen Mit-Leidens mit den Figuren. Die Grenze zwischen der fiktiven Welt von Vater und Sohn und der (vermeintlich) realen des Lesers verschwimmen schon auf den ersten Seiten. Man wird, geschickt durch die Erzählinstanz vermittelt, unmittelbar in die Welt hineingezogen. Liegt mit den Beiden im Gras, wenn es gilt, sich vor Gefahren zu verstecken. Leidet selbst Hunger, wenn die Beiden seit Tagen nicht gegessen haben. Jeder Verlust schmerzt auf eine präsente Art und Weise. Jede neue Leiche, die auf der Straße gefunden wird, jagt den Schauer über den Rücken, jede Bestialität lässt einen fassungslos zurück und gleichzeitig scheint immer die eine Frage auf: was würde ich tun, um mein Leben zu erhalten? Würde ich alle hohen moralischen Fundierungen aufrechterhalten, die in der Moderne so prächtig gedeihen konnten, wenn ich seit 5 Tagen nichts mehr gegessen habe? Wenn das Kind neben mir nur noch Haut und Knochen ist? Würde ich es zurücklassen in dieser Welt, wenn ich selbst nicht mehr kann?
Ein Roman stellt im besten Fall den Leser vor die Erfahrung des So-könnte-es-auch-sein. Dies unterscheidet ohne Frage gute von schlechter Literatur. Aber dieses Werk ist noch ein bisschen mehr. In der ganzen Not und Verzweiflung, im Elend und Chaos, in dem der Nächste, der auch überlebt hat, nicht nur dein Feind sein, sondern das Böse schlechthin verkörpern kann, stellen sich die Grund-Fragen des Lebens neu. Gibt es eigentlich Vögel, wenn man seit Jahren keine gesehen hat? Was bleibt von den Dingen, wenn man vielleicht der letzte Mensch auf Erden ist? Wie schnell zerfällt all das menschliche Machwerk eigentlich zu Staub?
McCarthys Die Straße beantwortet diese Fragen nicht, weil die beiden Protagonisten nicht mehr dazu in der Lage sind. Sie leben in einer derartigen Hölle, dass jeder andere Ort, an dem irgendwie gelangen könnte, nur eine Verbesserung sein kann. Aber warum dann nicht den Ausweg in den Tod nehmen? Aufgeben, und das Beste hoffen? Nein, es geht um das weitermachen, auch wenn es kein Ziel mehr gibt, weil schon der Begriff des Ziels keinen Sinn mehr in dieser Welt hat. Weitergehen, aufstehen, weitersuchen, eine Nacht im Regen verbringen, der die Asche einer verbrannten Welt zu einem breiigen Schlamm vermischt. Und dann am nächsten Morgen wieder weiter, den Einkaufswagen mit den letzten Vorräten an der Hand. Ist das also der Sinn? Weitermachen, um jeden Preis?
Nein, hier liegt kein primitiver Lebenshilfe-Roman vor, denn in dieser Welt würde jeder aufgeben. Es ist auch kein Heroismus, der zu den Protagonisten aufschauen lässt. Es ist der unbedingte Drang des Lesers, dabeizubleiben. Seinen eigenen Ekel zu unterdrücken, das Gefühl, das Buch aus der Hand legen zu müssen, weil man den Tod und den Schmerz nicht mehr erträgt. Und dann erwischt man sich selbst, wie einem die Leichen zunehmend egal werden, der Weg, das Ziel. Wie man selbst mitläuft, wie sich selbst der Atem beschleunigt, wenn eine Bedrohung ganz nah erscheint. Man stumpft ab, hofft nicht mehr auf Besserung, sondern nur, dass die Figuren den nächsten Tag erleben. Wo es keinen Grund mehr gibt, da gibt es kein Ziel mehr. Wo alles aus den Fugen ist, wenn im Grunde überhaupt nichts mehr ist, dann schrumpft der Mensch auf denjenigen Rest einer tierischen Kreatur zusammen, die er immer schon ist. Der letzte Gott hat die Welt verlassen und übrig bleibt der Mensch in seiner banalen Existenz.
Wenn die Hölle der Ort ist, der am weitesten entfernt zu Gott steht, und – wenn Sartre Recht hat – die Hölle immer die anderen sind, dann ist der Ort, an dem sich Vater und Sohn aufhalten, die Hölle. Die Welt, als verlassen, im wahrsten Sinne Gottverlassen, aber nicht nur öd und leer, sondern auch feindselig und gleichzeitig immer verlockend, das Leben verlängernd um einen entscheidenden Tag. Gibt es noch Lachen, noch Glück? Nichts mehr davon. Die dauernde Traumatisierung des Menschen innerhalb dieser Postapokalypse lässt nicht mal erahnen, dass es etwas wie Zufriedenheit, wie Freude geben könnte. Und mit dem Glück starb ebenso die Schönheit, die Freude an den Dingen, die Bewunderung der Natur. Natürlich, es bleibt dem Menschen am Ende immer noch die Bindung der Familie, aber auch sie verbleibt im Rahmen der ultimativen Entscheidung: weiterleben, oder…
Es muss an dieser Stelle wirklich gewarnt werden: Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, sollten diesen Roman nicht lesen. Zu klaustrophobisch, zu grausam sind manche Szenen. Jeden Anderen, der einmal die Erfahrung des extremsten Was-könnte-auch-sein machen möchte, muss dieses Buch empfohlen werden.
Wahnsinns-Literatur!

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