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Carl Frode Tiller, Kennen Sie diesen Mann

Dass ein skandinavisches Buch seinen Weg auf den deutschen Buchmarkt findet, ist dank der nordischen Kriminalromane längst kein Einzelfall mehr. Anspruchsvollere Literatur hat es dagegen immer etwas schwerer und so fragt man sich, wenn man Carl Frode Tillers Roman Kennen Sie diesen Mann? aufschlägt schon, warum es ausgerechnet dieser – zumindest hier – unbekannte Autor geschafft hat.

Mit viel Wohlwollen ist es der Ausblick auf die zu lesende Geschichte. Mit mehr Realitätssinn wohl eher die erworbenen Literaturpreise. Um die Literatur nach dem zu beurteilen, was sie ist, werfen wir nun also einen Blick auf die Geschichte des Romans. Denn diese scheint auf dem ersten Blick doch ganz interessant, wenn auch bekannt: Ein Mann verliert sein Gedächtnis und bittet über ein Zeitungsinserat Verwandte und alte Bekannte um Mithilfe in Form von Briefen.

Drei Personen melden sich bei David, der – um gleich schon eines vorweg zu nehmen – selbst nie im Buch zu sprechen kommt, die als Erzähler seiner Geschichte dienen. In abwechselnden Episoden aus ihrer Gegenwart und langen szenischen Briefen über die gemeinsame Vergangenheit, zieht sich die Geschichte über David in drei Abschnitte durch die Seiten.

Angefangen mit seinem Jugendfreund Jon, der in seiner Gegenwartsdarstellung gerade seine Band verlassen hat und als Versager mehr als deutlich klassifiziert wird. In seinem Brief allerdings unvorstellbare Fähigkeiten von psychologischem Durchblick und Einfühlungsvermögen zeigt, so dass der Leser gleich zu Anfang schon nicht mehr weiß, ob es sich hier wirklich um den eben noch sentimentalen Looser handelt, der keine Ahnung von sich und seinem Leben zu haben scheint, oder ob der Autor hier nicht vielmehr den Ich-Erzähler mit einem nichtdiegetischen Erzähler verwechselt.

Im zweiten Teil kommt Arvid, der Stiefvater Davids zu Wort. Auch er steht an einem Scheideweg in seinem Leben. An Krebs erkrankt und von Schmerzanfällen gequält, findet aber auch er die Zeit, einen langen Brief an seinen liebgewonnenen Ziehsohn zu schreiben, den er schon mehr als zwanzig Jahre nicht gesehen hat. Als ehemaliger Pfarrer, der nach dem Tod seiner Frau und dem Weggang Davids, ein tristes Leben als Buchhalter führte, erzählt er von den schönen Kindheitserinnerungen Davids, der schwierigen Jugend und vom Familienleben.

Nur wurde im ersten Teil des Buches von Jon eine vollkommen andere Geschichte, andere Fakten und Zusammenhänge genannt. Spätestens hier wird dem der Leser deutlich, welchem künstlerischen Kalkül er gerade aufgesessen ist. Hier geht es natürlich nicht nur um eine einfache Lebensgeschichte. Nein, hier werden gleich die großen Geschosse von den Fragen des Lebens, von Wahrheit und Lüge und psychologischen Kämpfen aufgefahren.

Aber bevor sich der Leser damit beschäftigen kann, braucht es noch einen dritten Ich-Erzähler. Es war damit zu rechnen, dass nun die ehemalige Jugendliebe von David, Silje ins Spiel kommt. In beiden vorherigen Erzählungen schon fester Teil der Jugend und der Charakterwerdung Davids, hat auch Silje über zwanzig Jahre keinen Kontakt zu David gehabt. Früher eine künstlerische Seele, jetzt eine gelangweilte Ehefrau, die noch einmal die Chance ergreift, ihrem Leben Esprit zu geben, in dem sie voller Inbrunst und allem künstlerischen Können von Jon, Arvid, der Liebe zu David, der Mutter und dem Thema erzählt, dass sich den ganzen Roman über angedeutet hatte. In ihrer Gegenwart ist allerdings auch sie schweren Schicksalsschlägen ausgesetzt. Sie ist nicht nur kurz davor ihre Ehe zerbrechen zu lassen, sie befindet sich auch ebenfalls in der Trauerphase um ihre gerade erst verstorbene Mutter. Vielleicht davon beeinflusst, löst sie viele Geschehnisse auf, indem sie von den tragischen Vorfällen aus der gemeinsamen Jugend erzählt. So ist die Dreiergruppe aus Jon, David und ihr nicht nur Beobachter mehrerer traumatischer Erlebnisse geworden, auch allerlei todesnahe Szenen, haben sich in dem kleinen Dorf in Norwegen abgespielt, so dass sich die mysteriöse Frage, wer denn nun der Vater Davids sei, nur in Kategorien zwischen Vergewaltiger und schwerstkrankem Mann abspielen kann.

Wer von der überladenden Handlung, dem Zuviel an unwahrscheinlicher Tragik und offensichtlichen Wendungen noch nicht abgeschreckt ist, wird spätestens beim Schreibstil des Autors an seine Grenzen gebracht. Dieser ist nicht schlecht, aber leider so verstellt, so künstlerisch übertrieben schwankend zwischen überzogener Umgangssprache am Anfang und dem gerade angesagten Berichtstil am Ende, dass es kurz vor Schluss nur noch ein Kampf ist, dem Buch und seiner durchaus fesselnden, wenn auch absurden Geschichte zu folgen.

„[…] Trotzdem wollt ihr immer mehr haben, fährt sie fort. Ihr seid nie zufrieden, sagt sie. Nein, sind wir nicht, sage ich, wie du siehst. Und die Kinder werden schon genauso, sagt sie. Hör auf, über die Kinder zu jammern, Mama, sage ich und halte nach wie vor an meinem erschöpften Lächeln fest. Tu ich doch gar nicht, sagt sie. Es ist ja nicht ihre Schuld, dass sie so verwöhnt werden, sagt sie. Nein, daran bin ich natürlich schuld, ganz klar, sage ich. Das habe ich nicht gesagt, sagt sie. Das hast du aber gemeint, sage ich. Du trägst nun einmal die Verantwortung dafür, wie sich deine Kinder entwickeln, genau wie alle anderen Eltern auch, sagt sie. Na klar, sage ich…“

Wem bei solchen Passagen noch nicht die Ohren sausen, von all den „sagt sie“-, „sage ich“-Bruchstücken, dem sei gesagt, dass auch ständige Satzwiederholungen, von scheinbar sehr relevanten Sätzen, nicht stören dürfen. Ist man gegen all dies gefeit, muss eines am Schluss gesagt werden: Trotz aller sprachlicher sowie inhaltlicher Hindernisse, hat es der Autor geschafft, seine Figuren, so unsympathisch sie einen auch erscheinen mögen, ausreichend genug zu zeichnen, dass man doch mit einer Weiterführung des Werkes liebäugelt. Auch wenn die Anfangs gestellten Fragen über den Wahrheitsgehalt der Darlegung in den Briefen in den Hintergrund rücken, das Hauptanliegen des Romans somit verfehlt ist, hat die Geschichte doch neugierig gemacht auf weitere Darlegungen von Bekannten und Verwandten. Ob sich ein weiterer Kampf durch die sprachlichen Kunstversuche lohnt, muss jeder für sich selber entscheiden. Denn am Ende dieser Rezension bleibt, dass dieses Werk es nicht geschafft hat, hinter psychologischen Oberflächlichkeiten zu greifen, sei die Geschichte und der künstlerische Stil noch so außergewöhnlich.

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