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Hannes Köhler, Ein mögliches Leben – Mehr als ein reiner Kriegs- und Nachkriegsbericht

In den letzten Jahren erschienen immer wieder Romane über die Zeit der Weltkriege, über das Leid und die Entbehrungen, die Täter und die Opfer, die Zeit in den Lagern, den Gefangenschaften in Russland, der Besatzungszeit in Frankreich. Wenig zu lesen bekommt man allerdings über die Zeit der amerikanischen Gefangenschaft. Hannes Köhler begibt sich hier in keine ausgetretenen Pfade und schafft mit seinem zweiten Roman „Ein mögliches Leben“ noch viel mehr als einen reinen Kriegs- und Nachkriegsbericht.

Der frischgebackene Vater Martin macht sich mit seinem Großvater auf eine unbestimmte Reise nach Amerika, an die Orte der Kriegsgefangenschaft im Jahr 1944. Doch ist es keine selbstverständliche Reise zwischen Enkel und Großvater, um die Vergangenheit zu beleuchten. Das Verhältnis der zwei war noch nie ein sehr enges. Zu schwierig war die Beziehung der Mutter zu ihrem kühlen und distanzierten Vater, und auch Martin befindet sich gerade in einer unpassenden Situation, um mit „dem Alten“, wie Franz im Buch des Öfteren genannt wird, nach Texas zu den Ruinen der Baracken des ehemaligen Lagers zu reisen. Seit kurzem muss er sich mit seiner Vaterschaft beschäftigen, die alles andere als gewollt gewesen ist, dessen Pflichten er sich aber dennoch stellt. Und so scheint dem Leser gleich zu Anfang schon bewusst zu sein, in welche Gefilde er hier gezogen wird: Ein Familienroman, gar ein Generationsroman, der durch die schwierige Vergangenheit und deren Auflösung, nicht nur die Probleme mit der Mutter und Tochter verständlich machen soll, sondern auch die Anfänge der neuen Familie zwischen Martin und der eher unbekannten Mutter seines Kindes lösen soll.

Doch weit gefehlt. Dieser Roman geht viel weiter, durchbricht die Klischees und verbindet alles auf realistische Weise mit einander, ohne die Brüche der Zeit zu vergessen. Ein mögliches Leben in Amerika, so muss den Kriegsgefangen die Ankunft jenseits des Ozeans erschienen sein, als sie die Weite des amerikanischen Landes entdeckten, als sie merkten, dass die Amerikaner sie anständig behandelten, als sie Englischkurse besuchen durften. Ein mögliches Leben, trotz aller Traumatisierungen im Krieg, trotz der Heimatlosigkeit, der Ideologie im Kopf, trotz des Sterbens der Heimat, der Familie, und allem Bekannten. Doch kann man Heimat nicht einfach vergessen, kann man den Krieg nicht vergessen und kann die Gedanken der letzten Jahre nicht auslöschen. Schwieriger wird es noch, wenn sich die Gefangenen in zwei Lager aufzuteilen beginnen. Zwischen denen, die weit weg in ein mögliches Leben wollen und denen, die noch immer auf einen Endsieg warten. Dass ein Gedankengut nicht einfach aus dem Kopf zu löschen ist, dass dies die jungen Menschen in ihren ganzen Tun und Denken zum Wanken bringen musste, und dass die Gefangenen eben nicht nur mit Feldarbeit, Ungewissheit und Heimatlosigkeit geplagt waren, sondern sich vielmehr in einem Bruch befanden, zeigt dieser kurze Ausschnitt, indem ein mitgefangener Kamerad einen Selbstmord begeht, eindrücklicher als ganze Geschichtsbände.

„Selbstmord“, sagt Franz.
Jürgens Gesicht ist ausdruckslos.
„Heldentod“, sagt er leise.

In diesem Roman sind nicht die Amerikaner die Feinde, hier sind es die eigenen Kameraden, die Führertreuen. Der Autor nimmt uns mit in Franz seine Zeit in den Lagern, lässt die Geschichte des Buches hauptsächlich in Texas zwischen den Kameraden spielen und gibt dem Leser einen Eindruck aus dieser Zeit. Einmal, vielleicht zweimal zu deutlich lässt er die Bedrohung durch die eigenen Kameraden anklingen. Zu oft wird auch die Meinungslosigkeit des Protagonisten betont, zu sehr erscheint dem Leser ein warnender Zeigefinder des sich entscheiden Müssens.
Doch hier kann dem Autor des Buches vertraut werden. Sein Weit- und Durchblick, den er auf seiner zweimonatigen Recherchereise durch Amerika zu den Schauplätzen der amerikanischen Lager verfeinert hat, klingt im gesamten Buch an und lässt keine gedankenlose, einseitige Geschichtsschreibung zu. Im Laufe des Buches wird der kritische Leser sich getrost zurücklehnen können, denn hier wird zwar eine deutliche Anklage geschaffen, doch ohne die gesamthistorischen Gegebenheiten aus dem Blick zu verlieren.
Es geht um die Zerrissenheit einer gesamten Generation, die Zerrissenheit der Ideologie, der Deutschen, schon vor dem Krieg, während, aber vor allem und am eindrücklichsten am Ende und nach dem Krieg.

So erscheint am Ende kein Enkel-Großvater Roman, sondern ein Generationsroman, der vor allem die Nachkriegsgeneration beleuchtet. Dass die Tochter von Franz, die Mutter von Martin also, gar nicht anders kann, als sich der 68-Generation zuzuwenden, zeigt um eines mehr, dass ein unwiderruflicher Bruch stattgefunden hat. Dass der ältere Franz, obwohl für die Amerikaner arbeitend, nicht vor seiner Vergangenheit fliehen kann, so sehr er sich der Entnazifizierung widmet, unterstreicht dieses Buch umso mehr. Dass aber gerade die Zuwendung der Tochter zum „linken Lager“ einen Bruch innerhalb der Familie nach sich zieht, ist ein eindrückliches Zeitzeugnis dieser Generation und auch heute noch spürbar, wenn wir über diese Zeit schreiben, lesen und sprechen wollen. Wie schnell wir von Strukturen geprägt sind, wie schwer wir uns davon trennen können wird im gesamten Roman angesprochen und stellt den Leser vor neuen Fragen.

Die Unmöglichkeit vor den Bruch zurückzukehren, wird zum wichtigen Motiv dieses Romans und lässt ihn allein deshalb deutlich herausstechen. Die Geschichte, die Zeichnungen der Protagonisten sind nicht nur realitätsnah, historisch klar und nachvollziehbar, nein sie schaffen dazu noch einen großen Bogen, der aufzeigt, dass es unmöglich ist Kontakt zu der vorherigen Generation aufzunehmen, dass eine Verständigung mit den Eltern der Kriegszeit nicht möglich war. Hier wird Geschichte ohne Wertung erzählt, weil dieser Roman es versteht, dass keine Wertung nach dem Bruch mehr möglich ist. Zugleich stellt der Roman durch die Aufmachung der Enkel-Großvater Beziehung die wichtige Frage, ob eine Verständigung und Wertung über diese Zeit, von der neuen, unserer Generation überhaupt möglich ist.


Hannes Köhler, Ein mögliches Leben, Ullstein Verlag, Erscheinungsdatum: 23.02.2018, ISBN – 978-3-550-08185-9

Ich danke Vorablesen für das Rezensionsexemplar.

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  1. Pingback: Blogbummel Februar 2018 – buchpost

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