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Doppelbiographie der Nachkriegsliteratur, Helmut Böttigers „Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan“

Im letzten Jahr erschien die Doppelbiographie von Bachmann und Celan, geschrieben von dem renommierten Literaturkritiker und Kenner der Nachkriegsliteratur, Helmut Böttiger. Für Literaturwissenschaftler wie für Laien stellt sein neues Werk eine umfassende Zusammenfassung der zwei bekanntesten Lyriker der Nachkriegszeit dar. Doch mit welcher Berechtigung kann eine neue Biographie stehen, wenn keine neuen Quellen zur Verfügung stehen? Erschien hier ein Werk für die Wissenschaft, oder Literatur für die breite Gesellschaft, gefußt auf einer Emotionalisierung, wie man sie nur zu genüge aus der Sachbuchsparte der letzten Jahre kennt. Sollen nun auch Bachmann und Celan für eine biografische Bestandsaufnahme ihrer Liebesgeschichte herhalten, wie einst Arendt und Heidegger sowie Kafka und Felice Bauer. Zur Beruhigung kann schon einmal gesagt werden: Nein, dies ist hier nicht der Fall. Böttiger nimmt fehlende Dokumente zum Anlass, um eine Fassung der beiden Schriftsteller zu schaffen, die biografische Daten- und Lyrikanalyse gekonnt nebeneinandersetzt. Ohne den Blick auf die Lyrik zu verlieren, entstand hier ein Werk, welches nicht nur für Laien von Bedeutung sein kann, sondern eben auch Literaturwissenschaftler interessieren kann. Eine erfrischend neue Form einer Doppelbiographie, die es lohnt, näher zu betrachten.  

Es ist die wohl bekannteste Liebesgeschichte in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, die Geschichte der Gruppe 47 und zweier Liebender, die nicht zueinanderfinden konnten, in einer Zeit, in der alles möglich schien und nichts möglich war. Der 27-jährige Paul Antschel, besser bekannt unter seinem Pseudonym Paul Celan, lernte im Frühling 1948 die junge Ingeborg Bachmann in Wien kennen. Die Unterschiede der Beiden könnten nicht größer sein. Anschel, ein aus der ehemaligen k.u.k. Monarchie kommender Jude, strandet, nach den Traumatisierungen der ermordeten Eltern, im zerstörten Wien.

Mit ganz anderen Voraussetzungen kommt die wohlbehütete Bachmann nach Wien. Vordergründig um ihr Studium fortzuführen, ist sie ebenso wie Celan auf der Suche nach einem Anschluss an die intellektuellen Kreise der Stadt des Westens und der Hochburg der Literaten, Wien. Geboren in Klagefurt, wuchs sie mit beiden Eltern auf und konnte ihr Studium der Philosophie ein Jahr zuvor in Innsbruck und Graz beginnen. Trotz aller Unterschiede lernten die beiden sich kennen und verbrachten gemeinsam 6 Wochen in Wien. Wochen, die sowohl für Ingeborg Bachmann als auch für Paul Celan und deren künstlerischen Werke von Bedeutung werden sollten.

Zu Anfang kehrt Böttiger in die Vergangenheit der beiden zurück, zeichnet die Unterschiede der Herkunft, die Privilegen der Einen und die Entbehrungen des Anderen deutlich auf, um diese dann in die lyrische Analyse einfließen zu lassen. Die ersten Kapitel im Buch legen die Herangehensweise des Autors an Schriftsteller und ihr Werk offen und zeigen schon gleich zu Anfang, dass es sich lohnt, dieses Werk zu lesen. Im gesamten Buch wechseln sich Passagen über Celan und Bachmann ab. Ohne in einen Duktus reiner Datenaufzählungen zu verfallen, bindet er stets die Zeitumstände, die Vergangenheiten, die gegenwärtigen Situationen und Zukunftsvorstellungen in die Lebensdaten und das lyrische Werk ein.

Deutlich arbeitet Böttiger die Unterschiede der Herkunft heraus und widmet sich, mehr als der Leser es aus Biographien gewohnt ist, ebenso einer dichterischen Analyse. Was meist als unwissenschaftlich gilt, meistert Böttiger klug indem er keine Deutungshoheit aufstellt. Durch intertextuelle Bezüge lässt er genügend Raum zwischen Fakten und Interpretation offen. Zudem nimmt er immer wieder seinen roten Faden auf, der sich schon in der Auswahl seines Werktitels andeutet. Denn „Wir sagen uns Dunkles“ wird von ihm als Leitmotiv der Schriftstellerkonstellationen überzeugend ausgearbeitet und im ganzen Buch immer wieder aufgegriffen.

Doch wie bekannt, ist es nicht nur die bekannteste Liebesgeschichte der deutschen Nachkriegszeit, sondern eben auch die tragischste Liebesgeschichte. Der Kontakt der beiden Lyriker reißt immer wieder ab, bis es zu einem endgültigen Bruch kommen wird. Auch hier schafft es Böttiger die gegenwärtigen Situationen der Beiden und die Lage derer Umgebung in einem großen Zusammenhang zu bringen, ohne zu viel zu interpretieren. Er arbeitet eng mit den Schriftstücken des gemeinsamen Briefwechsels zwischen Bachmann und Celan „Herzzeit“ zusammen und bringt somit dem Leser die Bezüge zum  lyrischen Werk näher, in dem er aus allen Dokumenten Zusammentreffen und letztendlich den Bruch aufschlüsselt und deren Bedeutung jeweils in anschließenden Kapitelanalysen herausstellt.

Auch wenn die Biographie der Schriftsteller bekannt ist, soll hier nicht zu viel vom Inhalt erzählt werden. Es bleibt also zu sagen, dass es sich hier um ein durchaus gelungenes Werk handelt, welches sowohl von Kenner als auch von Neulingen des Œuvre Bachmanns und Celans zur Hand genommen werden kann. Natürlich ist Böttiger nicht umsonst als Experte der Gruppe 47 bekannt. Auch in diesem Werk hinterlässt seine Expertise seine Spuren und so bekommt der Leser nicht nur einen neuen Überblick über die Schriftsteller und obendrauf noch eine Zusammenführung von Werk und Lyrik, sondern eben auch eine Einbindung in den Literaturbetrieb der frisch geborenen Bundesrepublik. Trotz all der Informationen schafft Böttiger es, seine Doppelbiographie nicht mit Fakten zu überfüllen. Er legt eine sachliche und textnahe Biographie vor, die aufzeigt, was Lyrik auch und gerade in der Nachkriegszeit war und schaffen konnte. Spätestens nach dieser Lektüre wird der Leser zu dem lyrischen Werk Bachmanns und Celans greifen und den Briefwechsel der Beiden mit genügend Informationen und oder durch einen neuen Blick betrachten.


Ich danke der Verlagsgruppe Random House für das Rezensionsexemplar

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