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Gesellschaftsfragen treffen auf Dorfgemeinschaft – Juli Zehs Unterleuten

Ein Dorf zwanzig Jahre nach der Wende. Nicht unweit von Berlin und doch weit genug entfernt, um einen anderen Schlag Mensch anzutreffen. Das auf jeden Fall scheint die feste Überzeugung der zugezogenen Berliner zu sein, der Wessis, wie die Unterleutner sagen würden. Ein Dorf in Brandenburg, Ostdeutsche, die hängen geblieben sind, Menschen, die unweigerlich miteinander verbunden sind. Durch Gefälligkeiten, Liebschaften, durch alte Feindschaften und Kriege – in einem Roman Juli Zehs – ebenso durch einen ungeklärten Mord, der vor zwanzig Jahren geschehen sein soll. Die große Dorfidylle, das wünschen sich die Zugezogenen, so zumindest der ehemalige Professor, der die Grünen in Berlin mitgegründet hatte und nun vor Langeweile und Missachtung flieht. Zusammen mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau und dem Neugeborenen, an das sie sich klammert, wie an einem Strohhalm. Der Ort um Geschäftsideen wahrwerden zu lassen, das denkt sich die zielstrebige Pferdenärrin, die . Sie klammert sich an diese Idee, ebenso wie die Frau des Umweltschützers an das Kind. Das sind die Neuen.

Beherrscht wird das Dorf allerdings nur von einem: Gombrowski, Sohn der alten, zu DDR-Zeiten enteigneten Großgrundfamilie, Chef der LPG und nach der Wende erneut Landbesitzer, Firmenchef und Koordinator des Dorfes. Der Feind, ein (Alt-)Kommunist. Kron, mürrisch, brutal, vorlaut, Weltdurchschauer und genauso alt und stur wie Gombrowski. Neben diesen noch ein enttäuschter Bürgermeister, der es nie verwunden hat, dass seine tote Frau ihn und alle anderen im Dorf zu DDR-Zeiten bespitzelt hat. Eine alte Katzennärrin, diverse Trunkenbolde, ein verletzter Mechaniker und so jegliches weitere Klischee an Dorfbewohner, das man sich denken kann. Gezeichnet sind diese Figuren zu offensichtlich. Das Grau, das den ganzen Roman durchziehen soll, auch zu gemalt, um wirklich echt zu erscheinen. Die Fronten scheinen ebenso geklärt und doch ziehen sich die Konflikte mit einer Beharrlichkeit durch die Seiten, wie es nur ein Juli Zeh Roman schaffen kann. Da werden jahrzehntelange Fehden neu erzählt, alte Gewissheiten immer wieder aus neuer Perspektive verstanden und doch bleibt der Grundkonflikt immer der Gleiche. Die Menschen sind aneinandergebunden, ob sie wollen oder nicht. Das waren sie schon immer und das änderte auch keine Wende. Das ändern noch nicht einmal die Zugezogenen, auch wenn diese jederzeit wieder flüchten können.  Eines ist klar: Zeh schafft ein Gesellschaftspanorama, lässt alles in einem kleinen Dorf spielen, ohne dabei gesellschaftliche Themen außenvorzulassen. Ein Makrokosmos trifft auf einen Mikrokosmos. Da es nicht ganz sicher ist, ob seltsame Fremdlinge aus Berlin für eine Eskalation des Ganzen ausreichen, nimmt Zeh den schnellen Eskalationsweg: Sie bringt die aktuelle Politik mit ins Spiel. Kurz, die Energiewende kommt nach Unterleuten. Ein geplanter Windpark bringt nicht nur die Sicherung der Zukunft ins Dorf. Er versperrt auch nicht nur die idyllische Sicht auf die Natur. Nein, er bringt vor allem Probleme, Konflikte, neue Verbindungen und Deals mit sich und ganz nebenbei eignet er sich perfekt, um einen ganzen Roman entstehen zu lassen, in dem die verschiedenen Systeme und Menschen von einer allwissenden Erzählerin erläutert werden. Der Kapitalismus, der Kommunismus, die Generation Y können ebenso präzise in seinen oberflächlichen Betrachtungen dargelegt werden, wie der Egozentriker, der Faule, der Naivling, der Weltverbesserer und der Schlägertyp.

Weil immer noch nicht sicher ist, ob dies für eine Eskalation reicht, wird im letzten Drittel des Romans noch einmal richtig übertrieben. So weit, dass es absurd wird, dass das gezeichnete Bild, auch in seiner bewussten Zeichnung, nur noch grotesk wirkt und nicht mehr zum nachdenken anregen kann. Einmal mehr scheint es so, als wollte oder könnte sich die Autorin nicht entscheiden, welche Art von Roman sie schreiben möchte. Zwischen Gesellschaftskritik, Thriller und Unterhaltungsliteratur kann alles dabei gewesen sein und doch kommt man nicht umhin zu sagen, dass Juli Zeh es trotz aller Widersprüche schafft, einen flüssigen Roman zu erschaffen, den man doch nicht zur Seite legen kann. Spannung erzeugt sie nicht, gesellschaftliche Themen werden auch unter der Fülle an Figuren unwichtig, die Zeichnung der Figuren wiederrum regen nicht an, dem Text eine gewisse Tiefe nachsagen zu können und doch lebt der Roman vor sich hin. Gleichgültig, unaufregend und doch mit einem Hauch Ehrlichkeit, der auch nach zuklappen des Buches noch an die Bewohner von Unterleuten denken lässt.

Juli Zeh wollte ein Bild von Deutschland aufzeigen, wollte die Stimmung einfangen und Töne erklingen lassen. Überzeugt davon, dies geschafft zu haben, sagte sie mehrmals in Interviews, dass sie mit Bedauern nur ein trostloses Bild schaffen konnte. Doch dies schaffte sie nicht. Dieses trostlose Bild, das sie schaffen wollte, von einem Deutschland, von den Bürgern in diesem Land, von den Ostdeutschen und von den doch so anders denkenden Westdeutschen, all das ist nur ein oberflächliches Bild, das in den vielen Politshows eingefangen wird, in denen sie sitzt. Die Menschen holt sie nicht ab, der Blick auf den Ostdeutschen ist ein Blick von oben und so bleibt auch das ganze Buch nur ein Blick von oben, ohne den Versuch unternommen zu haben, den Menschen dahinter zu sehen. Fakten, Konflikte und gesellschaftliche Umbrüche wurden erklärt, doch auch dieser Roman schaffte es nicht, ein Lebensgefühl, eine ganze Ära aus Menschen zu greifen. Er griff daneben, indem er Menschen skizzierte. Dabei wird es fast nebensächlich, wie der Mensch dahinter aussehen könnte. In den Mittelpunkt rückt nach der Lektüre eher der Gedanke, weshalb die Menschen fast karikaturhaft dargestellt werden, weshalb alles bewusst kühl und trostlos erscheinen muss und eine Ehrlichkeit nicht zu greifen ist. Vielleicht ist die Antwort in der Realität so einfach, wie die im Buch. Die Autorin ist und bleibt eine Zugezogene.


Luchterhand 2017, 640 Seiten, 24,99€



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Ich danke Randomhouse für das Rezensionsexemplar

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