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Dörte Hansen – Mittagsstunde – oder: was einmal funktioniert, funktioniert auch ein weiteres Mal

Alter Wein in neuen Schläuchen oder ein neues literarisches Ausrufezeichen?
Die Heimkehr des Ingwer Feddersens in sein Heimatdorf ist nicht nur die nostalgische Heimaterzählung einer vermeintlich guten alten Zeit, sondern die Entwicklung eines Zeitpanoramas über Rückblicke, Anekdoten und Gegenwartsbetrachtung. Immer der umgebenden, fordernden Natur angepasst, kurz in den Sätzen, ohne unnütze Abschweifung, erzählt Hansen den Einbruch der Moderne in das friesische Dorf Brinkebüll und erschafft damit ein literarisches Ausrufezeichen.

Als 2015 Dörte Hansens Erstling „Altes Land“ erschien, traf er einen Lebensnerv: die Hinwendung zum Land, die Suche nach Sicherheit in unsicheren Zeiten, die Problematik von Flucht und Vertreibung (und wie man mit den Neubürgern denn umgehen sollte), aber auch der Zerfall der Familien und die Zumutungen des modernen Arbeitslebens. Die Kritiker waren begeistert, der Roman führte über Wochen alle Bestsellerlisten an. Für ein Debut ein ungeheurer Erfolg, der aber nicht nur auf der Geschicklichkeit basierte, mit der Hansen schwierigste Themen in kurzen, fast schon lakonischen Sätzen dem Leser nahebrachte. Tatsächlich traf man hier auch große Literatur an, großartige Montagen aus Rückblenden und Gegenwartsbetrachtungen, die damit den zeitlichen Zusammenhang von Vergangenheit und Zukunft deutlich machten. Ohne Frage schrieb sich hier eine große Autorin etwas von der Seele, was sie selbst betraf, auch wenn eine autobiographische Deutung mehr als unangemessen wäre für die Weite, die dieser erste Roman behandelte. Schon damals auffällig war die metaphernreiche Sprache, die Schilderung der Landschaft als integralen Bestandteil der Charakterzeichnung, der Zusammenhang von Mensch und Natur. Dass vielleicht nicht jeder narrative Strang ausgereizt war, konnte man aufgrund des Gesamtbildes leicht verschmerzen. Hier ging es nicht um sinnlose Nostalgie, sondern es wurde ein Zeitpanorama entworfen, indem das Landleben als Teil von etwas Großem fungierte.

Was geschieht aber nun in Hansens neuem Roman Mittagsstunde? Nun, im Wesentlichen dasselbe. Was aber überhaupt kein Urteil über die Qualität des Romans ist.

Ein Roman wie eine Landschaft

Natürlich, es gibt auf der Ebene der Erzählung einige Änderungen. Die Geschichte spielt nicht mehr im Alten Land, also jener Landschaft südlich von Hamburg, sondern diesmal in Nordfriesland, genauer im fiktiven Ort Brinkebüll. Ein Dorf am sprichwörtlichen Ende der Welt. Hier scheinen bis vor wenigen Jahrzehnten noch Strukturen vorgeherrscht zu haben, die sich seit der Seßhaftwerdung des Menschen nicht wesentlich verändert haben. Man kämpft gegen die Natur an, versucht dem kargen Boden ein wenig Ertrag abzutrotzen, hält allerlei Tiere, vor allem um sein eigenes Auskommen zu sichern. Es gibt stolze Bauern, eine Dorfschule, eine einzige, zentrale Kneipe, man heiratet im Dorf oder zumindest jemanden aus den umliegenden Gemeinden, kurz: wird hier getauft, konfirmiert, heiratet, bekommt Kinder und stirbt irgendwann. Eine ewige Wiederkehr des Gleichen in neuen Gesichtern. Gleichzeitig ist man wenig religiös, selbst der Dorfpfarrer hält die friesischen Dickschädel, die bekanntlich schon den Hl. Bonifatius erschlugen, für Wesen, an denen der Glaube einfach abperlt, wie Regen an einem dichten Fell. Dazu die Natur, die den Einwohner immer wieder fordert, einen, wie Hansen schreibt, abschleift und formt, wie einst die Eiszeit diese einzigartige Landschaft: „Keine Schönheit weit und breit. Nur nacktes Land, es sah verwüstet und geschunden aus. Ein Land, das man mit einer frommen Lüge trösten wollte, die Hand auf diese Erde legen: Wird schon wieder. Wird alles wieder gut.“ Immer wieder bleibt der Himmel zentnerschwer, er lastet auf den Menschen, beugt sie, prägt sie. Weshalb viele Worte verlieren? Man steht auf, kämpft, legt sich wieder hin. Die sprichwörtliche Wortkargheit der Friesen, sie entspricht auch der Kargheit des Bodens.

Hansen nimmt immer wieder diese Verbindungen auf, kurze und kürzeste Sätze, wenn das Dorf und seine Bewohner beschrieben werden. Die Landschaft zwar etwas ausladender, aber gleichzeitig hauptsächlich in der Farbe grau, nur hier und da Farbtupfer, das satte Grün der Wiesen oder die blühenden Büsche. Sprache wirkt hier nicht wie ein Mittel der Beschreibung, sondern unterwirft sich selbst der Natur, spricht den gleichen Rhythmus.

Ebenso sind die Charaktere entworfen. Hansen verwendet nicht viele Worte auf die Umschreibung der zahlreichen Figuren, die das Dorf bevölkern und dennoch wirken sie lebensechter, als manch ausgeklügelte Romanfigur eines hochgelobten Schriftstellers. So – vermeintlich! – einfach wie die Menschen selbst, so auch ihre Beschreibung. Hier der Bauer, der seit Jahrhunderten das Geschäft seiner Familie weiterführt, dort der Bäcker, der eigentlich lieber Konditor wäre, aber sich den Zwangsläufigkeiten des Dorfes anpasste, auch wenn das bedeutet, dass niemand seine verzierten Torten kauft, die er dennoch bäckt. Da der liebenswerte Dorftrunkenbold und die Inhaberin des einzigen Ladens des Dorfes, neben ihr der Dorflehrer, die einzige „intellektuelle“ Person neben dem Pfarrer und schon deshalb der Gemeinschaft verdächtig. Bücher sind Verschwendung, abstraktes Wissen, das nichts erklärt und vor allem am frühen Morgen nicht die Kühe melkt. Rustikale Pädagogik, inklusive körperlicher Übergriffe, aber nichts aus Sadismus, sondern um den dickköpfigen Bauernsöhnen wenigstens Lesen und Schreiben beizubringen. Auch hier immer mal einer oder eine, die es schaffen könnte aus dem Dorf zu entkommen. Eine höhere Schule zu besuchen oder gar eine Universität, aber auch dies immer gegen den Widerstand der Eltern, die davon ausgehen, dass ihre Kinder den Hof oder das Gewerbe weiterführen. Das hingeworfene Hä! wenn es zu den Studierern geht, ist mehr als eine hingeworfene Äußerung des Missfallens.

Einer von jenen, der es schaffte ist der Hauptprotagonist Ingwer Feddersen. Er, mittlerweile promovierter Alt- und Frühhistoriker, Archäologe, arbeitet an der Universität in Kiel und ist nach allen Maßstäben der Gegenwart ein erfolgreicher Mensch. Setzte sich im akademischen Umfeld durch, machte eine bescheidene Karriere, ist aber dennoch in einer gewissen Form unglücklich. Das liegt nicht nur daran, dass er seit zwanzig Jahren in einer seltsamen Dreierkonstellation einer WG lebt (und liebt), die mehr an eine absonderliche Form von Familie erinnert als an eine Zweckgemeinschaft. Ebenso ist Ingwer niemals wirklich „weggekommen“, er hält sich immer noch in der Brinkebüller Umlaufbahn auf, nur eine Stunde entfernt, auch wenn er nur noch selten wirklich zuhause ist. Viel schlimmer nagen an ihm seine Selbstzweifel. Ein Kind aus der friesischen Pampa, darf es überhaupt so weit kommen? Gibt es einen Anspruch auf diesen Lebensweg, dem alle Selbstverständlichkeit fehlt, weil es immer ein Kampf ist, immer wieder ein Erzwingen von Anerkennung? Wie der Bauer dem Land seine Früchte abpresst, so verhält sich auch Ingwer Feddersen innerhalb seiner Universität: kämpfend, schweigsam, das Notwendige tun, ohne sich zu beklagen, kein falsches oder unnötiges Wort verlieren. Und so steht er auch mit seinen 50 Jahren mit Flensburger Pils und selbstgedrehter Zigarette bei den großen Feiern seiner WG herum, während sein Mitbewohner als wiedergeborener Sternekoch großartige Kochinszenierungen inklusive teuren Weinen zelebriert, auch wenn ihm dazu jedes Talent fehlt.

Hier wird die Sprache des Romans blumiger, kommen die seltenen Nebensätze vor. Hansen passt sich auch sprachlich den Milieus an, die sich beschreibt, so wird – für die Verhältnisse dieses Romans – fast ausschweifend von der Innenarchitektur der Kieler Wohnung erzählt, von den Stuckdecken und dem Interieur. Welch‘ Unterschied zu der fast schweigsamen Beschreibung der Brinkenbüller Kneipe, die Ingwers Großvater, Sönke Feddersen gehört.

Die Geschichte in der Geschichte – der Einbruch der Moderne

Jener Sönke, geboren und aufgewachsen in Brinkebüll, nur für die Zeit des Zweiten Weltkrieges fern von der Heimat, danach noch einige Jahre in einem sowjetischen Kriegsgefangenlager, verkörpert das alte Brinkenbüll. Das Brinkebüll vor der modernen Dorfstraße, die schon in ihren ersten Tagen ein Opfer fordert. Aber es sind vor allem die Jahre nach 1945, die den Charakter des Dorfes unwiderruflich zu Grabe tragen.  Hier kündigt sich schon der erste radikale Wandel an, der sich in den nachfolgenden Friedensjahren fortsetzt. Die Dorfgemeinschaft wird zerrissen, Kinder werden nur wenige Monate nach der Rückkehr der Männer geboren und obwohl jeder weiß, dass dies rechnerisch nicht aufgeht, wird geschwiegen. Überhaupt das Schweigen; auch wenn jeder alles über den anderen weiß, gibt es im Grunde keine soziale Korrektur innerhalb dieses Systems. Man weiß, wer seine Frau und Kinder schlägt, wer sein Vieh schlecht behandelt (oder noch schlimmer), wer Alkoholiker ist, aber stets „Geht einen das nichts an“. Die Fassade des heilen Familienlebens muss unbedingt hochgehalten werden, auch wenn offensichtlich ist, dass dem nicht so ist.

Das Absonderliche und Unnormale, es hat im Grunde keinen Platz im Dorf, aber es wird akzeptiert, wenn es auftritt. So auch Sönke und Ellas Tochter Marret. Es bleibt offen, ob dieses Kind eine tatsächliche geistige Behinderung hat oder nur anders denkt. Es bleibt bei den Hinweisen, dass sie mit „den Dingen in Verbindung steht“. Aber auch sie wird wie selbstverständlich in die Arbeit in der familiären Kneipe eingeführt. Auch sie muss ihren Teil beitragen. Im Jahre 1966/67 wird die Moderne mit aller Brutalität in das Dorf eingeführt. Es sind nicht die beginnenden Studentenproteste oder der Schrei nach Befreiung der Frau, sondern es ist die Flurbereinigung. Alte Parzellen, die seit Jahrhunderten einer Familie gehören, werden mit anderen zusammengelegt, so dass moderne Großfelder entstehen. Nicht jeder kommt dabei gut weg, nicht jeder kann Bauer bleiben. Gleichzeitig wird auch eine neue Straße gebaut, die alten Kastanien müssen weichen, sie fallen symbolisch unter einer gewissen Anteilnahme des Dorfes, aber ohne große Wehmut. Die verantwortlichen Landvermesser, die das Dorf aufsuchen, sie sind wie Botschafter einer fremden Welt, mit Argusaugen beobachtet, aber nicht unfreundlich behandelt. Dennoch sind sie verantwortlich, dass Marret Feddersen hinterher schwanger ist. Es bleibt auch hier offen, wie freiwillig der Kontakt geschah, aber auch hier dient die Schwangerschaft nur als Symbol für die Umwälzung, die dem Dorf bevorsteht. Ergebnis dieser Verbindung ist Ingwer Feddersen, halb noch in der Tradition Brinkenbülls stehend und halb schon dieser neuen Gegenwart gehörend.

Aber er kommt zurück, pflegt seine Großeltern, die dies nicht mehr alleine können und es entsteht eine wunderschöne Parabel über Freiheit und die Selbstbestimmung des Menschen, über sein eigenes Können, über Stolz und Vorurteil. Es wäre verkehrt, dieses Buch nur in Hinsicht auf seinen vermeintlichen Heimatbegriff zu lesen. Vielmehr werden die gesellschaftlichen Risse, die seit 50 Jahren mehr und mehr sichtbar werden, wie in einer experimentellen Studie sichtbar gemacht, aber auch all jene Verlogenheit, die schon vorher herrschte. Der Kitt, der auch in den 50er und 60er Jahren das fragile Gemeinschaftsleben zusammenhielt, er wird hier drastisch abgekratzt. Nichts war früher besser, es war nicht einmal gut. Die Menschen waren immer gleich verlogen, immer gleich aufgeteilt in gute und schlechte Personen. Es gibt keine „goldene Vergangenheit“ an die man anknüpfen müsste und deshalb ist nicht alles automatisch besser, wenn es neu ist. Es bleibt eine Ambivalenz zurück, die schon immer bestand, weil der Mensch selbst ein ambivalentes Wesen bleibt.

Und dennoch sind die Veränderungen, die unter dem Stichwort Flurbereinigung vorgenommen wurden, ein größerer Einschnitt als all jene Kriege oder Katastrophen der Vergangenheit. Zum ersten Mal glaubt sich der friesische Bauer den Gewalten der Natur überlegen, er ist nicht mehr ihr willenloses Objekt, sondern kann sich aufschwingen zum Herrn der Natur. Sinnbildlich dafür ist das Rehkitz, das von den mächtigen Mähmaschinen in Teile gerissen wird. Aber am Ende bleibt er dennoch das kleine, schwache Wesen, das auf Hilfe angewiesen ist. Aber man darf das nicht falsch verstehen. Der Roman ist kein Aufruf zur Umkehr oder zur Erneuerung eines vermeintlichen „ökologischen Bewusstseins“, sondern er erzählt eine Parabel. Der Mensch, das Dorf, die Natur, sie sind aufeinander bezogen und dennoch nicht eins. Es ist keine romantische Verklärung der Einheit von Mensch und Natur, sondern die Erzählung eines Kampfes gegen Widerstände, die einen erschöpfen und auslaugen, die einen zerstören, wenn man sich nicht den Notwendigkeiten ergibt, wenn man nicht einsieht, dass auch Kämpfe irgendwann ihr Ende haben müssen.

In vielen Teilen erinnert Hansens Roman an den Vorgänger. Der Zusammenbau aus Rückblenden und Gegenwartsbeschreibungen, die schwierigen Familienverhältnisse, die Entfremdung vom Land und von den Menschen. Aber dies ist kein Nachteil. Im Gegenteil entsteht wieder eine Diagnose der Gegenwart, basierend auf den Fehlern der Vergangenheit. Gibt es in diesem Sinne ein Happy-End? Es bleibt dem Leser überlassen, ob er den Ausgang des Romans als glücklich deutet oder nicht. Aber der angesammelte, unausgesprochene Schmerz, all die Verletzungen und Brüche, sie scheinen schwer zu wiegen. Schwer wie ein zentnerschwerer, grauer Himmel.

Ein großartiger Roman zur richtigen Zeit, eine Zeitpanorama sondergleichen und deshalb eine absolute Empfehlung.



Mittagstunde – Dörte Hansen
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Penguin Verlag 2018, 320 Seiten, 22,00€



Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.

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