Susanne Mierau: Geborgen wachsen. Wie Kinder glücklich groß werden – Das Werk zum Blog Geborgen Wachsen

„Bindungsorientierte Elternschaft bedeutet nicht, jeden Trend von ‚Stoffwindeln‘ über ‚Breifrei‘ bis ‚Kinderwagenverzicht‘ mitmachen zu müssen. Es bedeutet auch nicht, sich selbst aufzugeben und die Bedürfnisse des Kindes immer in den Vordergrund zu stellen. Bindungsorientierte Elternschaft bedeutet vor allem, das Kind wahrzunehmen, auf seine Signale richtig und angemessen zu reagieren.“

Ein Jahr nachdem beim Kösel-Verlag das Buch „artgerecht. Das andere Babybuch.“ von Nicola Schmidt erschien, brachte Susanne Mierau 2016 das Buch zu ihrem Blog heraus. „Geborgen wachsen: Wie Kinder glücklich groß werden.“ erscheint auf dem ersten Blick nur als eine kürzere Variante von Nicola Schmidts Buch zu sein. Doch das würde sowohl dem Buch, als auch der Autorin sowie der Leserschaft des Blogs nicht gerecht werden.

Susanne Mierau betreibt seit 2012 einen Blog, vielmehr ein Online Magazin, in dem sie sich mit Fragen der sicheren Bindung, der bedürfnisorientierten Elternschaft und dem Attachment Parenting beschäftigt. Auf der Website findet man folgende Beschreibung zu Attachment Parenting:

„Das amerikanische Ehepaar Martha und William Sears haben den Begriff ‚Attachment Parenting‘ geprägt für die besondere Form, wie sie Elternschaft gelebt haben/leben und empfehlen: Es gibt neben der Theorie um Bindung bestimmte Werkzeuge, die das Herstellen einer sicheren Bindung ermöglichen sollen. ‚Baby B´s‘ werden diese Hilfsmittel genannt und umfassen laut Sears: Birth Bonding, Breastfeeding, baby wearing, Bedding close to baby, Belief in the language value of your baby´s cry, Beware of baby Trainers, Balance and Boundaries.”

Doch geht Mierau grundlegend davon aus, dass diese Werkzeuge hilfreich sind, eine Bindung aber auch abseits davon entstehen kann. Wie diese Bindung ohne dogmatische Vorgaben bestimmter Erziehungsmethoden entstehen kann, fasst Susanne Mierau prägnant und einfühlsam in ihrem Debütbuch „Geborgen wachsen. Wie Kinder glücklich groß werden.“ zusammen.

„Ist ein Kind im Tragetuch, muss es nicht unbedingt geborgen sein, auch nicht, wenn es mit Eltern und Geschwistern im Familienbett schläft. Und nur weil man sein Kind im Geburtshaus zur Welt bringt, hat man es nicht am geborgensten Ort der Welt geboren. Geborgenheit ist etwas, das wir mit unseren ganz eigenen Zutaten selbst herstellen. Es ist ein Familienrezept, das in jeder Familie ein wenig anders aussehen kann. Jeder bedient sich anderer Zutaten, damit das entsteht, was die Familie glücklich macht.“

Wie Bindung überhaupt entsteht, wie geborgen gebären möglich ist und wie die Signale des Kindes in der Familie wieder mehr in den Fokus unserer Betrachtung geraten können, sind nur einige wenige Punkte, die Mierau behandelt. Dabei bleiben die Erklärungen immer kurz und bündig und stellen vielmehr eine Zusammenfassung des seit Jahren gedachten und auf dem Blog, bei Vorträgen und Tagungen gesagten dar. Doch bei aller Kürze und manchmal auch Redundanz bleibt der Standpunkt, den sie vertritt, immer klar, er wird niemals schwammig, rechtfertigend oder ausweichend:

Eltern und Umgebung können sich an bedürfnisorientierten Elternschaft und ihren Werkzeugen orientieren, aber Bindung und Erziehung soll keiner Methode folgen. Es ist die Sicht und die Haltung gegenüber dem Kind, welche als bindungsorientiert bezeichnet werden kann.

Wer einen Ratgeber sucht, welcher Handlungsanweisungen vorgibt, liegt bei diesem Buch falsch. Es werden Themen wie gemeinsames schlafen im Familienbett, stillen nach Bedarf und das tragen im Tragetuch beleuchtet, aber dieses Buch soll Eltern, das Umfeld und Interessierte darauf aufmerksam machen, dass es nicht die konkreten Handlungen und Methoden sind, die unsere Kinder prägen. Unsere Einstellungen zum Menschen, zur Familie und zum Kind, abseits von einer funktionierenden und unter Druck geratenen Gesellschaft, prägen das Kind und lassen eine sichere Bindung zu.

Gibt auch Nicola Schmidt einen vertieften Blick hinter dieser Grundhaltung, so stehen doch die Handlungen und deren wissenschaftlichen Grundlagen im Fokus, um Eltern zu helfen, die bedürfnisorientiertes stillen, schlafen und Co. praktizieren wollen. Susanne Mierau stellt noch einmal zusammenfassend dar, dass eine sichere Bindung sich primär auf das Kind und die Bindungsperson bezieht, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Somit ist Mieraus Buch nicht redundant gegenüber Schmidts „artgerecht.“, sondern eine weitere wichtige Stütze für Eltern, die einen neuen Weg gehen und auf diesen bleiben wollen, zumal kurz gehalten und Beginn einer Auseinandersetzung mit dem Thema.

Geht Schmidt noch selbstverständlicher mit dem „artgerecht-Weg“ um, so nimmt Susanne Mierau die Sorgen und Ängste junger Eltern vermehrt in den Fokus und betont immer wieder die Diskrepanz zwischen der älteren Generation und deren gewohnten Weg abseits der bedürfnisorientierten Elternschaft und den neuen Erkenntnissen der jüngeren Generation, die zurück zu dem natürlichen Weg finden (wollen). Sie bleibt dabei stets sachlich und gibt einen sanften Weg vor, der auch das skeptische Umfeld mit in den Prozess einschließt, anstatt es auszuschließen. So geht es demnach nicht bloß darum, mit viel Energie und Kraft seine Handlungsweisen bei den Großeltern und Co. durchzusetzen, sondern die Hilfe dieser anzunehmen, auch wenn diese das Kind nicht tragen können und wollen.

Dieser entscheidende Ansatz kommt auch im „artgerecht“-Werk immer wieder zum Vorschein: Es braucht eine Gemeinschaft, um unsere Kinder großzuziehen. Dass Mierau diesen Schwerpunkt in ihrem später erschienenen Buch „Rundum geborgen: … weil es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen.“ aufnimmt ist nicht nur folgerichtig, sondern auch eine wichtige Hilfe für das Umfeld und somit ein weiterer Schritt in eine ganzheitliche Erziehung, die alle mit einbezieht.

„Geborgen wachsen: Wie Kinder glücklich groß werden“ bleibt somit ein hilfreicher Leitfaden, wenn Eltern den Weg der bindungsorientierten Elternschaft gehen wollen, ihn in kurzer und prägnanter Form kennenlernen und Interessierten eine gute Übersicht geben wollen. Es ist aber weder ein Ratgeber, noch ein Werk, das Regeln aufstellt und mit dem mahnenden Zeigefinger auf Einhaltung der Werkzeuge pocht. Dadurch, dass betont wird, dass jede Familie ihren Weg finden muss, kann das Buch empfohlen werden, denn letztendlich bleibt jedem selbst überlassen, was er aus den Zeilen mitnehmen möchte und was nicht seinem Selbst entspricht. Am Ende bleibt ein Buch, dass darauf aufmerksam macht, mehr auf sich zu vertrauen. Es ist zusammen mit Schmidts „artgerecht“ der ideale Einstieg, wenn sich (werdende) Eltern für eine bedürfnisorientierte Erziehung interessieren und sich abseits der öffentlichen Debatte darüber, eine Meinung bilden wollen.


Ich danke dem Kösel-Verlag für das Rezensionsexemplar!


Kösel 2016, 166 Seiten, 16,99€



Geborgen wachsen
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