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Ines Geipel – Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass

1963 schrieb Hannah Arendt in ihren Denktagebüchern über das Schweigen. Was wird aus der Welt, wenn Wahrheit nicht gesagt wird, wenn sie verschleiert und verschwiegen wird? Sie wird zu einer Welt der Tabus, schlussfolgerte Arendt und auch Ines Geipel kommt in ihrem neuen Buch „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“ zu diesem Schluss. Das im Frühjahr im Klett-Cotta Verlag erschienene Werk stellt aber keine defätistische, gesamtgesellschaftliche Kritik des Ostens dar. Es versucht auch nicht die Erklärungen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten gesucht, erörtert und gefunden wurden, neu zu analysieren. Ines Geipel geht weiter, tiefer und bleibt stecken. Denn sie versucht einen Zugang zu etwas zu finden, das nicht auffindbar und nicht aussprechbar ist. Das Trauma des Ostens, das Trauma ganzer Generationen, das Trauma des Einzelnen, der Familien, kurz das Kollektivtrauma, das sie zu ihrem Bruder, zum Osten und schließlich zum Herzen des Landes führt.

Ines Geipel und der Inhalt des Buches sind faktisch schnell erzählt. Die 1960 in Dresden geborene Professorin lehrt an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ Verskunst und ist spätestens seit 1996 als Schriftstellerin bekannt. Als ehemalige DDR-Spitzensportlerin beschäftigte sie sich mit den Dopinggeschäften in der DDR. Als Literaturwissenschaftlerin und Philosophin befasste sie sich mit den unterdrückten weiblichen Literaten der DDR. Sie gründete das „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“ und schrieb Texte zu diesem Themenkomplex. Von Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere an, beschäftigte sie sich mit dem Leben in und nach der DDR und versuchte eine umfassende Verarbeitung verschiedenster Themen der DDR-Zeit.

Es verwundert somit kaum, dass sie sich jetzt intensiver mit den gesellschaftlichen Konflikten der letzten Jahre in den neuen Bundesländern beschäftigt. Ihr aktuelles Buch wird als gesellschaftliche Analyse angepriesen, das sich auf die Suche nach Fragen und Antworten der Radikalisierung macht. Anhand ihrer eigenen Familiengeschichte beschreibt Ines Geipel das große Schweigen in und nach der DDR. Sie geht dem Mythos DDR auf den Grund und bricht dabei nicht nur ein Tabu. Angefangen von den Großeltern, die ihre Vergangenheit verschweigen mussten, bricht sie radikal mit Buchenwald und nimmt dem Antifaschismus seine Legitimation. Eine Daseinsberechtigung, die die roten Machthaber auf dem Opferstatus politisch auskalkuliert hatten, um Menschen zu schaffen, die Jubel, Glück und Neuanfang gegen Leid, Schuld und Elend austauschen mussten. Ines Geipel durchläuft die politischen Prozesse der Jahre und versucht den Zivilisationsbruch des 2. Weltkrieges deutlich zu machen. Sie versucht sich an einer Darstellungen der Diktaturen, denen die Menschen im Osten nicht nur einmal, sondern gleich zweimal ausgesetzt waren. Sie erzählt über den Aufbau eines neuen Staates und das gleichzeitige Vergessen-Müssen der eigenen Familiengeschichte, der Erinnerungen. Sie erzählt vom Schweigen und Wegschieben, von Verdrängung und Verleugnung und schafft dabei einen einzigartigen, persönlichen wie umfassenden, Versuch eine Sprache zu finden, für einen Zustand, der nicht beschreibbar ist.

Dabei beginnt das Buch nicht mit politischen Themen. Es beginnt mit einem Trauerfall. Dem Verlust ihres jüngeren Bruders und ihrer Reise zurück in die Vergangenheit. Wie ein roter Faden zieht sich ihre persönliche Familiengeschichte durch das Werk und macht die Sätze auch deshalb so authentisch. Selbst vom repressiven System betroffen, als Tochter eines Stasi-Terroragenten und Enkelin eines Kriegsverbrechers, als Opfer von Gewalt in der Familie, als Dopingopfer und schließlich als Republikflüchtling, wäre es Ines Geipel ein leichtes gewesen, sich den Opferdarstellungen der Nach-Wende anzuschließen. Doch sie nimmt den steinigeren Weg und versucht in einen literarischen Heilungsprozess einzutauchen und zu sich, ihre Familie und die Geschichte des Landes zu verstehen. Sie möchte die Zeitumstände nicht von außen betrachten, sie möchte sie von innen beschreiben können. Dass dabei die Sprache bricht, Sätzen bersten müssen, Fragen vorangestellt werden ist nicht nur literarisch artifiziell. Es ist vielmehr das unabdingbare Suchen nach Worten, nach einer Sprache, die härtere und klarere Wörter braucht und diese nicht findet.

Weder das persönliche Trauma, noch ein Kollektivtrauma kann erklärbar sein. Das Ringen nach Worten, um die eigene Vergangenheit verstehen und aufarbeiten zu können, flüchtet immer wieder in eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der Thematik flüchtet und doch bleibt dieser Schritt des Weges verständlich.  Diese gleichzeitig wissenschaftliche Auseinandersetzung, die sich in den vielen eingeschobenen Kurzzitaten äußert, bringt dabei nicht nur eine kurze Atempause vom persönlichen Dilemma, sondern legitimiert das Buch auch auf fachlicher Ebene. Eine psychoanalytische Auseinandersetzung mit den Fragen der Trauer, mit den Verdrängungen, zieht sich durch das gesamte Werk, ohne einen einseitigen psychologischen Blick auf dieses komplexe Bild einer Zeit zu werfen. Die Verdrängungen der NS-Zeit, die Nachkriegszeit, die Schuldfrage, die niemals im Osten gestellt wurde, die eigene Familiengeschichte, das Bestrafungs-und Belohnungssystem der neuen Diktatur, die Sabotage, das Bild der modernen Ostfrau, der Antisemitismus im Osten, das Niederschlagen der Punktszene, das Dulden der Skinheads – all das Verdrängen der Vergangenheit, all die Lügen zogen sich mit der Zeit zusammen. Geäußert werden konnten sie nur im Stillen und Heimlichen, im vermeintlich sicheren Kokon der Familie. Es kam zu Ausbrüchen von Gewalt, zu weiteren Lügen, zu Hass, zu unterdrückter Wut, die bei den Familienmitgliedern ausbrach. Die Frauen schwiegen wieder. Die Töchter und Enkelin der Kriegszeit legten erneut eine Schweigehülle um sich und konnten die Gewalt der eigenen Männer nicht stoppen, nahmen diese Form der Bewältigung selbst an und kapitulierten vor der dem Nebel, der das eigene Leben war.

„Scham und Verrat, Lüge und Selbstschuld, Selbstgesteuertes und komplett Versiegeltes, Biografien und Familiengedächtnisse, in einem Intimschweigen, das durch 56 Jahre Diktaturerfahrung hindurch politisch gemacht wurde und über das der Osten nach 1989 genuin verfügte.“,

schrieb Ines Geisel auf den letzten Seiten ihres Buches. Die Wende kam, mit ihr eine neue Generation und neue Hoffnungen. Der Osten wird nun allmählich wieder verteidigt. Die Mauer soll wieder stehen. Eindringliche draußen gelassen werden. Früher war doch alles besser. Doch wurde das Schweigen jemals gebrochen? Gab es die Fragen nach Identität schon? Die Antworten kamen in den letzten Jahren. Antworten von Pegida und Co. – Doch können Antworten gefunden werden, wenn die Wahrheit verschwiegen bleibt, wenn nur ein äußerer Blick auf einen Zustand geworfen wird? Ines Geipel stellte sich diesen Fragen, sie bekam keine eindeutigen Antworten, das musste sie auch nicht. Aber sie blickten einen inneren Zustand an. Erst wenn hinter die Mauer geschaut wird, kann es Antworten geben. „Umkämpfte Zone“ ist ein Buch, das den ersten Schritt geht, das keine ganze Strecke und keine Lösungen vorgeben will und somit tiefer blicken lässt, als ein ganzer Stapel Sachbücher, Akten und politischer Schlagabtausche.


Ines Geipel, Umkämpfte Zone, Klett-Cotta 2019, 276 Seiten, 20€

Ich danke dem Klett-Cotta Verlag für das Rezensionsexemplar

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