Die absolute Liebe – Pauline Delabroy-Allards Debütroman „Es ist Sarah“

Wer sucht sie nicht? Die sog. große Liebe. Die Liebe, die alles verschluckt, die Welt unwirklich werden lässt, die einen gefangen nimmt, einen nicht mehr loslässt. Pauline Delabroy-Allard greift so eine Liebe auf und erlangt mit ihrem Debütroman Kultstatus in Frankreich. Mit „Es ist Sarah“ beschreibt sie das Absolute, den sehnlichen Wunsch des Aufgehens in etwas Anderem und trifft damit das Gefühl ganzer Generationen. Hier wird niemand mehr einzeln angesprochen, hier gibt es keine Trennung mehr in Alter, Geschlecht und Herkunft. Alles wird eins, alles wird gleich-gültig vor dem Bild der absoluten Liebe.

Die namenlose Erzählerin, eine farblos gezeichnete Lehrerin, Mutter und gerade verlassene Frau, trifft auf die stürmische Violinistin Sarah. In einer Silvesternacht begegnen sie sich das erste Mal. Es ist Sarah – laut extrovertiert, originell und temperamentvoll erweckt SIE das triste Dasein der Ich-Erzählerin. Hinter Monaten stürmischer Nähe, verschwinden alle Grenzen, der Alltag wird nebensächlich, selbst die Tochter dient nur noch als Statist in dem Schauspiel der Liebe. Im Takt des Rausches löst sich alles auf. Die Bekanntschaft der zwei Frauen wird zur Obsession. Aus zwei Personen wird eine. Sarah nimmt alles ein. Eine atemlose Verfolgung entsteht, die Sätze werden schneller, lösen sich auf bis zur Unerkenntlichkeit. Am Ende bleibt nur noch Sie, sie, sie. Ihr Name wird nicht mehr genannt. Jeder Satz dieser Komposition beginnt und endet mit ihr. Auf die Schnelligkeit der Leidenschaft im ersten Teil des Buches, folgt die Ruhe der Erschöpfung im zweiten Teil. Ausgelaugt, völlig leer gesogen, wird ein Versuch der Trennung unternommen. Dass leidenschaftliche Liebe zur krankhaften Obsession führen kann, musste schon Simon de Beauvoirs Alter Ego Françoise erfahren, als sie in „Sie kam und sie blieb“ krank vor Vereinnahmung durch einen anderen Menschen wurde. Dass sich die eigene Identität im Spiegelbild das Anderen auflösen kann, beschreibt auch Delphine de Vigan in ihrem autofiktionalen Roman „Nach einer wahren Geschichte“. Was nach dem Rausch folgt, wird bei Delabroy-Allard allerdings ins Unerträgliche gesteigert. Wenn auf Leidenschaft Schmerz folgt, kann auf das Absolute nur das Nichts folgen. Die Sätze, die im ersten Teil des Buches noch schnell und heftig im Takt schlagen, stolpern im zweiten Teil nur noch wirr vor sich hin, überschlagen sich bis zum völligen Wahnsinn und kommen aufgrund absoluter Erschöpfung zum Stillstand. Pauline Delabroy-Allard schafft ein Kultbuch, weil sie den Absolutheitscharakter der Zeit aufgreift. Die religiös anmutenden Motive aus Mythos, Erlösung und Endzeitgedanke sind nicht neu. Das Thema aber wieder hochaktuell. In „Es ist Sarah“ werden die Versuche der postmodernen Literatur wiederholt. Die Figuren und Sprache werden bedingungslos an ein Äußeres gebracht, bis am Ende ein Text übrig bleibt, der kaum nachvollzieh- und greifbar ist und sich somit jeglicher Kritik entzieht. Denn wer kann heute noch an der absoluten Liebe zweifeln?


Ich danke der Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar.


Pauline Delabroy-Allard

Aus dem Französischen von Sina de Malafosse

Es ist Sarah

179 Seiten, 22€

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