Erinnerungarbeit als Projekt – Christa Wolf: Nachdenken über Christa T.

„In dem Land, in dem sie ist, spricht man mit sanfter Stimme die Unwahrheit.“ In ihrem zweiten großen Roman, lässt Christa Wolf eine Ich-Erzählerin entstehen, die die Geschichte der 1963 verstorbenen Freundin Christa T. ein paar Jahre nach deren Tod aufzuschreiben versucht. Unsicher ob der moralischen Richtigkeit, nimmt sich die Erzählerin das Recht heraus, sich aus dem Sammelsurium aus persönlichen Aufzeichnungen und niedergeschriebenen Arbeiten der Toten, ein Versatzstück in eigener Interpretation zu konstruieren. Die eigenen Erinnerungen bleiben dabei Leerstellen und werden mit dem Wunsch der Ganzheit aufgefüllt, dem Versuch eine Person entstehen zu lassen, die greifbar ist.
Die zwei Freundinnen, die sich nach dem nationalsozialistischen Zusammenbruch aus den Augen verloren, sich aber in Leipzig beim Studium wiedertrafen, wurden Teil der Gesellschaft und zogen sich später ins Private, zu Haus, Mann und Kindern zurück. Im Rückblick verschmolzen sie bisweilen zu einer Person. Das Nach-denken über Christa T.  begreift sich als ein fließender Monolog, eine Introspektion, die sich mit der eigenen Selbstverwirklichung und Selbstentfremdungen beschäftigt, dem Selbstverständnis des hoffnungsvollen Menschens in der Enge des sozialistischen Systems. Was als utopische Reise beginnt, führt (zu) schnell in den grauen Alltag aus Unwahrheiten, Sprachlosigkeit und Schweigen, und endet für Christa. T. auf dem Sterbebett. Das Ende ist absehbar und doch fasst
Brigitte Reimann das Lesegefühl mit dem Satz: „Wie stark einen das alles angeht!“ passend zusammen.

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