Teilen oder Geteilt – Christa Wolf: Der geteilte Himmel

Der Roman „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf erschien 1963 und reflektiert in vielfältiger Hinsicht die Geschehnisse des Jahres 1961. Dass dies nicht nur der Mauerbau war, sondern auch der erste Flug eines Menschen in den Orbit, ist nicht nur eine Randnotiz, sondern eigentlicher Kernpunkt des Romans. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
Den fast naiven Glauben der Hauptprotagonistin Rita an den neuen, den sozialistischen Staat nachzuvollziehen ist heute nicht einfach. Sie aber wusste nichts von Mauer, Selbstschussanlagen und Minenfeldern. Nichts von Stasi und Geheimgefängnissen. Christa Wolfs Roman stellt die Fragen nach der Legitimität der Konsequenten des eingeschlagenen Weges und beantwortet sie. Aus der Lethargie des Dorflebens herausgerissen, von ebenso jungen, idealistischen Parteifunktionären entdeckt, kann Rita studieren und Lehrerin werden und sich gerade durch den Staat entwickeln. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
Natürlich nicht, ohne in der praktischen Arbeit tätig zu sein. Dort trifft sie die harte Realität des Mangelstaates, an dem sehr konkrete Kritik vorgebracht wird. Auch wenn der Westen beschuldigt wird, so ist es auch die Inkompetenz der Vorgesetzten und der Parteistellen, die den Wiederaufbau behindert. Der Roman leg schonungslos den Finger in die Wunde, auch später, wenn Rita ihre große Liebe Manfred kennenlernt. Die beiden, zwar grundverschieden, kommen zusammen, lernen sich lieben und finden zueinander in einem Zeitalter der Spaltung. Auch zusammen können sie die Gegenwart nicht überwinden. Von den Möglichkeiten des Westens angelockt, geht Manfred „nach drüben“. Auch Rita überlegt, diesen Schritt mitzugehen. Natürlich entscheidet sich der sozialistische Held für die richtige Seite, so war es gedacht und so war es vorgegeben. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
Aber Wolfs Buch berührt andere Ebenen: Gibt es neben dem platten, westlichen Materialismus auch noch ein anderes, besseres Leben. Muss die Reinheit der Idee nicht am Ende vor den basalen Trieben des Menschen siegen. Wir heute können sagen, dass dies nicht der Fall war. Aber wieviel Hoffnung in diesem, am Ende grausamen, Experiment steckte, das zeigt vielleicht kein Roman so gut, wie der „Geteilte Himmel“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s