Hartmut Rosa – Unverfügbarkeit

Hartmut Rosa, Soziologieprofessor in Jena, gehört ohne Zweifel zu den seltenen Exemplaren, die aus dem Elfenbeinturm ausbrechen und ein größeres Publikum ansprechen. Sind es die Themen, das gefällige Schreiben oder ist es am Ende doch die Fragestellung, die einen Nerv in der Gesellschaft zu treffen scheint?

Anhand seines neuesten Buches Unverfügbarkeit lohnt es sich, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Schnell wird klar: Die These, die Rosa in seinem Buch aufstellt, ist weder gefällig noch einfach zu verdauen. Das Thema seines Gesamtwerkes ist die Analyse unserer Gegenwart, genauer gesagt: Der Moderne. Für den normalen Leser und Menschen ist dies aber eigentlich nicht von Bedeutung, lebt man doch in seiner Zeit, wie alle Menschen vor uns und nach uns in ihrer Zeit lebten und leben werden. Weshalb dann also über das Wesen der Moderne Rechenschaft ablegen? Zumal, wenn sich Sätze wie die folgenden finden:

Die Furcht vor dem Verlust der Welt im Sinne ihres Verstummens, ihres Grau- und Farblos-Werdens, begleitet auf der kulturellen Ebene das Reichweitenvergrößerungsprogramm der Moderne von Anfang an; Weltverlust bezeichnet geradezu die elementare und konstitutive Grundangst der Moderne.

Es mag sein, dass der ein oder andere diese Grundangst schon einmal in sich spürte, aber handelt es sich dabei nicht gerade um ein Massenphänomen, in dem diese spezifische Grundangst alles Denken und Handeln der Gegenwart überlagert.

Würde man Rosa nur so begreifen, würde man ihn grundlegend missverstehen. Was sich in dem Großessay Unverfügbarkeit zeigt und schon in seinem monumentalen Hauptwerk Resonanz deutlich wurde, ist das, was Metaphysik eigentlich sein sollte. Es wird an die letzten Ursachen unseres alltäglichen Handelns herangeführt, um die Spaltungen und Tendenzen der Gegenwart einordnen und verstehen zu können. Auf 120 Seiten führt Rosa vor, was die grundlegenden Triebkräfte unserer Zeit sind und inwieweit die Welt als stetes Aggressionszentrum verstanden wird, das im Mittelpunkt einer Aneignung steht. Aneignung meint hierbei vor allem das Verfügbar-Machen dieser Welt, ihrer Ressourcen, ihrer Weiten, ihrer Natur. Da die Welt aber niemals ganz zu Verfügung stehen wird, schon aus Gründen der menschlichen Beschränktheit, wandelt sich der Wunsch nach Aneignung in Aggression gegen die Welt selbst, das schlechthin Unverfügbare. Hartmut Rosas Idee ist das Freigeben dieser Unverfügbarkeit, die Akzeptanz der Unmöglichkeit des Besitzes der Erde. Aber diese Einsicht wäre zum einen zu leicht und zum anderen unvollständig. Im Prozess des gewaltsamen Versuchs der Aneignung weicht die Welt immer weiter zurück, ihre letzten Möglichkeiten entziehen sich immer weiter der Handlungsvollmacht des Menschen. Grundlage für all diese Prozesse wiederum ist die Resonanzfähigkeit von Welt und Mensch, also – kurzgefasst – das Potential zur gegenseitigen Einwirkung und des Aufeinander-Angewiesen-Seins. Nur weil es diese Verschränkung von Welt und Mensch, oder: Subjekt und Objekt in den althergebrachten Termini gibt, kann sich ein „libidinöses Sehnen“ nach Besitz überhaupt ergeben.

Die Darlegung, die Beweisführung, die Rosa in seinem Werk aufzeigt, ist stringent, überzeugend und klar. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen schreibt Rosa auf eine Art und Weise, die es auch dem Laien ermöglicht, seine Gedankengänge vollständig nachzuvollziehen ohne sich populärwissenschaftlich anzubiedern. Seine Begriffe, sein Fachvokabular und mithin seine Werkzeuge, setzt Rosa durchaus ein, ohne für jeden vermeintlich schwierigeren Begriff eine lange Erklärung nachzuschieben. Sein Stil ermöglicht, auch auflockernde Zeilen wie diese einzufügen:

Je mehr wir es wollen, umso weniger lässt es sich erzwingen. Dennoch können wir etwas tun – zum Beispiel spazieren gehen oder regelmäßige Vorbereitungsroutinen entwicklen -, um sein Eintreten [Es geht hier um das Einschlafen, Anm. d. Verf.] zu erleichtern. Oder die Liebe. Hold the line, love isn’t always on time, singt die Band Toto treffend.”

Solche Passagen runden ein Essay ab, das in die zentralen Gedankengänge Rosas einführt. Hervorragend gelungen ist ebenfalls die Anbindung an sein Werk Resonanz, das immer wieder kurz erklärt und eingestreut wird. Die Kürze von Unverfügbarkeit nimmt nichts weg und erweitert nicht in ein uferloses Denken. Allein die schmale Aufstellung mit Verweisen auf andere Denker und Denkerinnen trübt ein wenig den ansonsten durchweg positiven Blick auf das Werk. Denn der Fachmann wird sich bei einigen Sätzen denken, dass man sie so oder so ähnlich schon mal gelesen hat. Bei Heidegger, Nietzsche, Adorno, Foucault, Sartre, Marx. Das heißt nicht, dass diese Namen nicht fallen, doch wird nicht immer hundertprozentig deutlich, wo die Wurzeln des einen oder anderen Gedankens liegen. Aber das ist, auch und gerade weil es ein Essay ist, zu verschmerzen.

Der Gesamteindruck macht deutlich, welche große Idee hier einem großem Publikum präsentiert wird. Wenn man Unverfügbarkeit in seiner ganzen Breite liest oder lesen kann, dann ist es sicherlich eines der „lebensverändernden“ Bücher. Es animiert zu einer grundlegenden Um- und Rückschau auf das eigene Leben, auf die Dinge, die für uns unverfügbar sind und sein müssen und ermöglicht damit schlussendlich auch eine andere Einstellung zur Welt. Damit ist weder Eskapismus, Meditation oder Esoterik gemeint, sondern ein In-sich-hören und dem Freigeben des Eigenen an die Welt.


Ich danke dem Residenz Verlag für das Rezensionsexemplar.

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