Guten Morgen, du Schöne – Maxie Wanders Kultbuch

„Vielleicht ist dieses Buch nur entstanden, weil ich zuhören wollte.“


Nimmt man Maxie Wanders Vorbemerkung zu ihrem Buch „Guten Morgen, du Schöne“ ernst, fällt es schwer, Worte für die 19 Geschichten von Frauen zu finden, die aus Tonbandaufzeichnungen entstanden und zu Monologen verschriftlich worden sind. Maxie Wander, gebürtige Österreicherin, lebte seit 1958 in der DDR und starb 1977 in dieser. Die Gesprächssammlung mit Frauen unterschiedlichen Alters und Herkunft erschien kurz vor ihrem Tod und erlang auch – in gekürzter, wenn auch autorisierter Version – Kultstatus in der BRD. Zu leicht könnte man das Werk einseitig oder als feministisches Werk betrachten und somit Einteilungen vornehmen, die nicht Anliegen des Buches waren. Maxie Wander griff vielmehr eine Leerstelle auf, die durch die gesamte Gesellschaft ging, allerdings durch die Gleichstellung in den Institutionen von den Frauen auf eine beachtliche Weise wahrgenommen wurde und die auch Christa Wolf in ihrem Vorwort passend zusammenfasste:

„Durch viele Anzeichen, nicht zuletzt in diesem Buch, kündigt sich nämlich bei uns ein Ungenügen vieler Frauen an: was sie erreicht haben und selbstverständlich nutzen, reicht ihnen nicht mehr aus. Nicht mehr, was sie haben, fragen sie zuerst, sondern: wer sie sind.“

In den Texten ist eine durchgehende Fremdheit sich und der Gesellschaft gegenüber zu spüren, die durch vorurteilsfreies Zuhören offen gelegt werden konnte, so dass eine Frau erzählte:

„Zweifeln, Forschen, Fragen, das sind alles Dinge, die uns abhanden gekommen sind.“

Die Frage nach dem richtigen und authentischen Leben, nach individuellen Handeln und Denken, werden schonungslos offengelegt, ohne dabei die Isolierung zu vergessen, in der diese auftauchen. Wenn man sich ergebnisoffen auf die Geschichten einlässt, wird der Wille nach persönlichen und individuellen Erfahrungen und Einordnung sichtbar, der sich nicht gegensätzlich der Männer sondern unabhängig von diesen entwickelt. Die Frage nach Selbstverwirklichung schwebt unaufhörlich über den Zeilen, weswegen Christa Wolf gleich zum Beginn ihres Vorwortes schreiben konnte:

„Dies ist ein Buch, dem jeder sich selbst hinzufügt. Beim Lesen schon beginnt die Selbstbefragung. In den Nächten danach entwerfen viele Leserinnen, da bin ich sicher (nicht so sicher bin ich mir bei den Lesern), insgeheim ihr Selbstprotokoll – inständige Monolog, die niemand je aufzeichnen wird. Ermutigt durch die Unerschrockenheit der andern, mögen viele Frauen wünschen, es wäre jemand bei ihnen, der zuhören wollte: wie Maxie Wander ihren Gesprächspartnerinnen […]“


Ich danke dem @suhrkampverlag für diesen Klassiker!

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