In Zeiten der Krise – Hartmut Rosas Standardwerk „Resonanz“

Über die Krise der Moderne ist viel geschrieben worden. Schaut man sich in seiner je eigenen Gegenwart und Bezugswelt um, dann scheint das Argument, dass momentan etwas „ins Rutschen“ gekommen ist, valider denn je. Von der weltweiten Unsicherheit und einer umfassenden Pandemie über wirtschaftliche Zusammenbrüche, die sich verschärfende Erderhitzung bis schließlich zu den kleinen und großen Katastrophen innerhalb der politischen und sozialen Beziehungen in jedem einzelnen Land. Gleichzeitig nehmen scheinbar langfristige Bindungssysteme ab, rückt der Konsum von Waren und Menschen immer weiter in den Vordergrund. Das alles aber wiederum in einem sich selbst beschleunigenden System, aus dem ein Ausstieg kaum möglich scheint.

Diese Kritiken sind nicht neu, sondern sie prägen das Zeitalter, das Moderne genannt wird. Seit ihrem Beginn oder zumindest ihrer Etablierung hat auch die meist verschämt genannte „Kulturkritik“, die eigentlich eine Kritik der Moderne ist, überall Einzug gehalten. Das „Unbehagen an der Moderne“, wie es Charles Taylor genannt hat, ist das konstitutiver Moment eben dieser Zeit, auch um sich die Ambivalenz immer wieder selbst vor Augen zu führen.

Hartmut Rosas Buch „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ greift viele dieser Aspekte auf und formt sie doch in vielfältiger Hinsicht in eine völlig kohärente Gesamtbetrachtung der Moderne selbst um.

Was ist Resonanz? Es ist das Beziehungssystem zwischen einem Subjekt und einer Objekt, meist als Ware, Idee, Gefühl oder Trieb betrachtet. Auf dieses Objekt ist das Sehnen und Trachten des Subjekts – des Menschen – ausgerichtet. Er begehrt dieses, will es erleben, fühlen, spüren, sehen. Dies ist einerseits der Antrieb für menschlichen Fortschritt: Sich die Dinge verfügbar zu machen, mit ihnen in Resonanz zu treten zu wollen. Es fördert Streben, Schaffen und Aneignung. Dieses Moment kippt aber in der Moderne selbst und vor allem in unserer Zeit – der Spätmoderne. Der potentiellen Verfügbarkeit von allem zu jedem Ort und zu jeder Zeit steht eine endliche Welt mit begrenzten Ressourcen gegenüber. Resonanzfähigkeit schlägt so um in eine entweder ungezügelte Erweiterung des gesellschaftlichen Kontrollbereichs, um sich die Dinge verfügbar zu machen oder in die Enttäuschung einer ausbleibenden Verbindung mit dem Objekt. Auf Basis dieser sehr grundlegenden Erklärung entwirft Rosa eine ganze Soziologie, eine, im besten Sinne des Wortes, Weltbetrachtung.

Das große Verdienst von Hartmut Rosa ist es, dass er die zugrundeliegenden Überlegungen nicht nur sprachlich ansprechend formuliert, sondern auch den Leser immer wieder in seine Gedanken mit einbezieht, sie sichtbar macht. Das ist nicht das typische trockene Akademikerdeutsch mit all seinen üblen Auswüchsen, sondern eine flott geschriebene und dabei dennoch unheimlich weitreichende Analyse unserer Gegenwart und gerade in Bezug auf andere Epigonen des populärwissenschaftlichen Faches, eben nicht gefällig geschrieben. Der Suhrkamp Verlag hat mit seiner Neuauflage kein Sachbuch vorgelegt, dass unterhalten will, sondern eine vollwertige akademische Theorie, mit all ihren Fehlern und Schwachstellen, die mit einem großen Sprachgefühl formuliert und präsentiert wird. Der Autor ist sich über seine Gedanken sicher und versucht sich nicht hinter schwierigen oder unleserlichen Absätzen zu verstecken – es soll etwas mitgeteilt werden. Das ist bestes akademisches Verhalten im klassischen Sinne. Eine Leseempfehlung für alle, die hinter die Kulissen unserer Zeit schauen wollen.

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