Michael Kraske – Der Riss. Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstörtEin Gastbeitrag:

Wie immer haben Hypes und Trends in der Verlagsbranche ihre Vor- und ihre Nachteile. Der Vorteil ist, dass ein bisher unbekanntes Thema viel stärker in den Vordergrund rückt, dass unbeleuchtete Dinge auf einmal ans Tageslicht gebracht werden. Der Nachteil ist, dass es meist nur um eine Wiederholung des Immergleichen geht.

Zu welcher Kategorie Der Riss vom Journalisten Michael Kraske gehört, muss am Ende natürlich wie immer der Leser entscheiden, wenngleich die Meinung des Rezensenten hierzu recht klar ist. Allein der Titel klingt schon vielversprechend an. Man wird nicht leugnen können, dass jenes, was Ostdeutschland in den letzten Jahren und Monaten so faszinierend gemacht hat – in aller positiver und negativer Wortbedeutung –, die Sichtbarkeit eines Risses ist, der durch die Gesellschaft geht. Im Osten ist er offensichtlich größer, breiter, tiefer, was ohne Frage auch an den Ereignissen der Jahre 1989 und 90 liegt. Die politischen Kommentatoren werden dabei nicht müde zu erklären, dass nur hier der Grund für den Aufstieg des Rechtspopulismus und Rechtsextremismus der AfD zu suchen sein kann. Ausgeblendet wird dabei ganz gerne, dass auch der Westen in nicht unerheblicher Zahl, vor allem in absoluten Zahlen, diese Partei offensichtlich als wählbar erachtet. Aber gleichwohl sei zugestanden, dass der prozentuale Anteil der Gesellschaft, für den die AfD eine Partei wie jeder andere ist, in Ostdeutschland deutlich und bemerkenswert höher liegt.

An dieser Stelle enden auch schon fast die Übereinstimmungen mit den grundlegenden Thesen des Buches. Das liegt an mehreren, sowohl ärgerlichen wie auch erstaunlichen, Passagen dieses Werkes, das ohne Frage in der besten Absicht geschrieben wurde, aber seine eigene Intention entweder bewusst oder – noch viel schlimmer – unbewusst verfehlte. Es beginnt mit dem Titel und dem Vorwort. Der Begriff Riss verdeutlicht zuerst eine Spaltung, einen Graben, über den momentan nicht einfach hinweggegangen werden kann. Risse sind, sofern sie nicht körperlich auftreten, vor allem nur mit viel handwerklichen Geschick so zu kitten, damit sie nicht mehr auffallen. Risse sind in erster Linie, wenn sie einmal geschehen sind, dauerhaft. Hier wäre also der geeignte Beginn für eine Geschichte, die diesen Verwerfungen nachspüren will, die offen und ehrlich bereit ist, alle Aspekte und mögliche Perspektiven einzubeziehen, zumal die persönliche Lebensgeschichte des Autors dafür perfekt zu sein scheint: Als junger Mann vom Westen in den Osten, genauer nach Leipzig gekommen, versteht gerade er sich als Ostdeutscher 2.0. Eine von jenen, die irgendwann ankamen, ohne eine „traditionelle“ Ostidentität zu haben.
Dafür wäre vor allem eine Sache notwendig: Den Zwang, sich dem demjenigen auszusetzen, was am weitesten von einem selbst entfernt ist. Nicht nur die andere Geschichte hören zu wollen, sondern sich in sie reindenken, reinfühlen. Jeder ist, ob er will oder nicht, auch immer Angehöriger einer bestimmten Weltsicht, einer ihm nahestehenden Perspektive. Unter dieser werden die Dinge betrachtet, die Welt sortiert. Das bedeutet nicht, dass es Schicksal ist, einer bestimmten Haltung oder Sichtweise anzugehören, ganz im Gegenteil. Aber es braucht ein wenig Mut, ein wenig Lust, sich auch auf das andere, das Schauderhafte und Seltsame einzulassen. Wenn man will. „Ich ahne, dass ich an den Menschen, die jetzt so wütend auf die da oben und all jene sind, die hier angeblich nicht hingehören, vollständig vorbeigelebt habe.“ So der Autor. Selbst wenn sich dieses Zitat auf den kommenden fast 350 Seiten nicht immer und immer wieder bestätigen würde, muss man sagen, dass dies nicht unbedingt ein strategisch gelungener Einstieg in ein Buch ist, das sich zur Aufgabe gesetzt hat, den Riss zu untersuchen.

Ja, der Riss. Was ist also der Riss, der durch unsere Gesellschaft im Allgemeinen und den Osten im Speziellen läuft? Man muss es dem Verfasser dieser Zeilen entschuldigen, dass er auf diese Antwort keine Frage weiß. Denn sie wird gar nicht erst thematisiert. Denn um was es eigentlich geht, ist eine Art Anatomie der besonderen ostdeutschen Form des Rechtsextremismus, der sich irgendwie in der Gegenwart als AfD materialisiert. Da alles mit allem zusammenhängt, also die sächsische CDU und Kurt Biedenkopf und Oswald Spengler und die Konservative Revolution, Götz Kubitschek, das Institut für Staatspolitik und die NPD und Hans-Georg Maaßen und Björn Höcke und die Skinheads Sächsische Schweiz und Werner Patzelt und dies alles irgendwie einen unangenehmen Brei ergibt, der sich fortan AfD nennt…Das ist, um es einigermaßen seriös auszudrücken, mindestens bestreitbar. Was der Journalist hier macht, ist nichts anderes als eine teleologische Betrachtung, in der die Gegenwart so und nur so geschehen konnte, weil es zum einen irgendwelche und völlig unbenannte „Affinitäten“ zwischen Konservativen und Rechtsextremen gibt und gab und zum anderen der durchschnittliche ostdeutsche Wähler (womit im Buch meist der sächsische Wähler gemeint ist) irgendwo zwischen Rassismus, Ressentiment und schlichter Dummheit angesiedelt ist.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Das Buch ist nicht eines jener in kurzer Zeit hingeschrieben Pamphlete, die mehr Aktivismus als Reflexion sind. Alle Befunde sind angereichert mit Statistiken, persönlichen Erlebnissen, Interviews und Studien. Man kann dem Autor in keinem Falle vorwerfen, dass hier nur eine Meinung niedergeschrieben wurde und sonst gar nichts. Was man ihm durchaus vorwerfen kann ist, dass dieses empirische Material in einer Art und Weise selektiv ausgewertet wurde, dass es allein der eigenen These entspricht. Dies zeigt sich exemplarisch bei der Besprechung jener Studie der Soziologin Naika Foroutan, die zeigte, dass die Diskriminierungserfahrungen zwischen Ostdeutschen und Migranten (meist Muslime) eine relative Ähnlichkeit aufweisen. Man kann das durchaus kritisieren. Man kann das ablehnen mit Verweis auf Herkunft, Privilegien oder anderen Faktoren. Es ist dabei erstaunlich, dass vorher die mindestens so umstrittene Mitte-Studie aus Leipzig oder Deutsche Zustände von Wilhelm Heitmeyer nicht ebenso einer scharfen Analyse unterzogen wurden. Wobei es dieser Begriff nicht trifft, denn das Argument gegen Foroutan lautet wie folgt: „Aber wenn ich mich unter meinen Freunden umschaue, fühlt sich niemand in ähnlicher Weise diskriminiert wie ein Migrant […]“ Aber der Einwand hört an dieser Stelle nicht auf. Es sei an dieser Stelle eingeworfen, dass nicht unbedingt zu glauben ist, dass die folgende Aufzählung dem Durchschnitt des Ostdeutschen auch nur annähernd beschreibt: „[…]nicht mein Sportfreund Dieter, der als Ingenieur alle paar Wochen für ein Projekt nach Südafrika fliegt. Auch Christian nicht, mein Freund und Kollege, der eine Firma namens L.E. Filmfactory gegründet hat. Mein Fußballfreund Bernd ebenfalls nicht, der mit seiner guten Rente jährliche mehrere schöne Urlaube macht.“ Eine persönliche Erfahrung auf eine Statistik anzuwenden ist mindestens unlauter, zumindest aber unwissenschaftlich, wie mal als Politikwissenschaftler wissen sollte.

Nein, solche Sätze sind keine Satire, auch wenn es einem manchmal durchaus so vorkommt. Aber auch das wäre an sich nicht ärgerlich, ebenso wenig wie die vielen Wiederholungen in den meist unzusammenhängenden Kapiteln. Wirklich ärgerlich ist, dass man wirklich gerne an der einen oder anderen Stelle eine Erklärung, einen Vorschlag, etwas wirklich Substanzielles erfahren hätte, wie sich der Autor die Zukunft des Ostens denkt. Ja, man kann der Meinung sein, dass sich in den vergangenen 30 Jahren dort ein ungutes Gemisch ansammelte, dass die Demokratie dieser Gesellschaft bedroht. Ja, man kann all die furchtbaren Anschläge und Gewalttaten vor dem Vergessen durch Wiedererzählung bewahren. Das sind gute und edle Anliegen. Aber wenn gesagt wird, dass „wir abseits vom Strafrecht Grenzen des Sagbaren brauchen“ dann würde der Leser doch wirklich gerne wissen, wie eine solche aussieht. Wer sie zieht. Was die Konsequenzen für eine „Verschiebung“ sind. Kollektiver Ausschluss? Gesellschaftlicher Tod? Wer bestimmt darüber? Wann darf man wieder an der „pluralen Gesellschaft“ teilnehmen, die offensichtlich aber nur eine eingeschränkte Pluralität kennt? Wer garantiert die Dauerhaftigkeit solcher Grenzen?

Das bezieht sich nicht nur auf diese normativen Fragen im strengsten Sinne, sondern ist eine Grundschwäche des gesamten Werkes. Es gibt keine Antworten auf die aufgeworfenen Fragen jenseits der schon zigmal gehörten linksliberalen Phrasen. Dass man den Ossis irgendwie helfen müsse, um in der Demokratie anzukommen. Zivilgesellschaftliche Projekte müssten unterstützt werden. Manche Lebensleistung mehr respektiert werden, etc. etc. Das ist alles gut und richtig, aber zum einen keine neue Erkenntnis und zum anderen ignoriert es fatalerweise die eigentliche Frage. Dass dann noch Menschen, die sich wirklich für das Innenleben der Ostdeutschen interessieren, wie Ines Geipel, in Mithaftung für die eigene Argumentation gebraucht werden, hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Ebenso wie Menschen, die ehrlich versucht haben, dass Problem des Rechtspopulismus in seinen Grenzen wertneutral anzugehen, wie Prof. Werner Patzelt, einfach zu Wegbereitern des neuen Faschismus erklärt werden.

Es gilt auch hier: Das kann man alles machen. Aber selbst dann muss man ein gewisses Maß an gedanklicher Kohärenz wahren. Man kann nur schwerlich sagen, dass es Grenzen des Sagbaren (wieder) geben muss, um ein paar dutzend Seiten später festzustellen: „Solche von einer political correctness angeblich verhängten Denk- und Sprechverbote existieren nicht.“ Eine Welt, in der etwas und zugleich das Gegenteil existiert, ist schon rein logisch schwer vorstellbar. All das ist wirklich schade, weil durchaus Potential in diesem Buch gesteckt hätte. Es ist flott geschrieben, man bekommt eine ganze Fülle von Informationen, aus denen auch immer gleich eine Analyse folgt. Es ist eine durchaus anspruchsvolle Mischung aus Reportage, Analyse, Kommentar und anderen journalistischen Gattungen. Exemplarisch zeigt sich das in dem Kapitel Die Heimatliebende, der mit Abstand stärkste Teil des Buches. Dort schildert der Autor eine E-Mail-Korrespondenz mit „Tanja“, die natürlich anders heißt, aber so etwas wie sein Gegenpol ist. „Tanja“ ist dabei nicht rechts oder AfD-Mitglied. Sondern jemand, der die Grenzen des Rechtsstaates gegen Willkür verteidigen will, der Linke ebenso wie Rechte in ihren extremen Ausführungen suspekt sind. Die die Erfahrung als Ostdeutsche gemacht hat, dass der Skinhead auch Nachbar ist, vielleicht im selben Verein. Man merkt förmlich in jeder Zeile, wie sehr der Autor ringt, wie wenig er diese Position nachvollziehen kann, die für viele Ostdeutsche selbstverständlich ist.

Womit wir wieder bei der Eingangsfrage wären: Was ist also der Riss und wie kann er behoben werden? Nein, nicht durch Materielles, das ist auch in diesem Buch klar (wenngleich manche Argumentation darauf wieder hinweist). Sondern mit dem Reindenken in die ostdeutsche Realität. Nicht Ausgrenzung kann eine Antwort sein, so schwer eine solche Antwort auch fällt. Aber nur weil man fest die Augen schließt und sich Dinge fort wünscht, verschwinden sie nicht. Die Problemanalyse muss tiefer gehen, sie muss schmerzen und all jenes auf das Tapet holen, was bisher vergraben liegt. Ein großer, bundesdeutscher Runder Tisch müsste her. Hiervon liest man leider nichts. Vielleicht auch deshalb: „Die anderen, die gar nicht klarkamen, traf ich eher nicht, weil die Frustrationen in jener Zeit nicht nach außen getragen wurden und eher in den Familien und unter Freunden kursierten.“ Schade.

Michael Kraske
Der Riss
Ullstein
352 Seiten
19,99€

Sebastian Meisel

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