Zwei Wenderomane: Susanne Gregor – Das letzte rote Jahr und Anna Richter – Unvollkommenheit

Susanne Gregor zeichnet in „Das letzte rote Jahr“ die dichte Atmosphäre des letzten sozialistischen Jahres im tschechoslowakischen Zilina nach. Wie ein roter Faden begleiten die Jahreszeiten die drei heranwachsenden Freundinnen Miska, Rita und Slavka und schaffen eine Orientierung in einer sich schnell ändernden Zeit. Im Laufe des Jahres treten nicht nur politische Unsicherheiten auf, auch die Freundschaft der drei zerfasert mit den Monaten. Während die verschiedenen Protagonisten mit ihren Familien eigene Wege für die Zukunft suchen, flüchtet sich Miska in die Literatur und findet Halt in Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“. Die Fragen nach Gemeinsamkeiten, nach Teilung und Zusammenführung, ebnen für Miska einen anderen Weg des Erwachsenwerdens in dieser Zeit, als es bei den Freundinnen der Fall ist. Ein schneller Roman, der es trotz aller großen Ereignisse schafft, einen Mikrokosmos zu konstruieren, dabei Sterotypen dieser Zeit aufgreift, diesen aber so feine Züge verleiht, dass sie nicht farblos in die Reihe der Wenderomane erscheinen.
Anders liest sich Anna Richters Roman „Unvollkommenheit“ aus dem Osburg Verlag. Früher beginnend, im Jahr 1988 und sich bis in das Jahr 2008 ziehend, reiht sich die Geschichte vom jungen Mathematikstudenten Paul schematisch in die Wirren des realexistierenden Sozialismus ein. Gerade in Jena angekommen, trifft Paul auf den, durch seine politische Haltung, exmatrikulierten Studenten Marc. In einer nicht nachvollziehbaren Dynamik gerät Paul in oppositionelle Kreise und trifft dort auf seine erste große Liebe Hanka. Das Wendejahr kommt. Die drei gehen verschiedene Wege und werden in den nächsten Jahren immer wieder zusammenkommen. Mechanisch wird das Bild zerrissener Figuren erzählt, die mit den Problemen zweier Gesellschaftssysteme konfrontiert werden und ebenso wie in Gregors Roman nach Halt und Ankunft suchen. Dabei bleiben die Figuren farblos, die Geschichte zu konstruiert und breit gefächert. Moralische Fragen werden angedeutet, verlieren aber an Glaubwürdigkeit, so dass am Ende der Titel Programm ist und der Leser nicht die Unvollkommenheit der Menschen einsehen kann, wie das Susanne Gregor mit ihrem Roman geschafft hat.

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