Umbrüche und Wendezeiten

Es sollte ein Interview über Arbeitsweisen und persönliche Aufzeichnungen der Autorin Christa Wolf werden, als Thomas Grimm, langjähriger Leiter der Fernsehproduktion Zeitzeugen TV, 2008 die gemeinsame Wohnung von Christa und Gerhard Wolf betrat. Entstanden ist ein Gespräch, das sich schnell von den Ansichten zu Schreibprozessen und -möglichkeiten entfernte und auf ihre politischen Positionen und Tätigkeiten des Jahres 1989 zu sprechen kam.

Nach Christa Wolfs Tod im Jahr 2011 stellte sich ihr Mann schnell als wichtigster Verwalter ihres Nachlasses heraus. Drei Jahre später gründeten Literaturwissenschaftler, Autoren und Freunde zusammen mit Gerhard Wolf die „Christa Wolf Gesellschaft“, die es sich zur Aufgabe macht, den Nachlass zu pflegen und ihr Werk und Denken in Erinnerung zu halten.

Seitdem sind vor allem Briefwechsel der Autorin erschienen. Als beflissene Briefeschreiberin entstanden mit den Jahren unzählige Dokumente, Korrespondenzen zu Freunden, Schriftstellern und Lesern. Es verwundert also kaum, dass 2016 der Briefband „Man steht sehr bequem zwischen den Fronten“ mit ausgewählten Briefen der Jahre 1952-2011 von ihrer – nicht mit ihr verwandten – Verwalterin Sabine Wolf herausgegeben worden ist. Schnell folgte der Briefwechsel zwischen Christa und Gerhard Wolf mit dem Künstler Carlfriedrich Claus.

Als vielbeachtetes Highlight des letzten Jahres verlegte schließlich der Suhrkamp Verlag die Korrespondenz mit Sarah Kirsch. Zeitgleich erschien aber auch „Umbrüche und Wendezeiten“, das nicht annähernd die Aufmerksamkeit bekam, die es verdiente.

In akribischer Kleinstarbeit wurde umfangreiches Videomaterial aufbereitet und die Gespräche aus dem Interview übertragen. Zusammen mit Gerhard Wolf konnte das aufgenommene Gespräch mit Reden von Christa Wolf, sowie erschienenen Aufsätzen und Artikeln ergänzt werden, sodass ein Potpourri an Auskünften und Gedanken zusammenkam. Entstanden ist ein wichtiges Zeitdokument einer Autorin, die Schreiben als Selbstauseinandersetzung und somit als Möglichkeit einer couragierten Gesellschaft gesehen hat.

„Eine Zeit lang habe ich intensiver und mehr geschrieben. Das hing damit zusammen, dass ich mich in einem Prozess befand, der Klärung bedurfte, der Selbstaufklärung brauchte, ehe ich darüber zum Veröffentlichen schreiben konnte.“

Tagebuchschreiben war für Christa Wolf das notwendige Medium, um einen Prozess in Bewegung zu bringen, den sie mit ihren Werken selber prägte. Durch die „subjektive Authentizität“ eröffnet sich ein innerer Zugang zur eigenen Identität, der es gestattet, eine möglichst vollständige Version seiner selbst zu sehen. Dass sich Wolf der literarischen Form des Mythos bediente, um diese Selbstsicht nicht vollkommen nach außen zu teilen, wird deutlich, als sie auf ihre Werke „Kassandra“ und „Medea“  zu sprechen kommt.

„Ich glaube, dass das letzte Geheimnis zum Glück unausgesprochen bleibt. Oder es ist literarisch in einer anderen Form verarbeitet, in einer Form, die nicht unbedingt in Worten ausgesprochen wird. Ich nenne das ‚subjektive Authentizität‘, wo Spielraum ist für Mythisches und Reales.“

Es ist schon fast enttäuschend, wenn wenige Seiten später das Gespräch über ihr eigenes Schreiben abbricht und auf die Biermann-Affäre zu sprechen kommt. Viele Details und Schilderungen werden genannt und in eine historische Reihenfolge gebracht. Ein Bericht entsteht, der dokumentarisch klar und passend geordnet ist. Möglich ist dies, auch das wird durch das Interview klar, durch die akribisch chronologische Dokumentation der Wolfs von Veranstaltungen, Terminen, Teilnehmern und Gesprächen. Sogar das Wetter und die Mahlzeiten werden täglich dokumentiert.

„Wenn es eine Veranstaltung war, stehen zum Beispiel auch, soweit ich mich erinnere, die Namen der Teilnehmer dort. Das finde ich ganz gut. Ich mache das, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass man vieles vergisst. […] Mein Mann hat sich die Arbeit gemacht, aufgrund dieser Kalender eine richtige Chronologie anzulegen, wann wir wo waren, auch gereist sind:“

Dieser Einblick ermöglicht nicht nur eine andere, ganz alltägliche Sicht auf die Person Wolf. Es ist der Dokumentation auch zu verdanken, dass Gerhard Wolf die Möglichkeit hatte, die Gespräche nachträglich mit Namen und Daten zu ergänzen. Ganz anders, intimer und menschlicher erscheint im Vergleich der ebenso gelungene Versuch einer Reportage von Jana Simon. Die Enkeltochter der Wolfs führte auch Interviews mit ihren Großeltern und brachte diese in Schriftform. Entstanden ist „Sei dennoch unverzagt“, das der Prosa Wolfs näher zu sein scheint als „Umbrüche und Wendezeiten“, tastet es sich doch suchender und unsicherer durch die Vergangenheit und Erinnerungen.

In „Umbrüche und Wendezeiten“ werden die Ereignisse nach der Biermann-Ausbürgerung genauestens analysiert und dargestellt. Die Opposition, die Kontakte der Wolfs zur Evangelischen Akademie und die Hoffnungen auf Veränderungen werden wiedergegeben und zusammen mit Wolfs Rede am 04.November 1989 auf dem Alexanderplatz von ihr selbst eingeordnet. Entscheidender für Christa Wolf war allerdings die Bildung einer Untersuchungskommission zu den Übergriffen der Polizei auf junge Demonstranten.  Am 40. Jahrestag der DDR, am 8. Oktober 1989, kam es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung durch Polizisten.

„Das darf es im Sozialismus nicht geben. Das muss bestraft werden.“

Über zwanzig Personen aus verschiedenen beruflichen Bereichen gründeten eine Kommission, die es sich zur Aufgabe machte, Protokolle aufzunehmen und Material aufzubereiten. Die letztendlich fehlende Resonanz und Auswirkung verarbeitete Wolf in „Über das Unbehagen in der Kommission.“ Der Aufsatz war einer von vielen direkten Ansprachen an die Bürger der DDR. Der letzte Teil von „Umbrüche und Wendezeiten“ widmet sich vermehrt Christa Wolfs Bemühungen um einen neuen, demokratischen Sozialismus.

„Klar, im Nachhinein könnte man die eigene Befindlichkeit und was man in jeder Zeit getan und erlebt hat einfach als eine Kette von Illusionen beschreiben. Wie das so üblich ist bei einer gescheiterten Revolution. Nachträglich kann man immer sagen: Es war alles Illusion.“

Eine gescheiterte Revolution, das war für Christa Wolf der Mauerfall. Bekannt ist das aus ihren zahlreichen Interviews, doch deutlich wird es vor allem in diesem Bericht. Ihre Hoffnungen auf einen neuen, eigenständigen sozialistischen und demokratischen Staat wurden mit der Massenausreise in den Westen geringer. Der letzte Aufruf „Für unser Land“ bezeugt dies eindrücklich. An den Forderungen der Bürgerbewegung und der Kirche beteiligten sich zahlreiche Intellektuelle und Arbeiter. Ziel war es, eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu etablieren. Reagiert wurde auf die immer lauter werdenden Stimmen nach einem geeinten Deutschland. Die Diskussionen steuerten schnell auf eine „Deutsche Frage“ zu und führten schließlich zur Spaltung der Bürgerbewegungen.

Worum es Christa Wolf dabei ging, wie ihre Antwort auf die Frage nach einem geeinten Deutschland lautete, gehört zu den spannendsten Fragen des Interviews. Ihre zahlreichen Gesprächskreise, die sie besonders nach der Wende führte, bezeugen eindrücklich ihre Befürchtungen und die Bemühungen, auch den Ängsten und Besorgnissen eine Bühne zu geben.

Natürlich fehlt in dem Bericht auch die, für die Öffentlichkeit fast schon obligatorische, Beschäftigung mit dem Literaturstreit nicht. Die daraus resultiere Veröffentlichungen der Stasi-Akten stellte eine Möglichkeit dar, die Unterstellungen der Öffentlichkeit zu beenden.

Glücklicherweise entfernt sich dabei das Gespräch nie weit von den Gedanken Christa Wolfs zu den eigentlichen Ereignissen des neuen Jahrzehnts. Trotz aller Enttäuschung dieser für sie schweren Zeit, betonte sie schließlich:

„Mir und vielen anderen wird immer die Erinnerung daran bleiben, dass wir im Herbst 1989 dabei gewesen sind. […] Mitzuerleben, wie hunderttausende Menschen plötzlich im Verlauf weniger Tage und Wochen zu selbstbestimmten Bürgern reiften und couragierte Haltung gegenüber den herrschenden Verhältnissen an den Tag legten, die man nicht für möglich gehalten hätte.“

Seit Jahrzehnten wird nun über die Geschichte und Einordnung der DDR geforscht. Eine historische Beurteilung fällt bis heute schwer. Für Christa Wolf steht fest, dass Biografie und Zeitgeschichte zusammen gesehen werden müssen. Sie wünschte sich bis zu ihrem Lebensende ein vorurteilfreies und sachliches Herangehen an die Frage, was die DDR war und was in dieser geschehen war, was die Menschen zu dem machte, die sie wurden und weshalb die Nachwirkungen so gravierend sind.

Dieses Dokument trägt in all seiner Fülle dazu bei, sich den Fragen zu nähern. Verständnis, aber auch Unmut aufzubringen, ohne dabei in Nostalgie oder Ressentiments zu verfallen. Die utopischen Momente und ihre Realität zu entdecken und das Werk Christa Wolfs weiter zu verstehen und in einen Kontext zu setzen. Es ist allerdings auch den Herausgebern zu verdanken, dass die Gedanken und Auskünfte Christa Wolfs prägnant zusammengestellt und mit ihren Aufsätzen einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnten. Gerade deshalb verdient „Umbrüche und Wendezeiten“ mehr Aufmerksamkeit und nicht nur einen Platz neben den herausgegebenen Briefwechseln.


Ich danke dem Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar

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