Nachwendekinder

„Vielleicht sind wir die einzige Generation, die das Bild über die DDR ausdifferenzieren kann, weil die Generation nach uns gar keinen Bezug mehr dazu hat.“

Johannes Nichelmann hört diese Worte, als er beginnt in einen Dialog zu treten. In seinem Debüt-Roman hört der Radioreporter und Journalist anfänglich seinen Altergenossen zu. Mit den sog. Nachwendekindern, jenen Männern und Frauen, die zwischen 1985-1992 geboren sind und das Land nie gesehen haben, das sie bis heute prägt, will er die Leerstellen verstehen lernen.

In zusammengesetzten Bildern aus Erinnerungen, Wünschen und Fragen der Nachwendekinder, Forschungsständen von Wissenschaftlern, aktuellen politischen Diskussion und Familienbildern, entsteht ein Collage von Menschen, die sich nicht nur nicht gefunden haben, sondern erst begonnen haben sich zu suchen.
Dabei geht er so differenziert und offen vor, wie er am Anfang beteuert. Zwischen den Extremen will er sich bewegen und alle Wahrnehmungen aufzeichnen. Ohne für eine ganze Generation sprechen zu wollen, lässt er dabei aber jene Menschen zu Wort kommen, die sich mit etwas identifizieren, das sie nicht kennen und dennoch so etwas wie eine ostdeutsche Identität spüren.

Durchaus gelungen zeigt er aber auch das Unverständnis der Menschen auf, die auf Nachwendekinder treffen. Wenn dreißig Jahre nach der Wende junge Menschen nach ihren Wurzeln suchen und ein konfuses Gefühl für Heimat entwickelt haben, weckt das nicht nur alte Erinnerungen an eine Zeit, die vergessen werden wollte, sondern reißt auch die Gräben der Gegenwart auf.

Dass das Buch im letzten Jahr erschien, ist dabei natürlich kein Zufall. Nichelmann hat aber nicht nur einen gut verkäufliches Buch geschrieben, sondern die Möglichkeit einer ehrlichen Debatte eröffnet, die augenscheinlich jetzt ihre Zeit gefunden hat. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
Das alles ist nicht neu und dennoch bricht Nichelmann für sich und viele aus seiner Generation eine Lanze, die es ermöglicht sich weiter mit Identität und Heimat auseinandersetzen zu dürfen, auch wenn dreißig Jahre ins Land gegangen sind.

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