Ein Gastbeitrag: Téa Obreht – Herzland

Wie werden eigentlich Star-Schriftsteller, oder besser: Star-Schriftstellerinnen, „geboren“? Diese Frage kann man sich retrospektiv in wenigen Jahren stellen, wenn dieses Attribut dem Namen der Autorin Téa Obreht selbstverständlich vorangestellt wird. Dass dies sehr bald der Fall sein wird, muss man annehmen, wenn man die begeisterten Kritiken zu ihrem neuen Roman Herzland gelesen hat.

Téa Obreht vereint dabei alles, was nötig ist, um zum Olymp der Schriftstellerinnen aufzusteigen: Sie ist jung, feminin bewegt, hat eine Migrationsgeschichte und ein nicht zu leugnendes Talent zum Schreiben. Gleichwohl bürdet man einem Roman damit auch immer neben seiner ihm eigenen Gestalt auch eine Bedeutungsebene auf, die nur durch Konstruktion und Interpretation zu halten ist. Jeder Satz, jeder Dialog kann so nicht nur als Teil einer fiktiven Welt betrachtet werden, sondern verweist auf die Gegenwart, bildet einen Kommentar zur aktuellen Lage: Egal, ob damit die Verwerfungen in Trumps Amerika oder die Stellung der Frau generell gemeint ist. Dies ist auch ohne Zweifel legitim, es bleibt aber fraglich, ob man Romane oder auch die Funktion des Autors bzw. der Autorin nicht überlädt. Die Rückkehr des Autors als wesentlicher Teil der Auslegung ist dabei eine Tendenz, die schon in den letzten Jahren immer stärker wurde und zweifellos der Pendelrückschlag zum vor Jahrzehnten ausgerufenen „Tod des Autors“ ist.

Aber der Reihe nach: Téa Obreht legt in ihrem zweiten Roman eine Welt vor, die den meisten Rezipienten auf die eine oder andere Weise bekannt sein dürfte: Sie spielt im so genannten „Wilden Westen“, jener archaischen, mythisch verklärten Zeit ohne Gesetze, der Pioniere und der Schuld. Hauptplatz der Handlung ist Amargo, ein fiktives Städtchen im Arizona-Territorium im Jahre 1893. Die Verfallserscheinungen des Wilden Westens zeigen sich hier schon: Längst geht es nicht mehr um romantische Aneignung eines unbeherrschten Landstriches, um Gold und Pelze, sondern um den Anschluss an Eisenbahnstrecken, an die Segnungen der (weit entfernten) Industrie. Gleichzeitig ist das Leben durch Härten geprägt. Die Hitze, die Dürre, die Schwierigkeiten für den Anbau von Lebensmitteln, der Hunger. Es ist eine Zeit des Zwischens, eingeklemmt zwischen archaischer Besiedlung und der beginnenden Moderne. Nur wenige Jahre nach 1893 gehören Flugzeuge zum selbstverständlichen Mittel der Fortbewegung, erreichen Züge immer mehr Orte auf der Welt, verschwinden auch die letzten weißen Flecken von den Landkarten. Alles ist im Fluss, Gewissheiten existieren nicht, existierten vielleicht nie.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht Nora Lark. Sie bewirtschaftet mit ihrem Mann und den drei, eigentlich vier, Kindern einen Hof in der Nähe Amargos. Er ist Journalist und gibt die örtliche Zeitung heraus. Ein Träumer, der eigentlich für das harte Leben im Westen nicht geeignet ist. Die Söhne aufbrausend und rau, die einzige Tochter früh verstorben. Daneben gibt es die üblichen kriminellen Großbauern, verschlagene Sheriffs und Indianer. Außerdem ein Monster, das der jüngste Sohn gesehen haben will. Ein fast schon, sieht man vom Monster ab, stereotypes Bild des Wilden Westens. Aber all die Intrigen, die Machenschaften interessieren Nora nicht besonders. Ihre Sorge gilt dem Wasser, das immer weniger wird. Natürlich wird hier das Bild der Klimakatastrophe heraufbeschworen, die Vergangenheit soll ein warnendes Beispiel der Zukunft sein. Der Leser erfährt nur, dass sowohl der Mann wie auch die Söhne fort sind. Wohin ist unbekannt, ebenso ob sie wiederkommen werden. Allein mit ihrer Gehilfin muss sich Nora also behaupten, den Spuren nachgehen, sich kümmern. Die alte aristotelische Vorgabe der Einheit von Ort, Zeit und Handlung wird fast perfekt eingehalten, dieser Teil der Handlung spielt an nur einem Tag. Es entspannt sich also ein Drama, dessen Ausgang unbekannt ist. Konterkariert wird die Erzählung allerdings durch die Einschaltung eines zweiten Hauptprotagonisten, Lurie Mattie. Lurie heißt eigentlich anders und kommt aus dem europäischen Teil des damaligen Osmanischen Reiches. Seine Geschichte beginnt früher, als die eigentliche Haupthandlung (wobei zu diskutieren wäre, was eigentlich der Hauptstrang der Erzählung ist), sogar vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg 1861-1864. Vierzig Jahre werden also als Rahmen immer neu erzählt, geschildert, verhandelt. Im Mittelpunkt hier: Ein Kamel und jede Menge Geister und Tote.

Dieser Lurie Mattie hat eine kriminelle Vergangenheit, wie eigentlich auf die ein oder andere Art und Weise jeder in diesem Roman. Erzählt wird aus der Mottenkiste des Westerns: Raubüberfälle, Geiselnahmen, Erschießungen, Plünderungen, grausame Morde. Und immer wieder die Überblendung zu Nora, die, selbstbewusst aber zunehmend ratlos, vor ihrem Rätsel steht. Es dürfte anhand dieser kurzen Beschreibung nicht sonderlich schwer fallen, das Lob des Feuilletons nachvollziehen zu können: Eine einsame, aber dennoch starke und selbstbewusste Frau auf der einen und ein Immigrant mit zweifelhafter Geschichte, aber dennoch aufrichtigem Charakter auf der anderen Seite. Dazwischen die „Bösen“ – allesamt, wie man heute sagt, alte, weiße Männer. Die Einzigen ohne Makel bleiben die „Fremden“. Die Mexikaner des Grenzgebietes, die meisten Indianer (auch wenn sie merkwürdig unsichtbar, fast schon amorph wirken) und so gut wie alle Frauen. 

Soweit, so nachvollziehbar. Feministische Selbstbehauptung gegen den Mythos des Alten Westens, so die Konfliktlinie, die in fast allen Besprechungen beschrieben wird. Aber reicht das? Reicht eine solche Feststellung, um die Qualität eines Romans beschreiben zu können? Lässt sich eine Handlung wirklich in seine symbolischen Bezüge zerbrechen? Oder anders: Spielt eine Handlung nur insofern eine Rolle, als dass sie als Mittel zum Zweck fungiert? Die Antwort kann darauf natürlich nur ein Nein sein. So lobenswert es sicher ist, einen Western aus einer weiblichen, marginalisierten, migrantischen Sicht zu schreiben, so wenig kann die Handlung diese Anliegen in sich selbst einholen. Das liegt an mehreren Knackpunkten. So ist die eigentliche Handlung unsagbar langwierig, manche Dialoge wirken wie geschnitzt und bringen den eigentlichen Verlauf so gut wie nicht voran. Im Gegenteil wirken manche Auflösungen eher wie ein Deus ex machina, eine plötzliche Einschaltung irgendwie bekannten Wissens, wo zumindest textlich diese Lösung gar nicht greifbar ist. 

Dass es eine seltsame Ambivalenz von Selbstbehauptung und Reproduktion klassischer Klischees immer wieder gibt, kann man als narratologischen Trick wohlwollend interpretieren, aber es bleibt fraglich, ob dies die eigentliche Anlage ist. Nora Lark ist abwechselnd eine mit allen Segnungen der Intelligenz ausgestattetes Wesen, ihren männlichen Kontrahenten haushoch überlegen und mal die etwas einfältige Bauersfrau, die sie qua Herkunft eigentlich sein müsste. Natürlich soll sich hier das Wechselspiel zwischen patriarchaler Unterdrückung und Selbstfindung zeigen, aber auch dabei müsste ein Mindestmaß an Kohärenz zu erwarten sein. Gleiches gilt für Lurie Mattie. Sein initialer Mord, von dem man nur auszugsweise genaueres erfährt, verbleibt in einer seltsam moralischen Unentschiedenheit. Reue oder gar Rechtfertigung erwartet man vergebens, aber auch jede sonstige Regung. Eine wirkliche Auseinandersetzung, eine Vermessung der Schuld, findet nicht statt.

An dieser Stelle erscheint wohl der größte Kritikpunkt: Alle Figuren verbleiben in einer seltsamen, emotionalen Entfernung zueinander, aber auch zum Rezipienten. Das kann man so inszenieren, wie es unter anderem Cormac McCarthy in seinem Western Blood Meridian vorgemacht hat. Aber in diesem ist der Kern der Handlung ein anderer: Hier sollte klargestellt werden, dass die Eroberung des Westens eine blutige, auf widerliche Art und Weise grausame Handlung war, die nur von innerlich erkalteten Psychopathen durchgeführt werden konnte, deren eigentliche Menschlichkeit von der Gesellschaft vorher vernichtet werden musste. In dieser Welt des Bösen gibt es kein Gutes mehr, nicht mal mehr den Begriff. In Herzland muss dies notwendigerweise anders sein. Wenn das Ziel ist, die Perspektive zu ändern und den Frauen und Migranten eine Stimme zu geben, dann muss bei diesen auch Gutes vorhanden sein. Als Produkt der Gesellschaft sind sie damit Opfer und Täter gleichermaßen, ohne der initialen Deformation hierbei nicht den Vorzug zu geben. Ihr Opfer-Sein ist notwendig immer vorgängiger, sichtbarer. Unter einer solchen Perspektive verformt sich die Figurenzeichnung jedoch zum Holzschnitt. Die Rollen werden getauscht. Wie der Held des klassischen Western bei all seinen Taten am Ende immer wieder nur gut sein konnte, gleichgültig wie viele Desperados von ihm in einem Saloon erschossen wurden, seine innere Gutheit muss es als Heldentat erscheinen lassen. In diese Rolle, nur ohne die Motivation des Heldenhaften (die postheroische Gesellschaft lässt grüßen), werden nun die neuen Hauptfiguren gedrängt. Auch sie blieben im Makel makellos.

Ob dies nicht nur eine Fortschreibung des alten Mythos ist, muss selbst entschieden werden. Mit der konsequenten Zertrümmerung des Wilden Westens wie bei McCarthy, oder schon weit vorher bei Faulkner, hat dies nichts zu tun. Die Anlage ist dabei zu gewollt, zu zweidimensional. Das durchweg vorhandene Sprachgefühl und das Talent der Zusammenführung von sehr unterschiedlichen Erzählsträngen wirkt dabei nur umso bedauerlicher. Denn am Ende steht ein Roman, der sich nicht radikal traut, etwas sein zu wollen: Entweder Empowerment-Literatur oder Mythoszertrümmerung. Das Werk bleibt ein zweifelhafter Hybrid, dessen Anlagen viel versprechen und durch die Handlung wenig davon einholen. Es bleibt dabei auch zu fragen, ob das hauptberufliche Feuilleton solche offensichtlichen Schwächen nicht sehen will oder kann. Wenn man allein, wie in einer Kritik geschehen, die Schilderungen in Herzland mit dem Attribut der Brutalität versieht und ein Vergleich zu Cormac McCarthy angestellt wird, muss man sich fragen, ob überhaupt eins der angesprochenen Werke gelesen wurde. Gewalt bleibt bei Téa Obreht eine abstrakte, fast schon verstörend sterile Sache, die keineswegs zur Abwendung beiträgt. Sie ist ein Vorgang, etwas zwar Alltägliches, aber gleichsam eine Störung. Ob allein dies der vermeintlichen, wohl fiktionalen, Realität des Alten Westens nur nahe kommt, kann getrost offengelassen werden.


Ein Gastbeitrag von Sebastian Meisel


Téa Obreht

Herzland

510 Seiten, 24 Euro, Rowohlt Berlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s