Ein Gastbeitrag: Hans-Peter Kunisch – Todtnauberg

Nah ist/Und schwer zu fassen der Gott – So dichtete Friedrich Hölderlin in seiner Hymne Patmos. Was soll dieser Gott in einer Literaturbesprechung? Weshalb mit Hölderlin anfangen und nicht mit jenen Protagonisten, die doch die eigentlichen Akteure des Buches sind – Paul Celan und Martin Heidegger? Es wird darauf zurückzukommen sein, aber dennoch ist ohne Hölderlin, den Ewig-Fremden, den Heimat-Suchenden, dem Sehend-Verrückten, eine solche Besprechung kaum möglich.

Natürlich könnte man an das Bekannte anschließen und ausführen, dass Heidegger und Celan beide Hölderlin verehrten. Dass Celans letzte Reise nach Deutschland, nur wenige Wochen vor seinem Selbstmord, auch zu einer Hölderlin-Konferenz ging. Dass er, als seine Ex-Frau seine Wohnung auf der Suche nach ihm durchsuchte, ein Buch aufgeschlagen liegen ließ, in dem ein Brief Hölderlins an Clemens Brentano unterstrichen wurde: „Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen des Herzens.“ Und es fand sich dort der undatierte Entwurf eines Briefes an Martin Heidegger. Also doch das Letzt-Verbindende? Die Sänger des kommenden und entschwundenen Gottes, beide also Denker in dürftiger Zeit? Nein, so einfach liegt die Sache nicht.

Ein baum-/hoher Gedanke/greift sich den Lichtton: es sind/noch Lieder zu singen jenseits/der Menschen

Das vorliegende Buch von Hans-Peter Kunisch macht es dem Rezipienten nicht einfach. Vor allem gilt dies für den Beginn. Ganz unvermittelt wird man hineingeworfen in eine Melange aus Roman, Fiktion, Rekonstruktion, Zeitanalyse. Freilich ist das Thema durch den Titel und vor allem den Untertitel vorgegeben. Es geht um das erste Zusammentreffen von Paul Celan und Martin Heidegger in Freiburg und später die gemeinsame Fahrt auf die legendäre Hütte des Philosophen bei Todtnauberg. Dies ist – wenn man nicht gerade Celan und/oder Heideggerenthusiast ist – eher eine Marginalie in der deutschen Geistesgeschichte der Nachkriegszeit, aber eine vielleicht durchaus zu Unrecht vergessene. Denn es fehlt, und hier ist dem Text unbedingt Recht zu geben – heute vielleicht ein wenig das Sensorium dafür, was sich hier abspielte: Dort der jüdische Dichter, nach 1945 auch mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, bewundert für das Sprachgefühl und dennoch immer wieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Hier der deutsche Philosoph, der mit seinen berüchtigten Reden 1933/34 nicht zu Unrecht in den Verdacht gesetzt wurde, das nationalsozialistische Regime nicht nur zu unterstützen, sondern es auch an Radikalität überflügeln zu wollen. Dann, nach dem Krieg mit Lehrverbot belegt, aber dennoch wieder anerkanntes Mitglied der akademischen Gemeinschaft, zu mal in Freiburg. Unglaublich? Sicher – nach heutigen Maßstäben. Ging es also um eine Reinwaschung Heideggers? Ein gemeinsamer Auftritt, nur um damit allen Verdacht reinzuwaschen? Celan also als Mittel zum Zweck für einen perfiden Plan einer gesellschaftlichen Rehabilitation? Diese Fragen stellt der Text und zwar nicht auf allzu subtile Art und Weise. Er legt den sprichwörtlichen Finger in die Wunde, spürt nach, kämpft um Deutung, um eine Motivation, einen Sinn.

Die grundlegende Sympathieverteilung ist dabei klar – es wird kein Hehl daraus gemacht, dass die Anteilnahme Celan gilt, während fortwährend versucht wird, Heidegger festzunageln, zu demaskieren. Diese Haltung ist an den guten Stellen des Buches auch äußerst lehrreich und erfrischend. Fast schon kriminalistisch werden Handlungsmotive, Briefausschnitte und Überlegungen skizziert, wird versucht, das große Panorama vollständig zu machen. Es ist bemerkenswert, mit welcher Akribie der Text hierbei vorgeht. Die Arbeit, die in den 331 Textseiten liegt, ist jederzeit zu spüren. Darüber hinaus – und das ist auch bei den so genannten „populärwissenschaftlichen“ Büchern, zu denen dieser Text grundlegend nicht gehört, nicht mehr unbedingt üblich – gibt es ein großes bibliographisches Register für jene, die sich selbst in die Spur begeben wollen. Es soll an dieser Stelle gar nicht diskutiert werden, dass eine notwendige Auswahl immer auch von der Intention geleitet ist, die an den Text herangelegt wird. Vielmehr muss das Wie und Warum besprochen werden.

Nein, das Buch ist nicht „fair“. Nicht zu Heidegger und zu seinen Gedanken, Überlegungen, Ideen. Das muss es auch nicht sein – eine Schrift wie die vorliegende muss nicht in einer akademischen, immer etwas öden, Neutralität erstarren. Aber es ist schon bedenkenswert, wie manche Ausschnitte präsentiert werden, welches Bild hier gezeichnet wird. Fast schon als stehender Zusatz zum Namen Heidegger kommt das Wort Rektoratsrede 1933 oder auch der früher Nationalsozialist war vor. Auch das kann man machen. Man mag mit dem Ansinnen auch insoweit einverstanden sein, dass ein Mann, der noch 1933/34 die Nazis mindestens hofiert hat, keine vorauseilende Schonung zuteilwerden darf. Und man muss hierzu auch erwähnen, dass die entlastenden Punkte zumindest erwähnt werden (keine Bücherverbrennung, Unterstützung jüdischer Studierender, etc.), wenngleich sie freilich nicht in dem gleichen Maße als Entlastung herangezogen werden. Es ist nur an jenen Stellen bizarr, an denen die vermuteten Gedanken und Handlungen Celans in jene Richtung gehen, die diesen zu einem Quasi-Inquisitor in eigener Sache machen. Dass er sich vom Philosophen ein Wort des Bedauerns, der aufrichtigen Reue gewünscht und nie erhalten hat, das ist wahr und alles nachweisbar („Ins Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen.“ – so verewigt sich Celan im Gästebuch von Heideggers Hütte). Aber man muss dem rumänisch-französisch-deutsch-jüdischen Dichter dieses Gepäck einer bis heute vielleicht unabgeschlossenen Vergangenheitsaufarbeitung mitgeben, wie es an manchen Stellen hier getan wird. Wie selbst beschrieben, gibt es keine absolute Gegnerschaft zwischen Celan und Heidegger, ebenso wenig wie es eine wirkliche Verständigung zwischen den Beiden gibt. Woran dies liegt, versucht das Buch nachzuzeichnen und besonders hier liegen die stärksten Stellen. Wenn sich der Text, getragen von dem umfangreichen Material, auf die Spurensuche begibt und den Männern in das Hochmoor folgt, wenn versucht wird, sie im wahrsten Sinne des Wortes Sein-zu-lassen. Wenn der Erzähler, den es in diesem Sinne nicht gibt, eine fast schon beobachtende, manchmal geradezu voyeuristische Perspektive einnimmt. Dann werden Zusammenhänge sichtbar, Verknüpfungen, Kontexte. Man könnte auch sagen: Der Versuch einer gescheiterten Kontaktaufnahme wird aufgedeckt.

Denn auch Celan ist, das wird freilich genauso wenig verschwiegen, an diesem Scheitern nicht unschuldig. Durch verschiedene private und berufliche Probleme erschöpft, durch manchen Schicksalsschlag gezeichnet und gerade für dieses Treffen aus einer Psychiatrie entlassen, ist es ihm auch kaum möglich, jene Art von Begegnung zu machen, die es gebraucht hätte, um zu einem wirklichen Austausch zu kommen – um die Schale des Philosophen zu knacken. Das ist keine Schuldzuweisung, ebenso wenig eine Exkulpation von Heidegger, sondern allein eine nüchterne Feststellung. Es ist die Stärke des Textes, diese Ambivalenzen immer wieder auszuleuchten und dennoch auf zwei Dritteln des Weges steckenzubleiben. Es geht nicht anders. Wie sollte man ansonsten damit umgehen, dass sich Celan nach eigener Aussage nach dem Treffen mit Heidegger so frisch wie seit Jahren nicht fühlte? Nein, einfach ist es nicht, das Geflecht zu entwirren, dem Gesagten und dem Ungesagten Rechnung zu tragen.

Dass es versucht wurde, kann als Verdienst gelten, dass es nicht ganz aufging, liegt nicht am Text an sich. Freilich wird der Rezipient gerade am Anfang mit Namen, Daten und Gegebenheiten überflutet, muss man sich erst einen (Holz-)Weg durch das Dickicht bahnen, selbst wenn man einigermaßen vertraut ist dem Protagonisten. Problematisch ist allein, dass von dem eigentlichen Treffen, das einer der Zeugen „epochal“ nannte, so gut wie nichts bekannt ist. Nicht zu Unrecht wagt deshalb das Werk den Versuch, es kenntlich, es offenbar zu machen – beschlossen durch den lapidaren Nachsatz „So könnte es gewesen sein“. Was tut man nun allerdings, wenn das eigentliche Ereignis, dem sich der Text widmet im Ungesagten der Geschichte verweilen muss? Man schafft Kontexte und Verknüpfungen, Seitenansichten und Perspektivwechsel, so dass sich der Charakter spätestens ab der Hälfte unmerklich wandelt  – von einem Hybrid zwischen Roman, Nacherzählung und wissenschaftlicher Analyse, zu einer Teilbiographie beider Geister, die, doch so verschieden, so grundlegend voneinander getrennt, doch etwas am anderen suchten, was ihnen verwehrt wurde. So bleibt dennoch nur das uneingestandene Miss-Verstehen, wie es Celans Gedicht Todtnauberg vielleicht ausdrückt: Arnika, Augentrost,/ der/Trunk aus dem Brunnen mit dem/Sternwürfel drauf,/in der/Hütte,/die in das Buch/– wessen Namen nahms auf/vor dem meinen? –,/die in dies Buch/geschriebene Zeile von/einer Hoffnung, heute,/auf eines Denkenden/kommendes/Wort/im Herzen, […]“ Vielleicht konnte mehr zwischen den beiden nicht entstehen, vielleicht waren die Gräben, die „Weltanschauung“ und „Bewegung“ verursachten zu groß, vielleicht zu tief, vielleicht zu breit. Dass es versucht wurde, dass auch das Schweigen notwendig zum Gespräch gehört, dessen waren sich Heidegger und Celan bewusst. Aber es gibt dieses und jenes Schweigen – Das aus Furcht und das aus Größe. Wie hier die Möglichkeiten verteilt waren, darüber kann sich jeder Rezipient selbst Rechenschaft geben.

Wer sich also in diese Geschichte versenken will, wer keine Neutralität erwartet, dafür aber ein sehr angenehm geschriebens, unglaublich gut recherchiertes Werk erwartet, dem sei hier eine klare Empfehlung ins Stammbuch geschrieben. Eine Möglichkeit der Begegnung wurde aufgezeichnet, ob es die einzige bleiben muss, kann der Rezipient, der mit kritischer Haltung an die Beschreibungen herangeht, selbst bestimmen. Die Nachzeichnung des Geistesbild, das jene beiden dennoch verband, und das in Hölderlin ihren gemeinsamen Bezugspunkt fand, ist die Lektüre allemal wert. Und so bleiben vielleicht nur seine Zeilen aus dem Gedicht Abschied, um jenem Geheimnis nahezukommen, das Heidegger und Celan aneinander band:

„Trennen wollten wir uns? wähnten es gut und klug?/Da wirs taten, warum schröckte, wie Mord, die Tat?/Ach! Wir kennen uns wenig/Denn es waltet ein Gott in uns.“

Hans-Peter Kunisch

Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung.

dtv-Verlag

331 Seiten (plus Anhänge)

Sebastian Meisel


Ich danke dem dtv-Verlag für das Rezensionsexemplar

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