Ein Gastbeitrag: Samanta Schweblin: Hundert Augen

Stell Dir vor, die alltägliche Überwachung kommt nicht in Form von Geheimdiensten mit komplizierten Protokollen und Abkürzungen (Snowden) oder in handelsüblicher Form mit vielen vermeintlichen Lebenserleichterungen im Hosentaschenformat, sondern mit viel Plüsch und zwei treu blickenden Augen. Klingt absurd? Abwegig? Das ist es und gerade deshalb eine erfrischende Parabel auf unseren Alltag in der Postmoderne, den Samanta Schweblin in ihrem neuesten Roman sehr einfallsreich analysierte.

„Als erstes zeigte sie ihre Titten.“ Ein Satz wie ein Hammerschlag. Dem Leser wird klar, dass hier nicht lange gefackelt wird, sondern sofort in medias res gegangen wird. Hat man bis zu diesem Zeitpunkt weder Klappentext noch sonstige Hintergrundinformationen gelesen, wird man vielleicht etwas verwirrt sein. Natürlich, es geht um Voyeurismus, ein naheliegendes Sujet beim Titel Hundert Augen. Aber was da eigentlich wirklich passiert, was das seltsam rotierende Spielzeug ist, von dem immer wieder die Rede ist, wer die Protagonisten sind und was diese machen – vorerst bleibt alles im Unklaren. Nur eine kryptische Botschaft beendet das erste Intermezzo und hinterlässt einen etwas verdutzten Rezipienten.

Erst allmählich wird klar, dass es nicht um Protagonisten noch Erzählebenen im engeren Sinne geht, sondern um künstliche Lebewesen, die Kentukis genannt werden. So lautete auch der Originaltitel des Romans der südamerikanischen Autorin und es bleibt ein wenig unklar, weshalb dieser in der deutschen Version auf den etwas aufgeladen klingenden Namen Hundert Augen geändert wurde.
Kentukis sind etwa 30cm große Plüschtiere, die man in verschiedenen Formen erwerben kann – etwa als Pandas, Maulwürfe, Drachen, Krähen. Obwohl sie offensichtlich nicht besonders hübsch sind, haben sie dennoch eine besondere Spezialität, oder Gimmick, wie man heute gerne sagt: Sie dienen als Verbindungselement zwischen einem unbekannten und anonymen Nutzer irgendwo auf der Welt. Einer kauft einen Kentuki, ist also „Herr“ und der andere erwirbt den Zugriff auf die Verbindung, ist damit „Tier“. Welche das allerdings ist, bestimmt der Zufall. Durch den Ankauf wird man also in das Privateste hineingeworfen, was es auf diesen Planeten gibt: Die vier Wände eines anderen, die Sicherheit eines anderen Heims. Ein weiterer Reiz kommt auch noch dazu, die Kentukis können nicht sprechen. Will man sich also verständigen, muss sich der „Herr“ also eine Möglichkeit der Kommunikation einfallen lassen. Oder es gefällt ihm (oder selbstverständlich auch ihr), einen stummen Begleiter an seiner Seite zu haben, der zwar das eigene Leben beobachtet, aber in dieses selbst nicht eingreifen kann. Wann der Kentuki wach ist, was er sieht, das bestimmt allein jener andere vor seinem Bildschirm, wichtig ist nur, ist die Verbindung einmal beendet, sei es durch das Nichtladen des Kentukis oder durch eine Zerstörung des Tieres, kann keine neue aufgebaut werden. Verbindung beendet bedeutet den Tod in der „sozialen“ Welt.

Dieser Inhalt klingt nicht nur in der Zusammenfassung abstrus, er ist es auch – einerseits. Andererseits ist doch das, was noch vor wenigen Jahren unvorstellbar war, längst Realität. Hätte man vor zehn oder zwanzig Jahren erzählt, dass man sich in seiner Wohnung mit einem Gerät unterhält, das offensichtlich niemals schläft und nur dazu da ist, die Konsumwünsche eines Kunden aufzuzeichnen und dazu noch von einem der größten Konzerne entwickelt wurde, wäre man dafür nicht auch ausgelacht wurden? Wie absurd erscheint daher heute, in der Zeit des allgegenwärtigen Seelenstriptease, getarnt als Self-Empowerment, wirklich die Idee, dass über ein Spielzeug zwei Menschen aus verschiedenen Kontinenten, Kulturen, Zeitzonen zusammenfinden? Gesetzt den Fall, es gäbe etwas wie einen Kentuki, vielleicht mit einem schicken Apfel als Markenlogo, wie lange würde es wirklich dauern, bis wir uns an einen anderen Menschen in einer Tiergestalt gewöhnt haben – die endgültig vermenschlichte Katze oder der schlussendlich völlig domestizierte Hund?

Schweblins Roman ist also weder weit hergeholt noch im Wortsinn absurd. Was er vor allem ist, er ist realistisch und damit dystopisch. Gleichwohl haben es Dystopien auf dem heutigen Buchmarkt nicht leicht. Es gibt einfach zu viele von ihnen. Ob in bekannten naturwissenschaftlichen Milieus spielend, ob als Verschwörungstheorien mit der katholischen Kirche im Mittelpunkt, um Katastrophen kreisend oder doch zumindest Stromausfällen, überall boomt der Markt der dystopischen Literatur. Sicher nicht zu Unrecht, wenn man sich die Ereignisse der vergangenen Jahre genauer anschaut, aber das ist ein unbedeutender Allgemeinplatz. Beliebt, vor allem seit Dave Eggers The Circle, sind auch wieder jene Dystopien, die Technik und die menschliche Hybris in den Vordergrund stellen. Zu diesem Subgenre gehört auch Schweblins Roman. Gleichwohl macht sie vieles besser als Eggers völlig überbewerteter Zirkelschluss.

Das beginnt schon in der Gestaltung der Handlung. Zwar treten viele unterschiedliche Figuren auf und hier hätte man durchaus etwas reduzieren können, aber die Hauptfiguren bleiben mehr oder weniger konstant und treten immer wieder an den verschiedenen Teilen der, sagen wir, Handlung auf. Denn eine eigentliche Narration im Sinne einer kohärenten Linie gibt es naturgemäß nicht. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven, Altern, sozialen Lagen. Die Anliegen der Figuren sind andere, mal mehr, mal weniger radikal, experimentierfreudig oder spießig. Aber sie sind vorstellbar und allein das spricht für die Figurenzeichnung. Dass man sich an manchen Stellen ein wenig mehr Handlung gewünscht hätte, die Figuren durchaus manchmal näher kennengelernt hätte, sei an dieser Stelle angemerkt. Die Nicht-Bindung an die Figuren entspricht durchaus der inneren Handlungslogik. Dem Leser geht es wie dem „beseelten“ Kentuki, der auch nur immer Ausschnitte aus dem Leben des anderen mitbekommt, insofern der Besitzer der Verbindung nicht 24h vor seinem Bildschirm sitzt. Abgründe, gar Horror, wie der Klappentext verspricht, lässt sich damit naturgemäß nicht erzeugen. Wenn es darum hätte gehen sollen, dann hätte Hundert Augen ein Thriller werden müssen, und glücklicherweise verzichtete die Autorin darauf.

Darunter leidet an manchen Stellen manchmal die Spannung. Immer, wenn man als Rezipient hofft, dass nun doch endlich der große Handlungsbogen beginnen möge, das erregierende Moment endlich in sein Recht tritt, bricht eine Figurenhandlung wieder ab. Dem Roman schadet das aber nicht, ganz im Gegenteil. Denn die Autorin entwickelt ihre eigene Narration durchaus klug und hintersinnig. Anstatt sich mit einer langatmigen Geschichte zu quälen und am Ende den tausendsten Aufguss von Orwells 1984 zu erzeugen, inklusive einer gut recherchierten und begründeten Hintergrundgeschichte zum Konzern der Kentukis und Weltverschwörung und all jenen manchmal unverdaulichen Elementen einer heutigen Dystopie, entsteht eine fragmentarische, aber dabei nie langweilige Handlung, die sich gerade aus der Pluralität speist. Auch wenn ab und an die letzte Konsequenz in der Erzählung fehlt, sind es vor allem die Introspektionen der Figuren, die durchaus zum Nachdenken anregen. Die auffällige Betonung des Verhältnisses von Herrn und Knecht erinnert dabei sicher nicht zufällig an Hegel, der aus diesem dialektischen Widerspruch überhaupt erst die Entstehung von Selbstbewusstsein und Identität ableitet.

Im Anderen erkennen wir uns selbst wieder – in unserer Abgründigkeit wie unserer Menschlichkeit. Der andere bleibt dabei zwar nur Simulation, Annahme eines anderen, aber deshalb ist er durchaus vorhanden, Mit-Vorhanden in unserer je eigenen Welt. Dass hierbei natürlich keine Öffentlichkeit folgt, sondern im Gegenteil das Private unendlich in jeden anderen Privatraum verlängert wird, liegt dabei auf der Hand. Daraus folgt aber, und auch das beschreibt Schweblin sehr klug, keine Abschaffung des Privaten, sondern die Erweiterung dieser Sphäre. Eine Form der geteilten Privatheit, die noch keine Menschheitsgesellschaft erschafft, sondern vielmehr den Menschen in seiner ganzen Ambivalenz zeigt. Vom Perversen, zum Sadisten, vom Einfühlsamen zum Liebenden ist das Empathievermögen des Menschen praktisch unendlich. Damit wird aus der Dystopie noch keine Utopie. Schweblin beschreibt keine hoffnungsvolle Möglichkeit auf eine humanere Gesellschaft durch den Menschen. Vielmehr leuchtet sie ihn selbst auf, in seinen Möglichkeiten, Gemeinheiten und Visionen, in seinem positiven wie negativen Potential. Dass uns hierbei das Negative immer noch mehr trifft, sprachlos macht, verletzt, liegt in der Natur der Sache. Dass es wiederum kein Naturgesetz sein muss, dass immer alles nur schlimmer wird, zeigt die Autorin ebenfalls.

Am Ende muss man sagen, dass mit Hundert Augen ein durchaus flott zu lesender, kluger Roman vorliegt, der als Parabel auf die globalisierte Menschheit fungiert und deshalb einige Selbstbetrachtung notwendig macht. Es ist weniger die Handlung selbst, als die Fragen, die sich aus ihr ergeben, die den Roman lesenswert machen. Und vielleicht bleibt am Ende doch ein kleines Stück Hoffnung in der technisierten Welt zurück.


Sebastian Meisel


Samanta Schweblin
Hundert Augen
Suhrkamp
252 Seiten
22 Euro

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