Gastbeitrag: Gertrud Leutenegger – Späte Gäste

Das Kind und der Vater. Wilhelm Tell und die Flüchtlinge. Italien und die Schweiz. Tal und Berge. Nicht nur als Symbole, sondern als Mosaik der Welt. Verwoben und dennoch getrennt. Getrennt und dennoch zueinander gehörend. All das hat Platz in dem großartigen neuen Roman von Gertrud Leutenegger.

Was ist das, die Erinnerung? Was erinnern wir denn, wenn wir etwas wiederholen? Was wird denn wieder-geholt in der Wiederholung? Was ist also die Welt, in der wir vermeintlich und so selbstverständlich leben? Eine Kostprobe: „Es ist Nebel, der nachts aus der Tiefe steigt, über den ovalen Platz mit den Bäumen hinwegweht, von den Scheinwerfern der Kirche angestrahlt und den blaßroten Verputz der Fassade reflektierend wie ein Feuerschein über dem Dorf bleibt. Ich muß an die Heimkehrträume so vieler Ausgewanderter denken. Wie oft waren es vielmehr als Angstträume. Das Alpenglühen rückt aus und geht um das Vaterland herum!“ In dieser fast schon melancholischen Langsamkeit, die sich so bewusst einem modernen Schreibstil entzieht, ist die ganze Handlung gestaltet. Das ist zuweilen durchaus sperrig und entzieht sich einer leichten Interpretation, durchaus, aber das ist das Herzstück jeder Literatur. Aber hierzu später mehr.

Kernstück der Handlung ist ein Dorf an der schweizerisch-italienischen Grenze. Die Erzählerin kommt wieder hierher zurück, in das, was man wohl am ehesten als Heimat bezeichnet, sowohl im besten wie im schlechtesten Wortsinne. Orion ist verstorben, ihr Begleiter über so viele Jahre. Ihr Lebenspartner, gar Ehemann? Darüber schweigt die Erzählerin, gibt allenfalls kurze Andeutungen. Scheinbar doch der Vater ihres Kindes, zumindest. Das Kind, das in der gesamten Narration als „Das Kind“ angesprochen wird, ist noch nicht eingetroffen. Immer wieder träumt sich die Mutter, die Erzählerin, in es herein, wie es in einem Zug sitzt, wie es vorher, in seinen frühen Jahren, bei der Mutter war.

Es ist Februar. Fasnacht in der Schweiz. Und damit wird das eigentliche Motiv sichtbar. In der Fasnacht treffen die Lebenden auf die Toten. Symbolisch, in Form der Lebenden. Es treten die Hässlichen und die Schönen auf, die Dämonen und die Engel. Das Frühjahr beginnt, die langen Nächte gehen langsam zu Ende, der Winter, diese herrlich schön-lebensfeindliche Jahreszeit, vor allem im Hochgebirge, vergeht. Zeit, um innezuhalten. Fastenzeit, Besinnungszeit, bevor die Überfülle der Natur wieder hervorbricht. Der Tod also, der die Erzählerin in das Dorf zurückzieht, hat also drei Dimensionen. Zum einen der persönliche Tod des Orion, des verschroben-seltsamen Gefährten, zum anderen das Erinnern an den Nun-Toten, an den Lebenden hinter dem Leichnam und zum letzten der symbolische Tod, bevor das Leben wieder beginnt. Ein großes, zyklisches Spiel, ein Wiederaufführung, wie auch in den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor. Diesmal unterbrochen von den Flüchtlingen, die sich im Grenzgebiet sammeln, bevor sie weiterreisen in die Schweiz, nach Deutschland, Frankreich, Großbritannien. Unterbrochen? Nein, sondern neu kontextualisieren. Wo sie sind, da ist auch der Tod im Mittelmeer, auf Lesbos, in der Wüste. Sie, die Lebenden, sind die titelgebenden Späten Gäste, die in ihrem Leben auch den Tod mitbringen. Sie erweitern also die traditionelle Erinnerung, stören sie, begründen sie neu.

Gleichsam stehen sie, die Flüchtlinge und Migranten, nicht im Mittelpunkt der Handlung. Anders als bei jüngeren Veröffentlichungen, ist Späte Gäste kein Roman über die Flüchtlingskrise, über Schuld und Haltung, über Extremismus und Bedrohung. Zumindest nicht in erster Linie. Die Erzählerin, die in einer alten Villa, dem Wirtshaus, die Nacht verbringt, wird auch von jenen heimgesucht. Aber sie betrachtet die Wesen mit einer fast kalten Distanziertheit. Keine gemeinsamen Geschichten über Flucht und Vertreibung am Kaminfeuer, kein gemeinsames Mahl in der neuen Heimat, sondern nur entferntes Beobachten.

Das alles geschieht im Zwischenreich zwischen Schlafen und Wachen. Die Erzählerin möchte wach bleiben, eine Totenwache eigener Art. Ein bewusstes Verweigern des Schlafes, ein Eintauchen in den Zwischenraum zwischen den Welten. Wenn es stimmt, dass jeder Schlaf ein kleiner Tod ist, so wiederholt sich in dieser alltäglichen Handlung an jedem Tag das Wunder von Geburt und die Tragödie des Todes. Der Traum ist jene Zwischenwelt, doch so echt, so wirklich und doch nicht Wirklichkeit im eigentlichen Sinne. In diesem Zwischenraum befindet sich die Erzählerin während der Geschichte. Träume und Erinnerungen bedrängen sie, aus der eigenen Kindheit, aus jener des Kindes. Momente des Glückes, Momente der Trauer, furchtbare und leidenschaftliche Gedanken. Das alles ohne innere Konstanz, hier wird keine Lebensbeichte abgelegt, keine Sühne getan. Alles wird in einer Unmittelbarkeit erzählt, die fast an die Versuche über den Bewusstseinsstrom bei James Joyce erinnern. Immer wieder wird die Erzählung gestoppt, gebrochen, nicht auserzählt. Andeutungen häufen sich an Andeutungen, dem Rezipienten bleibt es überlassen, das Bild zu zeichnen. Immer wieder wird auf wiederum in der Handlung selbst auf Kunstwerke, auf Fresken rekurriert, die niemals fertig sind, immer wieder neu gezeichnet werden müssen. Analog gilt dies für die Narration. Ein Bild im Bild eines Bildes.

Es muss wiederholt werden: Das ist anstrengend. Die Handlung verweigert sich einer klaren Deutung, der Text steht für sich als er selbst. Damit wird das normale Bewusstsein des Rezipienten verwirrt, der doch eine Handlung nachvollziehen will, ein Charakterbild aufscheinen lassen möchte. Was hier passiert ist all jenes, was die Theoretiker des Poststrukturalismus vorschlugen: Die Selbstaneignung des Textes durch den Leser. Man muss die Erzählerin selbst werden, sich selbst in den eigenartigen Zwischenraum zwischen Wachen und Schlafen bewegen, wenn überhaupt etwas wie ein ästhetisches Bewusstsein erwachen soll. Es ist zugegeben, diese Form des Romans ist etwas für die tiefgreifende Analyse, für das Spiel mit Worten, Zeichen und Symbolen. Aber eben auch das ist Literatur. Man sollte solche Texte nicht vorschnell als „akademisch“ oder „intellektuell“ abkanzeln, sondern sich bewusst machen, dass auch dies Literatur ist. Eine manchmal ärgerliche, hermetische, sich immer wieder entziehende Form des Umgangs mit Sprache, mit Welten und Erzählungen.

Damit entfällt der Roman auch für all jene, die Literatur als gefälliges Hobby benutzen wollen, zum Ausruhen nach einem harten Tag in der Wirklichkeit. Wenn man „Späte Gäste“ zur Hand nimmt, dann sollte man dieser Geschichte auch den Respekt erweisen, den sie verdient. Man muss sich einlassen können, träumen beim Lesen, denken beim inneren Gespräch, sich selbst der Wiederholung und der Erinnerung in unserem Leben aussetzen. Selbst mit Symbolen und Zeichen spielen. Den eigenen Orion am Sternenhimmel suchen. Gertrud Leutenegger ist ein großartiger Roman gelungen, der hoffentlich auch noch in vielen Jahren immer und immer wieder rezipiert wird, der wenige Vorbilder hat (vielleicht noch Christa Wolf) und seiner Komposition so gelungen ist, dass man ihn nur ganz oder gar nicht lesen kann.


Sebastian Meisel


Gertrud Leutenegger
Späte Gäste
Suhrkamp 2020
175 Seiten, 22 €

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