Ein Gastbeitrag. Andre Hille: „Das Rauschen der Nacht“

Die Hölle, das ist der Alltag. André Hilles Erstling ist ein gut komponierter Roman über eine typische deutsche Mittelschichtsfamilie – ohne besonderes Geheimnis, ohne Leiche im Keller. Und gerade deswegen ein durchaus faszinierendes Sittengemälde einer aussterbenden Spezies.

Jonas und Birte. Jeremias und Sophie. Man kann sich kaum spießerische Namen in der Gegenwart vorstellen. Wie die Namen schon ankündigen, leben die vier Personen, die Eltern Jonas und Birte und die Kinder ein brutales, alltägliches Leben. Sie besitzen ein neu gebautes Haus, er ist Geschäftsführer eines Start-Ups, sie irgendwo gefangen zwischen Elternzeit, freiberuflichem Journalismus und dem Druck der Eltern „doch endlich etwas solides zu arbeiten“, was in Birtes Fall bedeuten würde, Lehrerin zu werden.

Nichts zeichnet diese Familie aus. Sie leben ein solides Leben, irgendwo zwischen Wochenmarkt und den üblichen, kleinen Sorgen. Man fragt sich schon nach wenigen Seiten, wie aus diesem Konglomerat ein spannender, 250 Seiten langer Roman werden soll. Welche dunklen Geheimnisse wohl verborgen sind, dort in dem Einfamilienhaus irgendwo in der Nähe Hamburgs. Eine Entführung, gar ein Mord? Irgendeine tragische Familiengeschichte? Nein, nichts davon. André Hille beschreibt auch im Fortgang das Leben einer typischen Familie in der deutschen Mittelschicht. Der spannendste Moment? Vielleicht als die Finanzierung des Kredits für das Start-Up auf der Kippe steht und durchaus ausführlich über die Vor- und Nachteile von verschiedenen Kreditplattformen gesprochen wird? Oder doch jener „Pitch“, also die Vorstellung des Unternehmens vor verschiedenen Investoren?

Nein, das ist weit weg von jeder Ironie. Darüber wird tatsächlich gesprochen und auch wenn es sich verständlicherweise langweilig anhört – der Roman ist es nicht. Das liegt vor allem an dem Stil des Werkes. Kurze, fast schon lakonische Sätze reihen sich aneinander und erzeugen so den Eindruck einer gleichbleibenden, gleichförmigen Erzählzeit. Nur an wenigen, ausgesuchten Stellen beschleunigt sich der Satzverlauf, die Sätze werden noch knapper, gehetzter. Das ist auch für den Wenig-Leser durchaus schaffbar, die Seiten lesen sich schnell durch, ohne dass man das Gefühl hat, eine wichtige Information verpasst zu haben. Es wirkt durchaus wohltuend im Vergleich zu manchen ambitionierten Erstling, bei dem man sehr schnell denkt, dass er durch die poststrukturalistische Sprachverwirrung gegangen sei. Aber ein bequemer Lesegenuss ergibt am Ende noch kein gutes Buch. Ist „Das Rauschen der Nacht“ also ein lesenswertes Debüt?

Die Frage kann an dieser Stelle nur mit ja beantwortet werden, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum einen sind es Sätze wie diese, wenn es um die Schwiegereltern von Jonas geht:

Dann Umzug nach Niedersachsen, raus aus der Enklave, denn Niedersachsen hat gut bezahlt und alle Lehrer verbeamtet. Haus gebaut, zwei Kinder bekommen und gut vierzig Jahre durchgearbeitet. Kann es das sein?, fragte ich mich jedes Mal, wenn ich durch diese Tür trat. Andererseits fühlte es sich immer, wenn ich hierherkam, an wie ein Hort der Glückseligkeit. Als hätte man eine unsichtbare Mauer durchschritten und ließe alle Unbill der Welt hinter sich.

Es ist manchmal etwas unsicher, ob sich hinter Sätzen wie diese eine beißende Ironie versteckt, die man nur über gewisse Interpretationsverfahren auffinden könnte. Man muss aber eher davon ausgehen, dass hier eine treffende und bezeichnende Wahrheit beschrieben wird, und das ist der zweite, wichtige Aspekt des Romans: Der Hunger nach Sicherheit jener Generation, die rund um die Wiedervereinigung geboren ist.

Jonas ist knapp vierzig, sein Job durchaus prekär, wenn auch gut bezahlt. Birte ist noch auf dem Weg der Selbstfindung (vielleicht doch ein Blog? Freies Schreiben? Aber wie dann die Rechnungen bezahlen?). Ihr gemeinsames Leben ist eine Simulation der alten, vor allem westdeutschen, Behaglichkeit. Job, Haus und Kinder, aber natürlich auf die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts angepasst. Ein Beamtenverhältnis ist langweilig, zu zweit in einem Start-Up arbeiten und dabei der Verbesserung der Welt dienen, das ist das angesagte Leben. Dass man dennoch zum Einfamilienhaus auf dem Land tendiert, endlich mal „Landluft“ riechen kann, vielleicht sogar einen kleinen „Selbstversorger“-Garten anlegt, während man mal eben nach Berlin oder Hamburg einen Geschäftsausflug macht (natürlich klimaneutral im Zug), gehört immer noch in die Vorstellungen von einem gelungen Leben.

Das ist natürlich vollständig lächerlich und demaskiert die fatale Bezogenheit der Generation 30+ auf rein materielle Gegebenheiten. Diese wird dann auch noch zusätzlich, auch um die Fokussierung für sich selbst ertragbar zu machen, mit einem inhaltsleeren, meist auch moralisch angehauchten, Idealismus garniert. Denn alles in diesem Leben ist dysfunktional. Die Ehe funktioniert nur noch auf der Ebene der Partnerschaft und das heißt Freundschaft. Die Kinder sind süß, aber dennoch ab und an eine Zumutung, auch wenn man sich das nicht eingestehen will. Die Schwiegereltern durchtriebene, geldfixierte Alt-68er, die längst im gesellschaftlichen Mainstream angekommen sind. Der Vater ein vergessener Alkoholiker und der Bruder längst aus den Augen verloren. Hilles Roman beschreibt die Hölle des Alltags punktgenau und mit einem gewissen sprachlichen Talent. Daher muss in der Geschichte selbst nichts passieren, was man nicht auf die eine oder andere Art und Weise schon mal gehört oder gar selbst erlebt hat. Der Wunsch nach Freiheit, die sich bei Jonas durch eine (selbstverständlich) Affäre ausdrückt, offenbart nur den tiefen Grundwiderspruch dieser Generation: Freiheit wird durch Sex, Konsum und vermeintliche Eigenständigkeit erworben und damit mit einem Gut verwechselt. Als wäre Freiheit etwas, was man an einem verkaufsoffenen Sonntag bei OBI erwerben kann. Und wenn man Freiheit nicht erreichen kann, dann tauscht man sie eben ein, etwa gegen Sicherheit – als wäre Geborgenheit schon ein Wert an sich. Was nützt aber Geborgenheit, wenn der Partner immer fremder wird? Wenn man ständig an dem zweifelt, was man tut? Wie Adorno richtig schrieb, es gibt eine „transzendentale Obdachlosigkeit“. Der völlige Verzicht auf jedes reflektierende Denken, der Verlust eines bestirnten Himmels, über den sich noch Kant begeistern konnte, zeigt eine essentielle Leerstelle innerhalb dieser verlorenen Leben an.

Jonas ist ein ernsthaft bedauernswerter Tropf. Ein lächerlicher Versager, der, auch wenn er anders wirken mag, in Wahrheit nichts im Griff hat, keine Vorstellungen, keine Träume, keine Ziele besitzt, die irgendwie originell wären. Das Rauschen der Nacht ist durchaus in der Nähe zu den Erfolgsromanen Dörte Hansens geschrieben. Auch Hilles Roman zeichnet die poetische Zeichnung des vermeintlichen Landlebens aus, auch bei ihm sind es „normale“ Menschen, die in ihrem normalen Leben dargestellt werden. Wo jedoch Hansen eine fast schon geschichtlich-psychologische Studie der Moderne vorlegt, weicht Hille hiervon ab. Er lässt Jonas sprechen, lässt den Leser ihn begleiten, über die Schulter schauen, an seinem Leben teilhaftig werden. Das erzeugt eine eigentümliche Nähe, die aber niemals vollständig wird. Und der Grund dafür kann nur mit Hölderlin wiedergegeben werden: „Über dir und vor dir ist es freilich leer und öde, weil es in dir leer und öd ist.“


Sebastian Meisel


André Hille
Das Rauschen der Nacht
Blessing-Verlag
254 Seiten
22 Euro

Ein Kommentar

  1. Hallo,
    irgendwie muss ich da an „Nach Feierabend“ von Kathrin Spoerr und Britta Stuff denken, das auch völlig unspektakulär daherkommt und wo oberflächlich betrachtet nur sehr wenig passiert. Nur Menschen, die mit dem eigenen Alltag kollidieren. Das fand ich großartig, deswegen fühle ich mich gerade auch von „Das Rauschen der Nacht“ stark angesprochen.
    Sehr schöne Rezension!
    LG,
    Mikka

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