Gastbeitrag: Ernst Jünger: Kriegstagebuch 1914-1918 und Gespräche im Weltstaat

„Wann hat dieser Scheißkrieg ein Ende?“ – Die Wirklichkeit der Stahlgewitter

Ernst Jüngers Stahlgewitter. Verfemt und verehrt. Gelesen, gehasst und geliebt. Zumindest der Titel sollte den literarisch interessierten Leser:innen bekannt sein, wenngleich auch meist als Gegenspieler des beliebtesten Romans über den Ersten Weltkrieg Im Westen nichts Neues. Dabei ist die Geschichte von Jüngers Stahlgewittern eine Angelegenheit, die verschiedenste Forscher:innen über Jahrzehnte beschäftigte, beileibe nicht nur aus dem konservativen Spektrum. Denn so vielfältig wie der Autor selbst, der mit 102 Jahren verstarb und wirklich ein Zeuge des 20. Jahrhunderts war, ist auch sein Werk. Streichungen, Ersetzungen, Anpassungen an den Zeitgeist waren stetige Begleiter seines literarischen Schaffens, das mit den Stahlgewittern seinen Anfang nahm.

Mit gerade einmal 25 Jahren wurde Ernst Jünger, siebenmal im Weltkrieg verwundert und ebenso oft ausgezeichnet, zuletzt mit dem höchsten deutschen Militärorden, dem Pour le Mérite, zu einem Shooting-Star der konservativ-nationalen Literaturszene der formierenden Weimarer Republik. Seine Schrift In Stahlgewittern. Aus den Tagebüchern eines Stoßtruppführers erreichte schon früh hohe Auflagen und machte den Autor einem großen Publikum bekannt. Es war und ist vor allem der Ton des Buches, der die Lektüre so faszinierend macht, egal ob man abgestoßen oder angezogen von ihr ist. Der vermeintlich kalte, „objektive“ Blick auf das Grauen des Schützengrabenkrieges blieb von da an Jüngers Markenzeichen. Da werden Freunde, Kameraden, Gegner, Feinde nach und nach durch willkürliche Zufälle aus dem Leben gerissen, da schlägt eine Kugel einem Posten den halben Schädel weg, Jünger schildert diese Begebenheiten in der vermeintlich größten Ruhe, wie einen zufälligen Unfall, den niemand verhindern konnte.

Es ist daher auch schwer zu bestimmen, was die Stahlgewitter eigentlich sind. Roman, autobiographisches Fragment, Kriegserinnerung, Autofiktion? Oder alles zusammen und gleichzeitig gar nichts von allem? Unabhängig von diesen Genre- und Klassifizierungsfragen bleibt die Schrift dennoch für das Verständnis der menschlichen Grausamkeit und der Menschlichkeit in der Grausamkeit von enormer Bedeutung. Das Geheimnis der Stahlgewitter ist weniger seine Beschreibung des Weltkrieges, sondern die Perspektive auf die menschliche Tragödie: Das Ausgeliefertsein des Menschen an die Brutalität der Technik und an die vermeintlich befreiende Rationalität. Nichts weniger als ein Panorama der weltlichen Hölle beschreibt Jünger, wenngleich dies natürlich unter dem Blick des „Kriegers“ und Abenteurers gesehen wird.

Die 2010 erfolgte erstmalige Ausgabe der originalen Kriegstagebücher von Helmuth Kiesel, dem wahrscheinlich bedeutsamsten Jünger-Forscher, wurde aus all den genannten Gründen von den Kennern des originalen Romans mit Spannung erwartet. Welche Differenzen würden sich ergeben? Wo „polierte“ Jünger seine Sprache, seine Erinnerungen, seine Gedanken? Was würde anders sein? Bevor diese Fragen beantwortet werden, ein Wort zu der Ausgabe selbst.

Die Neuauflage der Kriegstagebücher richtet sich ohne Frage an das Fachpublikum und den interessierten Laien. Gleichwohl ist das schon fast schade, denn was Klett-Cotta und Helmuth Kiesel mit der Ausgabe gelungen ist, sucht seines gleichen. Nicht nur, dass sie ungewöhnlich gut lesbar ist (und überraschend günstig), sondern weil es auch für jemanden, der noch nie von Ernst Jünger oder den Stahlgewittern gehört hätte, eine lohnende Lektüre wäre. Das liegt vor allem am umfangreichen Anhang, der in etwa 200 zusätzliche Seiten umfasst und nicht nur die editorischen Notizen enthält, sondern auch einen breiten Anmerkungsapparat. In diesem werden nicht nur allfällige editorische Fragen behandelt, sondern auch die geographischen, politischen und historischen Besonderheiten nachgezeichnet, so dass sich dem/der Leser:in ein abgerundetes und vor allem nachvollziehbares Bild des Lebens Jüngers im Ersten Weltkrieg bietet. Immer wieder angereichert durch Kartenmaterial und Verweise auf die Sekundärliteratur, ist der Anmerkungsteil nicht nur hilfreich, sondern rundet eigentlich erst die Lektüre ab. Man könnte sicherlich diskutieren, ob dem Werk nicht eine Hardcover-Ausgabe gut getan hätte, aber das ist in diesem Fall tatsächlich nebensächlich.
Im eigentlichen Hauptteil, also den Tagebüchern selbst, gibt es immer wieder kleine Kopien von Zeichnungen oder kleinere Textproben aus den Originalen. Das ist meist ohne größeren literarischen oder historischen Wert, aber gleichwohl schafft es eine bestimmte Atmosphäre: Als säße man selbst über den Originalen, würde versuchen die eigentümliche Schrift Jüngers zu entziffern. Als würde man ihm über die Schultern schauen, wenn er in einer kurzen Gefechtspause die Notizen in sein Büchlein kritzelt. Das ist wirklich, um es zu wiederholen, außerordentlich gut und überzeugend gelungen – ein Lob, das nicht oft bei dieser Art Editionen ausgesprochen werden kann.

Aber zurück zu den vorherigen Fragen. Bemerkenswert ist, dass sich die Version der Tagebücher und diejenige, die schließlich in den Stahlgewittern Verwendung findet, gar nicht so unschuldig ist. Natürlich spielen manche alkoholische Eskapaden beim der Plünderung feindlicher Gräben eine geringere Rolle, sind manche persönliche Beziehungen nur angedeutet, die im Hauptwerk später mehr ausgeschmückt wurden. Auch die angedeuteten Beziehungen zu der einen oder anderen französischen Frau sind in den Kriegstagebüchern wesentlich präsenter – ebenso deren Folgen. Aber alles in allem gibt es keine größeren Leerstellen oder gar Ereignisse, die bedeutsamer ausgeschmückt wurden, als dies vielleicht im Original der Fall war. Viel bedeutender ist eine andere Tatsache: Man lernt, auch wenn man das Werk Jüngers vielleicht schon einigermaßen durchdrungen hat, einen neuen Autor kennen. Einen Mann, der wirklich erst 20 Jahre alt ist, als er mit den Aufzeichnungen beginnt.

Die Stahlgewitter – hier sei auf die historisch-kritische Edition ebenso von Helmuth Kiesel verwiesen – hatte verschiedene Überarbeitungsphasen, in denen mal mehr oder weniger wichtiges gestrichen oder hinzugefügt wurde. Aber die ganzen Auflagen und die Eingriffe in diese bewirken, dass durch den Text doch immer der ältere Ernst Jünger spricht – jener, der sich bewusst die Beobachterrolle in einer Welt suchte, die aus den Fugen geriet. Die Kriegstagebücher verraten einen anderen Menschen, einen zerbrechlicheren, noch lange nicht so abgeklärten Kämpfer, der das „innere Erlebnis“ in der Hitze der Schlacht sucht. Aber man stelle sich dies auch vor: Gerade 19 Jahre alt, mit einem frisch bestandenen Not-Abitur in der Tasche (und nach einem kleinen Ausflug zur Fremdenlegion) zieht man in die Gräben des 1. Weltkrieges, sieht tagtäglich den Tod und die Verwundeten, tötet und weiß nie, wann das Schicksallos auf einen selbst fällt. Als der Krieg beendet ist, zählt Ernst Jünger 23 Jahre, ist Offizier und mit allen Orden behangen, die man so bekommen konnte – und ist im Grunde ein alter Mann.

Man kann diese Transformation in der kurzweiligen Lektüre nachvollziehen. Wie sehr ist der erste Tote noch ein Ereignis, wie wenig am Schluss der Tod ganzer Mannschaftszüge. Nur als einmal fast seine ganze Kompanie mit einem Schlag durch einen Granateinschlag vernichtet wird, scheint beim Autor etwas ins Rutschen zu kommen. Die Aufzeichnungen hinterher sind auf einmal noch kälter, noch feindseliger, nicht nur gegen den Gegner, sondern auch gegen die Soldaten hinter der Front – die Etappenschweine – und die kaltblütigen Karrieristen in den oberen Offiziersrängen, für die der Einzelne stets nur Figur auf einem Brett ist. Das Grauen des Artilleriekrieges, der Wahnsinn des mechanisierten Schlachtens, in den Kriegstagebüchern wird er nochmal auf eine andere Art erfahrbar. Ebenso wie das eigentliche Fehlen eines Gegners – dieser bleibt, bis auf wenige Stellen, anonym, unsichtbar und dennoch tödlich. Man möchte einen der letzten Sätze, den Jünger in das Tagebuch schrieb mit einer Ausnahme unterschreiben: „Ich bin kein Mann der Feder, trotzdem hoffe ich, daß mancher, der dies Buch aus der Hand legt eine Ahnung bekommen hat von dem, was von uns Infantristen geleistet wurde.“ Er wurde ein Mann der Feder, und man kann aufgrund seines Werkes trotz aller Kontroversen eigentlich nur darüber glücklich sein.

Wer dann noch nicht von Ernst Jünger genug hat oder ein langes Weihnachtsfest neue Lektüre erfordert, kann zur Lektüre des Bandes Gespräche im Weltstaat greifen, herausgegeben von Rainer Barbey und Thomas Petraschka. In diesem umfangreichen, mit großem Aufwand recherchierten, Sammelband finden sich im Grunde alle wesentlichen Wortmeldungen Ernst Jüngers – und davon gibt es einige. Ob zu seinem Werk, zur politischen Lage, seinen Erfahrungen, seinen Drogen, zur Atombombe, der fortgeschrittene Jünger-Jünger findet hier einen Text. Dass dabei meist heillose Verehrung das Gespräch prägt ist schade, aber wohl dennoch nicht zu vermeiden. Kritische Fragen an Jünger findet man nur vereinzelt und insgesamt wird dem Kriegerpoeten ungemein viel Raum für seine Sicht der Dinge gegeben. Das muss allerdings nicht zwingend ein Problem darstellen, insofern man die Fähigkeit des Zwischenlesens beherrscht. Aber auch an dieser Stelle sei dem Klett-Cotta-Verlag wieder ein großes Lob ausgesprochen, denn wieder wird die Wiedergabe der Texte durch einen reichen Anmerkungsapparat und Kommentar begleitet, der die Kontextualisierung einfacherer macht. Gleiches gilt natürlich auch für die Bibliographie und das umfangreiche Personenregister, so dass man sich immer wieder innerhalb der Ausgabe neu orientieren kann.

In den Gesprächen im Weltstaat tritt dem/der Leser:in jener Ernst Jünger entgegen, den man vermeintlich besser kennt – den philosophischen Literaten, der den Geheimnissen der Welt auf der Spur ist. Der von Kristallbildungen, Brüchen, Wenden, von Architektur und Pflanzen erzählt und dies alles mit den Geschehnissen der Zeit in Verbindung bringt. Ein Auszug hieraus: „Wir kennen außer den technischen Prognosen und Utopien auch Voraussagen wie jene des Joachim de Fiore, nach der dem Zeitalter des Vaters und des Sohnes das des Heiligen Geistes folgt. Ihm würde ein Drittes Testament entsprechen, das sich im Johannesevangelium und der Apokalypse andeutet. Damit konform geht die Weltuhr der Astrologen: Dem christlichen Zeichen der Fische schließt sich das des Wassermanns und mit ihm eine hohe Vergeistigung an.“ Das ist in etwa der Ton, mit dem über seine Gegenwart gesprochen wird – hoffnungslos und dennoch in der Überraschung des Zu-Erwartenden. Ein Prophet älterer Ordnung, der den Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft immer voraussah und dennoch nicht der Angst nachgeben wollte: „Daß sich der technische Fortschritt aufhalten lässt, widerspricht den Erfahrungen. Im Weltstaat liegt die einzige Hoffnung, die aus dem Dilemma führt.“


Sebastian Meisel


Ernst Jünger: Kriegstagebuch 1914-1918
Hg. v. Helmuth Kiesel
Klett-Cotta-Verlag
659 Seiten
20 Euro

Ernst Jünger: Gespräche im Weltstaat. Interviews und Dialoge 1929-1997
Hg. v. Rainer Barbey und Thomas Petraschka
Klett-Cotta-Verlag
575 Seiten
45 Euro

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