Gastbeitrag: Jonathan Lear – Radikale Hoffnung

Was bleibt am Ende? – Jonathan Lear: Radikale Hoffnung. Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung

Amerika im 19. Jahrhundert. Eine Zeit, in der die Gegensätze, die die Vereinigten Staaten bis heute durchziehen, ihren Ursprung nehmen. Von den Einen als eine Zeit der unbegrenzten Freiheit, der unbegrenzten Weite idealisiert, als Gründungsmythos des Frontier-Glaubens. Von den Anderen als Zeit des Sündenfalls betrachtet, in dem die Institutionen der Sklaverei und der hemmungslosen Ausbeutung des riesigen Raums auf dem nordamerikanischen Kontinent begann. Dazwischen, immer wieder neu thematisiert, die indigenen Völker – Indianer. An der Bezeichnung wird auch im folgenden festgehalten, vor allem weil der Autor, der selbst im Reservat der Crow lebte, diese Begriff benutzt und die Stammesangehörigen selbst von sich in mit diesem Begriff sprechen.

Ohne Frage begann mit dem immer weiteren Ausgreifen der Weißen auf die fruchtbaren Prärien ein jahrzehntelanger Todeskampf der indigenen Kultur. Dezimiert durch unbekannte Krankheiten, abgedrängt in fernstehende Gebiete, durch demographischen Zuzug immer weiter in die Ecke gedrängt, wurden die heroisch kämpfenden irgendwann Opfer grausamer US-Soldaten oder gingen eben schweigend in ein Leben voller Alkohol, Misshandlung und Gewalt. So die gängige Erzählung. Was hat das aber alles mit Radikaler Hoffnung zu tun? Sieht so ein Hoffnungsfunke im Angesicht eines kulturellen Niedergangs aus – und wenn dem so wäre, müsste man nicht an dieser Stelle aufhören zu lesen? Wäre mehr Defätismus ertragbar?

Das von Jonathan Lear vorgelegte Großessay schafft es dennoch aus dieser grundlegend traurigen Narration etwas für die Gegenwart abzuleiten – wie er das schafft, wird im Verlauf dieser Besprechung erläutert. Lear, Philosophieprofessor in Chicago, hat eine besondere Beziehung zu einem Indianerstamm, der auch die Hauptrolle in seinem Werk einnimmt: Die Crow. Vermutlich einer der unbekannteren Stämme, zwischen Sioux, Apachen und Mohikanern, aber dennoch kein unwichtiger. Jonathan Lear besuchte diesen Stamm nicht nur immer wieder, er zog auch in ihr Reservat, lebte mit den Nachkommen eng beieinander und versuchte schließlich über das philosophische Denken ein besonderes Problem sichtbar und deutlich zu machen: Was geschieht, wenn die eigene kulturelle Lebensweise an ein Ende gerät? Kein natürliches Ende, kein langsamer Niedergang, sondern abrupt und plötzlich? Die Crow sind vor allem deshalb als Objekt einer philosophischen Meditation geeignet, weil sich der Stamm schon früh als Verbündeter der US-Regierung anbot – auch aus dem Drang zu Überleben. Denn für die Crow war nicht die ferne Regierung in Washington der Feind, sondern die Sioux – ein anderer Stamm in ihrem Gebiet. Über diese Kollaboration mit der amerikanischen Regierung gelang es den Crow fast ihr angestammtes Gebiet zu behalten, wenn auch um einiges verkleinert, aber dennoch in der Hand des Stammes.

Aber Lear interessierte sich vor allem für eine Aussage des alten Häuptling Plenty Coups, der einem Weißen erzählte:
„Plenty Coups weigerte sich, über sein Leben nach dem Niedergang der Büffelherden zu sprechen, sodass seine Geschichte viele Jahre nicht mit einschließt und so wirkt, als sei sie abgebrochen worden. ‚Ich habe dir noch nicht einmal die Hälfte von alledem erzählt, was geschehen ist, als ich jung war‘, sagte er, als ich ihn drängte, weiterzuerzählen. ‚Ich kann mich zurückerinnern und dir vieles mehr vom Krieg und vom Pferdestehlen berichten. Aber als die Büffelherden verschwanden, fielen die Herzen meiner Leute zu Boden und sie konnten sich nicht mehr aufheben. Danach ist nichts mehr geschehen. Überall hat es nur noch wenig Gesang gegeben.‘“
Eine durchaus seltsame Erzählung. Und offensichtlich kontraintuitiv. Denn der alte Häuptling, der sein Volk in das Leben im Reservat geführt hat, erzählt doch gerade über seine Gegenwart. Offensichtlich geschah auch nachdem geschilderten Ereignis noch etwas. Die Zeit kann nicht einfach stoppen. Dieser scheinbar seltsame Satz ist der Ausgangspunkt von Lears Untersuchung.

Was meint Ethik aber überhaupt in diesem Kontext? Der Begriff meint hier, ausgehend von der aristotelischen Überlieferung so etwas wie den Gesamtzusammenhang eines „guten Lebens“. Ein gutes Leben, das im Angesicht der Zerstörung seine eigene Würde bewahrt. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, dass man das gesamte Essay auch als Übertrag auf die heutige Situation des westlichen Menschen übertragen kann. Welche Symbole, welche Rituale behalten noch ihre Gültigkeit, wenn die Welt verschwindet, in der sie ausgeführt werden? Was bleibt am Ende also übrig, wenn der Kontext einer Handlung zusammenbricht? Lear schildert unter anderem den rituellen Tanz der Crow. Nach der Umsiedlung in das Reservat wurde er nicht mehr ausgeführt. Weshalb auch? Weder die Hoffnung auf Glück in der anstehenden Schlacht, noch der Wunsch nach großen Büffelherden ergab noch Sinn, wenn seine eigene Lebensweise von nomadisch auf sesshaft umstellen musste. Erst Jahrzehnte später sollte der Tanz wieder aufgeführt werden – aber nun gab es niemanden mehr, der sich an die traditionellen Schritte erinnerte. Also wurde ein benachbarter Stamm um Rat gefragt und schließlich deren Tanz adaptiert. Mit diesem Beispiel soll dem/der Leser:in verdeutlicht werden, dass bestimmte Handlungen nur in einem bestimmten Rahmen Sinn ergeben – dass sie nicht beliebig reproduzierbar sind.

Also geschah wirklich bildhaft nichts mehr, nach dem Untergang der gewohnten Lebensordnung? Und wenn dem so ist, wo bleibt der Gedanke an Hoffnung? Lears großes Verdienst ist es, nicht in den heute gewöhnlichen Tenor einer Gegenwartsverdammung einzustimmen, sondern das tut, was man von einem Philosophen und insbesondere einem Ethiker erwartet: Er gibt eine Antwort auf diese Probleme, die nicht in einer oberflächlichen Bestimmung der Gegenwart enden. Nicht mit einem Wort wird auch nur die Möglichkeit eines Übertrags auf die unsrige Zeit erwähnt, all dies muss sich der/die Rezipient:in selbst erschließen. Dieser Königsweg eines philosophischen Essays mit dabei mit einer Sprache begangen, die sich wohltuend vom akademischen Sprachgestus, insbesondere deutscher Herkunft, abhebt. In klaren und auch für Nicht-Philosophen zugänglichen Sätzen, werden grundlegende Erwägungen zur ethischen Geltung kultureller Normen vorgestellt, deren Bedeutung man nicht teilen muss, aber dennoch zur Reflexion anregen. Hoffnung, so in der Kurzfassung, entsteht vor allem dann, wenn man die Einsicht in das uns als Menschen ausmachende gewinnt. Das menschlich-übergreifende, die Anpassung an neue Gegebenheiten und gleichzeitig der Verzicht auf unbegründete Gewalt, macht hierbei den Kern der Argumentation aus. Dass es tapfer sein kann, auch im Angesicht des kulturellen Zusammenbruchs auf Krieg und Gewalt zu verzichten, dies macht Lear mehr als deutlich.

Trotz aller inhaltlichen Schwächen, von denen ein Essay zwangsweise mehr als genügend besitzt, vermittelt dieses Werk Hoffnung auf ein Weiterleben, auch wenn sich die äußeren Umstände radikal negativ wandeln. Man kann in diesen Tagen nicht oft genug daran erinnern, dass das Menschliche, das Humane, das uns auszeichnet, weder an Partei- noch an Glaubensgrenzen endet – in dieser Hinsicht ist Lear ein großer Wurf gelungen. Inhaltlich wiederum kann es mit der Größe dieser Metaperspektive nicht mithalten. Die ethischen Einordnungen wirken manchmal geradezu gezwungen. Weshalb immer wieder von einer kulturellen auf eine ethische Ebene gewechselt wird, bleibt manchmal unklar. Auch und insbesondere die letzten 50 Seiten des Essays sind eine schlichte Wiederholung des zuvor Geschriebenen. Das ist eine ärgerliche Redundanz, weil es doch gerade der letzte Eindruck ist, mit dem man ein Buch einordnet. Hier wäre Mut zur Kürze sicherlich richtiger gewesen. Vor allem in Hinblick auf den Preis ist dies tatsächlich unverständlich.
Seine Stärken hat dieses Werk aber ohne Frage dennoch. Vor allem die kulturellen Erwägungen und Darstellungen sind von großer geistiger Tiefe und regen zur eigenen Vertiefung an. So hat Lear, ganz unabhängig vom ethischen Gehalt seiner Darstellungen, vor allem sein Stück zur Erhaltung der einzigartigen Kultur dieses indigenen Stammes beigetragen. Eine Arbeit, die auch außerhalb der eigentlichen Frage, nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Letztlich erinnert das Essay ein wenig an den großen dänischen Existenzphilosophen Kierkegaard. Vielleicht braucht es manchmal einfach die unbegründete und geradezu irrationale Hoffnung auf Erlösung und Vergebung – den Sprung in den Glauben, bar jeder Vernunft. Und so steht es letztlich auch mit dem von Lear verhandelten Horizont. Im Angesicht des eigenen Untergangs menschlich zu bleiben, auch in einer unmenschlichen Welt, vielleicht ist dies die einzige Hoffnung, die grundlegende, radikale Hoffnung, die wir alle noch haben können.


Jonathan Lear
Aus dem Amerikanischen von Jens Pier
Radikale Hoffnung. Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung
Suhrkamp
224 Seiten
28 Euro


Sebastian Meisel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s