Über Krisen und Rückgewinnung, Verlust und Elegien – René Guénons „Die Krise der modernen Welt“

Eine globale Pandemie kann eine ganze Reihe Fragen aufwerfen. So nach dem Wert des Lebens und der Gesundheit, nach der Wichtigkeit sozialer Kontakte oder dem Schutz der besonders Verletzlichen. Sie kann aber auch die Frage nach der Grundverfassung unserer modernen Gesellschaften selbst stellen. Staaten und Gemeinschaften, die sich als grundlegend offen verstehen, wie es im Westen, ja eigentlich global der Fall ist, sind anfällig für die Verbreitungswege einer atavistischen Lebensform, wie es ein Virus zwangsläufig ist. Unter dem Primat des freien Handels, der freien Bewegung, der freien Lebensbahn sind Katastrophen wie die gegenwärtige nicht nur nicht auszuschließen, sie sind geradezu paradigmatisch für den Zustand der modernen Welt. Wo alles im Fluss ist, wo alles getauscht werden kann, dort kommt es auch zwangsläufig zum Austausch potentiell tödlicher Erreger. Dies sind die Schattenseiten des unleugbaren Fortschritts der Moderne, die den Menschen nicht nur älter und gesünder als je gemacht hat, sondern auch leistungsfähiger. Und eben auch einsamer, sinn-loser, austauschbarer. Wie die Klimaerhitzung, so ist auch eine Pandemie eigentlich ein Spiegel, in dem wir Glanz und Elend unseres eigenen Daseins unverstellt betrachten könnten.

Dass dies nicht oder doch nur sehr eingeschränkt geschieht, soll hier nicht Thema sein. Vielmehr geht es um die Aktualität einer Kritik, die nicht erst seit der unmittelbaren Gegenwart durch Gruppen wie Fridays for Future einsetzte, sondern so alt wie die Moderne selbst ist. René Guénon war beileibe nicht der Erste, der eine fundamentale Kritik an dieser – unserer – Gegenwart formulierte, aber er war sicher einer der radikalsten Vertreter, wenngleich auch eher von den Ambivalenzen dieser Moderne eingeholt wurde, aber hierzu später mehr.

Es ist dem Verlag Matthes & Seitz zu danken, dass sie die Wiederauflage in deutscher Sprache erscheinen ließ. Dieser Verlag, der ohnehin zu den Juwelen der deutschen Verlagsbranche zählt, wagte sich hier wieder in durchaus umstrittenes Gebiet vor. Wie schnell steht in den heutigen überhitzten Debatten der Social-Media-Horde der Vorwurf des „Raum-Gebens“ von vermeintlich reaktionären Positionen im Raum? Bei aller Aufgeregtheit, die diese Simulationsdebatten aber auszeichnet, zeigt sich wieder, dass ernste Beschäftigung mit Literatur oder gar vermeintlich abwegigen Debatten weder Absicht noch Ziel ist. So ging auch diese Neuveröffentlichung im Schatten irgendeines vermeintlichen „Skandals“ wohl unter.

Zurück zu Guénon. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man behauptet, dass kaum ein Leben so sehr von den Umbrüchen der Hochmoderne so gezeichnet ist, wie das seinige. Geboren 1886, als Sohn durchaus vermögender Eltern, war er sein ganzes Leben lang auf der Suche nach einer Antwort auf eine Frage, die er wohl selbst nicht richtig kannte. Es war wohl die Suche nach einem Ausweg aus einer als unerträglich empfundenen Enge der modernen Welt, nach einem verbindenden und verbindlichen Element, etwas, was das Leben auszeichnet und zusammenhält. Dies wollte er im Katholizismus, im orthodoxen christlichen Glauben und schließlich im Islam finden, zu dem er 1930 übertrat und ihm bis zu seinem Tod 1951 anhing. Guénon ging also den anderen Weg als sein unmittelbarer Vorgänger Nietzsche, der als Atheist sein Heil im Leben suchte, aber in der Kritik der Gegenwart Guénon ohne Frage inspirierte.

Ohne Gott konnte der Mensch keine Erlösung aus dem Jammertal der Moderne erwarten, so der grundlegende Tenor des Werkes Die Krise der modernen Welt, die 1927 erschien. Aber nicht nur dies, denn das würde bedeuten, dass eine einfach Umkehr, eine Rückbindung an den Glauben, an seine Geheimnisse und Mysterien ausreichen würde, um wieder vollständig die Welt wahrzunehmen. Guénon musste diesen Gedanken zurückweisen. Im Gegenteil, er bestritt im Grunde, dass es für den Westen, als demjenigen Teil der Erde, von der sich die Moderne ausbreitete, noch eine wirkliche Hoffnung gäbe: „Die wenigen bisher aufgekommenen Bewegungen einer ‚antimodernen‘ Reaktion, die nach unserer Meinung außerdem recht unvollständig ist, können uns in dieser Überzeugung nur bestätigen, denn all das, was in seinem negativen und kritischen Teil gewiss ausgezeichnet ist, bleibt dennoch von der Wiederherstellung einer wahren Geistigkeit weit entfernt und entwickelt sich nur innerhalb der Grenzen eines sehr eingeschränkten Horizonts.“ Dieser kleine Auszug macht deutlich, wie Guénon dachte: Die Moderne ist der Siegeszug der rationalen und technischen Weltsicht gegen den „traditionellen“ und das heißt mithin religiösen Geist. Jede Philosophie, jedes Denken in der Moderne ist zwangsläufig rational, es kann gar nicht anders sein – und damit immer, auch wenn es ausdrücklich das Gegenteil behauptet, gegen die Tradition gerichtet. Das gilt für Renaissance und Reformation genauso wie für die reaktionären Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Mit Ausnahme einiger mystischer Existenzen im Mittelalter, jener Zeit der Tradition und der Rückgewinnung des Geistes, steht der Westen verlassen vor dem leeren metaphysischen Raum. Aus dieser Leere generieren sich die Fehler und Anfälligkeiten, die Dekadenz und der Überdruss der modernen Gesellschaften. Die Verlagerung des Lebens aus dem Jenseits ins Diesseits mag als Freiheitsgewinn erfahren werden, gleichsam ist es die größte Täuschung – die Hinabstoßung in den Abgrund der Hoffnungslosigkeit. Dies paraphrasiert die grundlegenden Gedanken Guénons natürlich nur sehr unzureichend, soll aber einen Einblick in den Kosmos des Denkens geben, der sich in seinem Werk aufspannt. Rettung gibt es nur aus dem Osten, sei es aus Russland oder dem islamischen Orient, in dem der Geist der Tradition eine Art Guerillakampf führt.

Kennt man diese Argumentation nicht von allen religiösen und rechten Extremisten dieses Erdballs? Die Sehnsucht nach einer vermeintlich heilen Ordnung, die es nie gab und nie geben wird? Ohne Frage, aber ein solches Diktum würde den grundlegenden Gedanken Guénons nicht gerecht werden. Es geht gerade nicht um eine (gewaltsame) Wiederaufrichtung eines vergangenen Ideals, sondern um die Selbstbesinnung des Menschen auf seine Erlösungsfähigkeit. Dass das faktische Leben nicht mehr das einzige Ideal ist und damit dem schrankenlosen Egoismus einer kommerzialisierten Umwelt Genüge getan wird, das ist vielmehr ein Anliegen der Schrift.

Fraglos begeht auch Guénon den klassischen Fehler der Modernekritik. Denn um diese zu kritisieren, muss der Kritisierende selbst den Standpunkt der Moderne einnehmen. Auch Die Krise der modernen Welt ist in sich modern, denn auch hier schreibt ein selbstbestimmtes, autonomes Subjekt, das sich fast schon stereotyp hinter einem literarischen „Wir“ versteckt, gegen die Verwerfungen der Gegenwart an. Die grundlegende Scheidung der Moderne, in das Ich des Subjekts, das gegen eine Welt von Objekten steht, ist damit nicht überwunden, im Gegenteil, diese Trennung wird damit erst wieder in ihr Recht geführt. Die fast schon manichäische Spaltung in einen „guten“ traditionellen und einen „schlechten“ modernen Geist tut dabei ihr übriges. Ohne zu erklären, was dieser Geist denn jetzt sei und weshalb er, wenn er doch der gesündere, der menschlichere ist, sich dennoch auf dem Rückzug befindet, wird diese Bedingung sine qua non angenommen. Die Sehnsucht nach einer Befreiung aus dem Osten – ex oriente lux – ist dabei nur folgerichtig, wenngleich ebenso idealistisch. Selbst 1927 waren die Verwerfungen der Moderne schon global sichtbar, und dies hat sich weiter beschleunigt. Die Hoffnung auf irgendeine außer-moderne Errettung, die nicht von reaktionärer, sondern auch von linker Seite in den 1970er Jahre erhofft wurde (oder bis heute erhofft wird, Stichwort Postkolonialismus) ist ebenso irrig wie müßig.

Dennoch lohnt sich der Kauf dieser Schrift für alle jene, die grundsätzliche Fragen an unsere Zeit haben und an der Narration der „besten aller Welten“ ihre berechtigten Zweifel haben. Für all diese stellt Guénon die richtigen Fragen, ohne dabei wirkliche Antworten zu liefern.

René Guénon

Die Krise der modernen Welt

Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann, mit einem Nachwort von Mark Sedgwick

Matthes & Seitz

190 Seiten

24 Euro

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