Gastbeitrag: In zwangloser Gesellschaft

Von Friedhöfen, Schriftstellern und Grotesken – Leonhard Hieronymi In zwangloser Gesellschaft

In der deutschen Gegenwartsliteratur hat sich in den letzten Jahren (vielleicht auch schon länger) ein besonderes Genre herauskristallisiert: Schriftsteller:innen schreiben über Schriftsteller:innen (tot oder lebendig) und reflektieren dabei ihr eigenes Milieu, den Schreibprozess und die enormen Widrigkeiten, denen mal als Autor:in eben so ausgesetzt ist. Das ist natürlich verständlich, wie schon Aristoteles formulierte, kann nur Gleiches Gleiches erkennen, was liegt daher also näher als das eigene Milieu, natürlich unheimlich kritisch und satirisch, zu beschreiben? Dabei, und dies hat sich vielleicht noch nicht herumgesprochen, gibt es für den durchschnittlichen Leser oder Leserin kaum etwas langweiligeres als Autor:innen die über Autor:innen schreiben, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Es ist vielleicht für das literaturwissenschaftliche Proseminar interessant, über die Entstehungsbedingungen eines Romans Bescheid zu wissen, aber spätestens nach der dritten oder vierten Lektüre eines solchen Buches, weiß man alles, was man gemeinhin darüber wissen muss. Die Arbeitsbedingungen sind schwierig (arm!), die Kollegen sozial unterdurchschnittlich (Schlangen!), man muss moralisch fragwürdige Entscheidungen treffen (Literaturpreisprostitution). Das ist natürlich alles wahnsinnig traurig, aber dennoch eine auch nicht unbekannte Geschichte (Der Tod in Venedig!).

Leonhard Hieronymi geht einen anderen, aber durchaus ähnlichen Weg. Der als „umstritten“ angekündigte Autor hält sich gar nicht erst mit den lebenden Kollegen auf, sondern besucht die Grabstätten berühmter Autoren und Autorinnen. Letztere werden aber immer wieder pflichtbewusst erwähnt, man möchte ja niemanden in diesen Zeiten unterstellen, nicht genügend auf Geschlechtergerechtigkeit zu achten. Natürlich ist es nicht Hieronymi selbst, der diese Reise unternimmt, sondern ein namenloser Ich-Erzähler. Dem/der erfahrenen Rezipient:in ist damit  klar, dass hier auch ein Versuch mit Perspektiven gewagt wird, Identität geschaffen und aufgebrochen wird, mit Zuverlässigkeit gespielt wird, usw. Und dies funktioniert auch erstaunlich gut. Immer wieder gibt es Brüche im Erzähltempo des Romans. Friedhöfe sind ja gemeinhin Orte der Kontemplation und der Ruhe, und diese nimmt die Erzählung auch immer wieder auf. Nach beschleunigten Passagen und erregten Dialogen kommt eine Friedhofsszene, die wieder Geschwindigkeit herausnimmt. Gleiches gilt auch für die sehr gelungen Milieu- und Landschaftsbeschreibungen, so z.B. im Brandenburgischen (Fontane!) oder auch in Berlin (Alle!).

 

Hieronymi ist zweifellos ein begabter, immer noch junger Schriftsteller, von dem man ohne Frage noch viel hören wird. In zwangloser Gesellschaft ist ein mit Fachwissen gespickter Roman, den man auch ohne weiteren Interpretationskünste in kurzer Zeit mit einigem Vergnügen lesen kann. Für die Literaturwissenschaftler:innen unter den Leser:innen sind so viele Meta-Ebenen eingebaut, so viele Querverweise, dass es sicher für einige Zeit ein intellektueller Spaß sein kann, diese Zeichen und Referenzen zu entschlüsseln. Damit setzt sich auch die Tendenz zu „Seminar-Lektüren“ fort. Das ist gar nicht normativ gemeint, und dennoch kann sich der Rezensent nicht des Eindruckes erwehren, dass manche Romane wie für einen beschränkten Kreis von Studierenden geschrieben scheinen, aber vielleicht ist das auch die notwendige Konsequenz des momentanen Literaturmarktes.

Hiernomyis Problem ist also weder Narration noch Setting oder Figurenzeichnung. Das Problem ist mit dem vorher Gesagten verknüpft. Wenn man für einen ausgewählten Kreis von Expert:innen schreibt, dann macht man sich natürlich einige Flanken auf. So wie auch hier: Hiernoymi beginnt seinen Roman mit einem Zitat von Christian Kracht. Und er schreibt auch wie der junge Faserland-Kracht. Sehr rasant, sehr popkulturell, teilweise bewusst ins oberflächliche tendierend. Das macht durchaus Spaß, nur: Sowas kommt mittlerweile 10 Jahre zu spät. Es wäre nicht verkehrt In zwangloser Gesellschaft als letzten Roman der Popliteratur zu bezeichnen, nur was ist eine Bezeichnung wert, wenn alle die Autoren (nur Männer!) mittlerweile entweder seriös geworden sind und vom Feuilleton hofiert werden (Kracht) oder altgeworden sind und ab und an nochmal im Boulevard auftauchen (Stuckrad-Barre)? Als würde der Roman dies in der Mitte der Erzählung reflektieren, bricht die autofiktive Narration auf einmal ab und kippt ins Groteske, ausgehend von einer Episode am Schwarzen Meer. Die nachfolgenden Teile wirken ab diesem Zeitpunkt völlig anders, düsterer, ungreifbarer, aber nicht schlechter. Leider bleibt dennoch ein ambivalenter Eindruck zurück, so als könne sich der Roman nicht ganz entscheiden, was er sein will.

Es bleibt zu hoffen, dass dies der Nachfolger (noch) besser macht. Und keine Schriftsteller:innen, tot oder lebendig, die Hauptrolle spielen.


Leonhard Hiernoymi

In zwangloser Gesellschaft

Hoffmann und Campe

237 Seiten

24 Euro


Sebastian Meisel

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