Autor: ronja.waldgänger

Und überall Philosophie – Ger Groots Ritt durch Zeit

Ein Ritt durch 400 Jahre Philosophiegeschichte, ein Seitenblick auf die Kunst, geschrieben von einem Professor der Philosophie – das klingt für die meisten Leser nach trockener Lektüre. Doch mitnichten. Ger Groot hat ein Standardwerk verfasst, in dem die Grundzüge der Philosophiegeschichte der Moderne anschaulich und anhand ihrer großen Denker in 23 Kapiteln mit zahlreichen künstlerischen Werken nachgezeichnet werden. Die Selbstermächtigung des Subjekts als Grundzug der Moderne und deren Spuren und Folgen für die Kultur, ziehen sich als roter Faden durch das Handbuch, ohne dabei die Grundfragen der Philosophie zu vergessen. Unerfahrene Leser werden durch prägnante Sätze u.a. an Descartes und Hegel herangeführt, philosophieinteressierte Kunstliebhaber- und historiker werden dabei aber stehengelassen. Die Illustrierungen dienen mehr zur Untermalung als zur tieferen Auseinandersetzung der philosophischen Wirkung auf die Kunst. Der niederländische Originaltitel mit der Frage: „Wie der moderne Mensch wurde, wie er ist.“ trifft das Anliegen des Werkes weitaus besser als der deutsche Untertitel: „Das Denken der Moderne in Kunst und Popkultur.“ Auch wenn die Kunst zu rudimentär behandelt wird, sensibilisiert Ger Groot den Leser auf die Frage …

Die absolute Liebe – Pauline Delabroy-Allards Debütroman „Es ist Sarah“

Wer sucht sie nicht? Die sog. große Liebe. Die Liebe, die alles verschluckt, die Welt unwirklich werden lässt, die einen gefangen nimmt, einen nicht mehr loslässt. Pauline Delabroy-Allard greift so eine Liebe auf und erlangt mit ihrem Debütroman Kultstatus in Frankreich. Mit „Es ist Sarah“ beschreibt sie das Absolute, den sehnlichen Wunsch des Aufgehens in etwas Anderem und trifft damit das Gefühl ganzer Generationen. Hier wird niemand mehr einzeln angesprochen, hier gibt es keine Trennung mehr in Alter, Geschlecht und Herkunft. Alles wird eins, alles wird gleich-gültig vor dem Bild der absoluten Liebe. Die namenlose Erzählerin, eine farblos gezeichnete Lehrerin, Mutter und gerade verlassene Frau, trifft auf die stürmische Violinistin Sarah. In einer Silvesternacht begegnen sie sich das erste Mal. Es ist Sarah – laut extrovertiert, originell und temperamentvoll erweckt SIE das triste Dasein der Ich-Erzählerin. Hinter Monaten stürmischer Nähe, verschwinden alle Grenzen, der Alltag wird nebensächlich, selbst die Tochter dient nur noch als Statist in dem Schauspiel der Liebe. Im Takt des Rausches löst sich alles auf. Die Bekanntschaft der zwei Frauen wird zur …

Ines Geipel – Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass

1963 schrieb Hannah Arendt in ihren Denktagebüchern über das Schweigen. Was wird aus der Welt, wenn Wahrheit nicht gesagt wird, wenn sie verschleiert und verschwiegen wird? Sie wird zu einer Welt der Tabus, schlussfolgerte Arendt und auch Ines Geipel kommt in ihrem neuen Buch „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“ zu diesem Schluss. Das im Frühjahr im Klett-Cotta Verlag erschienene Werk stellt aber keine defätistische, gesamtgesellschaftliche Kritik des Ostens dar. Es versucht auch nicht die Erklärungen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten gesucht, erörtert und gefunden wurden, neu zu analysieren. Ines Geipel geht weiter, tiefer und bleibt stecken. Denn sie versucht einen Zugang zu etwas zu finden, das nicht auffindbar und nicht aussprechbar ist. Das Trauma des Ostens, das Trauma ganzer Generationen, das Trauma des Einzelnen, der Familien, kurz das Kollektivtrauma, das sie zu ihrem Bruder, zum Osten und schließlich zum Herzen des Landes führt. Ines Geipel und der Inhalt des Buches sind faktisch schnell erzählt. Die 1960 in Dresden geborene Professorin lehrt an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ Verskunst und …

Franz Kafka – Die Verwandlung

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ – dieser bekannte erste Satz der Weltliteratur leitet die nüchterne und sachliche Erzählung über eine Ausnahmesituation ein. Der Protagonist Gregor Samsa schildert selbst in drei Erzählabschnitten seine Verwandlung, das Zusammenleben als Ungeziefer im Hause der Familie und die fortschreitenden Isolierung mit seinem Niedergang. „Die Verwandlung“ von Franz Kafka wurde 1912 geschrieben und 1915 erstmals veröffentlicht. Sie ist somit die längste und wohl bekannteste Erzählung Kafkas, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht worden ist. Bis heute bietet sie Raum für verschiedenste Interpretationsansätze. Der Herausgeber seiner Werke Hans Brod legte Kafkas Werke religiös aus und sah auch in diesem Werk religiöse Motive. Die psychoanalytische Auslegung der Werke durch die Freudianer, die in der Novelle einen Vater-Komplex sehen, ist ebenso verbreitet, wie eine soziologische Deutung der Familie Samsa. Nicht abzustreiten ist, dass der Protagonist sich an eine Normalität klammert, während vor seinen Augen die Fassade der heilen Familienwelt zu bröckeln beginnt. Erst durch die Verwandlung wird das Konstrukt der …

Erich Kästner – Fabian

Erich Kästners Roman „Fabian. Geschichte eines Moralisten“ spielt mit dem Genre des konventionell angelegten Großstadtromans der Neuen Sachlichkeit, indem er die Gedanken eines Angestellten in Berlin vor der Machtergreifung Hitlers fokusiert und einen ernüchternden Blick auf Mensch, Politik und Zeit wirft. Er erschafft damit den sog. Angestelltenroman, der sich als Nebengenre erst in der Weimarer Republik etablieren konnte, auch wenn Romane und Erzählungen des Naturalismus schon einfache Menschen im beruflichen Umfeld betrachteten. Im Fabian ist hingegen nicht nur die Verbindung des Angstelltendaseins mit dem Leben in der Großstadt literarisch neu. Durch die Sozialisierung vor dem 1.WK tritt die Figur des Angestellten erstmals literarisch relevant auf. Die wirtschaftlichen Umwälzungen i.d. Weimarer Republik veränderte die Erwerbsstruktur der Autoren, die nun – wie Erich Kästner – aus eigener Erfahrung das Angestelltenleben mit all den Unsicherheiten in den Fokus rücken konnten. Somit zeigt sich der Angestellte selbst in der Verrohung der Zeit, die von der Unsicherheit in Hinblick auf die eigene Lebensführung, geprägt war. Auch in seiner gekürzten Fassung (die ungekürzte Originalfassung erschien erst im Jahr 2013 unter dem …

Georg Büchner – Dantons Tod

Die Französische Revolution im Jahr der Schreckensherrschaft 1794 – Georg Büchner nimmt sich 1835 einer historischen Figur und seines Schicksals in „Dantons Tod“ an und unterstreicht mit diesem Drama seinen literarischen Auftrag über die Missstände aufzuklären, ohne dabei Fragen über Freiheit des Individuums und dessen Handlungsmöglichkeiten in der Geschichte auszulassen. Georg Büchner ist Schriftsteller des Vormärzes – jener entgegengesetzten Bewegung der polit. resignierten Biedermeierzeit, die sich wieder vermehrt des politischen Auftrags der Kunst annimmt und auf die Missstände der Zeit eingeht -. In „Dantons Tod“ setzt er sich mit seinem „Geschichts-Fatalismus“ auseinander, in dem er die Machtlosigkeit des Menschen gegenüber der Geschichte formuliert. In dem vieraktigen Drama thematisiert Büchner (in Rückgriff auf hist. Quellen) die Umwälzungen der Revolution. Die Freilassung der Vernunft schlägt in Gewalt um, die Protagonisten zweifeln und fühlen Einsamkeit zwischen Idealismus und Nihilimus. Büchner fängt das Lebensgefühl der Sinnlosigkeit trotz Freiheit und Macht ein und erschafft das Bild eines modernen Menschen, der Freiheit nur in Form von Befreiung der Ketten sieht, dabei sein triebhaftes Wesen und seine Natur vergisst und somit in …