Alle Beiträge, die unter Allgemein gespeichert wurden

Alois Prinz, „Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt“ Die Lebensgeschichte der Hannah Arendt

Hannah Arendt hat politisches Denken und Handeln miteinander verbunden. Denn sie wusste genau, dass Philosophie und Politik zwei Bereiche sind, die sich diametral gegenüberstehen stehen. Im bekannten Interview mit Günter Gaus sagte sie einmal: „Ich fühle mich keineswegs als Philosophin.“ Alois Prinz bietet mit seiner kleinen Biografie eine gute Einstiegslektüre, die es gerade neuen Lesern von Arendt ermöglicht, die Lebensgeschichte der Denkerin zu verstehen, die unmittelbar mit ihrem Werk verbunden ist. Als deutsche Jüdin musste sie schon früh ins Exil und fand ihre neue Wohnstätte schließlich in Amerika. Umstände, die sie zeitlebens mit Entschiedenheit auf gesellschaftspolitische Ereignisse reagieren ließen. Die enge Verbindung zu Persönlichkeiten wie Heidegger, Jaspers und Benjamin, werden gleichermaßen von Prinz beleuchtet, stellten sie nicht nur eine wichtige Verbindung zu ihrer Heimat dar, sondern prägten auch ihr gesamtes Denken. Ein „Denken ohne Geländer“, wie es ihr immer wichtig war, ermöglicht auch die Lektüre von Prinz, denn sie bietet eine passende Einführung, die anregt weiterzudenken und Arendts Werke zur Hand zu nehmen.

Doppelbiographie der Nachkriegsliteratur, Helmut Böttigers „Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan“

Im letzten Jahr erschien die Doppelbiographie von Bachmann und Celan, geschrieben von dem renommierten Literaturkritiker und Kenner der Nachkriegsliteratur, Helmut Böttiger. Für Literaturwissenschaftler wie für Laien stellt sein neues Werk eine umfassende Zusammenfassung der zwei bekanntesten Lyriker der Nachkriegszeit dar. Doch mit welcher Berechtigung kann eine neue Biographie stehen, wenn keine neuen Quellen zur Verfügung stehen? Erschien hier ein Werk für die Wissenschaft, oder Literatur für die breite Gesellschaft, gefußt auf einer Emotionalisierung, wie man sie nur zu genüge aus der Sachbuchsparte der letzten Jahre kennt. Sollen nun auch Bachmann und Celan für eine biografische Bestandsaufnahme ihrer Liebesgeschichte herhalten, wie einst Arendt und Heidegger sowie Kafka und Felice Bauer. Zur Beruhigung kann schon einmal gesagt werden: Nein, dies ist hier nicht der Fall. Böttiger nimmt fehlende Dokumente zum Anlass, um eine Fassung der beiden Schriftsteller zu schaffen, die biografische Daten- und Lyrikanalyse gekonnt nebeneinandersetzt. Ohne den Blick auf die Lyrik zu verlieren, entstand hier ein Werk, welches nicht nur für Laien von Bedeutung sein kann, sondern eben auch Literaturwissenschaftler interessieren kann. Eine erfrischend neue Form …

Hannes Köhler, Ein mögliches Leben – Mehr als ein reiner Kriegs- und Nachkriegsbericht

In den letzten Jahren erschienen immer wieder Romane über die Zeit der Weltkriege, über das Leid und die Entbehrungen, die Täter und die Opfer, die Zeit in den Lagern, den Gefangenschaften in Russland, der Besatzungszeit in Frankreich. Wenig zu lesen bekommt man allerdings über die Zeit der amerikanischen Gefangenschaft. Hannes Köhler begibt sich hier in keine ausgetretenen Pfade und schafft mit seinem zweiten Roman „Ein mögliches Leben“ noch viel mehr als einen reinen Kriegs- und Nachkriegsbericht. Der frischgebackene Vater Martin macht sich mit seinem Großvater auf eine unbestimmte Reise nach Amerika, an die Orte der Kriegsgefangenschaft im Jahr 1944. Doch ist es keine selbstverständliche Reise zwischen Enkel und Großvater, um die Vergangenheit zu beleuchten. Das Verhältnis der zwei war noch nie ein sehr enges. Zu schwierig war die Beziehung der Mutter zu ihrem kühlen und distanzierten Vater, und auch Martin befindet sich gerade in einer unpassenden Situation, um mit „dem Alten“, wie Franz im Buch des Öfteren genannt wird, nach Texas zu den Ruinen der Baracken des ehemaligen Lagers zu reisen. Seit kurzem muss er …

Carl Frode Tiller, Kennen Sie diesen Mann

Dass ein skandinavisches Buch seinen Weg auf den deutschen Buchmarkt findet, ist dank der nordischen Kriminalromane längst kein Einzelfall mehr. Anspruchsvollere Literatur hat es dagegen immer etwas schwerer und so fragt man sich, wenn man Carl Frode Tillers Roman Kennen Sie diesen Mann? aufschlägt schon, warum es ausgerechnet dieser – zumindest hier – unbekannte Autor geschafft hat. Mit viel Wohlwollen ist es der Ausblick auf die zu lesende Geschichte. Mit mehr Realitätssinn wohl eher die erworbenen Literaturpreise. Um die Literatur nach dem zu beurteilen, was sie ist, werfen wir nun also einen Blick auf die Geschichte des Romans. Denn diese scheint auf dem ersten Blick doch ganz interessant, wenn auch bekannt: Ein Mann verliert sein Gedächtnis und bittet über ein Zeitungsinserat Verwandte und alte Bekannte um Mithilfe in Form von Briefen. Drei Personen melden sich bei David, der – um gleich schon eines vorweg zu nehmen – selbst nie im Buch zu sprechen kommt, die als Erzähler seiner Geschichte dienen. In abwechselnden Episoden aus ihrer Gegenwart und langen szenischen Briefen über die gemeinsame Vergangenheit, zieht …

Stefan Zweig Sternstunden der Menschheit. Vierzehn historische Miniaturen

»So furchtbar rächt sich die große Sekunde, sie, die selten in das Leben der Irdischen niedersteigt, an dem zu Unrecht Gerufenen, der sie nicht zu nützen weiß. […] Verächtlich stößt er den Zaghaften zurück; Einzig den Kühnen hebt er, ein anderer Gott der Erde, mit feurigen Armen in den Himmel der Erde empor.« Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit Vor einem guten Jahr erschien – endlich, möchte man hinzufügen – die Neuausgabe von Stefan Zweigs »Sternstunden der Menschheit« mit den Illustrationen von Jörg Hülsmann. Ohne es vorweg nehmen zu wollen, aber hier ist dem S. Fischer Verlag ein großartiger Wurf gelungen. Aber eine solche Aussage sollte natürlich auch belegt werden. Betrachtet man dazu die »14 historischen Miniaturen« zweigeteilt in Form und Inhalt, sollte diese Urteil schnell deutlich werden. Der Urtext bestand im Jahre 1927 ursprünglich aus nur fünf kurzen, historischen Geschichten, die posthum 1943 um sieben erweitert worden sind, dazu zuzüglich 2 weitere, die 1940 in englischer Sprache erschienen. Von Cicero, über Waterloo bis hin zur Eroberung des Südpols und Lenis Rückkehr nach Russland, spannt der …

Zersplitterte Identität, zersplitterter Roman: Daniel Kehlmanns Ruhm

Eine ältere Dame begibt sich auf ihrem letzten Weg in die Schweiz, um sich ein Medikament zum Sterben geben zu lassen. So kurz vor das Ende ihrer Existenz gestellt, fleht sie den Erzähler um Gnade an. Derselbe Erzähler, der vorher noch als bekannter Autor, Neurotiker und Liebhaber porträtiert wird. Derselbe Liebhaber, der eine Affäre mit einer ruhmreichen Frau hat, die sich am Ende fragen wird, ob sie nur Kopie einer Romanschöpfung, reine Fiktion oder doch real ist. Schon oft wurde in den letzten Jahren der Versuch unternommen, die Fragen nach Identität, nach Wirklichkeit, kurz die Grundfragen der Philosophie, in einem Roman zu thematisieren. Auch die Gefahren der neuen Medien, der Sozialen Netzwerke und der allgegenwärtigen Sichtbarkeit wurde schon oft in dystopischer Weise auf den Markt gebracht. Und doch konnten beide Versuche mehr durch Handlung und Spannung punkten, als durch die Fragen als solche. Es gelingt diesem Roman, beides in Zusammenhang zu bringen. In sechs weiteren kurzen Geschichten erschafft Kehlmann Figuren, die scheinbar wahr-und zusammenhangslos auftreten. Durch feine Hinweise sind sie aber stattdessen so miteinander verwoben, …