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Hermann Hesse – Ausgewählte Briefe

Ich habe sehr viele Tausende von Briefen geschrieben, ohne je daran zu denken, Abschriften zurückzuhalten. Erst seit dem Zusammenleben mit meiner Frau von 1927 an haben wir gelegentlich Briefe aufbewahrt, deren Thema uns charakteristisch schien oder in denen wir ein Problem von allgemeinem Interesse besonders genau formuliert fanden.“ Diese Worte schrieb Hesse 1952 im Nachwort zur zweiten Auflage dieses Buches. In der selbst getroffenen Auswahl an Briefen bekommen wir einen bemerkenswerten Einblick in Werk und Person Hermann Hesses, der sich aber nicht nur auf biografische Fakten beschränkt. Vielmehr wird ein Überblick und die persönliche Stellung Hesses zum Zeitgeschehen, zur Politik, zur Religion und selbstverständlich zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft – wie wir es nur zu gut aus seinen Werken kennen – gegeben. Ob Hesse nun einer Doktorandin der Philosophie die Lehre von der Erlösung, vom Weg zum Nirwana erklärt, oder mit viel Geduld einem jungen Realschüler das Verhältnis von Theologie und Philosophie anhand vom „Demian“ näher bringt – der Adressat bleibt dabei stets entbunden von seiner Stellung und tritt als Fragender in den Mittelpunkt. …

Franz Kafka: Brief an den Vater

Die Literaturwissenschaft streitet bis zum heutigen Tag über die Einordnung dieses Textes. Doch ob Literatur oder biografisches Zeugnis, eines ist wohl ohne Frage bei Kafkas „Brief an den Vater“ festzustellen. Es handelt sich um eine schriftliche Lebensanalyse, die eine Auseinandersetzung mit Angst, Zweifel und den inneren Kampf von Kafka und dessen Vater aufzeigt. Das stete Wechselspiel von Anklage und Wehklage, von Vorwürfen und gleichzeitiger Negation der Vorwürfe mit Verweis auf die eigene schwache Natur, spiegeln allerdings die literarische Raffinesse des Textes wider. Hier werden Perspektivwechsel und Übertreibungen eingesetzt, um ein analytisches Spiel aus Verdeckung und Aufdeckung zu kreieren, ob dieses Spiel an Kafka selbst oder an den Leser gerichtet ist, scheint dabei bedeutungslos. Es bleibt ein Text, der den inneren Kampf zwischen familiären Machtverhältnisse und den Auswirkungen auf das Eigene zu beleuchten versucht.

Sophie Scholl im Briefwechsel mit Fritz Hartnagel

Sophie Scholl im Briefwechsel mit Fritz Hartnagel – Eine Freundschaft 1937-1943 Vor ein paar Jahren fiel mir „Hoffentlich schreibst Du recht bald“ in die Hände. Eine Auswahl der Briefe zwischen Sophie Scholl und Fritz Hartnagel, die neben der Freundschaft der beiden und den Alltag im Krieg vor allem den inneren Kampf Sophie Scholls aufzeigen. Zwischen kurzen Briefausschnitten erscheinen immer wieder Bilddokumente und ausführliche Erklärungen, die durch eine einfach und prägnante Sprache vor allem auf junge Leser ausgerichtet sind. Dennoch bleibt der Autor seiner Aufgabe treu und schafft den schmalen Grad zwischen einer politischen und privaten Darstellung, versäumt es aber dennoch nicht darzustellen, dass für die Protagonisten eine Trennung zwischen politischen Gedanken und privaten Angelegenheiten immer schwieriger wurde. Vinke hat eine gut recherchierte Einstiegslektüre geschaffen, die trotz der Schwere des Themas nicht an der Oberfläche bleibt und gleichzeitig keine einseitige Sicht vertritt, sondern vielmehr die Zweifel und Ängste, das ringen mit der Ideologie und den Bezug zum Privaten aufzeigt. Dies konnte er vor allem durch die enge Zusammenarbeit mit der Familie Scholls und Hartnagels schaffen, die …

Goethe und Schiller. Zwei Biografien von Rüdiger Safranski

Rüdiger Safranski hat schon viele bedeutende Figuren der deutschen Geistesgeschichte porträtiert. Nach E.T.A Hoffmann, Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger, gesellen sich auch Goethe und Schiller zu seinen bekannten Biographien. Wer eine andere Biografie von ihm gelesen hat, weiß, dass Safranski sich elementar von anderen Biographen unterscheidet. Auf Sensationen und spektakuläre Demaskierungen kann man bei ihm lange warten, vielmehr widmet er sich der Persönlichkeit durch einen wissenschaftlichen Zugang und lässt dennoch die Debatten der Zeit nicht aus. Auch mit Goethe und Schiller legt er zwei Biographien vor, die genaue, klar verständliche Zusammenfassungen des Gesamtwerkes in Bezug zur Zeitgeschichte darstellen. So lernen wir nicht nur Figur und Werk kennen, sondern tauchen auch in die zeitgeschichtlichen Umstände und die Ideengeschichte des Umfelds ein. Eine absolute Leseempfehlung bekommt Ihr somit nicht nur für diese beiden Werke, sondern auch für all seine anderen Biografien.

Astrid Lindgren. Ihr Leben – Eine fulminante Biografie von Jens Andersen

„Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“ Das Zitat ist fast so bekannt, wie seine Verfasserin. Astrid Lindgren, die bekannte Kinderbuchautorin, Heldin einer jeden Kindheit, Tagebuchschreiberin und leidenschaftliche Brieffreundin. Wer ist die Person hinter der Ikone? Dieser Frage nähert sich Jens Andersen, Biograph so mancher skandinavischer Schriftstellergröße, 2017 in seinem Buch: „Astrid Lindgren. Ihr Leben“ und durchwühlt dabei Archive, um das Werk mit zahlreichen Zitaten und Fotos auszustatten. Die Verbindung, die er von der ersten Seite an, zwischen der privaten und der öffentlichen Person Lindgrens versucht herzustellen, scheint an mancher Stelle doch ein wenig zu übereifrig, wenngleich nie unsensibel. Anfangs wird eine stürmiche Jugendliche porträtiert, die schon früh gegen das ländliche Leben rebelliert, ohne ihre Arbeit in der Familie und auf dem Feld zu missachten. Der Wunsch Journalistin zu werden, verschwand aber nie aus ihrem Kopf und so wurde sie schon sehr früh als Volontärin in der größten Zeitung der Kleinstadt angestellt. Ausführlich berichtet Jens Andersen über ihre jungen Jahre, den Lebensgeist der neuen Generation, von einer neuen Zeit – schlicht, von …

Das Zeitalter der Moderne – das Zeitalter der Neurasthenie

Florian Illies – neuer Verleger des Rowohlt Verlags – brachte vor sieben Jahren sein Buch „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ heraus und begeisterte damit endgültig das Publikum als begabter Autor. Ende 2018 löste er wieder einen Aufschrei aus – aus Freude oder Empörung? Da ist sich das Publikum bis heute noch unsicher, aber spätestens während der Anschlusslektüre „1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ wird dies wohl vollkommen nebensächlich. Denn ob sinnlose Weiterführung eines abgeschlossenen Romans oder erweiterter Einblick in das Jahr 1913, auch sein neues Buch lässt wieder mit viel Charme, Witz und Details in das Jahr 1913 hineinschauen und wagt dieses Mal sogar den Blick außerhalb Europas. Wie schon im ersten Band nimmt Illies den Leser wieder mit zu den Protagonisten des Jahres, erzählt aus deren Tagebüchern, Büchern, Briefwechseln und sonstigen Quellen, dessen Herkunft nicht so deutlich aber auch nicht so wichtig erscheinen. Wichtig erscheint ihm allerdings, alles in einen großen Zusammenhang zu bringen und so wird aus kleinen Geschichten ein volles Jahr aus unendlich vielen bekannten Namen und unendlich viel Absurdität, die …