Alle Beiträge, die unter Allgemein gespeichert wurden

Zersplitterte Identität, zersplitterter Roman: Daniel Kehlmanns Ruhm

Eine ältere Dame begibt sich auf ihrem letzten Weg in die Schweiz, um sich ein Medikament zum Sterben geben zu lassen. So kurz vor das Ende ihrer Existenz gestellt, fleht sie den Erzähler um Gnade an. Derselbe Erzähler, der vorher noch als bekannter Autor, Neurotiker und Liebhaber porträtiert wird. Derselbe Liebhaber, der eine Affäre mit einer ruhmreichen Frau hat, die sich am Ende fragen wird, ob sie nur Kopie einer Romanschöpfung, reine Fiktion oder doch real ist. Schon oft wurde in den letzten Jahren der Versuch unternommen, die Fragen nach Identität, nach Wirklichkeit, kurz die Grundfragen der Philosophie, in einem Roman zu thematisieren. Auch die Gefahren der neuen Medien, der Sozialen Netzwerke und der allgegenwärtigen Sichtbarkeit wurde schon oft in dystopischer Weise auf den Markt gebracht. Und doch konnten beide Versuche mehr durch Handlung und Spannung punkten, als durch die Fragen als solche. Es gelingt diesem Roman, beides in Zusammenhang zu bringen. In sechs weiteren kurzen Geschichten erschafft Kehlmann Figuren, die scheinbar wahr-und zusammenhangslos auftreten. Durch feine Hinweise sind sie aber stattdessen so miteinander verwoben, …

Michel Houellebecq – In Schopenhauers Gegenwart |

Ein neuer Houellebecq ohne Skandal ist kaum vorstellbar. Keine Sexismus-, Religions-, und Islamdebatte erwartet einem im neuen Buch des Bestsellerautors. Und doch lässt sich in der kurzen Hommage an dessen Lieblingsphilosophen Schopenhauer ein neuer Blick auf den Autor selbst werfen. In der Abhandlung, die nicht viel mehr als eine grobe Auswahl Schopenhauerszitate umfasst, werden die sonst so misanthropischen Figuren Houellebecq und Schopenhauer beidesamt menschlicher. Ein Blick hinter die Grausamkeit des Menschen wird erhascht und die darausfolgende Suche nach dem Schönen, das nicht zwangsläufig menschlich sein muss. Viel mehr will der Autor dieses Buches nicht vermitteln: Da gibt es einen Weg jenseits der hochgeschätzen Humanität. Empfehlenswert ist das Buch wohl höhstens für zwei exklusive Kreise: Philosophisch interessierte Vielleser und Fans Houellebecqs. Für alle anderen ist das Buch zu kurz, zu brüchig, zu zusammenhangslos und zu oft mit sexuellen Anspielungen durchzogen, die absolut verzichtbar sind, aber dennoch zum Image des Autors passen.

Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben

Nur ein Roman über lebenslange Freundschaft?   Die langanhaltende Freundschaft zwischen einem Künstler, einem Schauspieler, einem Architekten, und Jude, einem Anwalt. Letzterer von jedem geliebt, obwohl er nichts von sich und seiner Vergangenheit preisgibt. Einzig seine Schmerzanfälle begleiten Freunde, Umfeld und den Leser immer wieder, während alles seinen Lauf geht und Jude mit den Jahren Freundschaft und Liebe erfährt – eine Tatsache, die er sich nie hat erträumen lassen, denn eines ist immer wieder zu lesen: Judes Selbsthass. Seine Scham über sich als Krüppel. Seine Vergangenheit und sowieso all seine Taten die er begangen hat. Seite für Seite bekommen wir einen Hauch von Ahnung, was ihm zugestoßen sein könnte. Bruchstücke, die auch Judes Umfeld mit den Jahren erfahren sollen, mehr erratend als wissend. Es vergehen hunderte von Seiten, Jahrzehnte im Buch, bis etwas Konkretes erfahren wird. Der Leser wird Teilhaber des Lebens der Vier. Er wird Freund und innerer Anteil Judes, der selbstliebende Anteil im Protagonisten, der in seinem Inneren schlummert, aber unaufhörlich von ihm ignoriert wird. Ebenso wie Zärtlichkeit und Fürsorge seiner besten Freunde. …

Robert Menasse, Die Hauptstadt

Man wage ein Gedankenexperiment: Aus Gründen der Imageverbesserung bestellt die europäische Kommission bei einem bekannten Schriftsteller einen Roman. Natürlich nicht irgendeinen Roman, sondern ein tiefgründigen, gut erzählten, der nicht nur eine reine Tatsachenbeschreibung der Arbeit in Brüssel wäre, sondern auch das komplexe Durcheinander der Sprachen, Kulturen, Konfessionen und Religionen zeigen soll. Ohne Frage müssten auch die verschiedenen Probleme thematisiert werden, die störrischen Mitgliedsstaaten, Karrieristen, der Brexit…Aber am Ende müsste doch das Gemeinsame stehen, der große Gedanke, der hinter der Europäischen Union verborgen liegt, das Umfassende und Umgreifende. Das Feuilleton wäre begeistert, der Autor würde mit Preisen überhäuft und am Ende würde die gute Geschichte des europäischen Friedensprojektes wieder in den Herzen und Köpfen der Menschen ankommen. Schwer vorstellbar? Eine Zumutung? Ohne Zweifel. Aber ganz so liest sich der Bestseller und Buchpreisträger Die Hauptstadt des österreichischen Romanciers Robert Menasse. Um es gleich vorweg zu nehmen: damit sei nicht unterstellt, dass dieses Gedankenexperiment wahr ist. Im Gegenteil, es ist – so steht zu hoffen – vermutlich am weitesten von der Realität entfernt. Aber dieses Spiel macht ein …

Bildung für Alle – Klassengrenze zwischen gebildet und ungebildet

In der vergangenen Woche erschien eine Schlagzeile in der deutschen Medienlandschaft, die wohl gerne überlesen wurde: Nach Ergebnissen der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung, kurz Iglu, kann fast jeder deutsche Viertklässler nicht richtig lesen, ein Vergleich bei dem Deutschland wieder einmal vom europäischen Ausland überholt wird. Doch hier soll es nicht um einen reinen Statistikvergleich gehen, vielmehr um die Herausstellung eine neue Konstellation der altbekannten Klassengesellschaft in Deutschland, die sich im wirtschaftlich gut aufgestellten Staat scheinbar nur noch zwischen Begrifflichkeiten eines gebildeten und ungebildeten Haushaltes konstituiert. Berechtigterweise fragen wir uns nun, was denn Bildung eigentlich sein soll. Sie ist in allem Munde, wird von wirtschaftlichen bis hin zu sozialen Sektoren genutzt, doch am Ende bleibt es eine leere Hülle, denn wo Bildung alles ist, ist am Ende nichts mehr Bildung. Doch lassen wir uns auf das Gedankenexperiment einer neuen Bildungsdebatte ein, hören wir schon die zwei Gegenspieler laut rufen. Die einen, die die elterliche Erziehungsgewalt entziehen wollen, zu Gunsten eines stattlichen Erziehungsmonopoles und die andere Seite, die lautstark einen freien Menschen proklamieren will, der sich unter dem Staat …

Christian Kracht, Faserland

Im Roman Faserland von Christian Kracht ist die Leere das dominierende Element. Die Problematik bei der Herausstellung dieses Sachverhalts liegt vor allem in der naturgemäßen Nicht-Sichtbarkeit der Leere. Die umfassende Nicht-Funktion sozialer Beziehungen, die das prägendste Merkmal des Romans ist, ist nicht nur auf die Brüchigkeit dieser Interaktionen zurückzuführen, sondern durch die Leere, die …im Protagonisten selbst begründet ist. Alle weiteren Nicht-Funktionen sind nur die Folge einer postmodernen Zerfaserung, die mit dem Begriff der Entfremdung erklärt werden kann. Die ironische Distanziertheit zu allem und jedem überbrückt nicht mehr eine Unsicherheit, sondern sie ist Habitus geworden. Freundschaften, Liebe, Familie und auch Geschichte bedeuten im Grunde nichts mehr und es gibt nicht nur keinen Versuch, diesen Zustand zu ändern, sondern der Versuch der Änderung wäre grundlegend lächerlich, da sich die Protagonisten des Romas in der Moderne befinden und in dieser gefangen sind. Christian Kracht Faserland FISCHER Taschenbuch – Broschierte Ausgabe – 165 Seiten