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Sophie Scholl im Briefwechsel mit Fritz Hartnagel

Sophie Scholl im Briefwechsel mit Fritz Hartnagel – Eine Freundschaft 1937-1943 Vor ein paar Jahren fiel mir „Hoffentlich schreibst Du recht bald“ in die Hände. Eine Auswahl der Briefe zwischen Sophie Scholl und Fritz Hartnagel, die neben der Freundschaft der beiden und den Alltag im Krieg vor allem den inneren Kampf Sophie Scholls aufzeigen. Zwischen kurzen Briefausschnitten erscheinen immer wieder Bilddokumente und ausführliche Erklärungen, die durch eine einfach und prägnante Sprache vor allem auf junge Leser ausgerichtet sind. Dennoch bleibt der Autor seiner Aufgabe treu und schafft den schmalen Grad zwischen einer politischen und privaten Darstellung, versäumt es aber dennoch nicht darzustellen, dass für die Protagonisten eine Trennung zwischen politischen Gedanken und privaten Angelegenheiten immer schwieriger wurde. Vinke hat eine gut recherchierte Einstiegslektüre geschaffen, die trotz der Schwere des Themas nicht an der Oberfläche bleibt und gleichzeitig keine einseitige Sicht vertritt, sondern vielmehr die Zweifel und Ängste, das ringen mit der Ideologie und den Bezug zum Privaten aufzeigt. Dies konnte er vor allem durch die enge Zusammenarbeit mit der Familie Scholls und Hartnagels schaffen, die …

Goethe und Schiller. Zwei Biografien von Rüdiger Safranski

Rüdiger Safranski hat schon viele bedeutende Figuren der deutschen Geistesgeschichte porträtiert. Nach E.T.A Hoffmann, Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger, gesellen sich auch Goethe und Schiller zu seinen bekannten Biographien. Wer eine andere Biografie von ihm gelesen hat, weiß, dass Safranski sich elementar von anderen Biographen unterscheidet. Auf Sensationen und spektakuläre Demaskierungen kann man bei ihm lange warten, vielmehr widmet er sich der Persönlichkeit durch einen wissenschaftlichen Zugang und lässt dennoch die Debatten der Zeit nicht aus. Auch mit Goethe und Schiller legt er zwei Biographien vor, die genaue, klar verständliche Zusammenfassungen des Gesamtwerkes in Bezug zur Zeitgeschichte darstellen. So lernen wir nicht nur Figur und Werk kennen, sondern tauchen auch in die zeitgeschichtlichen Umstände und die Ideengeschichte des Umfelds ein. Eine absolute Leseempfehlung bekommt Ihr somit nicht nur für diese beiden Werke, sondern auch für all seine anderen Biografien.

Astrid Lindgren. Ihr Leben – Eine fulminante Biografie von Jens Andersen

„Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“ Das Zitat ist fast so bekannt, wie seine Verfasserin. Astrid Lindgren, die bekannte Kinderbuchautorin, Heldin einer jeden Kindheit, Tagebuchschreiberin und leidenschaftliche Brieffreundin. Wer ist die Person hinter der Ikone? Dieser Frage nähert sich Jens Andersen, Biograph so mancher skandinavischer Schriftstellergröße, 2017 in seinem Buch: „Astrid Lindgren. Ihr Leben“ und durchwühlt dabei Archive, um das Werk mit zahlreichen Zitaten und Fotos auszustatten. Die Verbindung, die er von der ersten Seite an, zwischen der privaten und der öffentlichen Person Lindgrens versucht herzustellen, scheint an mancher Stelle doch ein wenig zu übereifrig, wenngleich nie unsensibel. Anfangs wird eine stürmiche Jugendliche porträtiert, die schon früh gegen das ländliche Leben rebelliert, ohne ihre Arbeit in der Familie und auf dem Feld zu missachten. Der Wunsch Journalistin zu werden, verschwand aber nie aus ihrem Kopf und so wurde sie schon sehr früh als Volontärin in der größten Zeitung der Kleinstadt angestellt. Ausführlich berichtet Jens Andersen über ihre jungen Jahre, den Lebensgeist der neuen Generation, von einer neuen Zeit – schlicht, von …

Das Zeitalter der Moderne – das Zeitalter der Neurasthenie

Florian Illies – neuer Verleger des Rowohlt Verlags – brachte vor sieben Jahren sein Buch „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ heraus und begeisterte damit endgültig das Publikum als begabter Autor. Ende 2018 löste er wieder einen Aufschrei aus – aus Freude oder Empörung? Da ist sich das Publikum bis heute noch unsicher, aber spätestens während der Anschlusslektüre „1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ wird dies wohl vollkommen nebensächlich. Denn ob sinnlose Weiterführung eines abgeschlossenen Romans oder erweiterter Einblick in das Jahr 1913, auch sein neues Buch lässt wieder mit viel Charme, Witz und Details in das Jahr 1913 hineinschauen und wagt dieses Mal sogar den Blick außerhalb Europas. Wie schon im ersten Band nimmt Illies den Leser wieder mit zu den Protagonisten des Jahres, erzählt aus deren Tagebüchern, Büchern, Briefwechseln und sonstigen Quellen, dessen Herkunft nicht so deutlich aber auch nicht so wichtig erscheinen. Wichtig erscheint ihm allerdings, alles in einen großen Zusammenhang zu bringen und so wird aus kleinen Geschichten ein volles Jahr aus unendlich vielen bekannten Namen und unendlich viel Absurdität, die …

Michel Houellebecq – Serotonin

  Der Unheimliche Monsieur Houellebecq Wieder ging ein Rauschen durch den Blätterwald, Michele Houellebecq hatte sein neues Buch angekündigt. Die professionellen Rezensenten taten daraufhin das, was sie am besten können: sie rührten kräftig die Werbetrommel. Von besorgt-alarmistisch (Die Zeit) bis besorgt-wohlwollend (Die Welt) waren alle Schattierungen vertreten. Weitergehend wurde nicht nur versucht die Krise des modernen Frankreichs mit seinen renitenten Einwohnern anhand des Buches zu erklären, sondern auch den Niedergang des „alten, weißen Mannes“ und des Abendlandes in seiner Gesamtheit. Man sieht also hier schon, dass Houellebecq (vermeintlich) die ganz großen Themen behandelt, die dicken Bretter bohrt. Die Frage ist nur, ob hier einem Roman nicht sehr viel, vielleicht zu viel zugemutet wird. Denn es scheint vielmehr der Fall zu sein, dass Houellebecq in bester postmoderner Tradition ein Deutungsangebot vorlegt, in welchem sich jeder wiederfindet. Die liberale Feministin ist darin bestätigt, dass Männer ohnehin nur triebgesteuerte Maschinen sind, ohne eigentliche Emotionen und wenn doch, dann artet es in Stalking und Mordversuche aus. Der konservative Kulturkritiker erkennt die Unausweichlichkeit des Untergangs durch die Selbstaufgabe der westlichen …

Nach einer wahren Geschichte – Delphine de Vigans Buch über die Grenzen der Wirklichkeit

„Nach einer wahren Geschichte“ von DelphinedeVigan spielt nicht in den klassischen Kategorien von Realität und Fiktion, auch wenn der Titel dies vermuten lässt. Als die Protagonistin des Romans Delphine de Vigan die Ghostwriterin L. kennenlernt, verschwimmt nicht nur für den Leser der Ausruf „Nach einer wahren Geschichte“. Auch für die Schriftstellerin im Roman ist keine klare Grenze mehr zwischen eigener Identität und der unbekannten L. wahrzunehmen, denn L. schreibt nun in ihrem Namen und beginnt ein Spiel mit Delphine. Ein Spiel aus Identitätsfragen und Wirklichkeit wird auch von der realen Delphine de Vigan mit ihrem Leser gespielt. Es ist ein Roman, der über die Macht der Worte erzählt, der aufzeigt, dass in einer Welt, in der nur noch Fakten zählen, keine Fakten ohne Täuschungen mehr möglich sind. Letztendlich ist es ein Roman, der den Leser seinen eigenen voyeristischen Hang zur absoluten Durchleuchtung vor die Augen führt: „Es ist ein Spiel zwischen den Leser und mir. Ich möchte, dass sie genau darüber nachdenken: wieso möchte ich nur wahre Geschichten lesen? Wieso interessiert mich das Dokumentarische mehr …