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Nach einer wahren Geschichte – Delphine de Vigans Buch über die Grenzen der Wirklichkeit

„Nach einer wahren Geschichte“ von DelphinedeVigan spielt nicht in den klassischen Kategorien von Realität und Fiktion, auch wenn der Titel dies vermuten lässt. Als die Protagonistin des Romans Delphine de Vigan die Ghostwriterin L. kennenlernt, verschwimmt nicht nur für den Leser der Ausruf „Nach einer wahren Geschichte“. Auch für die Schriftstellerin im Roman ist keine klare Grenze mehr zwischen eigener Identität und der unbekannten L. wahrzunehmen, denn L. schreibt nun in ihrem Namen und beginnt ein Spiel mit Delphine. Ein Spiel aus Identitätsfragen und Wirklichkeit wird auch von der realen Delphine de Vigan mit ihrem Leser gespielt. Es ist ein Roman, der über die Macht der Worte erzählt, der aufzeigt, dass in einer Welt, in der nur noch Fakten zählen, keine Fakten ohne Täuschungen mehr möglich sind. Letztendlich ist es ein Roman, der den Leser seinen eigenen voyeristischen Hang zur absoluten Durchleuchtung vor die Augen führt: „Es ist ein Spiel zwischen den Leser und mir. Ich möchte, dass sie genau darüber nachdenken: wieso möchte ich nur wahre Geschichten lesen? Wieso interessiert mich das Dokumentarische mehr …

Auf Hetzjagd durch die Psyche – Juli Zeh: Neujahr

Nach ihren letzten zwei erfolgreichen Gesellschaftsromanen, legte Juli Zeh im letzten Jahr mit „Neujahr“ einen Familienroman vor, der es nicht versäumen durfte, gesellschaftliche Fragen aufzuwerfen und komplexe politische Statements zu diskutieren. Mit ihrem geschaffenen Narrativ des überforderten Familienvaters, der sich an der Gleichberechtigung so lange aufreibt, bis ihm die ganze Tragweite seines Lebens bewusst wird, versucht Juli Zeh in einem neuen Format gesellschaftliche Fragen zu beleuchten. Doch kommt dieser Roman zu offensichtlich daher und kann der Komplexität der aufgeworfenen Fragen nicht gerecht werden. Wie schon zuvor, schafft Juli Zeh es aber mit literarischer Leichtigkeit ein beklemmendes Gefühl der eigenen Verantwortung hervorzurufen, aus der man sich kaum befreien kann. Am Ende erscheint einem das Panorama aus Psychologie, verdrängter Erinnerung, Trauma, Verantwortung, Gleichberechtigung und Überforderung doch zu aufgesetzt, um wirklichkeitsnah zu bleiben

Matt Ruffs Roman über die Dissoziative Identitätstörung

Andrew Gage leidet an einer multiplen Persönlichkeitsstörung (DIS – Dissoziative Identitätsstörung), hat es aber durch jahrelange Therapie geschafft, für sich und die Anderen, die Ich-Abspaltungen, ein imaginäres Haus in seinem Kopf zu bauen, um dem ständigen inneren Chaos eine Struktur zu geben. Als Penny in sein Leben tritt, werden nicht nur seine Fundamente erschüttert, denn Penny ist ebenfalls multipel – sie weiß es nur noch nicht. Ruff versteht es mit liebevollem Witz, Verständnis und Einfühlungsvermögen ein Thema anzusprechen, was für alle Betroffenen unsagbar ist und Außenstehende nur unbeteiligt, wenn nicht sogar unverständlich daneben stehen lässt. Ich und die Anderen, ein Roman über schwerste Kindheitstraumata und die dadurch ausgelöste Dissoziative Identitätsstörung. Eine absolute Leseempfehlung, wenn schwere Kost nicht immer (ausschließlich) schmerzlich vermittelt werden und dennoch berühren soll.

Die Macht der Sprache: Joseph Luzzis autobiografischer Roman „In einem dunklen Walde“

In dem autobiografischen Werk „In einem dunklen Walde“ von Joseph Luzzi kommt eines ganz deutlich zum Vorschein: Die Macht der Poesie, die Macht der Worte in und nach dramatischen, wenn nicht sogar traumatischen Situationen. Joseph Luzzi ist glücklich verheiratet, unterrichtet und lehrt über die Kultur und Literatur Italiens und erwartet mit seiner Frau sein erstes Kind. Seine Welt gerät aus den Fugen, als er erfährt, dass seine Frau einen tödlichen Unfall hatte: „Die Worte kamen von irgendwoher aus der Nähe, aber sie klangen gedämpft, als wären sie durch andere Dimensionen zu mir gekommen. Zeit und Raum krümmten sich um mich. Ich betrat den dunklen Wald.“ Findet seine Tochter noch mit einem rettenden Kaiserschnitt ins Leben, so kann Jopseph Luzzi weder trauern noch begreifen, was passiert ist. Er betrat den dunklen Wald und fand zu Dante Alighieri, welcher in seiner „Göttlichen Komödie“ ebenso in die Dunkelheit eintrat. Luzzi stürzt sich in seine Forschungen, auf der Flucht vor der Trauer und zugleich in seiner Trauer einen Weg suchend, aus dieser herauszufinden. Wie er es durch Poesie geschafft …

Alois Prinz, „Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt“ Die Lebensgeschichte der Hannah Arendt

Hannah Arendt hat politisches Denken und Handeln miteinander verbunden. Denn sie wusste genau, dass Philosophie und Politik zwei Bereiche sind, die sich diametral gegenüberstehen stehen. Im bekannten Interview mit Günter Gaus sagte sie einmal: „Ich fühle mich keineswegs als Philosophin.“ Alois Prinz bietet mit seiner kleinen Biografie eine gute Einstiegslektüre, die es gerade neuen Lesern von Arendt ermöglicht, die Lebensgeschichte der Denkerin zu verstehen, die unmittelbar mit ihrem Werk verbunden ist. Als deutsche Jüdin musste sie schon früh ins Exil und fand ihre neue Wohnstätte schließlich in Amerika. Umstände, die sie zeitlebens mit Entschiedenheit auf gesellschaftspolitische Ereignisse reagieren ließen. Die enge Verbindung zu Persönlichkeiten wie Heidegger, Jaspers und Benjamin, werden gleichermaßen von Prinz beleuchtet, stellten sie nicht nur eine wichtige Verbindung zu ihrer Heimat dar, sondern prägten auch ihr gesamtes Denken. Ein „Denken ohne Geländer“, wie es ihr immer wichtig war, ermöglicht auch die Lektüre von Prinz, denn sie bietet eine passende Einführung, die anregt weiterzudenken und Arendts Werke zur Hand zu nehmen.