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Und überall Philosophie – Ger Groots Ritt durch Zeit

Ein Ritt durch 400 Jahre Philosophiegeschichte, ein Seitenblick auf die Kunst, geschrieben von einem Professor der Philosophie – das klingt für die meisten Leser nach trockener Lektüre. Doch mitnichten. Ger Groot hat ein Standardwerk verfasst, in dem die Grundzüge der Philosophiegeschichte der Moderne anschaulich und anhand ihrer großen Denker in 23 Kapiteln mit zahlreichen künstlerischen Werken nachgezeichnet werden. Die Selbstermächtigung des Subjekts als Grundzug der Moderne und deren Spuren und Folgen für die Kultur, ziehen sich als roter Faden durch das Handbuch, ohne dabei die Grundfragen der Philosophie zu vergessen. Unerfahrene Leser werden durch prägnante Sätze u.a. an Descartes und Hegel herangeführt, philosophieinteressierte Kunstliebhaber- und historiker werden dabei aber stehengelassen. Die Illustrierungen dienen mehr zur Untermalung als zur tieferen Auseinandersetzung der philosophischen Wirkung auf die Kunst. Der niederländische Originaltitel mit der Frage: „Wie der moderne Mensch wurde, wie er ist.“ trifft das Anliegen des Werkes weitaus besser als der deutsche Untertitel: „Das Denken der Moderne in Kunst und Popkultur.“ Auch wenn die Kunst zu rudimentär behandelt wird, sensibilisiert Ger Groot den Leser auf die Frage …

Franz Kafka – Die Verwandlung

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ – dieser bekannte erste Satz der Weltliteratur leitet die nüchterne und sachliche Erzählung über eine Ausnahmesituation ein. Der Protagonist Gregor Samsa schildert selbst in drei Erzählabschnitten seine Verwandlung, das Zusammenleben als Ungeziefer im Hause der Familie und die fortschreitenden Isolierung mit seinem Niedergang. „Die Verwandlung“ von Franz Kafka wurde 1912 geschrieben und 1915 erstmals veröffentlicht. Sie ist somit die längste und wohl bekannteste Erzählung Kafkas, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht worden ist. Bis heute bietet sie Raum für verschiedenste Interpretationsansätze. Der Herausgeber seiner Werke Hans Brod legte Kafkas Werke religiös aus und sah auch in diesem Werk religiöse Motive. Die psychoanalytische Auslegung der Werke durch die Freudianer, die in der Novelle einen Vater-Komplex sehen, ist ebenso verbreitet, wie eine soziologische Deutung der Familie Samsa. Nicht abzustreiten ist, dass der Protagonist sich an eine Normalität klammert, während vor seinen Augen die Fassade der heilen Familienwelt zu bröckeln beginnt. Erst durch die Verwandlung wird das Konstrukt der …

Erich Kästner – Fabian

Erich Kästners Roman „Fabian. Geschichte eines Moralisten“ spielt mit dem Genre des konventionell angelegten Großstadtromans der Neuen Sachlichkeit, indem er die Gedanken eines Angestellten in Berlin vor der Machtergreifung Hitlers fokusiert und einen ernüchternden Blick auf Mensch, Politik und Zeit wirft. Er erschafft damit den sog. Angestelltenroman, der sich als Nebengenre erst in der Weimarer Republik etablieren konnte, auch wenn Romane und Erzählungen des Naturalismus schon einfache Menschen im beruflichen Umfeld betrachteten. Im Fabian ist hingegen nicht nur die Verbindung des Angstelltendaseins mit dem Leben in der Großstadt literarisch neu. Durch die Sozialisierung vor dem 1.WK tritt die Figur des Angestellten erstmals literarisch relevant auf. Die wirtschaftlichen Umwälzungen i.d. Weimarer Republik veränderte die Erwerbsstruktur der Autoren, die nun – wie Erich Kästner – aus eigener Erfahrung das Angestelltenleben mit all den Unsicherheiten in den Fokus rücken konnten. Somit zeigt sich der Angestellte selbst in der Verrohung der Zeit, die von der Unsicherheit in Hinblick auf die eigene Lebensführung, geprägt war. Auch in seiner gekürzten Fassung (die ungekürzte Originalfassung erschien erst im Jahr 2013 unter dem …

Georg Büchner – Dantons Tod

Die Französische Revolution im Jahr der Schreckensherrschaft 1794 – Georg Büchner nimmt sich 1835 einer historischen Figur und seines Schicksals in „Dantons Tod“ an und unterstreicht mit diesem Drama seinen literarischen Auftrag über die Missstände aufzuklären, ohne dabei Fragen über Freiheit des Individuums und dessen Handlungsmöglichkeiten in der Geschichte auszulassen. Georg Büchner ist Schriftsteller des Vormärzes – jener entgegengesetzten Bewegung der polit. resignierten Biedermeierzeit, die sich wieder vermehrt des politischen Auftrags der Kunst annimmt und auf die Missstände der Zeit eingeht -. In „Dantons Tod“ setzt er sich mit seinem „Geschichts-Fatalismus“ auseinander, in dem er die Machtlosigkeit des Menschen gegenüber der Geschichte formuliert. In dem vieraktigen Drama thematisiert Büchner (in Rückgriff auf hist. Quellen) die Umwälzungen der Revolution. Die Freilassung der Vernunft schlägt in Gewalt um, die Protagonisten zweifeln und fühlen Einsamkeit zwischen Idealismus und Nihilimus. Büchner fängt das Lebensgefühl der Sinnlosigkeit trotz Freiheit und Macht ein und erschafft das Bild eines modernen Menschen, der Freiheit nur in Form von Befreiung der Ketten sieht, dabei sein triebhaftes Wesen und seine Natur vergisst und somit in …

Vom Zwang der Freiheit – Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

Nach ihrem Debütroman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ und dem Erzählband „Muldental“, erschien im Frühjahr im @diogenes.verlag das neue Buch von Daniela Krien „Die Liebe im Ernstfall“, von dem man nicht recht sagen kann, ob es sich um einen Roman oder eine Sammlung von Kurzgeschichten handelt. Die Lebensausschnitte der fünf Frauen werden von einer Erzählerstimme eng und doch fein verwoben, bleiben aber eigenständige Geschichten, die nach Wochen noch zum Nachdenken anregen, so dass die Frage des Buchformats schnell in den Hintergund rückt. Erscheint das Buch auf dem ersten Blick als eine Erzählung verschiedener Leben mit ihren Rückschlägen, birgt Kriens Buch auf dem zweiten Blick mehr als bloße Darstellungen der Liebe und ihrer Hindernisse. Es ist ein stilles und dennoch gewaltiges Werk, das sich mit dem Zwang der Freiheit auseinandersetzt. Dabei sind die Erzählungen der Frauen keine Sammlung von leeren Geschichten. Sie ergeben sowohl Einzeln als auch in ihrer Gesamtheit ein Bild von einer Gesellschaft mit in sich zerissenen Menschen. Prototypisch wird aufgezeigt, wie einem Idealbild von Liebe, Familie und Zusammengehörigkeit in einer Zeit des …

Der jahrzehntelange Briefwechsel zwischen Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre

Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre zwischen Philosophie und Banalität – Es ist der Blick hinter die großen Philosophen des Existentialismus. Die Veröffentlichung der Briefe Simone de Beauvoirs an Jean-Paul Sartre und Sartres Briefe an de Beauvoir sollten ein Skandal werden. Nicht nur die Regelmäßigkeit der Briefe überrascht, mehr erscheint Simone de Beauvoir in einem neuen Licht – abseits der entstandenen Idealisierungen. Die pedantische Entschlüsselung ihres banalen Alltaglebens, zwischen Cafes, Hotelzimmern und Einkäufen, brachte, neben den Liebesbeteuerrungen zu Sartre, der Frontfrau des Feminismus, keinen erneuten Ruhm ein. Gedanken zur Philosophie und zum Krieg sucht man bis zur letzten Seite. Doch all dies brachte wohl noch keinen Skandal zu Tage. Es war vielmehr die Lüftung der Geheimnisse, die sich um den „Mythos Sartre und de Beauvoir“ gelegt haben, – Die Schattenseiten des bekannten Paktes, die Verletzungen der Nebenpersonen und die Bisexualität, um die Simone de Beauvoir Zeit ihres Lebens ein Geheimnis gemacht hat. Doch sind diese Briefe keineswegs enttäuschend. Sie legen nur das entstandene Klischee um die Philosophen beiseite und ermöglichen einen Blick auf ein Leben, …