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Robert Menasse, Die Hauptstadt

Man wage ein Gedankenexperiment: Aus Gründen der Imageverbesserung bestellt die europäische Kommission bei einem bekannten Schriftsteller einen Roman. Natürlich nicht irgendeinen Roman, sondern ein tiefgründigen, gut erzählten, der nicht nur eine reine Tatsachenbeschreibung der Arbeit in Brüssel wäre, sondern auch das komplexe Durcheinander der Sprachen, Kulturen, Konfessionen und Religionen zeigen soll. Ohne Frage müssten auch die verschiedenen Probleme thematisiert werden, die störrischen Mitgliedsstaaten, Karrieristen, der Brexit…Aber am Ende müsste doch das Gemeinsame stehen, der große Gedanke, der hinter der Europäischen Union verborgen liegt, das Umfassende und Umgreifende. Das Feuilleton wäre begeistert, der Autor würde mit Preisen überhäuft und am Ende würde die gute Geschichte des europäischen Friedensprojektes wieder in den Herzen und Köpfen der Menschen ankommen. Schwer vorstellbar? Eine Zumutung? Ohne Zweifel. Aber ganz so liest sich der Bestseller und Buchpreisträger Die Hauptstadt des österreichischen Romanciers Robert Menasse. Um es gleich vorweg zu nehmen: damit sei nicht unterstellt, dass dieses Gedankenexperiment wahr ist. Im Gegenteil, es ist – so steht zu hoffen – vermutlich am weitesten von der Realität entfernt. Aber dieses Spiel macht ein …

Bildung für Alle – Klassengrenze zwischen gebildet und ungebildet

In der vergangenen Woche erschien eine Schlagzeile in der deutschen Medienlandschaft, die wohl gerne überlesen wurde: Nach Ergebnissen der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung, kurz Iglu, kann fast jeder deutsche Viertklässler nicht richtig lesen, ein Vergleich bei dem Deutschland wieder einmal vom europäischen Ausland überholt wird. Doch hier soll es nicht um einen reinen Statistikvergleich gehen, vielmehr um die Herausstellung eine neue Konstellation der altbekannten Klassengesellschaft in Deutschland, die sich im wirtschaftlich gut aufgestellten Staat scheinbar nur noch zwischen Begrifflichkeiten eines gebildeten und ungebildeten Haushaltes konstituiert. Berechtigterweise fragen wir uns nun, was denn Bildung eigentlich sein soll. Sie ist in allem Munde, wird von wirtschaftlichen bis hin zu sozialen Sektoren genutzt, doch am Ende bleibt es eine leere Hülle, denn wo Bildung alles ist, ist am Ende nichts mehr Bildung. Doch lassen wir uns auf das Gedankenexperiment einer neuen Bildungsdebatte ein, hören wir schon die zwei Gegenspieler laut rufen. Die einen, die die elterliche Erziehungsgewalt entziehen wollen, zu Gunsten eines stattlichen Erziehungsmonopoles und die andere Seite, die lautstark einen freien Menschen proklamieren will, der sich unter dem Staat …