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Dörte Hansen – Mittagsstunde – oder: was einmal funktioniert, funktioniert auch ein weiteres Mal

Alter Wein in neuen Schläuchen oder ein neues literarisches Ausrufezeichen? Die Heimkehr des Ingwer Feddersens in sein Heimatdorf ist nicht nur die nostalgische Heimaterzählung einer vermeintlich guten alten Zeit, sondern die Entwicklung eines Zeitpanoramas über Rückblicke, Anekdoten und Gegenwartsbetrachtung. Immer der umgebenden, fordernden Natur angepasst, kurz in den Sätzen, ohne unnütze Abschweifung, erzählt Hansen den Einbruch der Moderne in das friesische Dorf Brinkebüll und erschafft damit ein literarisches Ausrufezeichen. Als 2015 Dörte Hansens Erstling „Altes Land“ erschien, traf er einen Lebensnerv: die Hinwendung zum Land, die Suche nach Sicherheit in unsicheren Zeiten, die Problematik von Flucht und Vertreibung (und wie man mit den Neubürgern denn umgehen sollte), aber auch der Zerfall der Familien und die Zumutungen des modernen Arbeitslebens. Die Kritiker waren begeistert, der Roman führte über Wochen alle Bestsellerlisten an. Für ein Debut ein ungeheurer Erfolg, der aber nicht nur auf der Geschicklichkeit basierte, mit der Hansen schwierigste Themen in kurzen, fast schon lakonischen Sätzen dem Leser nahebrachte. Tatsächlich traf man hier auch große Literatur an, großartige Montagen aus Rückblenden und Gegenwartsbetrachtungen, die damit …

Gesellschaftsfragen treffen auf Dorfgemeinschaft – Juli Zehs Unterleuten

Ein Dorf zwanzig Jahre nach der Wende. Nicht unweit von Berlin und doch weit genug entfernt, um einen anderen Schlag Mensch anzutreffen. Das auf jeden Fall scheint die feste Überzeugung der zugezogenen Berliner zu sein, der Wessis, wie die Unterleutner sagen würden. Ein Dorf in Brandenburg, Ostdeutsche, die hängen geblieben sind, Menschen, die unweigerlich miteinander verbunden sind. Durch Gefälligkeiten, Liebschaften, durch alte Feindschaften und Kriege – in einem Roman Juli Zehs – ebenso durch einen ungeklärten Mord, der vor zwanzig Jahren geschehen sein soll. Die große Dorfidylle, das wünschen sich die Zugezogenen, so zumindest der ehemalige Professor, der die Grünen in Berlin mitgegründet hatte und nun vor Langeweile und Missachtung flieht. Zusammen mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau und dem Neugeborenen, an das sie sich klammert, wie an einem Strohhalm. Der Ort um Geschäftsideen wahrwerden zu lassen, das denkt sich die zielstrebige Pferdenärrin, die . Sie klammert sich an diese Idee, ebenso wie die Frau des Umweltschützers an das Kind. Das sind die Neuen. Beherrscht wird das Dorf allerdings nur von einem: Gombrowski, Sohn der …

Astrid Lindgren. Ihr Leben – Eine fulminante Biografie von Jens Andersen

„Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“ Das Zitat ist fast so bekannt, wie seine Verfasserin. Astrid Lindgren, die bekannte Kinderbuchautorin, Heldin einer jeden Kindheit, Tagebuchschreiberin und leidenschaftliche Brieffreundin. Wer ist die Person hinter der Ikone? Dieser Frage nähert sich Jens Andersen, Biograph so mancher skandinavischer Schriftstellergröße, 2017 in seinem Buch: „Astrid Lindgren. Ihr Leben“ und durchwühlt dabei Archive, um das Werk mit zahlreichen Zitaten und Fotos auszustatten. Die Verbindung, die er von der ersten Seite an, zwischen der privaten und der öffentlichen Person Lindgrens versucht herzustellen, scheint an mancher Stelle doch ein wenig zu übereifrig, wenngleich nie unsensibel. Anfangs wird eine stürmiche Jugendliche porträtiert, die schon früh gegen das ländliche Leben rebelliert, ohne ihre Arbeit in der Familie und auf dem Feld zu missachten. Der Wunsch Journalistin zu werden, verschwand aber nie aus ihrem Kopf und so wurde sie schon sehr früh als Volontärin in der größten Zeitung der Kleinstadt angestellt. Ausführlich berichtet Jens Andersen über ihre jungen Jahre, den Lebensgeist der neuen Generation, von einer neuen Zeit – schlicht, von …

Michel Houellebecq – Serotonin

  Der Unheimliche Monsieur Houellebecq Wieder ging ein Rauschen durch den Blätterwald, Michele Houellebecq hatte sein neues Buch angekündigt. Die professionellen Rezensenten taten daraufhin das, was sie am besten können: sie rührten kräftig die Werbetrommel. Von besorgt-alarmistisch (Die Zeit) bis besorgt-wohlwollend (Die Welt) waren alle Schattierungen vertreten. Weitergehend wurde nicht nur versucht die Krise des modernen Frankreichs mit seinen renitenten Einwohnern anhand des Buches zu erklären, sondern auch den Niedergang des „alten, weißen Mannes“ und des Abendlandes in seiner Gesamtheit. Man sieht also hier schon, dass Houellebecq (vermeintlich) die ganz großen Themen behandelt, die dicken Bretter bohrt. Die Frage ist nur, ob hier einem Roman nicht sehr viel, vielleicht zu viel zugemutet wird. Denn es scheint vielmehr der Fall zu sein, dass Houellebecq in bester postmoderner Tradition ein Deutungsangebot vorlegt, in welchem sich jeder wiederfindet. Die liberale Feministin ist darin bestätigt, dass Männer ohnehin nur triebgesteuerte Maschinen sind, ohne eigentliche Emotionen und wenn doch, dann artet es in Stalking und Mordversuche aus. Der konservative Kulturkritiker erkennt die Unausweichlichkeit des Untergangs durch die Selbstaufgabe der westlichen …

Den Philosophen auf der Spur – Eilenbergers „Zeit der Zauberer“

Mit Zeit der Zauberer hat der langjährige Chefredakteur des Philosophie-Magazins mehr für das gegenwärtige Ansehen und die Wahrnehmung der #Philosophie getan, als viele Schriften und Aufsätze der letzten Jahre. Dass Philosophen nicht nur akademische „Superstars“ waren, sondern schlechthin gesellschaftliche Ereignisse, zeigt dieses #Buch. Es entführt den Leser in das große #Jahrzehnt der modernen Philosophie, die Jahre zwischen 1919 und 1929. Hier treten vor allem vier Personen auf, die in ihrem Leben nicht nur völlig unterschiedliche Positionen einnahmen, sondern auch aus verschiedenen sozialen Umständen kamen. Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein, Ernst Cassirer und Walter Benjamin spannten in diesem Jahrzehnt einen Kosmos der Weltbetrachtung auf, an denen man sich bis heute orientieren kann, wenn man die Aufgabe des Denkens ernst nehmen will. #Eilenberger schafft es, für den interessierten Laien eine spannende Narration zu entwickeln. Mit zahlreichen Seitenblicken, Andeutungen und biographischen Versatzstücken entsteht ein Gefühl für die damalige Welt und die Kämpfe, die in ihr ausgetragen wurden. Gleichzeitig liegt aber hier eine unübersehbare Schwäche des Buches. So verbleiben manche Schilderungen in einfachen biographischen Nacherzählungen, die man schon bei anderen …

Von der Traumvorstellung in die totale Barbarei – Uwe Timms Ikarien

Ikarien von Uwe Timm brachte Ende 2017 Furore in die Medienlandschaft. Der neue Roman des altbekannten Schriftstellers aus Hamburg beschäftigt sich mit der Rassenhygiene und deren Ursprünge. Im 19. Jahrhundert noch eine Traumvorstellung. Ein sozialistisches Paradies, mit Gleichberechtigung von Mann und Frau, freien Wahlen und basisdemokratischer Abstimmung. Ein Gegenentwurf zur Industrialisierung, mit ihrer Kinderarbeit, dem frühen Tod der Arbeiter und den hygienischen Verhältnissen in den überfüllten Städten. Ikarien. Eine Utopie und nun der Titel des Romans von Uwe Timm. Doch der Roman setzt nicht in der Utopie ein, sondern in einer Trümmerlandschaft. Tote und Verstümmelte im Deutschland des Jahres 1945. Nun könnte man denken, man begibt sich in die Sphären eines grandiosen Romans. Die Idee ist zweifelslos groß, denn in vielschichtigen Handlungsfäden, wird eine  entscheidende Frage gestellt: Wie konnte aus einer progressiven (utopischen) Idee eine totale Barbarei entstehen, wie kann ein humanistisch geprägter Mensch zum Vorkämpfer der Vernichtung von Menschen anderer Rassen werden? Timms Antwort weist seinen Weitblick auf, der die Moderne an sich mit ihrem Hang der Verwissenschaftlichung, Des-immer-weiter-vorans, als Grund nennt und damit …