Alle Beiträge, die unter Rezensionen gespeichert wurden

Die Macht der Sprache: Joseph Luzzis autobiografischer Roman „In einem dunklen Walde“

In dem autobiografischen Werk „In einem dunklen Walde“ von Joseph Luzzi kommt eines ganz deutlich zum Vorschein: Die Macht der Poesie, die Macht der Worte in und nach dramatischen, wenn nicht sogar traumatischen Situationen. Joseph Luzzi ist glücklich verheiratet, unterrichtet und lehrt über die Kultur und Literatur Italiens und erwartet mit seiner Frau sein erstes Kind. Seine Welt gerät aus den Fugen, als er erfährt, dass seine Frau einen tödlichen Unfall hatte: „Die Worte kamen von irgendwoher aus der Nähe, aber sie klangen gedämpft, als wären sie durch andere Dimensionen zu mir gekommen. Zeit und Raum krümmten sich um mich. Ich betrat den dunklen Wald.“ Findet seine Tochter noch mit einem rettenden Kaiserschnitt ins Leben, so kann Jopseph Luzzi weder trauern noch begreifen, was passiert ist. Er betrat den dunklen Wald und fand zu Dante Alighieri, welcher in seiner „Göttlichen Komödie“ ebenso in die Dunkelheit eintrat. Luzzi stürzt sich in seine Forschungen, auf der Flucht vor der Trauer und zugleich in seiner Trauer einen Weg suchend, aus dieser herauszufinden. Wie er es durch Poesie geschafft …

Doppelbiographie der Nachkriegsliteratur, Helmut Böttigers „Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan“

Im letzten Jahr erschien die Doppelbiographie von Bachmann und Celan, geschrieben von dem renommierten Literaturkritiker und Kenner der Nachkriegsliteratur, Helmut Böttiger. Für Literaturwissenschaftler wie für Laien stellt sein neues Werk eine umfassende Zusammenfassung der zwei bekanntesten Lyriker der Nachkriegszeit dar. Doch mit welcher Berechtigung kann eine neue Biographie stehen, wenn keine neuen Quellen zur Verfügung stehen? Erschien hier ein Werk für die Wissenschaft, oder Literatur für die breite Gesellschaft, gefußt auf einer Emotionalisierung, wie man sie nur zu genüge aus der Sachbuchsparte der letzten Jahre kennt. Sollen nun auch Bachmann und Celan für eine biografische Bestandsaufnahme ihrer Liebesgeschichte herhalten, wie einst Arendt und Heidegger sowie Kafka und Felice Bauer. Zur Beruhigung kann schon einmal gesagt werden: Nein, dies ist hier nicht der Fall. Böttiger nimmt fehlende Dokumente zum Anlass, um eine Fassung der beiden Schriftsteller zu schaffen, die biografische Daten- und Lyrikanalyse gekonnt nebeneinandersetzt. Ohne den Blick auf die Lyrik zu verlieren, entstand hier ein Werk, welches nicht nur für Laien von Bedeutung sein kann, sondern eben auch Literaturwissenschaftler interessieren kann. Eine erfrischend neue Form …

Hannes Köhler, Ein mögliches Leben – Mehr als ein reiner Kriegs- und Nachkriegsbericht

In den letzten Jahren erschienen immer wieder Romane über die Zeit der Weltkriege, über das Leid und die Entbehrungen, die Täter und die Opfer, die Zeit in den Lagern, den Gefangenschaften in Russland, der Besatzungszeit in Frankreich. Wenig zu lesen bekommt man allerdings über die Zeit der amerikanischen Gefangenschaft. Hannes Köhler begibt sich hier in keine ausgetretenen Pfade und schafft mit seinem zweiten Roman „Ein mögliches Leben“ noch viel mehr als einen reinen Kriegs- und Nachkriegsbericht. Der frischgebackene Vater Martin macht sich mit seinem Großvater auf eine unbestimmte Reise nach Amerika, an die Orte der Kriegsgefangenschaft im Jahr 1944. Doch ist es keine selbstverständliche Reise zwischen Enkel und Großvater, um die Vergangenheit zu beleuchten. Das Verhältnis der zwei war noch nie ein sehr enges. Zu schwierig war die Beziehung der Mutter zu ihrem kühlen und distanzierten Vater, und auch Martin befindet sich gerade in einer unpassenden Situation, um mit „dem Alten“, wie Franz im Buch des Öfteren genannt wird, nach Texas zu den Ruinen der Baracken des ehemaligen Lagers zu reisen. Seit kurzem muss er …

Carl Frode Tiller, Kennen Sie diesen Mann

Dass ein skandinavisches Buch seinen Weg auf den deutschen Buchmarkt findet, ist dank der nordischen Kriminalromane längst kein Einzelfall mehr. Anspruchsvollere Literatur hat es dagegen immer etwas schwerer und so fragt man sich, wenn man Carl Frode Tillers Roman Kennen Sie diesen Mann? aufschlägt schon, warum es ausgerechnet dieser – zumindest hier – unbekannte Autor geschafft hat. Mit viel Wohlwollen ist es der Ausblick auf die zu lesende Geschichte. Mit mehr Realitätssinn wohl eher die erworbenen Literaturpreise. Um die Literatur nach dem zu beurteilen, was sie ist, werfen wir nun also einen Blick auf die Geschichte des Romans. Denn diese scheint auf dem ersten Blick doch ganz interessant, wenn auch bekannt: Ein Mann verliert sein Gedächtnis und bittet über ein Zeitungsinserat Verwandte und alte Bekannte um Mithilfe in Form von Briefen. Drei Personen melden sich bei David, der – um gleich schon eines vorweg zu nehmen – selbst nie im Buch zu sprechen kommt, die als Erzähler seiner Geschichte dienen. In abwechselnden Episoden aus ihrer Gegenwart und langen szenischen Briefen über die gemeinsame Vergangenheit, zieht …

Cormac McCarthy, Die Straße

  Er lag da und lauschte dem im Wald tropfenden Wasser. Muttergestein, das. Die Kälte und die Stille. Die Asche der vorigen Welt von den rauen, irdischen Winden in der Leere hin- und hergeweht. Herangeweht, verstreut und abermals herangeweht. Alles aus seiner Verankerung gelöst. Ohne Halt in der aschenen Luft. Getragen von einem Atemhauch, zitternd und kurz. Wenn nur mein Herz aus Stein wäre. Er wachte vor Morgengrauen auf und sah zu, wie der graue Tag anbrach. Langsam und halb undurchsichtig. Während der Junge noch schlief, stand er auf, zog sich seine Schuhe an und marschierte, in seine Decke gewickelt, zwischen die Bäume. Er stieg in einen Felsspalt ab, wo er sich hustend zusammenkrümmte und lange Zeit weiterhustete. Dann kniete er einfach in der Asche. Er hob das Gesicht dem erblassenden Tag entgegen. Bist du da?, flüsterte er. Werde ich dich endlich sehen? Hast du einen Hals, damit ich dich erwürgen kann? Hast du ein Herz? Hol dich der Teufel, hast du eine Seele? O Gott, flüsterte er. O Gott. Ist das noch Literatur? Eine …

Stefan Zweig Sternstunden der Menschheit. Vierzehn historische Miniaturen

»So furchtbar rächt sich die große Sekunde, sie, die selten in das Leben der Irdischen niedersteigt, an dem zu Unrecht Gerufenen, der sie nicht zu nützen weiß. […] Verächtlich stößt er den Zaghaften zurück; Einzig den Kühnen hebt er, ein anderer Gott der Erde, mit feurigen Armen in den Himmel der Erde empor.« Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit Vor einem guten Jahr erschien – endlich, möchte man hinzufügen – die Neuausgabe von Stefan Zweigs »Sternstunden der Menschheit« mit den Illustrationen von Jörg Hülsmann. Ohne es vorweg nehmen zu wollen, aber hier ist dem S. Fischer Verlag ein großartiger Wurf gelungen. Aber eine solche Aussage sollte natürlich auch belegt werden. Betrachtet man dazu die »14 historischen Miniaturen« zweigeteilt in Form und Inhalt, sollte diese Urteil schnell deutlich werden. Der Urtext bestand im Jahre 1927 ursprünglich aus nur fünf kurzen, historischen Geschichten, die posthum 1943 um sieben erweitert worden sind, dazu zuzüglich 2 weitere, die 1940 in englischer Sprache erschienen. Von Cicero, über Waterloo bis hin zur Eroberung des Südpols und Lenis Rückkehr nach Russland, spannt der …