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Ines Geipel – Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass

1963 schrieb Hannah Arendt in ihren Denktagebüchern über das Schweigen. Was wird aus der Welt, wenn Wahrheit nicht gesagt wird, wenn sie verschleiert und verschwiegen wird? Sie wird zu einer Welt der Tabus, schlussfolgerte Arendt und auch Ines Geipel kommt in ihrem neuen Buch „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“ zu diesem Schluss. Das im Frühjahr im Klett-Cotta Verlag erschienene Werk stellt aber keine defätistische, gesamtgesellschaftliche Kritik des Ostens dar. Es versucht auch nicht die Erklärungen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten gesucht, erörtert und gefunden wurden, neu zu analysieren. Ines Geipel geht weiter, tiefer und bleibt stecken. Denn sie versucht einen Zugang zu etwas zu finden, das nicht auffindbar und nicht aussprechbar ist. Das Trauma des Ostens, das Trauma ganzer Generationen, das Trauma des Einzelnen, der Familien, kurz das Kollektivtrauma, das sie zu ihrem Bruder, zum Osten und schließlich zum Herzen des Landes führt. Ines Geipel und der Inhalt des Buches sind faktisch schnell erzählt. Die 1960 in Dresden geborene Professorin lehrt an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ Verskunst und …

Zeit und Macht – Macht und Zeit: Christopher Clarks neues fulminantes Werk

Nicht ohne Zufall, ist der bekannteste Historiker der deutschen Vergangenheit kein Deutscher und scheut sich nicht Thesen abseits des akademischen Mainstreams zu veröffentlichen. Die Rede ist von Christopher Clark. Durch zahlreiche Interviews, TV-Dokumentationen und nicht zuletzt durch seine Bücher, schaffte er es, als Geisteswissenschaftler den Durchbruch. Schnell wird der Ruf nach Populärwissenschaft laut, doch das besondere an Christopher Clark ist, dass man ihm – trotz seiner medialen Präsenz – genau diese Vorwürfe nicht machen kann. Seine wegweisenden Schriften zur preußisch-deutschen Geschichte sind mittlerweile Standardwerke, insbesondere sein 2006 veröffentlichtes Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947. Kein seriöser Historiker würde es Clark absprechen mit der notwendigen Akribie und Leidenschaft für Quellen zu arbeiten. Der Vorwurf der Parteinahme, die über jeder historischen Darstellung schwebt, ist da schon schwerer zu entkräften. Auch Clark wurde dieser schwerste aller Vorwürfe der deutschen Historikerzunft in der Debatte um sein Buch Die Schlafwandler gemacht. Revisionismus, Rehabilitierung des deutschen Kaiserreichs, Verschiebung der Kriegsschuld, und andere, für manche sicher karrierezerstörende Vorwürfe, wurden erhoben. Sicherlich schütze ihn nicht nur seine australisch-britische Herkunft, auch die Vorwürfe konnten zu …

Susanne Mierau: Geborgen wachsen. Wie Kinder glücklich groß werden – Das Werk zum Blog Geborgen Wachsen

„Bindungsorientierte Elternschaft bedeutet nicht, jeden Trend von ‚Stoffwindeln‘ über ‚Breifrei‘ bis ‚Kinderwagenverzicht‘ mitmachen zu müssen. Es bedeutet auch nicht, sich selbst aufzugeben und die Bedürfnisse des Kindes immer in den Vordergrund zu stellen. Bindungsorientierte Elternschaft bedeutet vor allem, das Kind wahrzunehmen, auf seine Signale richtig und angemessen zu reagieren.“ Ein Jahr nachdem beim Kösel-Verlag das Buch „artgerecht. Das andere Babybuch.“ von Nicola Schmidt erschien, brachte Susanne Mierau 2016 das Buch zu ihrem Blog heraus. „Geborgen wachsen: Wie Kinder glücklich groß werden.“ erscheint auf dem ersten Blick nur als eine kürzere Variante von Nicola Schmidts Buch zu sein. Doch das würde sowohl dem Buch, als auch der Autorin sowie der Leserschaft des Blogs nicht gerecht werden. Susanne Mierau betreibt seit 2012 einen Blog, vielmehr ein Online Magazin, in dem sie sich mit Fragen der sicheren Bindung, der bedürfnisorientierten Elternschaft und dem Attachment Parenting beschäftigt. Auf der Website findet man folgende Beschreibung zu Attachment Parenting: „Das amerikanische Ehepaar Martha und William Sears haben den Begriff ‚Attachment Parenting‘ geprägt für die besondere Form, wie sie Elternschaft gelebt haben/leben …

Nicola Schmidt: artgerecht. Das andere Baby-Buch – Das Standardwerk zur bedürfnisorientierten Elternschaft

Nicola Schmidt, gelernte IT-Sicherheits-Expertin, begann ihren „artgerecht“- Weg nachdem ihr Umfeld immer nervöser zu werden drohte. Nach einer spontanen Frühgeburt, ohne ausgestattet zu sein mit den üblichen Babyutensilien, stillte Nicola Schmidt ihr Baby nach Bedarf, ließ es zusammen mit ihrem Mann im gemeinsamen Bett schlafen und trug es die meiste Zeit. Das Kind wuchs ohne Kinderbett, Babyphon, Fläschchen und Fertigwindeln auf. Was bei vielen Menschen als Beginn einer Tryannenherrschaft des Kindes angesehen und bei einigen Familienmitgliedern mit besorgten Mienen beobachtet wurde, war für Schmidt ein natürlicher und artgerechter Weg und der Anfang für die Wissenschaftsjournalistin diese Phänomene näher zu untersuchen. Sie suchte nach wissenschaftlichen Erkenntnissen, Studien und Büchern und fand die Bestätigung. Auf ihrer Website schreibt sie: „ Mein Rat heute: Vergessen Sie die langen Erstausstattungslisten. Sie brauchen den meisten Kram nicht. Sie als Eltern sind kompetent, klug und voll ausgestattet, um ein Baby großzuziehen. Denn ihr Baby braucht nachweislich in erster Linie Wärme, feinfühlige, umgehende Reaktionen und ganz viel Nähe zu seinen Bezugspersonen.“ Schaut man sich auf den bekannten Social Media Plattformen um, liest …

Gesellschaftsfragen treffen auf Dorfgemeinschaft – Juli Zehs Unterleuten

Ein Dorf zwanzig Jahre nach der Wende. Nicht unweit von Berlin und doch weit genug entfernt, um einen anderen Schlag Mensch anzutreffen. Das auf jeden Fall scheint die feste Überzeugung der zugezogenen Berliner zu sein, der Wessis, wie die Unterleutner sagen würden. Ein Dorf in Brandenburg, Ostdeutsche, die hängen geblieben sind, Menschen, die unweigerlich miteinander verbunden sind. Durch Gefälligkeiten, Liebschaften, durch alte Feindschaften und Kriege – in einem Roman Juli Zehs – ebenso durch einen ungeklärten Mord, der vor zwanzig Jahren geschehen sein soll. Die große Dorfidylle, das wünschen sich die Zugezogenen, so zumindest der ehemalige Professor, der die Grünen in Berlin mitgegründet hatte und nun vor Langeweile und Missachtung flieht. Zusammen mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau und dem Neugeborenen, an das sie sich klammert, wie an einem Strohhalm. Der Ort um Geschäftsideen wahrwerden zu lassen, das denkt sich die zielstrebige Pferdenärrin, die . Sie klammert sich an diese Idee, ebenso wie die Frau des Umweltschützers an das Kind. Das sind die Neuen. Beherrscht wird das Dorf allerdings nur von einem: Gombrowski, Sohn der …

Astrid Lindgren. Ihr Leben – Eine fulminante Biografie von Jens Andersen

„Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“ Das Zitat ist fast so bekannt, wie seine Verfasserin. Astrid Lindgren, die bekannte Kinderbuchautorin, Heldin einer jeden Kindheit, Tagebuchschreiberin und leidenschaftliche Brieffreundin. Wer ist die Person hinter der Ikone? Dieser Frage nähert sich Jens Andersen, Biograph so mancher skandinavischer Schriftstellergröße, 2017 in seinem Buch: „Astrid Lindgren. Ihr Leben“ und durchwühlt dabei Archive, um das Werk mit zahlreichen Zitaten und Fotos auszustatten. Die Verbindung, die er von der ersten Seite an, zwischen der privaten und der öffentlichen Person Lindgrens versucht herzustellen, scheint an mancher Stelle doch ein wenig zu übereifrig, wenngleich nie unsensibel. Anfangs wird eine stürmiche Jugendliche porträtiert, die schon früh gegen das ländliche Leben rebelliert, ohne ihre Arbeit in der Familie und auf dem Feld zu missachten. Der Wunsch Journalistin zu werden, verschwand aber nie aus ihrem Kopf und so wurde sie schon sehr früh als Volontärin in der größten Zeitung der Kleinstadt angestellt. Ausführlich berichtet Jens Andersen über ihre jungen Jahre, den Lebensgeist der neuen Generation, von einer neuen Zeit – schlicht, von …