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Den Philosophen auf der Spur – Eilenbergers „Zeit der Zauberer“

Mit Zeit der Zauberer hat der langjährige Chefredakteur des Philosophie-Magazins mehr für das gegenwärtige Ansehen und die Wahrnehmung der #Philosophie getan, als viele Schriften und Aufsätze der letzten Jahre. Dass Philosophen nicht nur akademische „Superstars“ waren, sondern schlechthin gesellschaftliche Ereignisse, zeigt dieses #Buch. Es entführt den Leser in das große #Jahrzehnt der modernen Philosophie, die Jahre zwischen 1919 und 1929. Hier treten vor allem vier Personen auf, die in ihrem Leben nicht nur völlig unterschiedliche Positionen einnahmen, sondern auch aus verschiedenen sozialen Umständen kamen. Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein, Ernst Cassirer und Walter Benjamin spannten in diesem Jahrzehnt einen Kosmos der Weltbetrachtung auf, an denen man sich bis heute orientieren kann, wenn man die Aufgabe des Denkens ernst nehmen will. #Eilenberger schafft es, für den interessierten Laien eine spannende Narration zu entwickeln. Mit zahlreichen Seitenblicken, Andeutungen und biographischen Versatzstücken entsteht ein Gefühl für die damalige Welt und die Kämpfe, die in ihr ausgetragen wurden. Gleichzeitig liegt aber hier eine unübersehbare Schwäche des Buches. So verbleiben manche Schilderungen in einfachen biographischen Nacherzählungen, die man schon bei anderen …

Von der Traumvorstellung in die totale Barbarei – Uwe Timms Ikarien

Ikarien von Uwe Timm brachte Ende 2017 Furore in die Medienlandschaft. Der neue Roman des altbekannten Schriftstellers aus Hamburg beschäftigt sich mit der Rassenhygiene und deren Ursprünge. Im 19. Jahrhundert noch eine Traumvorstellung. Ein sozialistisches Paradies, mit Gleichberechtigung von Mann und Frau, freien Wahlen und basisdemokratischer Abstimmung. Ein Gegenentwurf zur Industrialisierung, mit ihrer Kinderarbeit, dem frühen Tod der Arbeiter und den hygienischen Verhältnissen in den überfüllten Städten. Ikarien. Eine Utopie und nun der Titel des Romans von Uwe Timm. Doch der Roman setzt nicht in der Utopie ein, sondern in einer Trümmerlandschaft. Tote und Verstümmelte im Deutschland des Jahres 1945. Nun könnte man denken, man begibt sich in die Sphären eines grandiosen Romans. Die Idee ist zweifelslos groß, denn in vielschichtigen Handlungsfäden, wird eine  entscheidende Frage gestellt: Wie konnte aus einer progressiven (utopischen) Idee eine totale Barbarei entstehen, wie kann ein humanistisch geprägter Mensch zum Vorkämpfer der Vernichtung von Menschen anderer Rassen werden? Timms Antwort weist seinen Weitblick auf, der die Moderne an sich mit ihrem Hang der Verwissenschaftlichung, Des-immer-weiter-vorans, als Grund nennt und damit …

Die Rückkehr zur Normalität im Kriegszustand – Arno Geigers „Unter der Drachenwand“

Erhielt Arno Geiger im Jahr 2005 noch für „Es geht uns gut“ den Deutschen Buchpreis, so brachte Geiger Anfang des letzten Jahres erneut einen fulminanten neuen Roman heraus, der in den Feuilletons der deutschen Zeitungen für lange Zeit Gesprächsthema und Interessenpunkt war. An der Drachenwand im Jahr 1944 spielt der neue Roman des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger. Der junge Veit Kolbe reist zum Mondsee, um sich von den Schrecken des Krieges zu erholen. Wie eine Atempause liest sich auch das Buch, in dem ganz bewusst die Ambivalenz des Krieges inszeniert wird. Zwischen Krieg und Idylle befindet sich die Kulisse, befinden sich alle Figuren. Allen voran Veit Kolbe, der mehr mit seinen Erinnerungen aus dem Krieg zu kämpfen hat, als mit den äußeren Gefahren. Findet man diese stete Ambivalenz bei dem Hauptprotagonisten, verweist Geiger mit strenger Beharrlichkeit auch auf die innere Widersprüchlichkeit der anderen Figuren, die keine absoluten Meinungen vertreten und sich gerade deshalb dem Roman auf künstliche Weise anpassen. In jedem Satz kommt die Mitteilung des Werkes zum Vorschein; die Atempause, das Gefühl des Abwartens. …

Die Macht der Sprache: Joseph Luzzis autobiografischer Roman „In einem dunklen Walde“

In dem autobiografischen Werk „In einem dunklen Walde“ von Joseph Luzzi kommt eines ganz deutlich zum Vorschein: Die Macht der Poesie, die Macht der Worte in und nach dramatischen, wenn nicht sogar traumatischen Situationen. Joseph Luzzi ist glücklich verheiratet, unterrichtet und lehrt über die Kultur und Literatur Italiens und erwartet mit seiner Frau sein erstes Kind. Seine Welt gerät aus den Fugen, als er erfährt, dass seine Frau einen tödlichen Unfall hatte: „Die Worte kamen von irgendwoher aus der Nähe, aber sie klangen gedämpft, als wären sie durch andere Dimensionen zu mir gekommen. Zeit und Raum krümmten sich um mich. Ich betrat den dunklen Wald.“ Findet seine Tochter noch mit einem rettenden Kaiserschnitt ins Leben, so kann Jopseph Luzzi weder trauern noch begreifen, was passiert ist. Er betrat den dunklen Wald und fand zu Dante Alighieri, welcher in seiner „Göttlichen Komödie“ ebenso in die Dunkelheit eintrat. Luzzi stürzt sich in seine Forschungen, auf der Flucht vor der Trauer und zugleich in seiner Trauer einen Weg suchend, aus dieser herauszufinden. Wie er es durch Poesie geschafft …

Doppelbiographie der Nachkriegsliteratur, Helmut Böttigers „Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan“

Im letzten Jahr erschien die Doppelbiographie von Bachmann und Celan, geschrieben von dem renommierten Literaturkritiker und Kenner der Nachkriegsliteratur, Helmut Böttiger. Für Literaturwissenschaftler wie für Laien stellt sein neues Werk eine umfassende Zusammenfassung der zwei bekanntesten Lyriker der Nachkriegszeit dar. Doch mit welcher Berechtigung kann eine neue Biographie stehen, wenn keine neuen Quellen zur Verfügung stehen? Erschien hier ein Werk für die Wissenschaft, oder Literatur für die breite Gesellschaft, gefußt auf einer Emotionalisierung, wie man sie nur zu genüge aus der Sachbuchsparte der letzten Jahre kennt. Sollen nun auch Bachmann und Celan für eine biografische Bestandsaufnahme ihrer Liebesgeschichte herhalten, wie einst Arendt und Heidegger sowie Kafka und Felice Bauer. Zur Beruhigung kann schon einmal gesagt werden: Nein, dies ist hier nicht der Fall. Böttiger nimmt fehlende Dokumente zum Anlass, um eine Fassung der beiden Schriftsteller zu schaffen, die biografische Daten- und Lyrikanalyse gekonnt nebeneinandersetzt. Ohne den Blick auf die Lyrik zu verlieren, entstand hier ein Werk, welches nicht nur für Laien von Bedeutung sein kann, sondern eben auch Literaturwissenschaftler interessieren kann. Eine erfrischend neue Form …

Hannes Köhler, Ein mögliches Leben – Mehr als ein reiner Kriegs- und Nachkriegsbericht

In den letzten Jahren erschienen immer wieder Romane über die Zeit der Weltkriege, über das Leid und die Entbehrungen, die Täter und die Opfer, die Zeit in den Lagern, den Gefangenschaften in Russland, der Besatzungszeit in Frankreich. Wenig zu lesen bekommt man allerdings über die Zeit der amerikanischen Gefangenschaft. Hannes Köhler begibt sich hier in keine ausgetretenen Pfade und schafft mit seinem zweiten Roman „Ein mögliches Leben“ noch viel mehr als einen reinen Kriegs- und Nachkriegsbericht. Der frischgebackene Vater Martin macht sich mit seinem Großvater auf eine unbestimmte Reise nach Amerika, an die Orte der Kriegsgefangenschaft im Jahr 1944. Doch ist es keine selbstverständliche Reise zwischen Enkel und Großvater, um die Vergangenheit zu beleuchten. Das Verhältnis der zwei war noch nie ein sehr enges. Zu schwierig war die Beziehung der Mutter zu ihrem kühlen und distanzierten Vater, und auch Martin befindet sich gerade in einer unpassenden Situation, um mit „dem Alten“, wie Franz im Buch des Öfteren genannt wird, nach Texas zu den Ruinen der Baracken des ehemaligen Lagers zu reisen. Seit kurzem muss er …