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Carl Frode Tiller, Kennen Sie diesen Mann

Dass ein skandinavisches Buch seinen Weg auf den deutschen Buchmarkt findet, ist dank der nordischen Kriminalromane längst kein Einzelfall mehr. Anspruchsvollere Literatur hat es dagegen immer etwas schwerer und so fragt man sich, wenn man Carl Frode Tillers Roman Kennen Sie diesen Mann? aufschlägt schon, warum es ausgerechnet dieser – zumindest hier – unbekannte Autor geschafft hat. Mit viel Wohlwollen ist es der Ausblick auf die zu lesende Geschichte. Mit mehr Realitätssinn wohl eher die erworbenen Literaturpreise. Um die Literatur nach dem zu beurteilen, was sie ist, werfen wir nun also einen Blick auf die Geschichte des Romans. Denn diese scheint auf dem ersten Blick doch ganz interessant, wenn auch bekannt: Ein Mann verliert sein Gedächtnis und bittet über ein Zeitungsinserat Verwandte und alte Bekannte um Mithilfe in Form von Briefen. Drei Personen melden sich bei David, der – um gleich schon eines vorweg zu nehmen – selbst nie im Buch zu sprechen kommt, die als Erzähler seiner Geschichte dienen. In abwechselnden Episoden aus ihrer Gegenwart und langen szenischen Briefen über die gemeinsame Vergangenheit, zieht …

Cormac McCarthy, Die Straße

  Er lag da und lauschte dem im Wald tropfenden Wasser. Muttergestein, das. Die Kälte und die Stille. Die Asche der vorigen Welt von den rauen, irdischen Winden in der Leere hin- und hergeweht. Herangeweht, verstreut und abermals herangeweht. Alles aus seiner Verankerung gelöst. Ohne Halt in der aschenen Luft. Getragen von einem Atemhauch, zitternd und kurz. Wenn nur mein Herz aus Stein wäre. Er wachte vor Morgengrauen auf und sah zu, wie der graue Tag anbrach. Langsam und halb undurchsichtig. Während der Junge noch schlief, stand er auf, zog sich seine Schuhe an und marschierte, in seine Decke gewickelt, zwischen die Bäume. Er stieg in einen Felsspalt ab, wo er sich hustend zusammenkrümmte und lange Zeit weiterhustete. Dann kniete er einfach in der Asche. Er hob das Gesicht dem erblassenden Tag entgegen. Bist du da?, flüsterte er. Werde ich dich endlich sehen? Hast du einen Hals, damit ich dich erwürgen kann? Hast du ein Herz? Hol dich der Teufel, hast du eine Seele? O Gott, flüsterte er. O Gott. Ist das noch Literatur? Eine …

Stefan Zweig Sternstunden der Menschheit. Vierzehn historische Miniaturen

»So furchtbar rächt sich die große Sekunde, sie, die selten in das Leben der Irdischen niedersteigt, an dem zu Unrecht Gerufenen, der sie nicht zu nützen weiß. […] Verächtlich stößt er den Zaghaften zurück; Einzig den Kühnen hebt er, ein anderer Gott der Erde, mit feurigen Armen in den Himmel der Erde empor.« Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit Vor einem guten Jahr erschien – endlich, möchte man hinzufügen – die Neuausgabe von Stefan Zweigs »Sternstunden der Menschheit« mit den Illustrationen von Jörg Hülsmann. Ohne es vorweg nehmen zu wollen, aber hier ist dem S. Fischer Verlag ein großartiger Wurf gelungen. Aber eine solche Aussage sollte natürlich auch belegt werden. Betrachtet man dazu die »14 historischen Miniaturen« zweigeteilt in Form und Inhalt, sollte diese Urteil schnell deutlich werden. Der Urtext bestand im Jahre 1927 ursprünglich aus nur fünf kurzen, historischen Geschichten, die posthum 1943 um sieben erweitert worden sind, dazu zuzüglich 2 weitere, die 1940 in englischer Sprache erschienen. Von Cicero, über Waterloo bis hin zur Eroberung des Südpols und Lenis Rückkehr nach Russland, spannt der …

Zersplitterte Identität, zersplitterter Roman: Daniel Kehlmanns Ruhm

Eine ältere Dame begibt sich auf ihrem letzten Weg in die Schweiz, um sich ein Medikament zum Sterben geben zu lassen. So kurz vor das Ende ihrer Existenz gestellt, fleht sie den Erzähler um Gnade an. Derselbe Erzähler, der vorher noch als bekannter Autor, Neurotiker und Liebhaber porträtiert wird. Derselbe Liebhaber, der eine Affäre mit einer ruhmreichen Frau hat, die sich am Ende fragen wird, ob sie nur Kopie einer Romanschöpfung, reine Fiktion oder doch real ist. Schon oft wurde in den letzten Jahren der Versuch unternommen, die Fragen nach Identität, nach Wirklichkeit, kurz die Grundfragen der Philosophie, in einem Roman zu thematisieren. Auch die Gefahren der neuen Medien, der Sozialen Netzwerke und der allgegenwärtigen Sichtbarkeit wurde schon oft in dystopischer Weise auf den Markt gebracht. Und doch konnten beide Versuche mehr durch Handlung und Spannung punkten, als durch die Fragen als solche. Es gelingt diesem Roman, beides in Zusammenhang zu bringen. In sechs weiteren kurzen Geschichten erschafft Kehlmann Figuren, die scheinbar wahr-und zusammenhangslos auftreten. Durch feine Hinweise sind sie aber stattdessen so miteinander verwoben, …

Michel Houellebecq – In Schopenhauers Gegenwart |

Ein neuer Houellebecq ohne Skandal ist kaum vorstellbar. Keine Sexismus-, Religions-, und Islamdebatte erwartet einem im neuen Buch des Bestsellerautors. Und doch lässt sich in der kurzen Hommage an dessen Lieblingsphilosophen Schopenhauer ein neuer Blick auf den Autor selbst werfen. In der Abhandlung, die nicht viel mehr als eine grobe Auswahl Schopenhauerszitate umfasst, werden die sonst so misanthropischen Figuren Houellebecq und Schopenhauer beidesamt menschlicher. Ein Blick hinter die Grausamkeit des Menschen wird erhascht und die darausfolgende Suche nach dem Schönen, das nicht zwangsläufig menschlich sein muss. Viel mehr will der Autor dieses Buches nicht vermitteln: Da gibt es einen Weg jenseits der hochgeschätzen Humanität. Empfehlenswert ist das Buch wohl höhstens für zwei exklusive Kreise: Philosophisch interessierte Vielleser und Fans Houellebecqs. Für alle anderen ist das Buch zu kurz, zu brüchig, zu zusammenhangslos und zu oft mit sexuellen Anspielungen durchzogen, die absolut verzichtbar sind, aber dennoch zum Image des Autors passen.

Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben

Nur ein Roman über lebenslange Freundschaft?   Die langanhaltende Freundschaft zwischen einem Künstler, einem Schauspieler, einem Architekten, und Jude, einem Anwalt. Letzterer von jedem geliebt, obwohl er nichts von sich und seiner Vergangenheit preisgibt. Einzig seine Schmerzanfälle begleiten Freunde, Umfeld und den Leser immer wieder, während alles seinen Lauf geht und Jude mit den Jahren Freundschaft und Liebe erfährt – eine Tatsache, die er sich nie hat erträumen lassen, denn eines ist immer wieder zu lesen: Judes Selbsthass. Seine Scham über sich als Krüppel. Seine Vergangenheit und sowieso all seine Taten die er begangen hat. Seite für Seite bekommen wir einen Hauch von Ahnung, was ihm zugestoßen sein könnte. Bruchstücke, die auch Judes Umfeld mit den Jahren erfahren sollen, mehr erratend als wissend. Es vergehen hunderte von Seiten, Jahrzehnte im Buch, bis etwas Konkretes erfahren wird. Der Leser wird Teilhaber des Lebens der Vier. Er wird Freund und innerer Anteil Judes, der selbstliebende Anteil im Protagonisten, der in seinem Inneren schlummert, aber unaufhörlich von ihm ignoriert wird. Ebenso wie Zärtlichkeit und Fürsorge seiner besten Freunde. …