Debattennotizen

Bildung für Alle – Klassengrenze zwischen gebildet und ungebildet?

In der vergangenen Woche erschien eine Schlagzeile in der deutschen Medienlandschaft, die wohl gerne überlesen wurde: Nach Ergebnissen der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung, kurz Iglu, kann fast jeder deutsche Viertklässler nicht richtig lesen, ein Vergleich bei dem Deutschland wieder einmal vom europäischen Ausland überholt wird. Doch hier soll es nicht um einen reinen Statistikvergleich gehen, vielmehr um die Herausstellung eine neue Konstellation der altbekannten Klassengesellschaft in Deutschland, die sich im wirtschaftlich gut aufgestellten Staat scheinbar nur noch zwischen Begrifflichkeiten eines gebildeten und ungebildeten Haushaltes konstituiert.

Berechtigterweise fragen wir uns nun, was denn Bildung eigentlich sein soll. Sie ist in allem Munde, wird von wirtschaftlichen bis hin zu sozialen Sektoren genutzt, doch am Ende bleibt es eine leere Hülle, denn wo Bildung alles ist, ist am Ende nichts mehr Bildung.

Doch lassen wir uns auf das Gedankenexperiment einer neuen Bildungsdebatte ein, hören wir schon die zwei Gegenspieler laut rufen. Die einen, die die elterliche Erziehungsgewalt entziehen wollen, zu Gunsten eines stattlichen Erziehungsmonopoles und die andere Seite, die lautstark einen freien Menschen proklamieren will, der sich unter dem Staat nicht entwickeln kann und von diesem zu einem Leergefäß der Masse gebildet wird; denn hierbei sind sich alle einig, dass die Defizite am Desinteresse im Privaten liegen, Bildung nicht genügend allumgreifend vermittelt wird.

Wenn anstatt der Eltern der Staat als Erziehungsmonopol eingesetzt wird, passiert eben genau dies, was der bürgerliche Nationalstaat nicht anerkennen kann, dass es Ungleichheit gibt, die der Staat zwangsläufig anerkennen muss, um ein Bildungsmonopol zu etablieren, das eine Gleichheit herstellt. Sprich, zwangsläufig befinden sich alle auf einem gleichen Bildungsniveau, ob nun im Vorschulalter, in der Grundschule oder auf der Gesamtschule. Alle sind gleich gut, vielmehr schlecht „gebildet“. Nun scheuen sich aber gerade die Haushalte, bei denen kein Desinteresse vorliegt, keine Bildungslücke entsteht, vor dieser Gleichsetzung und der Ruf nach der freien Bildung des Menschen wird laut erklingen.

Wir können nun mit Humboldts Ideal von einer umfassenden Schuldbildung kommen, die schließlich davon ausging, dass alle Menschen dazu befähigt sind, eine umfassende Bildung zu erlangen, trotz dessen nur ein geringer Prozentsatz über den Mittelwert hinausragen kann. Doch solch eine Lösung könnte nur verfolgt werden, wenn zwar eine frühzeitige Bildung gegeben ist, der Einzelne aber nicht aus dem Blick verloren geht, was wiederum schnell passieren wird, wenn immer mehr Kinder und Erwachsene in sogenannte Bildungseinrichtungen gesteckt werden. Man kommt zwangsläufig auf den Ansatz zurück, der mehr Pädagogen in einer Klasse fordert, so dass ein durchgehendes Niveau erschaffen wird und sowohl die schlechteren als auch die besseren Schüler nicht übersehen werden.

Klingt alles vernünftig, darf gerne überarbeitet und überdacht werden, aber der Leser wird bemerkt haben, dass dies alles nicht mit Bildung zu tun haben kann, weil es hier eben nicht um Bildung, sondern um bessere Ergebnisse, Kompetenzen, kurz: größtmögliche Erfolge geht.

Die Debatte darf nicht wieder auf der Kompetenzebene zur Verbesserung der Jobchancen auf dem späteren Markt gehen, nicht wieder um die Anzahl der Instrumente, die ein Kind erlernen kann, wodurch es seinen Marktwert steigert, nicht wieder um reines mathematisches Verständnis und Lesekompetenz; vielmehr um eine Umgebung, in der es möglich sein wird, ein Kind wieder an sich selbst wachsen zu lassen, es aus Interesse zu einem Buch greifen lässt und in der es sich zu einem mündigen Menschen entwickeln kann.


Gedanken zur #MeToo Debatte

Mehr als eine Millionen Menschen benutzten #MeToo; gleiches geschah bei #Aufschrei und doch möchte man aufschreien gegen all das laute Getöse, welches das Schweigen all der missbrauchten Kinder, Frauen und Männer förmlich zum bersten bringt.

All diese Ignoranz missachtet, dass weder ein öffentlicher Aufschrei, noch Hashtags das faktische Leid der Menschen auch nur berühren können.
Versteht mich nur falsch. Ich erkenne die Wichtigkeit der Debatte durchaus an, doch streift sie in einer Beharrlichkeit an der Oberfläche. Ein jeder Satz, eine jede Berührung kann zu einem Aufschrei führen, ist dies doch der reinen Symbolpolitik geschuldet, die sich den Problemen einer grundsexualisierten Gesellschaft gar nicht annehmen kann, ist sie doch auf den gleichen Fundamenten gebaut.
Ja, es gibt die sexuelle Belästigung in Wort und Tat, vorkommend vor allem in hierarchischen wirtschaftlichen Verhältnissen, doch eine Grundbesinnung auf die Tugenden des Anstandes würde der Übersexualisierung der Gesellschaft eine Schranke entgegensetzen.

Doch gibt es vor allem den sexuellen Missbrauch an Kindern, Frauen und Männern, gibt es weiterhin die sexuelle Nötigung. Beides Taten, die die Überlebenden sprachlos machen, sie dermaßen an eine lebensbedrohliche Situation bringen, dass die Erinnerungen an diese Taten für Jahre verschwinden können – aus Schutz, aus Unbegreifen, aus Angst!

Nicht jedes Schweigen muss mit der Lautstärke eines Aufschreis unterbrochen werden. Ein Schweigen kann all die Worte ersetzen, die ohnehin keinen Wert hätten; kann ein Bewusstsein schaffen, als Ausdrucksmittel des Unbegreiflichen, welches immer noch tagtäglich stattfindet und nicht erhört wird.

Die Ebenen müssen auseinander gehalten werden: Auf der einen Seite das dröhnende Schweigen der Überlebenden, die noch nicht sprechen können, weil uns als Gesellschaft die Worte fehlen. Auf der anderen Seite der oftmals in Voyeurismus ausartende Versuch einer ideologischen Verschnutzung von reellem Sexismus.

Nehmt Eure vielen Worte, Eure Hashtags, um einen neuen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess zu beginnen, um den Überlebenden von sexueller Gewalt die Worte wieder zu geben.