Notizen der Waldgänger



Albert Camus

„Der moderne Verstand weiß sich keinen Rat mehr. Unsere Kenntnisse haben sich dermaßen erweitert, daß Welt und Geist jeglichen Anhaltspunkt verloren haben. Es stimmt, daß wir an Nihilismus leiden. Aber das wirklich Bewundernswerte sind die Predigten über alle Arten von ‚zurück‘. Zurück zum Mittelalter, zum einfachen Denken, zur Scholle, zur Religion, zum Arsenal der alten Lösungen. Um diesen Linderungsmitteln einen Schimmer von Wirksamkeit zuzuerkennen, müßten wir so tun, als seien unsere Kenntnisse nicht mehr vorhanden – als hätten wir nichts gelernt –, kurz, vorgeben, auszulöschen, was unauslöschbar ist. Wir müßten mit einem Federstrich den Beitrag mehrerer Jahrhunderte streichen und zugleich die unbestreitbaren Errungenschaften eines Geistes, der schließlich (das ist sein letzter Fortschritt) das Chaos auf eigene Rechnung neu erschafft. Das ist nicht möglich. Um zu gesunden, müssen wir mit dieser Klarheit, mit diesem Scharfblick zurechtkommen. Wir müssen den Einsichten Rechnung tragen, die wir unvermittelt aus unserem Exil gewonnen haben. Nicht weil das Wissen eine Umwälzung der Welt hervorgerufen hat, weiß der Verstand sich keinen Rat mehr, sondern weil er sich nicht mit dieser Umwälzung abfinden kann. Er ‚hat sich nicht an diesen Gedanken gewöhnt‘. Sobald er sich daran gewöhnt hat, wird seine Ratlosigkeit ein Ende nehmen. Dann bleibt nur die Umwälzung bestehen und die klare Erkenntnis, die der Geist davon besitzt. Eine ganze Kultur muß neu geschaffen werden.“ 



Hermann Hesse – Demian

„Es gab keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten, einerlei wohin er führte. – Das erschütterte mich tief, und das war die Furcht dieses Erlebnisses für mich. Oft hatte ich mit Bildern der Zukunft gespielt, ich hatte von Rollen geträumt, die mir zugedacht sein könnten, als Dichter vielleicht oder als Prophet, oder als Maler, oder irgendwie. All das war nichts. Ich war nicht da, um zu dichtem, um zu predigen, um zu malen, weder ich noch sonst ein Mensch war dazu da. Das alles ergab sich nur nebenher. Wahrer Beruf für jeden war nur das eine: zu sich selbst zu kommen. Er möchte als Dichter oder als Wahnsinniger, als Prophet oder als Verbrecher enden – dies war nicht seine Sache, ja dies war letzten Endes belanglos. Seine Sache war, das eigene Schicksal zu finden, nicht ein beliebiges, und es in sich auszuleben, ganz und ungebrochen. Alles andere war halb, war Versuch zu entrinnen, war Rückflucht ins Ideale der Masse, war Anpassung und Angst vor dem eigenen Innern.“

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