Rezensionen

Dörte Hansens Mittagsstunde

Alter Wein in neuen Schläuchen oder ein neues literarisches Ausrufezeichen?
Die Heimkehr des Ingwer Feddersens in sein Heimatdorf ist nicht nur die nostalgische Heimaterzählung einer vermeintlich guten alten Zeit, sondern die Entwicklung eines Zeitpanoramas über Rückblicke, Anekdoten und Gegenwartsbetrachtung. Immer der umgebenden, fordernden Natur angepasst, kurz in den Sätzen, ohne unnütze Abschweifung, erzählt Hansen den Einbruch der Moderne in das friesische Dorf Brinkebüll und erschafft damit ein literarisches Ausrufezeichen.

Als 2015 Dörte Hansens Erstling „Altes Land“ erschien, traf er einen Lebensnerv: die Hinwendung zum Land, die Suche nach Sicherheit in unsicheren Zeiten, die Problematik von Flucht und Vertreibung (und wie man mit den Neubürgern denn umgehen sollte), aber auch der Zerfall der Familien und die Zumutungen des modernen Arbeitslebens. Die Kritiker waren begeistert, der Roman führte über Wochen alle Bestsellerlisten an. Für ein Debut ein ungeheurer Erfolg, der aber nicht nur auf der Geschicklichkeit basierte, mit der Hansen schwierigste Themen in kurzen, fast schon lakonischen Sätzen dem Leser nahebrachte. Tatsächlich traf man hier auch große Literatur an, großartige Montagen aus Rückblenden und Gegenwartsbetrachtungen, die damit den zeitlichen Zusammenhang von Vergangenheit und Zukunft deutlich machten. Ohne Frage schrieb sich hier eine große Autorin etwas von der Seele, was sie selbst betraf, auch wenn eine autobiographische Deutung mehr als unangemessen wäre für die Weite, die dieser erste Roman behandelte. Schon damals auffällig war die metaphernreiche Sprache, die Schilderung der Landschaft als integralen Bestandteil der Charakterzeichnung, der Zusammenhang von Mensch und Natur. Dass vielleicht nicht jeder narrative Strang ausgereizt war, konnte man aufgrund des Gesamtbildes leicht verschmerzen. Hier ging es nicht um sinnlose Nostalgie, sondern es wurde ein Zeitpanorama entworfen, indem das Landleben als Teil von etwas Großem fungierte.

Was geschieht aber nun in Hansens neuem Roman Mittagsstunde? Nun, im Wesentlichen dasselbe. Was aber überhaupt kein Urteil über die Qualität des Romans ist.

Ein Roman wie eine Landschaft

Natürlich, es gibt auf der Ebene der Erzählung einige Änderungen. Die Geschichte spielt nicht mehr im Alten Land, also jener Landschaft südlich von Hamburg, sondern diesmal in Nordfriesland, genauer im fiktiven Ort Brinkebüll. Ein Dorf am sprichwörtlichen Ende der Welt. Hier scheinen bis vor wenigen Jahrzehnten noch Strukturen vorgeherrscht zu haben, die sich seit der Seßhaftwerdung des Menschen nicht wesentlich verändert haben. Man kämpft gegen die Natur an, versucht dem kargen Boden ein wenig Ertrag abzutrotzen, hält allerlei Tiere, vor allem um sein eigenes Auskommen zu sichern. Es gibt stolze Bauern, eine Dorfschule, eine einzige, zentrale Kneipe, man heiratet im Dorf oder zumindest jemanden aus den umliegenden Gemeinden, kurz: wird hier getauft, konfirmiert, heiratet, bekommt Kinder und stirbt irgendwann. Eine ewige Wiederkehr des Gleichen in neuen Gesichtern. Gleichzeitig ist man wenig religiös, selbst der Dorfpfarrer hält die friesischen Dickschädel, die bekanntlich schon den Hl. Bonifatius erschlugen, für Wesen, an denen der Glaube einfach abperlt, wie Regen an einem dichten Fell. Dazu die Natur, die den Einwohner immer wieder fordert, einen, wie Hansen schreibt, abschleift und formt, wie einst die Eiszeit diese einzigartige Landschaft: „Keine Schönheit weit und breit. Nur nacktes Land, es sah verwüstet und geschunden aus. Ein Land, das man mit einer frommen Lüge trösten wollte, die Hand auf diese Erde legen: Wird schon wieder. Wird alles wieder gut.“ Immer wieder bleibt der Himmel zentnerschwer, er lastet auf den Menschen, beugt sie, prägt sie. Weshalb viele Worte verlieren? Man steht auf, kämpft, legt sich wieder hin. Die sprichwörtliche Wortkargheit der Friesen, sie entspricht auch der Kargheit des Bodens.

Hansen nimmt immer wieder diese Verbindungen auf, kurze und kürzeste Sätze, wenn das Dorf und seine Bewohner beschrieben werden. Die Landschaft zwar etwas ausladender, aber gleichzeitig hauptsächlich in der Farbe grau, nur hier und da Farbtupfer, das satte Grün der Wiesen oder die blühenden Büsche. Sprache wirkt hier nicht wie ein Mittel der Beschreibung, sondern unterwirft sich selbst der Natur, spricht den gleichen Rhythmus.

Ebenso sind die Charaktere entworfen. Hansen verwendet nicht viele Worte auf die Umschreibung der zahlreichen Figuren, die das Dorf bevölkern und dennoch wirken sie lebensechter, als manch ausgeklügelte Romanfigur eines hochgelobten Schriftstellers. So – vermeintlich! – einfach wie die Menschen selbst, so auch ihre Beschreibung. Hier der Bauer, der seit Jahrhunderten das Geschäft seiner Familie weiterführt, dort der Bäcker, der eigentlich lieber Konditor wäre, aber sich den Zwangsläufigkeiten des Dorfes anpasste, auch wenn das bedeutet, dass niemand seine verzierten Torten kauft, die er dennoch bäckt. Da der liebenswerte Dorftrunkenbold und die Inhaberin des einzigen Ladens des Dorfes, neben ihr der Dorflehrer, die einzige „intellektuelle“ Person neben dem Pfarrer und schon deshalb der Gemeinschaft verdächtig. Bücher sind Verschwendung, abstraktes Wissen, das nichts erklärt und vor allem am frühen Morgen nicht die Kühe melkt. Rustikale Pädagogik, inklusive körperlicher Übergriffe, aber nichts aus Sadismus, sondern um den dickköpfigen Bauernsöhnen wenigstens Lesen und Schreiben beizubringen. Auch hier immer mal einer oder eine, die es schaffen könnte aus dem Dorf zu entkommen. Eine höhere Schule zu besuchen oder gar eine Universität, aber auch dies immer gegen den Widerstand der Eltern, die davon ausgehen, dass ihre Kinder den Hof oder das Gewerbe weiterführen. Das hingeworfene Hä! wenn es zu den Studierern geht, ist mehr als eine hingeworfene Äußerung des Missfallens.

Einer von jenen, der es schaffte ist der Hauptprotagonist Ingwer Feddersen. Er, mittlerweile promovierter Alt- und Frühhistoriker, Archäologe, arbeitet an der Universität in Kiel und ist nach allen Maßstäben der Gegenwart ein erfolgreicher Mensch. Setzte sich im akademischen Umfeld durch, machte eine bescheidene Karriere, ist aber dennoch in einer gewissen Form unglücklich. Das liegt nicht nur daran, dass er seit zwanzig Jahren in einer seltsamen Dreierkonstellation einer WG lebt (und liebt), die mehr an eine absonderliche Form von Familie erinnert als an eine Zweckgemeinschaft. Ebenso ist Ingwer niemals wirklich „weggekommen“, er hält sich immer noch in der Brinkebüller Umlaufbahn auf, nur eine Stunde entfernt, auch wenn er nur noch selten wirklich zuhause ist. Viel schlimmer nagen an ihm seine Selbstzweifel. Ein Kind aus der friesischen Pampa, darf es überhaupt so weit kommen? Gibt es einen Anspruch auf diesen Lebensweg, dem alle Selbstverständlichkeit fehlt, weil es immer ein Kampf ist, immer wieder ein Erzwingen von Anerkennung? Wie der Bauer dem Land seine Früchte abpresst, so verhält sich auch Ingwer Feddersen innerhalb seiner Universität: kämpfend, schweigsam, das Notwendige tun, ohne sich zu beklagen, kein falsches oder unnötiges Wort verlieren. Und so steht er auch mit seinen 50 Jahren mit Flensburger Pils und selbstgedrehter Zigarette bei den großen Feiern seiner WG herum, während sein Mitbewohner als wiedergeborener Sternekoch großartige Kochinszenierungen inklusive teuren Weinen zelebriert, auch wenn ihm dazu jedes Talent fehlt.

Hier wird die Sprache des Romans blumiger, kommen die seltenen Nebensätze vor. Hansen passt sich auch sprachlich den Milieus an, die sich beschreibt, so wird – für die Verhältnisse dieses Romans – fast ausschweifend von der Innenarchitektur der Kieler Wohnung erzählt, von den Stuckdecken und dem Interieur. Welch‘ Unterschied zu der fast schweigsamen Beschreibung der Brinkenbüller Kneipe, die Ingwers Großvater, Sönke Feddersen gehört.

Die Geschichte in der Geschichte – der Einbruch der Moderne

Jener Sönke, geboren und aufgewachsen in Brinkebüll, nur für die Zeit des Zweiten Weltkrieges fern von der Heimat, danach noch einige Jahre in einem sowjetischen Kriegsgefangenlager, verkörpert das alte Brinkenbüll. Das Brinkebüll vor der modernen Dorfstraße, die schon in ihren ersten Tagen ein Opfer fordert. Aber es sind vor allem die Jahre nach 1945, die den Charakter des Dorfes unwiderruflich zu Grabe tragen.  Hier kündigt sich schon der erste radikale Wandel an, der sich in den nachfolgenden Friedensjahren fortsetzt. Die Dorfgemeinschaft wird zerrissen, Kinder werden nur wenige Monate nach der Rückkehr der Männer geboren und obwohl jeder weiß, dass dies rechnerisch nicht aufgeht, wird geschwiegen. Überhaupt das Schweigen; auch wenn jeder alles über den anderen weiß, gibt es im Grunde keine soziale Korrektur innerhalb dieses Systems. Man weiß, wer seine Frau und Kinder schlägt, wer sein Vieh schlecht behandelt (oder noch schlimmer), wer Alkoholiker ist, aber stets „Geht einen das nichts an“. Die Fassade des heilen Familienlebens muss unbedingt hochgehalten werden, auch wenn offensichtlich ist, dass dem nicht so ist.

Das Absonderliche und Unnormale, es hat im Grunde keinen Platz im Dorf, aber es wird akzeptiert, wenn es auftritt. So auch Sönke und Ellas Tochter Marret. Es bleibt offen, ob dieses Kind eine tatsächliche geistige Behinderung hat oder nur anders denkt. Es bleibt bei den Hinweisen, dass sie mit „den Dingen in Verbindung steht“. Aber auch sie wird wie selbstverständlich in die Arbeit in der familiären Kneipe eingeführt. Auch sie muss ihren Teil beitragen. Im Jahre 1966/67 wird die Moderne mit aller Brutalität in das Dorf eingeführt. Es sind nicht die beginnenden Studentenproteste oder der Schrei nach Befreiung der Frau, sondern es ist die Flurbereinigung. Alte Parzellen, die seit Jahrhunderten einer Familie gehören, werden mit anderen zusammengelegt, so dass moderne Großfelder entstehen. Nicht jeder kommt dabei gut weg, nicht jeder kann Bauer bleiben. Gleichzeitig wird auch eine neue Straße gebaut, die alten Kastanien müssen weichen, sie fallen symbolisch unter einer gewissen Anteilnahme des Dorfes, aber ohne große Wehmut. Die verantwortlichen Landvermesser, die das Dorf aufsuchen, sie sind wie Botschafter einer fremden Welt, mit Argusaugen beobachtet, aber nicht unfreundlich behandelt. Dennoch sind sie verantwortlich, dass Marret Feddersen hinterher schwanger ist. Es bleibt auch hier offen, wie freiwillig der Kontakt geschah, aber auch hier dient die Schwangerschaft nur als Symbol für die Umwälzung, die dem Dorf bevorsteht. Ergebnis dieser Verbindung ist Ingwer Feddersen, halb noch in der Tradition Brinkenbülls stehend und halb schon dieser neuen Gegenwart gehörend.

Aber er kommt zurück, pflegt seine Großeltern, die dies nicht mehr alleine können und es entsteht eine wunderschöne Parabel über Freiheit und die Selbstbestimmung des Menschen, über sein eigenes Können, über Stolz und Vorurteil. Es wäre verkehrt, dieses Buch nur in Hinsicht auf seinen vermeintlichen Heimatbegriff zu lesen. Vielmehr werden die gesellschaftlichen Risse, die seit 50 Jahren mehr und mehr sichtbar werden, wie in einer experimentellen Studie sichtbar gemacht, aber auch all jene Verlogenheit, die schon vorher herrschte. Der Kitt, der auch in den 50er und 60er Jahren das fragile Gemeinschaftsleben zusammenhielt, er wird hier drastisch abgekratzt. Nichts war früher besser, es war nicht einmal gut. Die Menschen waren immer gleich verlogen, immer gleich aufgeteilt in gute und schlechte Personen. Es gibt keine „goldene Vergangenheit“ an die man anknüpfen müsste und deshalb ist nicht alles automatisch besser, wenn es neu ist. Es bleibt eine Ambivalenz zurück, die schon immer bestand, weil der Mensch selbst ein ambivalentes Wesen bleibt.

Und dennoch sind die Veränderungen, die unter dem Stichwort Flurbereinigung vorgenommen wurden, ein größerer Einschnitt als all jene Kriege oder Katastrophen der Vergangenheit. Zum ersten Mal glaubt sich der friesische Bauer den Gewalten der Natur überlegen, er ist nicht mehr ihr willenloses Objekt, sondern kann sich aufschwingen zum Herrn der Natur. Sinnbildlich dafür ist das Rehkitz, das von den mächtigen Mähmaschinen in Teile gerissen wird. Aber am Ende bleibt er dennoch das kleine, schwache Wesen, das auf Hilfe angewiesen ist. Aber man darf das nicht falsch verstehen. Der Roman ist kein Aufruf zur Umkehr oder zur Erneuerung eines vermeintlichen „ökologischen Bewusstseins“, sondern er erzählt eine Parabel. Der Mensch, das Dorf, die Natur, sie sind aufeinander bezogen und dennoch nicht eins. Es ist keine romantische Verklärung der Einheit von Mensch und Natur, sondern die Erzählung eines Kampfes gegen Widerstände, die einen erschöpfen und auslaugen, die einen zerstören, wenn man sich nicht den Notwendigkeiten ergibt, wenn man nicht einsieht, dass auch Kämpfe irgendwann ihr Ende haben müssen.

In vielen Teilen erinnert Hansens Roman an den Vorgänger. Der Zusammenbau aus Rückblenden und Gegenwartsbeschreibungen, die schwierigen Familienverhältnisse, die Entfremdung vom Land und von den Menschen. Aber dies ist kein Nachteil. Im Gegenteil entsteht wieder eine Diagnose der Gegenwart, basierend auf den Fehlern der Vergangenheit. Gibt es in diesem Sinne ein Happy-End? Es bleibt dem Leser überlassen, ob er den Ausgang des Romans als glücklich deutet oder nicht. Aber der angesammelte, unausgesprochene Schmerz, all die Verletzungen und Brüche, sie scheinen schwer zu wiegen. Schwer wie ein zentnerschwerer, grauer Himmel.

Ein großartiger Roman zur richtigen Zeit, eine Zeitpanorama sondergleichen und deshalb eine absolute Empfehlung.


Penguin Verlag 2018, 320 Seiten, 22,00€



Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.

Juli Zeh: Unterleuten

20190126_140919-017029589395994315540.jpeg

Ein Dorf zwanzig Jahre nach der Wende. Nicht unweit von Berlin und doch weit genug entfernt, um einen anderen Schlag Mensch anzutreffen. Das auf jeden Fall scheint die feste Überzeugung der zugezogenen Berliner zu sein, der Wessis, wie die Unterleutner sagen würden. Ein Dorf in Brandenburg, Ostdeutsche, die hängen geblieben sind, Menschen, die unweigerlich miteinander verbunden sind. Durch Gefälligkeiten, Liebschaften, durch alte Feindschaften und Kriege – in einem Roman Juli Zehs – ebenso durch einen ungeklärten Mord, der vor zwanzig Jahren geschehen sein soll. Die große Dorfidylle, das wünschen sich die Zugezogenen, so zumindest der ehemalige Professor, der die Grünen in Berlin mitgegründet hatte und nun vor Langeweile und Missachtung flieht. Zusammen mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau und dem Neugeborenen, an das sie sich klammert, wie an einem Strohhalm. Der Ort um Geschäftsideen wahrwerden zu lassen, das denkt sich die zielstrebige Pferdenärrin, die . Sie klammert sich an diese Idee, ebenso wie die Frau des Umweltschützers an das Kind. Das sind die Neuen.

Beherrscht wird das Dorf allerdings nur von einem: Gombrowski, Sohn der alten, zu DDR-Zeiten enteigneten Großgrundfamilie, Chef der LPG und nach der Wende erneut Landbesitzer, Firmenchef und Koordinator des Dorfes. Der Feind, ein (Alt-)Kommunist. Kron, mürrisch, brutal, vorlaut, Weltdurchschauer und genauso alt und stur wie Gombrowski. Neben diesen noch ein enttäuschter Bürgermeister, der es nie verwunden hat, dass seine tote Frau ihn und alle anderen im Dorf zu DDR-Zeiten bespitzelt hat. Eine alte Katzennärrin, diverse Trunkenbolde, ein verletzter Mechaniker und so jegliches weitere Klischee an Dorfbewohner, das man sich denken kann. Gezeichnet sind diese Figuren zu offensichtlich. Das Grau, das den ganzen Roman durchziehen soll, auch zu gemalt, um wirklich echt zu erscheinen. Die Fronten scheinen ebenso geklärt und doch ziehen sich die Konflikte mit einer Beharrlichkeit durch die Seiten, wie es nur ein Juli Zeh Roman schaffen kann. Da werden jahrzehntelange Fehden neu erzählt, alte Gewissheiten immer wieder aus neuer Perspektive verstanden und doch bleibt der Grundkonflikt immer der Gleiche. Die Menschen sind aneinandergebunden, ob sie wollen oder nicht. Das waren sie schon immer und das änderte auch keine Wende. Das ändern noch nicht einmal die Zugezogenen, auch wenn diese jederzeit wieder flüchten können.  Eines ist klar: Zeh schafft ein Gesellschaftspanorama, lässt alles in einem kleinen Dorf spielen, ohne dabei gesellschaftliche Themen außenvorzulassen. Ein Makrokosmos trifft auf einen Mikrokosmos. Da es nicht ganz sicher ist, ob seltsame Fremdlinge aus Berlin für eine Eskalation des Ganzen ausreichen, nimmt Zeh den schnellen Eskalationsweg: Sie bringt die aktuelle Politik mit ins Spiel. Kurz, die Energiewende kommt nach Unterleuten. Ein geplanter Windpark bringt nicht nur die Sicherung der Zukunft ins Dorf. Er versperrt auch nicht nur die idyllische Sicht auf die Natur. Nein, er bringt vor allem Probleme, Konflikte, neue Verbindungen und Deals mit sich und ganz nebenbei eignet er sich perfekt, um einen ganzen Roman entstehen zu lassen, in dem die verschiedenen Systeme und Menschen von einer allwissenden Erzählerin erläutert werden. Der Kapitalismus, der Kommunismus, die Generation Y können ebenso präzise in seinen oberflächlichen Betrachtungen dargelegt werden, wie der Egozentriker, der Faule, der Naivling, der Weltverbesserer und der Schlägertyp.

Weil immer noch nicht sicher ist, ob dies für eine Eskalation reicht, wird im letzten Drittel des Romans noch einmal richtig übertrieben. So weit, dass es absurd wird, dass das gezeichnete Bild, auch in seiner bewussten Zeichnung, nur noch grotesk wirkt und nicht mehr zum nachdenken anregen kann. Einmal mehr scheint es so, als wollte oder könnte sich die Autorin nicht entscheiden, welche Art von Roman sie schreiben möchte. Zwischen Gesellschaftskritik, Thriller und Unterhaltungsliteratur kann alles dabei gewesen sein und doch kommt man nicht umhin zu sagen, dass Juli Zeh es trotz aller Widersprüche schafft, einen flüssigen Roman zu erschaffen, den man doch nicht zur Seite legen kann. Spannung erzeugt sie nicht, gesellschaftliche Themen werden auch unter der Fülle an Figuren unwichtig, die Zeichnung der Figuren wiederrum regen nicht an, dem Text eine gewisse Tiefe nachsagen zu können und doch lebt der Roman vor sich hin. Gleichgültig, unaufregend und doch mit einem Hauch Ehrlichkeit, der auch nach zuklappen des Buches noch an die Bewohner von Unterleuten denken lässt.

Juli Zeh wollte ein Bild von Deutschland aufzeigen, wollte die Stimmung einfangen und Töne erklingen lassen. Überzeugt davon, dies geschafft zu haben, sagte sie mehrmals in Interviews, dass sie mit Bedauern nur ein trostloses Bild schaffen konnte. Doch dies schaffte sie nicht. Dieses trostlose Bild, das sie schaffen wollte, von einem Deutschland, von den Bürgern in diesem Land, von den Ostdeutschen und von den doch so anders denkenden Westdeutschen, all das ist nur ein oberflächliches Bild, das in den vielen Politshows eingefangen wird, in denen sie sitzt. Die Menschen holt sie nicht ab, der Blick auf den Ostdeutschen ist ein Blick von oben und so bleibt auch das ganze Buch nur ein Blick von oben, ohne den Versuch unternommen zu haben, den Menschen dahinter zu sehen. Fakten, Konflikte und gesellschaftliche Umbrüche wurden erklärt, doch auch dieser Roman schaffte es nicht, ein Lebensgefühl, eine ganze Ära aus Menschen zu greifen. Er griff daneben, indem er Menschen skizzierte. Dabei wird es fast nebensächlich, wie der Mensch dahinter aussehen könnte. In den Mittelpunkt rückt nach der Lektüre eher der Gedanke, weshalb die Menschen fast karikaturhaft dargestellt werden, weshalb alles bewusst kühl und trostlos erscheinen muss und eine Ehrlichkeit nicht zu greifen ist. Vielleicht ist die Antwort in der Realität so einfach, wie die im Buch. Die Autorin ist und bleibt eine Zugezogene.

 

Luchterhand 2017, 640 Seiten, 24,99€



Ich danke Randomhouse für das Rezensionsexemplar


Jens Andersens fulminante Biografie über Astrid Lindgren

img_20181219_220450_8145065266478933520198.jpg

„Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“ Das Zitat ist fast so bekannt, wie seine Verfasserin. Astrid Lindgren, die bekannte Kinderbuchautorin, Heldin einer jeden Kindheit, Tagebuchschreiberin und leidenschaftliche Brieffreundin. Wer ist die Person hinter der Ikone? Dieser Frage nähert sich Jens Andersen, Biograph so mancher skandinavischer Schriftstellergröße, 2017 in seinem Buch: „Astrid Lindgren. Ihr Leben“ und durchwühlt dabei Archive, um das Werk mit zahlreichen Zitaten und Fotos auszustatten. Die Verbindung, die er von der ersten Seite an, zwischen der privaten und der öffentlichen Person Lindgrens versucht herzustellen, scheint an mancher Stelle doch ein wenig zu übereifrig, wenngleich nie unsensibel. Anfangs wird eine stürmiche Jugendliche porträtiert, die schon früh gegen das ländliche Leben rebelliert, ohne ihre Arbeit in der Familie und auf dem Feld zu missachten. Der Wunsch Journalistin zu werden, verschwand aber nie aus ihrem Kopf und so wurde sie schon sehr früh als Volontärin in der größten Zeitung der Kleinstadt angestellt. Ausführlich berichtet Jens Andersen über ihre jungen Jahre, den Lebensgeist der neuen Generation, von einer neuen Zeit – schlicht, von der schwedischen Lebens- und Kulturgeschichte des anfänglichen 20. Jahrhunderts und gleitet dabei oft genug in Einzelheiten ab, die Lindgren ein Leben lang zu verbergen versuchte.

Dass der Höhepunkt des Buches einen Skandal bereithält, überrascht kaum. Die achtzehnjährige Lindgrens flüchtet überstürzt nach Stockholm. Mit einem unehelichen Kind unter dem Herzen, – der Vater, ein Mann in Scheidung und Verleger der Zeitung, für die sie arbeitete. Die Motive der mutterlosen Kinder in ihren Büchern, das Engagement für Frauen- und Kinderrechte, werden nun vorschnell auf die Situation der jungen Lindgren zurückgeführt. Sie eigenen sich hervorragend, um die Verbindung zwischen der jungen Frau herzustellen, die schon zu früh erwachsen werden musste und ihr Kind über drei Jahre lang bei einer dänischen Pflegefamilie lassen musste. Schnell gleitet der Autor in Interpretationen über die Gefühlwelt der Autorin ab, schafft es aber gleichzeitig nicht, die Person Astrid Lindgren näher zu bringen. Vielmehr ist von lebenslangen Schuldgefühlen die Rede, von Ersatzhandlungen, die in den Geschichten Lindgrens auftauchen, um das zu verarbeiten, was in der Realität nicht zu verarbeiten war.

Es kommt 1931 zur Heirat, schnell darauf zur Geburt des zweiten Kindes Karin. Das Leben als Hausfrau und Mutter wird erzählt, aber im Gegensatz zum restlichen Leben fast stiefmütterlich behandelt. Vielmehr rücken die Gedanken zur politischen Lage und der spätere Krieg in den Vordergrund. Andersen bezieht sich hier auf die kürzlich erschienenen Tagebücher und setzt auch hier wieder hauptsächlich auf die Suche nach Motiven in Lindgrens Werk. Dass Pippi Langstrumpf im direkten Zusammenhang zum 2. Weltkrieg entstanden ist, ist obligatorisch. Nur folgerichtig erscheint Andersens Darlegung des weiteren Werdegangs Lindgrens. Sie wird Chefredakteurin bei dem Verlag, in dem auch ihr Gesamtwerk erschien. Der Weg dorthin erscheint in diesem Buch wie eine nicht enden wollende Odyssee. Schließlich wird sie politisches Sprachrohr gegen Ungerechtigkeit und Verletzung der Kinderrechte. Andersen bezieht sich dabei fast ausschließlich auf die Rolle in Schweden und bleibt seinem Ziel, neben der Geschichte Astrid Lindgrens auch die schwedische Literatur- Verlags- und Lebenswelt aufzuzeigen, treu.

Kann dies ein Punkt für Kritik sein, so stellt das zwanghafte interpretieren von Astrid Lindgrens Gefühlswelt bezogen auf ihr Werk, den zweiten und somit bedeutenderen Punkt für Kritik dar. Wobei die Tatsache nicht außen vorgelassen werden darf, dass dies der heutige Duktus der Biografien sein muss, bei dem Jens Andersen es allerdings sehr gut schafft, weder indiskret noch unsensibel, wenngleich aber übermotiviert und vorschnell vorzugehen. Er schafft einen neuen Blick auf Astrid Lindgren, auch wenn bei aller Motivik eines auf der Reise durch ihr Leben verloren geht: Ihre Persönlichkeit , und damit vor allem der Reiz, den ihre Bücher ausmachen. Die eingestaubten Kinderbücher werden allerdings schon während oder spätenstens nach der Lektüre der Biografie aus den Regalen geholt. Vielleicht mit dem Ziel, Parallelen zwischen Figuren und Biografie zu ziehen. Eine Vorgehensweise, die aber spätestens auf der zweiten Seite wieder vergessen ist, sind die Abenteuer Pippi Langstrumpfs doch spannender; ob nun Verweis auf Ideologie, Gewalt und Macht im 2. Weltkrieg, oder nicht.

Pantheon 2017, 448 Seiten, 18,00€


Mit Dank an Randomhouse, die mir dieses Werk als Rezensionswerk haben zukommen lassen.


Florian Illies – 1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte
img_20190117_120857_6825512758691796474741.jpg

Florian Illies – neuer Verleger des Rowohlt Verlags – brachte vor sieben Jahren sein Buch „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ heraus und begeisterte damit endgültig das Publikum als begabter Autor. Ende 2018 löste er wieder einen Aufschrei aus – aus Freude oder Empörung?

Da ist sich das Publikum bis heute noch unsicher, aber spätestens während der Anschlusslektüre „1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ wird dies wohl vollkommen nebensächlich. Denn ob sinnlose Weiterführung eines abgeschlossenen Romans oder erweiterter Einblick in das Jahr 1913, auch sein neues Buch lässt wieder mit viel Charme, Witz und Details in das Jahr 1913 hineinschauen und wagt dieses Mal sogar den Blick außerhalb Europas.
Wie schon im ersten Band nimmt Illies den Leser wieder mit zu den Protagonisten des Jahres, erzählt aus deren Tagebüchern, Büchern, Briefwechseln und sonstigen Quellen, dessen Herkunft nicht so deutlich aber auch nicht so wichtig erscheinen. Wichtig erscheint ihm allerdings, alles in einen großen Zusammenhang zu bringen und so wird aus kleinen Geschichten ein volles Jahr aus unendlich vielen bekannten Namen und unendlich viel Absurdität, die entweder in der Moderne, den Protagonisten oder dem Autor ihren Ursprung finden. Vergessen werden die meisten Sätze dann aber doch wieder, denn wie die Figuren, so hetzt auch Ilies durch die Tage und Monate und hinterlässt dem Leser eine kleine Ahnung von dem, was vor dem Krieg in Mensch und Großstadt vor sich ging.
Der kritische Leser könnte verstimmt sein über die Ansammlung der Anekdoten, die nie zu enden scheinen. Sei es die Geschichte über Kafka, der nun aus Angst vor Else Lasker-Schüler seine Felice Bauer fast vergisst oder die Erzählungen all der anderen Figuren, die in diesem Jahr und Jahrhundert gefangen waren. Doch der Leser könnte sich auch ebenso gut zurücklehnen und den Geschichten über Freud, Hesse, Stalin, Musil und Co., in all seinen ironischen Tönen lauschen und sie genießen. Denn eines ist sicher: Für ernsthafte Lektüre wird in diesem Büchlein genügend Anreiz geboten.

S. FISCHER 2018, 304 SEITEN, 20,00 EURO


Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.

Michel Houellebecq – Serotonin

20190119_135629-018765969581148270137.jpeg

Der Unheimliche Monsieur Houellebecq

Wieder ging ein Rauschen durch den Blätterwald, Michele Houellebecq hatte sein neues Buch angekündigt. Die professionellen Rezensenten taten daraufhin das, was sie am besten können: sie rührten kräftig die Werbetrommel. Von besorgt-alarmistisch (Die Zeit) bis besorgt-wohlwollend (Die Welt) waren alle Schattierungen vertreten. Weitergehend wurde nicht nur versucht die Krise des modernen Frankreichs mit seinen renitenten Einwohnern anhand des Buches zu erklären, sondern auch den Niedergang des „alten, weißen Mannes“ und des Abendlandes in seiner Gesamtheit. Man sieht also hier schon, dass Houellebecq (vermeintlich) die ganz großen Themen behandelt, die dicken Bretter bohrt. Die Frage ist nur, ob hier einem Roman nicht sehr viel, vielleicht zu viel zugemutet wird.

Denn es scheint vielmehr der Fall zu sein, dass Houellebecq in bester postmoderner Tradition ein Deutungsangebot vorlegt, in welchem sich jeder wiederfindet. Die liberale Feministin ist darin bestätigt, dass Männer ohnehin nur triebgesteuerte Maschinen sind, ohne eigentliche Emotionen und wenn doch, dann artet es in Stalking und Mordversuche aus. Der konservative Kulturkritiker erkennt die Unausweichlichkeit des Untergangs durch die Selbstaufgabe der westlichen Zivilisation. Der besorgte Anhänger der Gelbwesten wird die Vernichtung der Landwirtschaft als großen, sinisteren Plan identifizieren, der die Selbstausbeutung des Menschen vorantreiben will. Kapital vor Menschen, wird er zustimmend sich selbst nach der Lektüre zunicken. Der Literaturkenner wird die ungeheuren Provokationen als interessantes Stilmittel loben oder verdammen, aber sich selbst in der Meinung zustimmen, hier einen großen (oder zumindest interessanten) Roman vor sich zu haben, der Anspruch auf Gesellschaftsgeltung erheben kann.

All dies stimmt auch für sich und an sich genommen, aber in seiner Gesamtkomposition ergibt sich ein weiteres Bild, in dem ein Schlaglicht auf unsere gemeinsame Gegenwart geworfen wird. Aber folgen wir dem Autor auf seinem Pfad.

Die Krise des Mannes

Florent-Claude Labrouste heißt der Protagonist, und er ist – wie man sich durchaus vorstellen kann – unzufrieden mit seinem Namen. Der erste und der zweite Teil des Namens sind zu weiblich, auch die Verbindung der beiden, er selbst würde sich doch gar nicht als eine „botticellihafte Schwuchtel“ bezeichnen, auf die der Name schließen lassen würde. Hier ist ein Tenor vorgegeben, der sich durch das gesamte Werk zieht, aber dazu gleich mehr. Florent-Claude ist depressiv. Schwer depressiv. Er selbst sieht darin keinen Weltuntergang, vielmehr erscheint es passend zu der Einsamkeit, die er, als moderner Großstadtmensch, verspürt. Viele Menschen, aber doch stets allein. Gegen diese Depressionen nimmt er die Wundermittel der Medizin. Antidepressiva, die zwar nicht die Krankheit an sich verschwinden lassen, aber zumindest dazu führen, sich nicht vor einen Zug zu werfen.

Grundsätzlich hätte der Protagonist mit dieser Art der Behandlung kein Problem; wenn man Hunger hat, geht man essen, wenn man trinken will, entkorkt man einen Wein (die Mengen an Alkohol, die im Roman vernichtet werden, sind rekordverdächtig), wenn man depressiv ist, nimmt man eine „kleine, weiße, ovale, teilbare Tablette“. Wäre nicht nur ein Grundfehler: sie vernichtet seine Libido. Dies mag verschmerzbar klingen, wenn man die Wahl zwischen Tod und Leben hat, aber Florent-Claude denkt anders, genauer: er denkt in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen ausschließlich an Sex. Menschen als solche interessieren ihn nicht besonders und auch bei der Reise durch seine Vergangenheit hat man nicht den Eindruck, dass dies jemals anders gewesen wäre. Insbesondere Frauen (andere Männer spielen kaum eine Rolle), sind für ihn Mittel der Triebbefriedigung, ansonsten eher beschränkt, einfältig, auf Geld aus, naiv oder pervers. Das ist keine Übertreibung, das Panorama der menschlichen Beziehungen, die im Roman gezeichnet werden, lässt nur den Schluss zu, dass Sartre mit seinem Ausspruch „Die Hölle, das sind die Anderen“ Recht gehabt haben müsste. Das ist nicht nur das irdische Jammertal des vereinzelten Großstädters, sondern erhebt den Anspruch, für den modernen Menschen an sich zu gelten. Denn auch in der ländlichen Normandie wird es in der Mitte des Romans nicht besser, auch hier bleiben die Menschen sich gegenüber stumm.

Dies wird dem geübten Houellebecq-Leser nicht weiter wundern. Schon immer zeichneten sich seine Protagonisten durch eine ausgeprägte Teilnahmslosigkeit aus, die eine sprachliche Brutalität mit sich bringt. Dass dies oft als Provokation wahrgenommen wurde, ist fast nachvollziehbar, aber damit macht man es sich zu leicht. Natürlich, das gesamte Buch ist von „Schwänzen“ und „Muschis“ durchzogen. Jede Art der Sexualität wird auf die ein oder andere Weise durchgespielt und es dauert keine 50 Seiten, bis Florent-Claude Videos seiner damaligen Freundin findet, die sie in eindeutigen Situationen mit Hunden zeigen. Wie stets nimmt die Fellatio einen großen Raum ein, auch hier werden Situationen für den Leser ausgeschmückt, der eher an ein besseres Groschenheft denken lässt, als an große Literatur. Das mag irritieren oder erregen, verschmerzbar sein oder aufregen, aber das Entscheidende ist: es hat für den Roman keinerlei Funktion. Die immer wiederkehrende Darstellung des postmodernen Sexlebens wird gleichzeitig durch die völlige emotionale Abwesenheit des Protagonisten gespiegelt. Natürlich, er erinnert sich gerne an Kate, an Camille, an all die Frauen, die er kennenlernte. Aber als Menschen sind sie eigentlich unsichtbar. Auch wenn die zwei genannten Damen eine entscheidende Rolle im Roman spielen, sich der Protagonist mit einer gewissen Wärme an sie erinnert, sie sind eigentlich nicht wirklich präsent. Florent-Claude weiß eigentlich auch nicht viel über sie und es scheint nicht so, als dass er viel wissen möchte. Sie dienen als Projektion, als Sehnsucht an ein „normales“ Leben, an eine Zukunft, die nie eintrat, auch weil er sich selbst alle Mühe gab, diese Beziehungen zu sabotieren. Und so ist viel von vergangener und ewiger Liebe die Rede, aber eigentlich ist dieser Mann nicht in der Lage zu lieben.

Dies liegt aber wiederum nicht an seinen Antidepressiva, sondern an einer gewissen menschlichen Konstitution, die Houellebecq – und hier liegt das Verdienst des Buches – wie kein anderer zwischen den Zeilen zum Ausdruck bringt. Der Roman federt die emotionalen Bezüge, die man eigentlich als Leser empfinden müsste, ebenso ab wie eine kleine, weiße, ovale und teilbare Tablette. Man stumpft regelrecht ab. Spätestens bis zum „Höhepunkt“ der sexuellen Verwirrung der Neuzeit (ein pädophiler, deutscher Ornithologe) ist man so teilnahmslos geworden, dass man die wirklich unappetitliche Schilderung einfach überliest. Empfindet man Wut, empfindet man Zorn, Hass, Ekel? Ja. Aber es erschüttert einen auch nicht mehr. Jede menschliche Widerwärtigkeit wurde zu diesem Zeitpunkt schon vollzogen, diese letzte Eskalation, diese letzte Grenze, sie erscheint auch nur noch wie ein löchriger Damm, an dem das Wasser schon lange vorbeischießt.

Florent-Claude ist ein bemitleidenswerter Mensch. Ein früh altgewordener Beamter, mit guten beruflichen Aussichten gestartet, erfolgreich gewesen, eine Menge Geld verdient, so dass ein gutes Leben möglich scheint, der sich aber in einem Zirkus aus Frauen, Alkohol und Ausschweifungen ergeben hat. Der es nie verstanden hat, erwachsen zu werden, aber auch weil er wusste, dass er das Leben seiner Eltern nie haben würde. Diese, in Liebe verbunden, gingen zusammen in den Selbstmord, Florent-Claude blieb neidisch auf diese Art der Verbindung. Freundschaften gibt es nicht, und wenn, sind sie oberflächlich, statisch, nicht interessant. Es gibt keine Ruhe, keine Sicherheit, es bleibt der Versuch einen Weg zu gehen, von dem von dem man weiß, dass er gar nicht existiert. Und wenn man dies irgendwann eingesehen hat, dann gibt es Pornographie, Prostituierte, den Lieferservice und schicke Restaurants, und nachdem man einsieht, dass es das Leben nicht ausfüllt, bleibt das Antidepressiva, das einen davon abhält sich umzubringen,  um ein langsames Dahinscheiden den Weg frei zu machen. Ist das also erbärmlich? Ja, hochgradig. Houellebecqs Protagonisten waren nie sympathisch, aber das Ausmaß des Selbstmitleides, der Unfähigkeit an einer emotionalen Interaktion, die bei Florent-Claude auftritt, ist irgendwann nur noch schwer erträglich. Was beschrieben werden soll, ist die allgemeine Depression des Westens, die vor allem in den starken Momenten des Romans, also nachdem man sich durch die erste Hälfte gequält hat, spürbar wird. Der Versuch einer existenziellen Revolte in der Normandie, mit der Florent-Claude nur mittelbar Anteil hat, ist ohne Frage eine starke Erzählung. Aber was viel deutlicher wird, ist die Beschreibung des mittelalten, weißen Mannes zwischen 40 und 50 Jahren. Gefangen zwischen einer Vergangenheit, die er nicht mehr hat und einer Zukunft, die nicht mehr ihm gehören wird, weil insbesondere die Frauen an ihm vorbeiziehen, trotz all ihrer Einfältigkeit, ihrer Dummheit und Naivität, weiß er nicht mehr weiter, als seine eigene Depression auszukosten und sie gleichzeitig zum Gesellschaftszustand zu erklären. Die Sucht nach immer jüngeren Frauen, nach unerfahreneren, naiveren geht immer weiter, während gleichzeitig diese zum Normalbild erklärt werden. Man sucht sich die Frauen aus, die sich bewegen wie Pornostars und reibt sich am Ende verwundert die Augen, dass sie sich schließlich wie solche benehmen. Das irdische Jammertal, die Vereinzelung in den Großstädten, so scheint es, ist eine Krise des Mannes, ein Abgesang.

Depression, Einsamkeit und Todessehnsucht

Aber auch dieses schwer erträgliche gehört zum Roman dazu, denn es zwingt zu einer genauen Form der Reflexion: Gehöre ich nicht auch dazu? Empfinde ich mich nicht auch schlauer als die Anderen? Empfinde ich meine Arbeit nicht auch als sinnlos? Was ist das Ziel, was der Weg? Die gefährliche Antwort des Erzählers ist die Bejahung aller dieser Fragen, um schließlich die Möglichkeit eines anderen, neuen Weges zu leugnen. Es wäre auch gar nicht klar, wie ein solcher innerhalb der Narration entstehen sollte. Nein, Familie wird es nicht mehr geben, der traurige Versuch Florent-Claudes eine solche aufzubauen, endet fast mit der Ermordung eines Kindes. Wo ist also, die am Ende doch berechtigte Frage, die Ausflucht? Die Flucht in die Vorstädte, auf das Land? Nein, auch hier ist die Substanz vernichtet, auch hier nichts mehr zu tun. Es bleibt die Stärke des Romans, diese Frage offen zu lassen, vielleicht sogar den Mut zu haben, sie zu verneinen. Vielleicht gibt es kein richtiges Leben im Falschen. Aber es bleibt fraglich, ob das Werk in seiner Anlage dennoch auf diese Weise erzählen muss. Es ist nicht der Wortgebrauch als solcher -bei einer normalen Vorabendserie wird man sicher schlimmeres zu hören bekommen – sondern die offensichtliche Art, wie hier eine Provokation erfolgen soll. Die Beschreibung von Sexspielarten in jeglicher Hinsicht ist hier so verzichtbar wie austauschbar. Natürlich soll dies den Anschein einer handelsüblichen Plattform für Pornographie simulieren, die ständige Verfügbarkeit des Sexes und der doch damit einhergehende Verzicht, der viel stärker als Droge zu wirken scheint als die verschriebenen Antidepressiva. Aber ist nicht auch der Rezipient damit in einer Art übersättigt, dass dies nur noch wie ein leeres Spiel erscheint? Die Reduktion der Frau auf ihre Geschlechtsorgane mag sicherlich problematisch sein, aber in der penetranten Art, wie diese immer und immer wieder betont wird, wirkt sie eher satirisch als wirklich ernst gemeint. Hier redet kein Frauenfeind über dieses Geschlecht, auch wenn die stereotypen Sprüche der 70er und 80er Jahre wiederholt werden, sondern ein Versager über seine eigene Unfähigkeit. Dieses Versagen aber zu pauschalisieren, sich auch als Leser gemein zu machen, mit der armseligen Jammergestalt in seinen besten Jahren, der seine Erfüllung nur bei jüngeren Frauen findet und all seine funktionierenden Beziehungen über den Haufen wirft, das erscheint weder ratsam noch richtig.

Am Ende bleibt der Roman zwar für alle Deutungen offen, aber dennoch seltsam hermetisch. Schon der Zerfall in zwei Teile, bei dem der erste scheinbar nur geschrieben wurde, um Leser abzuschrecken und der zweite Teil schon bei Beginn seinen Ton verändert (natürlich, der Protagonist verlässt Paris, das harte, pornographische der Sprache verschwindet zugunsten von milderen Tönen), erscheint übertrieben künstlich, wenn auch als interessante Abwechslung, wenn er denn gewollt war. Aber auch hier wird das Versprechen auf eine Läuterung, auf eine abschließende Katharsis, die nicht zwingend vorhanden sein muss, aber dennoch in gewisser Hinsicht angedeutet wird, gebrochen. Selbstverständlich gilt dies auch als Sinnbild: die Versprechungen der Moderne, selbst wenn sie eine Flucht aus der Großstadt bedeuten, sind nicht mehr haltbar. Selbst die romantische Verklärung der Vergangenheit (die Normandie! Wilhelm der Eroberer! Vergangene Lieben!) sind inhaltslose Illusionen. Die Selbstverzwergung des Menschen ist schon zu weit fortgeschritten, die Auflösung der Sprache zu grundlegend. Man redet mit- und übereinander, aber hat sich nichts mehr zu sagen. Gleichzeitig geht es einem gut. Man hat Geld, man kann ein Haus kaufen, wenn man es will, monatelang in einem Hotelzimmer leben (was, anscheinend, mit einer kleinen Erbschaft und einem Beamtengehalt in Frankreich durchaus möglich ist), es fehlt der Sinn. Aber er wird auch nicht gesucht. Das Angebot der Sinnsuche ist zu groß, zu unüberschaubar, und selbst bei jenen, die einen solchen scheinbar gefunden hätten, wie Florent-Claudes „Freund“ Aymeric, bleibt nur am Ende der totale seelische und moralische Bankrott, der wenigstens im Martyrium endet.

Aber auch hier: hätte man dies nicht anders erzählen können, erzählen müssen? Ja, ohne Frage. Es scheint, dass Houellebecq eben das tat, was er den gesichtslosen Massen, die er beschreibt, immer wieder vorwirft: den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen. Er konnte zielsicher darauf vertrauen, dass das Feuilleton seine Provokationen ernst nimmt, seine „Diagnose“ abkauft, auch wenn er vielleicht am Ende nur sagen wollte, dass selbst die Diagnosen (wie bei Florent-Claudes Arzt) längst ihren Sinn verloren haben.

Dumont 2018, 334 Seiten, 24,00 Euro


Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.

Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer

screenshot_2019-01-07 ronja literaturblog ( ronja waldgaenger) • instagram-fotos und -videos(4)

Mit Zeit der Zauberer hat der langjährige Chefredakteur des Philosophie-Magazins mehr für das gegenwärtige Ansehen und die Wahrnehmung der Philosophie getan, als viele Schriften und Aufsätze der letzten Jahre.

Dass Philosophen nicht nur akademische „Superstars“ waren, sondern schlechthin gesellschaftliche Ereignisse, zeigt dieses Buch. Es entführt den Leser in das große Jahrzehnt der modernen Philosophie, die Jahre zwischen 1919 und 1929. Hier treten vor allem vier Personen auf, die in ihrem Leben nicht nur völlig unterschiedliche Positionen einnahmen, sondern auch aus verschiedenen sozialen Umständen kamen. Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein, Ernst Cassirer und Walter Benjamin spannten in diesem Jahrzehnt einen Kosmos der Weltbetrachtung auf, an denen man sich bis heute orientieren kann, wenn man die Aufgabe des Denkens ernst nehmen will.
Eilenberger schafft es, für den interessierten Laien eine spannende Narration zu entwickeln. Mit zahlreichen Seitenblicken, Andeutungen und biographischen Versatzstücken entsteht ein Gefühl für die damalige Welt und die Kämpfe, die in ihr ausgetragen wurden. Gleichzeitig liegt aber hier eine unübersehbare Schwäche des Buches. So verbleiben manche Schilderungen in einfachen biographischen Nacherzählungen, die man schon bei anderen lesen konnte, – neue Erkenntnisse sind daher nicht zu erhoffen, was aber wiederum auch nicht zu erwarten war. Schwerer wiegt, dass der Autor offensichtlich das Ziel hatte, ein – im besten Sinne gemeintes! – populärwissenschaftliches Buch zu schreiben. Die Beschäftigung mit den philosophischen Ideen ist daher an manchen Stellen extrem flach und teils unangebracht. Ebenso stellt sich sehr schnell heraus, welche Denker Eilenberger schätzt und welchen er skeptisch gegenübersteht. Dies ist zwar verständlich, evoziert aber auch sehr schnell normative Urteile, die in einer philosophischen Auseinandersetzung schlicht deplatziert sind.
Dennoch bleibt ein lesenswerter Abriss über vier großartige Philosophen und die Zeit, die diese erst hervorbringen konnte.

Klett Cotta 2018, 431 Seiten, 25,00 Euro


Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.

Uwe Timm: Ikarien

screenshot_2019-01-07 ronja literaturblog ( ronja waldgaenger) • instagram-fotos und -videos(1)

Ikarien von Uwe Timm brachte Ende 2017 Furore in die Medienlandschaft. Der neue Roman des altbekannten Schriftstellers aus Hamburg beschäftigt sich mit der Rassenhygiene und deren Ursprünge.

Im 19. Jahrhundert noch eine Traumvorstellung. Ein sozialistisches Paradies, mit Gleichberechtigung von Mann und Frau, freien Wahlen und basisdemokratischer Abstimmung. Ein Gegenentwurf zur Industrialisierung, mit ihrer Kinderarbeit, dem frühen Tod der Arbeiter und den hygienischen Verhältnissen in den überfüllten Städten.
Ikarien. Eine Utopie und nun der Titel des Romans von Uwe Timm. Doch der Roman setzt nicht in der Utopie ein, sondern in einer Trümmerlandschaft. Tote und Verstümmelte im Deutschland des Jahres 1945.
Nun könnte man denken, man begibt sich in die Sphären eines grandiosen Romans. Die Idee ist zweifelslos groß, denn in vielschichtigen Handlungsfäden, wird eine  entscheidende Frage gestellt: Wie konnte aus einer progressiven (utopischen) Idee eine totale Barbarei entstehen, wie kann ein humanistisch geprägter Mensch zum Vorkämpfer der Vernichtung von Menschen anderer Rassen werden? Timms Antwort weist seinen Weitblick auf, der die Moderne an sich mit ihrem Hang der Verwissenschaftlichung, Des-immer-weiter-vorans, als Grund nennt und damit postuliert, dass die entstandene Barbarei aus dieser gründet, indem die „gesunde Rasse“ die medizinische Antwort auf ein soziales Problem „sein musste“. Es war der Gegenentwurf zum politischen Umbruch, die Lösung, die Zahl der Erbkranken möglichst gering zu halten.
Doch so schwierig die Handhabung der Themen im Roman ist, so enttäuschend sind auch die oberflächlichen Monologe, die der Tiefe des Themas nicht gerecht werden, gar eine unrealistisch detaillierte Nachkriegssicht kundtun. Schaffte Timm einen neuen Blickwinkel, so vermochte er es nicht, ihm die angemessene Weite zu verleihen. Deswegen bleibt am Ende nur ein Roman, der hätte grandios werden können. Der eine neue Art der Aufmachung zwischen progressiven Strömungen und realen Vergangenheitsquerschnitt vorstellte, aber weder Aufregung erzeugte noch Neuigkeiten verkündigte, so dass nur noch eine Frage bleibt: Mit was für einen Roman hat man es hier zu tun? Einer Kritik, die auf die Gegenwart abzielt? Einem historischen Abriss? Mit einer Geistesstudie? Alles versucht er zu sein und schafft es nicht eines davon komplett auszufüllen.

KiWi 2017, 512 Seiten, 24,00 Euro


Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

screenshot_2019-01-07 ronja literaturblog ( ronja waldgaenger) • instagram-fotos und -videos

Erhielt Arno Geiger im Jahr 2005 noch für „Es geht uns gut“ den Deutschen Buchpreis, so brachte Geiger Anfang des letzten Jahres erneut einen fulminanten neuen Roman heraus, der in den Feuilletons der deutschen Zeitungen für lange Zeit Gesprächsthema und Interessenpunkt war.

An der Drachenwand im Jahr 1944 spielt der neue Roman des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger. Der junge Veit Kolbe reist zum Mondsee, um sich von den Schrecken des Krieges zu erholen. Wie eine Atempause liest sich auch das Buch, in dem ganz bewusst die Ambivalenz des Krieges inszeniert wird. Zwischen Krieg und Idylle befindet sich die Kulisse, befinden sich alle Figuren. Allen voran Veit Kolbe, der mehr mit seinen Erinnerungen aus dem Krieg zu kämpfen hat, als mit den äußeren Gefahren. Findet man diese stete Ambivalenz bei dem Hauptprotagonisten, verweist Geiger mit strenger Beharrlichkeit auch auf die innere Widersprüchlichkeit der anderen Figuren, die keine absoluten Meinungen vertreten und sich gerade deshalb dem Roman auf künstliche Weise anpassen. In jedem Satz kommt die Mitteilung des Werkes zum Vorschein; die Atempause, das Gefühl des Abwartens. Zurückgenommen ist der Krieg, und doch in jeder banalen Alltagshandlung vorhanden. Das Medium des eigenen Schreibens als Zwischenton, als Heilmittel spielt somit nicht nur für Veit Kolbe – der uns die Geschichte auf diese Weise erzählt – eine wichtige Rolle. Auch unbekannte Personen im Buch bedienen sich seitenlanger Briefe, so dass nicht nur die Bewohner des Mondsees zu Wort kommen können, sondern der Blick auch auf andere Teile des Reiches gelenkt werden kann. In steter Behutsamkeit entwickelt sich schließlich noch eine Liebesgeschichte, die trotz aller Zurückgenommenheit ein Zuviel an allem doch nicht übersehen lässt. Letztendlich ist es ein Liebesroman, der es nicht versäumt zeitgeschichtliche Elemente hineinzubringen, welche nicht immer zurückgebunden sein können, in einer Geschichte, die Ruhe ausströmen soll und doch in keinem subtilen Ton gehalten ist.

Hanser Verlag 2018, 480 Seiten, 26,00 Euro


Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.

Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan von Helmut Böttiger

screenshot_20180219-1736221954866368.jpg

Im letzten Jahr erschien die Doppelbiographie von Bachmann und Celan, geschrieben von dem renommierten Literaturkritiker und Kenner der Nachkriegsliteratur, Helmut Böttiger. Für Literaturwissenschaftler wie für Laien stellt sein neues Werk eine umfassende Zusammenfassung der zwei bekanntesten Lyriker der Nachkriegszeit dar. Doch mit welcher Berechtigung kann eine neue Biographie stehen, wenn keine neuen Quellen zur Verfügung stehen? Erschien hier ein Werk für die Wissenschaft, oder Literatur für die breite Gesellschaft, gefußt auf einer Emotionalisierung, wie man sie nur zu genüge aus der Sachbuchsparte der letzten Jahre kennt. Sollen nun auch Bachmann und Celan für eine biografische Bestandsaufnahme ihrer Liebesgeschichte herhalten, wie einst Arendt und Heidegger sowie Kafka und Felice Bauer. Zur Beruhigung kann schon einmal gesagt werden: Nein, dies ist hier nicht der Fall. Böttiger nimmt fehlende Dokumente zum Anlass, um eine Fassung der beiden Schriftsteller zu schaffen, die biografische Daten- und Lyrikanalyse gekonnt nebeneinandersetzt. Ohne den Blick auf die Lyrik zu verlieren, entstand hier ein Werk, welches nicht nur für Laien von Bedeutung sein kann, sondern eben auch Literaturwissenschaftler interessieren kann. Eine erfrischend neue Form einer Doppelbiographie, die es lohnt, näher zu betrachten.  

Es ist die wohl bekannteste Liebesgeschichte in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, die Geschichte der Gruppe 47 und zweier Liebender, die nicht zueinanderfinden konnten, in einer Zeit, in der alles möglich schien und nichts möglich war. Der 27-jährige Paul Antschel, besser bekannt unter seinem Pseudonym Paul Celan, lernte im Frühling 1948 die junge Ingeborg Bachmann in Wien kennen. Die Unterschiede der Beiden könnten nicht größer sein. Anschel, ein aus der ehemaligen k.u.k. Monarchie kommender Jude, strandet, nach den Traumatisierungen der ermordeten Eltern, im zerstörten Wien.

Mit ganz anderen Voraussetzungen kommt die wohlbehütete Bachmann nach Wien. Vordergründig um ihr Studium fortzuführen, ist sie ebenso wie Celan auf der Suche nach einem Anschluss an die intellektuellen Kreise der Stadt des Westens und der Hochburg der Literaten, Wien. Geboren in Klagefurt, wuchs sie mit beiden Eltern auf und konnte ihr Studium der Philosophie ein Jahr zuvor in Innsbruck und Graz beginnen. Trotz aller Unterschiede lernten die beiden sich kennen und verbrachten gemeinsam 6 Wochen in Wien. Wochen, die sowohl für Ingeborg Bachmann als auch für Paul Celan und deren künstlerischen Werke von Bedeutung werden sollten.

Zu Anfang kehrt Böttiger in die Vergangenheit der beiden zurück, zeichnet die Unterschiede der Herkunft, die Privilegen der Einen und die Entbehrungen des Anderen deutlich auf, um diese dann in die lyrische Analyse einfließen zu lassen. Die ersten Kapitel im Buch legen die Herangehensweise des Autors an Schriftsteller und ihr Werk offen und zeigen schon gleich zu Anfang, dass es sich lohnt, dieses Werk zu lesen. Im gesamten Buch wechseln sich Passagen über Celan und Bachmann ab. Ohne in einen Duktus reiner Datenaufzählungen zu verfallen, bindet er stets die Zeitumstände, die Vergangenheiten, die gegenwärtigen Situationen und Zukunftsvorstellungen in die Lebensdaten und das lyrische Werk ein.

Deutlich arbeitet Böttiger die Unterschiede der Herkunft heraus und widmet sich, mehr als der Leser es aus Biographien gewohnt ist, ebenso einer dichterischen Analyse. Was meist als unwissenschaftlich gilt, meistert Böttiger klug indem er keine Deutungshoheit aufstellt. Durch intertextuelle Bezüge lässt er genügend Raum zwischen Fakten und Interpretation offen. Zudem nimmt er immer wieder seinen roten Faden auf, der sich schon in der Auswahl seines Werktitels andeutet. Denn „Wir sagen uns Dunkles“ wird von ihm als Leitmotiv der Schriftstellerkonstellationen überzeugend ausgearbeitet und im ganzen Buch immer wieder aufgegriffen.

Doch wie bekannt, ist es nicht nur die bekannteste Liebesgeschichte der deutschen Nachkriegszeit, sondern eben auch die tragischste Liebesgeschichte. Der Kontakt der beiden Lyriker reißt immer wieder ab, bis es zu einem endgültigen Bruch kommen wird. Auch hier schafft es Böttiger die gegenwärtigen Situationen der Beiden und die Lage derer Umgebung in einem großen Zusammenhang zu bringen, ohne zu viel zu interpretieren. Er arbeitet eng mit den Schriftstücken des gemeinsamen Briefwechsels zwischen Bachmann und Celan „Herzzeit“ zusammen und bringt somit dem Leser die Bezüge zum  lyrischen Werk näher, in dem er aus allen Dokumenten Zusammentreffen und letztendlich den Bruch aufschlüsselt und deren Bedeutung jeweils in anschließenden Kapitelanalysen herausstellt.

Auch wenn die Biographie der Schriftsteller bekannt ist, soll hier nicht zu viel vom Inhalt erzählt werden. Es bleibt also zu sagen, dass es sich hier um ein durchaus gelungenes Werk handelt, welches sowohl von Kenner als auch von Neulingen des Œuvre Bachmanns und Celans zur Hand genommen werden kann. Natürlich ist Böttiger nicht umsonst als Experte der Gruppe 47 bekannt. Auch in diesem Werk hinterlässt seine Expertise seine Spuren und so bekommt der Leser nicht nur einen neuen Überblick über die Schriftsteller und obendrauf noch eine Zusammenführung von Werk und Lyrik, sondern eben auch eine Einbindung in den Literaturbetrieb der frisch geborenen Bundesrepublik. Trotz all der Informationen schafft Böttiger es, seine Doppelbiographie nicht mit Fakten zu überfüllen. Er legt eine sachliche und textnahe Biographie vor, die aufzeigt, was Lyrik auch und gerade in der Nachkriegszeit war und schaffen konnte. Spätestens nach dieser Lektüre wird der Leser zu dem lyrischen Werk Bachmanns und Celans greifen und den Briefwechsel der Beiden mit genügend Informationen und oder durch einen neuen Blick betrachten.

DVA 2018, 272 Seiten, 22,00 Euro


Hannes Köhler, Ein mögliches Leben

img_20180115_124403_7671170643883.jpg

In den letzten Jahren erschienen immer wieder Romane über die Zeit der Weltkriege, über das Leid und die Entbehrungen, die Täter und die Opfer, die Zeit in den Lagern, den Gefangenschaften in Russland, der Besatzungszeit in Frankreich. Wenig zu lesen bekommt man allerdings über die Zeit der amerikanischen Gefangenschaft. Hannes Köhler begibt sich hier in keine ausgetretenen Pfade und schafft mit seinem zweiten Roman „Ein mögliches Leben“ noch viel mehr als einen reinen Kriegs- und Nachkriegsbericht.

Der frischgebackene Vater Martin macht sich mit seinem Großvater auf eine unbestimmte Reise nach Amerika, an die Orte der Kriegsgefangenschaft im Jahr 1944. Doch ist es keine selbstverständliche Reise zwischen Enkel und Großvater, um die Vergangenheit zu beleuchten. Das Verhältnis der zwei war noch nie ein sehr enges. Zu schwierig war die Beziehung der Mutter zu ihrem kühlen und distanzierten Vater, und auch Martin befindet sich gerade in einer unpassenden Situation, um mit „dem Alten“, wie Franz im Buch des Öfteren genannt wird, nach Texas zu den Ruinen der Baracken des ehemaligen Lagers zu reisen. Seit kurzem muss er sich mit seiner Vaterschaft beschäftigen, die alles andere als gewollt gewesen ist, dessen Pflichten er sich aber dennoch stellt. Und so scheint dem Leser gleich zu Anfang schon bewusst zu sein, in welche Gefilde er hier gezogen wird: Ein Familienroman, gar ein Generationsroman, der durch die schwierige Vergangenheit und deren Auflösung, nicht nur die Probleme mit der Mutter und Tochter verständlich machen soll, sondern auch die Anfänge der neuen Familie zwischen Martin und der eher unbekannten Mutter seines Kindes lösen soll.

Doch weit gefehlt. Dieser Roman geht viel weiter, durchbricht die Klischees und verbindet alles auf realistische Weise mit einander, ohne die Brüche der Zeit zu vergessen. Ein mögliches Leben in Amerika, so muss den Kriegsgefangen die Ankunft jenseits des Ozeans erschienen sein, als sie die Weite des amerikanischen Landes entdeckten, als sie merkten, dass die Amerikaner sie anständig behandelten, als sie Englischkurse besuchen durften. Ein mögliches Leben, trotz aller Traumatisierungen im Krieg, trotz der Heimatlosigkeit, der Ideologie im Kopf, trotz des Sterbens der Heimat, der Familie, und allem Bekannten. Doch kann man Heimat nicht einfach vergessen, kann man den Krieg nicht vergessen und kann die Gedanken der letzten Jahre nicht auslöschen. Schwieriger wird es noch, wenn sich die Gefangenen in zwei Lager aufzuteilen beginnen. Zwischen denen, die weit weg in ein mögliches Leben wollen und denen, die noch immer auf einen Endsieg warten. Dass ein Gedankengut nicht einfach aus dem Kopf zu löschen ist, dass dies die jungen Menschen in ihren ganzen Tun und Denken zum Wanken bringen musste, und dass die Gefangenen eben nicht nur mit Feldarbeit, Ungewissheit und Heimatlosigkeit geplagt waren, sondern sich vielmehr in einem Bruch befanden, zeigt dieser kurze Ausschnitt, indem ein mitgefangener Kamerad einen Selbstmord begeht, eindrücklicher als ganze Geschichtsbände.

„Selbstmord“, sagt Franz.
Jürgens Gesicht ist ausdruckslos.
„Heldentod“, sagt er leise.

In diesem Roman sind nicht die Amerikaner die Feinde, hier sind es die eigenen Kameraden, die Führertreuen. Der Autor nimmt uns mit in Franz seine Zeit in den Lagern, lässt die Geschichte des Buches hauptsächlich in Texas zwischen den Kameraden spielen und gibt dem Leser einen Eindruck aus dieser Zeit. Einmal, vielleicht zweimal zu deutlich lässt er die Bedrohung durch die eigenen Kameraden anklingen. Zu oft wird auch die Meinungslosigkeit des Protagonisten betont, zu sehr erscheint dem Leser ein warnender Zeigefinder des sich entscheiden Müssens.
Doch hier kann dem Autor des Buches vertraut werden. Sein Weit- und Durchblick, den er auf seiner zweimonatigen Recherchereise durch Amerika zu den Schauplätzen der amerikanischen Lager verfeinert hat, klingt im gesamten Buch an und lässt keine gedankenlose, einseitige Geschichtsschreibung zu. Im Laufe des Buches wird der kritische Leser sich getrost zurücklehnen können, denn hier wird zwar eine deutliche Anklage geschaffen, doch ohne die gesamthistorischen Gegebenheiten aus dem Blick zu verlieren.
Es geht um die Zerrissenheit einer gesamten Generation, die Zerrissenheit der Ideologie, der Deutschen, schon vor dem Krieg, während, aber vor allem und am eindrücklichsten am Ende und nach dem Krieg.

So erscheint am Ende kein Enkel-Großvater Roman, sondern ein Generationsroman, der vor allem die Nachkriegsgeneration beleuchtet. Dass die Tochter von Franz, die Mutter von Martin also, gar nicht anders kann, als sich der 68-Generation zuzuwenden, zeigt um eines mehr, dass ein unwiderruflicher Bruch stattgefunden hat. Dass der ältere Franz, obwohl für die Amerikaner arbeitend, nicht vor seiner Vergangenheit fliehen kann, so sehr er sich der Entnazifizierung widmet, unterstreicht dieses Buch umso mehr. Dass aber gerade die Zuwendung der Tochter zum „linken Lager“ einen Bruch innerhalb der Familie nach sich zieht, ist ein eindrückliches Zeitzeugnis dieser Generation und auch heute noch spürbar, wenn wir über diese Zeit schreiben, lesen und sprechen wollen. Wie schnell wir von Strukturen geprägt sind, wie schwer wir uns davon trennen können wird im gesamten Roman angesprochen und stellt den Leser vor neuen Fragen.

Die Unmöglichkeit vor den Bruch zurückzukehren, wird zum wichtigen Motiv dieses Romans und lässt ihn allein deshalb deutlich herausstechen. Die Geschichte, die Zeichnungen der Protagonisten sind nicht nur realitätsnah, historisch klar und nachvollziehbar, nein sie schaffen dazu noch einen großen Bogen, der aufzeigt, dass es unmöglich ist Kontakt zu der vorherigen Generation aufzunehmen, dass eine Verständigung mit den Eltern der Kriegszeit nicht möglich war. Hier wird Geschichte ohne Wertung erzählt, weil dieser Roman es versteht, dass keine Wertung nach dem Bruch mehr möglich ist. Zugleich stellt der Roman durch die Aufmachung der Enkel-Großvater Beziehung die wichtige Frage, ob eine Verständigung und Wertung über diese Zeit, von der neuen, unserer Generation überhaupt möglich ist.

Ullstein Verlag 2018, 352 Seiten, 22,00€

Ich danke Vorablesen für das Rezensionsexemplar.

Carl Frode Tiller, Kennen Sie diesen Mann

20180130_130457-0185045387.jpeg

Dass ein skandinavisches Buch seinen Weg auf den deutschen Buchmarkt findet, ist dank der nordischen Kriminalromane längst kein Einzelfall mehr. Anspruchsvollere Literatur hat es dagegen immer etwas schwerer und so fragt man sich, wenn man Carl Frode Tillers Roman Kennen Sie diesen Mann? aufschlägt schon, warum es ausgerechnet dieser – zumindest hier – unbekannte Autor geschafft hat.

Mit viel Wohlwollen ist es der Ausblick auf die zu lesende Geschichte. Mit mehr Realitätssinn wohl eher die erworbenen Literaturpreise. Um die Literatur nach dem zu beurteilen, was sie ist, werfen wir nun also einen Blick auf die Geschichte des Romans. Denn diese scheint auf dem ersten Blick doch ganz interessant, wenn auch bekannt: Ein Mann verliert sein Gedächtnis und bittet über ein Zeitungsinserat Verwandte und alte Bekannte um Mithilfe in Form von Briefen.

Drei Personen melden sich bei David, der – um gleich schon eines vorweg zu nehmen – selbst nie im Buch zu sprechen kommt, die als Erzähler seiner Geschichte dienen. In abwechselnden Episoden aus ihrer Gegenwart und langen szenischen Briefen über die gemeinsame Vergangenheit, zieht sich die Geschichte über David in drei Abschnitte durch die Seiten.

Angefangen mit seinem Jugendfreund Jon, der in seiner Gegenwartsdarstellung gerade seine Band verlassen hat und als Versager mehr als deutlich klassifiziert wird. In seinem Brief allerdings unvorstellbare Fähigkeiten von psychologischem Durchblick und Einfühlungsvermögen zeigt, so dass der Leser gleich zu Anfang schon nicht mehr weiß, ob es sich hier wirklich um den eben noch sentimentalen Looser handelt, der keine Ahnung von sich und seinem Leben zu haben scheint, oder ob der Autor hier nicht vielmehr den Ich-Erzähler mit einem nichtdiegetischen Erzähler verwechselt.

Im zweiten Teil kommt Arvid, der Stiefvater Davids zu Wort. Auch er steht an einem Scheideweg in seinem Leben. An Krebs erkrankt und von Schmerzanfällen gequält, findet aber auch er die Zeit, einen langen Brief an seinen liebgewonnenen Ziehsohn zu schreiben, den er schon mehr als zwanzig Jahre nicht gesehen hat. Als ehemaliger Pfarrer, der nach dem Tod seiner Frau und dem Weggang Davids, ein tristes Leben als Buchhalter führte, erzählt er von den schönen Kindheitserinnerungen Davids, der schwierigen Jugend und vom Familienleben.

Nur wurde im ersten Teil des Buches von Jon eine vollkommen andere Geschichte, andere Fakten und Zusammenhänge genannt. Spätestens hier wird dem der Leser deutlich, welchem künstlerischen Kalkül er gerade aufgesessen ist. Hier geht es natürlich nicht nur um eine einfache Lebensgeschichte. Nein, hier werden gleich die großen Geschosse von den Fragen des Lebens, von Wahrheit und Lüge und psychologischen Kämpfen aufgefahren.

Aber bevor sich der Leser damit beschäftigen kann, braucht es noch einen dritten Ich-Erzähler. Es war damit zu rechnen, dass nun die ehemalige Jugendliebe von David, Silje ins Spiel kommt. In beiden vorherigen Erzählungen schon fester Teil der Jugend und der Charakterwerdung Davids, hat auch Silje über zwanzig Jahre keinen Kontakt zu David gehabt. Früher eine künstlerische Seele, jetzt eine gelangweilte Ehefrau, die noch einmal die Chance ergreift, ihrem Leben Esprit zu geben, in dem sie voller Inbrunst und allem künstlerischen Können von Jon, Arvid, der Liebe zu David, der Mutter und dem Thema erzählt, dass sich den ganzen Roman über angedeutet hatte. In ihrer Gegenwart ist allerdings auch sie schweren Schicksalsschlägen ausgesetzt. Sie ist nicht nur kurz davor ihre Ehe zerbrechen zu lassen, sie befindet sich auch ebenfalls in der Trauerphase um ihre gerade erst verstorbene Mutter. Vielleicht davon beeinflusst, löst sie viele Geschehnisse auf, indem sie von den tragischen Vorfällen aus der gemeinsamen Jugend erzählt. So ist die Dreiergruppe aus Jon, David und ihr nicht nur Beobachter mehrerer traumatischer Erlebnisse geworden, auch allerlei todesnahe Szenen, haben sich in dem kleinen Dorf in Norwegen abgespielt, so dass sich die mysteriöse Frage, wer denn nun der Vater Davids sei, nur in Kategorien zwischen Vergewaltiger und schwerstkrankem Mann abspielen kann.

Wer von der überladenden Handlung, dem Zuviel an unwahrscheinlicher Tragik und offensichtlichen Wendungen noch nicht abgeschreckt ist, wird spätestens beim Schreibstil des Autors an seine Grenzen gebracht. Dieser ist nicht schlecht, aber leider so verstellt, so künstlerisch übertrieben schwankend zwischen überzogener Umgangssprache am Anfang und dem gerade angesagten Berichtstil am Ende, dass es kurz vor Schluss nur noch ein Kampf ist, dem Buch und seiner durchaus fesselnden, wenn auch absurden Geschichte zu folgen.

„[…] Trotzdem wollt ihr immer mehr haben, fährt sie fort. Ihr seid nie zufrieden, sagt sie. Nein, sind wir nicht, sage ich, wie du siehst. Und die Kinder werden schon genauso, sagt sie. Hör auf, über die Kinder zu jammern, Mama, sage ich und halte nach wie vor an meinem erschöpften Lächeln fest. Tu ich doch gar nicht, sagt sie. Es ist ja nicht ihre Schuld, dass sie so verwöhnt werden, sagt sie. Nein, daran bin ich natürlich schuld, ganz klar, sage ich. Das habe ich nicht gesagt, sagt sie. Das hast du aber gemeint, sage ich. Du trägst nun einmal die Verantwortung dafür, wie sich deine Kinder entwickeln, genau wie alle anderen Eltern auch, sagt sie. Na klar, sage ich…“

Wem bei solchen Passagen noch nicht die Ohren sausen, von all den „sagt sie“-, „sage ich“-Bruchstücken, dem sei gesagt, dass auch ständige Satzwiederholungen, von scheinbar sehr relevanten Sätzen, nicht stören dürfen. Ist man gegen all dies gefeit, muss eines am Schluss gesagt werden: Trotz aller sprachlicher sowie inhaltlicher Hindernisse, hat es der Autor geschafft, seine Figuren, so unsympathisch sie einen auch erscheinen mögen, ausreichend genug zu zeichnen, dass man doch mit einer Weiterführung des Werkes liebäugelt. Auch wenn die Anfangs gestellten Fragen über den Wahrheitsgehalt der Darlegung in den Briefen in den Hintergrund rücken, das Hauptanliegen des Romans somit verfehlt ist, hat die Geschichte doch neugierig gemacht auf weitere Darlegungen von Bekannten und Verwandten. Ob sich ein weiterer Kampf durch die sprachlichen Kunstversuche lohnt, muss jeder für sich selber entscheiden. Denn am Ende dieser Rezension bleibt, dass dieses Werk es nicht geschafft hat, hinter psychologischen Oberflächlichkeiten zu greifen, sei die Geschichte und der künstlerische Stil noch so außergewöhnlich.

 


Cormac McCarthy, Die Straße

Er lag da und lauschte dem im Wald tropfenden Wasser. Muttergestein, das. Die Kälte und die Stille. Die Asche der vorigen Welt von den rauen, irdischen Winden in der Leere hin- und hergeweht. Herangeweht, verstreut und abermals herangeweht. Alles aus seiner Verankerung gelöst. Ohne Halt in der aschenen Luft. Getragen von einem Atemhauch, zitternd und kurz. Wenn nur mein Herz aus Stein wäre. Er wachte vor Morgengrauen auf und sah zu, wie der graue Tag anbrach. Langsam und halb undurchsichtig. Während der Junge noch schlief, stand er auf, zog sich seine Schuhe an und marschierte, in seine Decke gewickelt, zwischen die Bäume. Er stieg in einen Felsspalt ab, wo er sich hustend zusammenkrümmte und lange Zeit weiterhustete. Dann kniete er einfach in der Asche. Er hob das Gesicht dem erblassenden Tag entgegen. Bist du da?, flüsterte er. Werde ich dich endlich sehen? Hast du einen Hals, damit ich dich erwürgen kann? Hast du ein Herz? Hol dich der Teufel, hast du eine Seele? O Gott, flüsterte er. O Gott
Ist das noch Literatur? Eine vermutlich ebenso sinnlose wie banale Einstiegsfrage in einen Text, der ein Buch besprechen soll. Natürlich, so lautet die erste – und durchaus nachvollziehbare – Antwort, ist das Buch Die Straße von Cormac McCarthy Literatur, was auch sonst?

So nachvollziehbar diese Haltung ist, so schwierig ist es, diese auch beim Lesen durchzuhalten. Denn in und durch diesen Roman geschieht mehr, als nur das kontextuelle Aneinanderereihen von Wortfolgen, die Sätze und im besten Fall eine Geschichte ergeben. Hier wird deutlich, was Literatur in ihrem besten Fall sein kann: eine eigene Welt, poesis im reinsten Wortsinne, die durch die Kraft der Narration aufgespannt wird.
Aber beginnen wir am Anfang. Die zitierten Sätze stammen aus einer der ersten Seiten des Werkes und schon hier wird deutlich, was den gesamten Roman ausmacht: die Leere, die Ödnis, die mit Händen zu greifende Verzweiflung des Mannes, der seinen Sohn beschützen muss. Aber vor was? Das wird nicht genau geschildert. Der Leser erfährt nur, dass Vater und Sohn unterwegs sind, um nach Süden zu gelangen, in die Sicherheit der Wärme vor dem heranbrechenden Winter. Aber was sich hier nach einem harmlosen Roadtrip anhört, spielt sich in der schlimmsten aller möglichen Welten ab: einer postapokalyptischen Erde. Ein Nuklearangriff? Ein Meteoriteneinschlag? Eine Umweltkatastrophe? Der Leser erfährt es nicht und auch wenn man sich am Beginn durchaus noch die Frage stellt, was geschehen sein könnte und ob nicht der Erzähler auf die Gefahren eines bestimmten Lebensstils des Menschen hinweisen will, verliert diese Frage nach und nach an Bedeutung. Weil sich die tatsächlichen existenziellen Probleme des Gespanns in den Vordergrund stellen: die Suche nach Nahrung, nach einer Unterkunft für die Nacht, nach Geborgenheit und Sicherheit und dabei immer mit der Hoffnung, den Weg nicht zu verlieren.
Natürlich, wendet an dieser Stelle der gelehrte Meta-Kritiker ein, dieses Szenario ist schon unzählige Male durchgespielt wurden. In Filmen, Theaterstücken, Romanen. Was ist also das Neue an diesem Werk, damit es hier besprochen werden kann? Es ist die unglaubliche Erfahrung des wirklichen Mit-Leidens mit den Figuren. Die Grenze zwischen der fiktiven Welt von Vater und Sohn und der (vermeintlich) realen des Lesers verschwimmen schon auf den ersten Seiten. Man wird, geschickt durch die Erzählinstanz vermittelt, unmittelbar in die Welt hineingezogen. Liegt mit den Beiden im Gras, wenn es gilt, sich vor Gefahren zu verstecken. Leidet selbst Hunger, wenn die Beiden seit Tagen nicht gegessen haben. Jeder Verlust schmerzt auf eine präsente Art und Weise. Jede neue Leiche, die auf der Straße gefunden wird, jagt den Schauer über den Rücken, jede Bestialität lässt einen fassungslos zurück und gleichzeitig scheint immer die eine Frage auf: was würde ich tun, um mein Leben zu erhalten? Würde ich alle hohen moralischen Fundierungen aufrechterhalten, die in der Moderne so prächtig gedeihen konnten, wenn ich seit 5 Tagen nichts mehr gegessen habe? Wenn das Kind neben mir nur noch Haut und Knochen ist? Würde ich es zurücklassen in dieser Welt, wenn ich selbst nicht mehr kann?
Ein Roman stellt im besten Fall den Leser vor die Erfahrung des So-könnte-es-auch-sein. Dies unterscheidet ohne Frage gute von schlechter Literatur. Aber dieses Werk ist noch ein bisschen mehr. In der ganzen Not und Verzweiflung, im Elend und Chaos, in dem der Nächste, der auch überlebt hat, nicht nur dein Feind sein, sondern das Böse schlechthin verkörpern kann, stellen sich die Grund-Fragen des Lebens neu. Gibt es eigentlich Vögel, wenn man seit Jahren keine gesehen hat? Was bleibt von den Dingen, wenn man vielleicht der letzte Mensch auf Erden ist? Wie schnell zerfällt all das menschliche Machwerk eigentlich zu Staub?
McCarthys Die Straße beantwortet diese Fragen nicht, weil die beiden Protagonisten nicht mehr dazu in der Lage sind. Sie leben in einer derartigen Hölle, dass jeder andere Ort, an dem irgendwie gelangen könnte, nur eine Verbesserung sein kann. Aber warum dann nicht den Ausweg in den Tod nehmen? Aufgeben, und das Beste hoffen? Nein, es geht um das weitermachen, auch wenn es kein Ziel mehr gibt, weil schon der Begriff des Ziels keinen Sinn mehr in dieser Welt hat. Weitergehen, aufstehen, weitersuchen, eine Nacht im Regen verbringen, der die Asche einer verbrannten Welt zu einem breiigen Schlamm vermischt. Und dann am nächsten Morgen wieder weiter, den Einkaufswagen mit den letzten Vorräten an der Hand. Ist das also der Sinn? Weitermachen, um jeden Preis?
Nein, hier liegt kein primitiver Lebenshilfe-Roman vor, denn in dieser Welt würde jeder aufgeben. Es ist auch kein Heroismus, der zu den Protagonisten aufschauen lässt. Es ist der unbedingte Drang des Lesers, dabeizubleiben. Seinen eigenen Ekel zu unterdrücken, das Gefühl, das Buch aus der Hand legen zu müssen, weil man den Tod und den Schmerz nicht mehr erträgt. Und dann erwischt man sich selbst, wie einem die Leichen zunehmend egal werden, der Weg, das Ziel. Wie man selbst mitläuft, wie sich selbst der Atem beschleunigt, wenn eine Bedrohung ganz nah erscheint. Man stumpft ab, hofft nicht mehr auf Besserung, sondern nur, dass die Figuren den nächsten Tag erleben. Wo es keinen Grund mehr gibt, da gibt es kein Ziel mehr. Wo alles aus den Fugen ist, wenn im Grunde überhaupt nichts mehr ist, dann schrumpft der Mensch auf denjenigen Rest einer tierischen Kreatur zusammen, die er immer schon ist. Der letzte Gott hat die Welt verlassen und übrig bleibt der Mensch in seiner banalen Existenz.
Wenn die Hölle der Ort ist, der am weitesten entfernt zu Gott steht, und – wenn Sartre Recht hat – die Hölle immer die anderen sind, dann ist der Ort, an dem sich Vater und Sohn aufhalten, die Hölle. Die Welt, als verlassen, im wahrsten Sinne Gottverlassen, aber nicht nur öd und leer, sondern auch feindselig und gleichzeitig immer verlockend, das Leben verlängernd um einen entscheidenden Tag. Gibt es noch Lachen, noch Glück? Nichts mehr davon. Die dauernde Traumatisierung des Menschen innerhalb dieser Postapokalypse lässt nicht mal erahnen, dass es etwas wie Zufriedenheit, wie Freude geben könnte. Und mit dem Glück starb ebenso die Schönheit, die Freude an den Dingen, die Bewunderung der Natur. Natürlich, es bleibt dem Menschen am Ende immer noch die Bindung der Familie, aber auch sie verbleibt im Rahmen der ultimativen Entscheidung: weiterleben, oder…
Es muss an dieser Stelle wirklich gewarnt werden: Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, sollten diesen Roman nicht lesen. Zu klaustrophobisch, zu grausam sind manche Szenen. Jeder Andere, der einmal die Erfahrung des extremsten Was-könnte-auch-sein machen möchte, muss dieses Buch empfohlen werden.
Wahnsinns-Literatur!

 


Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit Zweig_Sternstunden »So furchtbar rächt sich die große Sekunde, sie, die selten in das Leben der Irdischen niedersteigt, an dem zu Unrecht Gerufenen, der sie nicht zu nützen weiß. […] Verächtlich stößt er den Zaghaften zurück; Einzig den Kühnen hebt er, ein anderer Gott der Erde, mit feurigen Armen in den Himmel der Erde empor.« Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit Vor einem guten Jahr erschien – endlich, möchte man hinzufügen – die Neuausgabe von Stefan Zweigs »Sternstunden der Menschheit« mit den Illustrationen von Jörg Hülsmann. Ohne es vorweg nehmen zu wollen, aber hier ist dem S. Fischer Verlag ein großartiger Wurf gelungen. Aber eine solche Aussage sollte natürlich auch belegt werden.

Betrachtet man dazu die »14 historischen Miniaturen« zweigeteilt in Form und Inhalt, sollte diese Urteil schnell deutlich werden. Der Urtext bestand im Jahre 1927 ursprünglich aus nur fünf kurzen, historischen Geschichten, die posthum 1943 um sieben erweitert worden sind, dazu zuzüglich 2 weitere, die 1940 in englischer Sprache erschienen. Von Cicero, über Waterloo bis hin zur Eroberung des Südpols und Lenis Rückkehr nach Russland, spannt der Autor ein Panorama auf, dass jene besonderen historischen Daten vereint, die man allgemein kennen sollte. Es ist also weniger die Originalität in der Auswahl, die dieses Buch so auszeichnet, sondern der Zugang als solcher. Die »Sternstunden der Menschheit«, das sind bei Stefan Zweig nicht jene, die die großen Ideen von Humanität oder Freiheit vorgebracht haben, sondern es sind die blutigen, kriegerischen Episoden, in denen sich Geschichte entscheidet. Aber wird hier nicht ein Widerspruch sichtbar? Sollten die »Sternstunden der Menschheit« nicht die friedlichen und großartigen Momente in der Entwicklung des menschlichen Geistes sein und nicht jene, in denen die Menschen zu hunderten, zu tausenden in den Tod gehen? Oder alleine in der Hölle des Polarkreises sterben? Diese Kritik wäre nachvollziehbar, verkennt aber den Sinn der Erzählungen. Stefan Zweig verstand es in diesem Buch meisterhaft, den roten Faden der Geschichte aufzuspüren. Die geheimen Kräfte, die die Historie antreiben und heute mit dem meist negativ besetzten Begriff des Schicksals verbunden werden. Der Tod, der in allen Erzählungen ständig präsent ist, ist dabei nur das Negativ, die dunkle Folie vor der das Licht des menschlichen Schaffens- und Eroberungsdrangs noch heller leuchtet. Die erzählerische Kraft, die dabei in den wenigen Seiten steckt, in denen die Geschichten erzählt werden, ist so groß, dass man unwiderruflich gefangen ist, von dem Schicksal eines Robert Scott, der in einer Eishöhle am Südpol stirbt oder dem Schicksal der Einwohner Konstantinopels, die furchtbares während der Belagerung und nach der Eroberung der Osmanen erdulden müssen. Man sieht förmlich vor seinem inneren Auge, dass ein neues Zeitalter anbricht, wenn Zweig beschreibt, wie Lenin in der Schweiz in den berühmten plombierten Zug steigt, um nach Russland zu gelangen. Eins ist allen Erzählungen gemein: hier werden keine Helden porträtiert, keine Hymnen gesungen. Alle Personen, die in den Geschichten vorkommen, sind gebrochene Gestalten, meist nahe dem Tod (wie z.B. Tolstoi) oder völlig durchschnittliche Gestalten, die für eine Sekunde die Chance haben, die Geschichte selbst zu schreiben – und unter dieser Last meist zusammenbrechen. Ihr Leben ist im Grunde dasselbe wie das der Tausenden und Abertausenden, die kein Platz in den Geschichtsbüchern bekamen, aber das Schicksal stellte sie auf ihre verlorenen Posten, auf ihren Platz, nicht indem sie versagten, sondern indem sie das taten, was von ihnen verlangt wurde (z.B. Napoleons General Grouchy). Die Kräfte, die durch die Geschichte wirksam werden, sind aber auch die, die zu neuen Taten im Angesicht des Grabes verleiten. Der alte Goethe, der in Marienbad ein junges Mädchen kennenlernt und mit dieser Begegnung die letzte schöpferische Phase seines Lebens einläutet. Der kranke Händel, der zusammenbricht, von Gläubigern gejagt, und in diesem Zusammenbruch die Kraft findet, neu zu beginnen. Aber sind es dann doch Trostgeschichten, die dem Leser zeigen sollen, dass auch der Unbedeutende seine Chance in der Geschichte erhält, wenn er nur aufmerksam ist? Der ebenfalls die Hoffnung nicht aufgeben soll, wenn die Zukunft schon verschlossen scheint? Nichts liegt den Erzählungen ferner. Es wird vielmehr gezeigt, dass die Geschichte gesichtslos ist. Dass sie nicht den Guten und Bösen separiert, sondern über beide hinweggeht und sich doch immer wieder diese kleinen Funken zeigen, in denen die Menschheit ihr eigentümliches Leuchten aufscheinen lässt und über sich hinauswächst. Ja, diese Momente sind oft mit Grausamkeit, Verschlagenheit und Tod erkauft, aber dies ist der Lauf der Dinge, es zu bedauern würde nur bedeuten, das Schöne, was trotzdem in den Dingen ist, nicht sehen zu wollen. Stefan Zweig achtete in seinen Schilderungen stets auf historische Korrektheit, wenngleich einiges dem Narrativ unterworfen wird und manche Erzählung daher durchaus einen Zug ins Phantastische bekommen kann. Nein, Stefan Zweig schreibt nicht wie ein Historiker, aber vielleicht ist auch deshalb seine Form der Historienschreibung die interessantere. Was für die Erzählungen selber gilt, gilt auch für die hervorragenden Illustrationen von Jörg Hülsmann, die dieses Buch schließlich endgültig mit einer Kaufempfehlung ausstatten. Die ganzseitigen, fast schon minimalistischen Zeichnungen, nehmen immer wieder das Motiv des Sternenhimmels auf, das auch das Buchcover prägt. Damit schafft der Illustrator es auf bemerkenswerte Weise immer wieder eine Verbindung mit dem Text herzustellen und zu zeigen, dass die Sternstunden nicht nur in den Personen sind, sondern auch in den Dingen und Umgebungen, die diese erst ermöglichen. Was wäre Lenin ohne den Zug? Was wäre die französische Nationalhymne nicht ohne die »Kinder des Vaterlands«, die in ihr besungen werden? Es ist fast zu bedauern, dass es nur die wenigen Illustrationen im Buch selbst gibt, wenngleich damit immer deutlich wird, dass auch in der Neuausgabe der Text im Vordergrund steht. Dies ist vielleicht auch die größte Leistung des Zeichners: niemals drängen sich die Illustrationen auf, gemächlich, fast geschmeidig kommen sie daher und fangen den Leser ein, damit dieser, am Ende der Erzählungen, nochmal einen verträumten Blick auf sie wirft und sich seiner eigenen Sternstunden bewusst wird. Diese Neuausgabe ist ein rundum gelungenes Werk, das von der Meisterschaft des Autors und dem Können des Illustrators lebt. Auch wenn das Buch nicht ganz günstig ist, so lohnt sich doch jeder einzelne Euro des Kaufes. Vor allem in Hinblick auf die kommende Weihnachtszeit, nicht nur im Sinne eines Geschenks, sondern auf die Besinnlichkeit des Advents, ein absoluter Pflichtkauf. Stefan Zweig Sternstunden der Menschheit. Vierzehn historische Miniaturen. Mit Illustrationen von Jörg Hülsmann. S.Fischer Verlag 2016 272 Seiten 30,00 Euro



Zersplitterte Identität, zersplitterter Roman: Daniel Kehlmanns Ruhm

20180111_191854-01.jpeg Eine ältere Dame begibt sich auf ihrem letzten Weg in die Schweiz, um sich ein Medikament zum Sterben geben zu lassen. So kurz vor das Ende ihrer Existenz gestellt, fleht sie den Erzähler um Gnade an. Derselbe Erzähler, der vorher noch als bekannter Autor, Neurotiker und Liebhaber porträtiert wird. Derselbe Liebhaber, der eine Affäre mit einer ruhmreichen Frau hat, die sich am Ende fragen wird, ob sie nur Kopie einer Romanschöpfung, reine Fiktion oder doch real ist.

Schon oft wurde in den letzten Jahren der Versuch unternommen, die Fragen nach Identität, nach Wirklichkeit, kurz die Grundfragen der Philosophie, in einem Roman zu thematisieren. Auch die Gefahren der neuen Medien, der Sozialen Netzwerke und der allgegenwärtigen Sichtbarkeit wurde schon oft in dystopischer Weise auf den Markt gebracht. Und doch konnten beide Versuche mehr durch Handlung und Spannung punkten, als durch die Fragen als solche. Es gelingt diesem Roman, beides in Zusammenhang zu bringen. In sechs weiteren kurzen Geschichten erschafft Kehlmann Figuren, die scheinbar wahr-und zusammenhangslos auftreten. Durch feine Hinweise sind sie aber stattdessen so miteinander verwoben, dass am Ende ein Roman entsteht, bei dem die Frage nach der Realität ebenso gestellt wird wie die nach Zerrissenheit von allem und der eigenen Identität. Auf nur rund 200 Seiten erscheinen – ebenso subtil wie präzise – die Möglichkeiten und Gefahren der neuen technischen Welt. Dennoch steht hier ein Roman, der dann doch nicht als solcher bezeichnet werden kann. Wir finden keine durchgehende Erzählung und doch einen roten Faden, der alles verbindet, aber nichts erzählen lässt. Kurze Geschichten erscheinen nacheinander, zwar im leichten Zusammenhang, aber nie mehr verbunden, als durch das Thema der Folgen des Ruhmes, der Sichtbarkeit und ständigen Verbundenheit über alle Kanäle. Kann ein Mensch seine Identität vollkommen auslöschen, wie der berühmte Schauspieler im Buch, der, verzweifelt von seiner Berühmtheit, ein anonymes Leben als Doppelgänger seiner Selbst wählt. So lange bis ein wirklicher Doppelgänger sein eigentliches Leben nimmt und er nicht mehr in sein eigenes Haus hineingelassen wird, missverstanden als Betrüger auf der Straße sitzt, ohne Identität, ohne Alles. Solchen Kuriositäten nähert sich Kehlmann in einer präzisen Weise, die den Leser nicht abschreckt und doch am Ende eines jeden Kapitels schlucken lässt. Doch will er die neue Technik sicherlich nicht verteufeln, nur den Umgang mit dieser kritisch hinterfragen. In kurzer Form und literarischem Geschick werden hier verschiedene Standpunkte widergegeben, die am Ende einen kritischen Blick auf die Thematik ermöglichen. So kann es doch einmal geschehen, dass ein bekannter Autor lieber seine aktuelle Liebschaft begleitet, um Inspiration für eine neue Figur zu haben, anstatt eine Geschäftsreise nach Asien zu unternehmen. Diese Reise in einem neuen Kapitel aber wiederum zur Katastrophe wird, wenn seine Vertretung in einem fremden Land, ohne telefonischen Kontakt zur Heimat, festsitzt. Am Ende scheint es dann doch, dass der Autor in diesem Roman eine Möglichkeit gefunden hat, verschiedenste Erzählstile auszuprobieren, um diese zusammenzuführen. Kann dies den Leser sicherlich zeitweise verwirren, so unterstützt diese Methode doch auch die Vielschichtigkeit der Fragen, die nicht in einem Buch, nicht von einer Person beantwortet werden können. Und dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Ist dies ein Roman in dem der Leser Versuchskaninchen verschiedener Stile, Erzählweisen und holpriger Standpunkte wird oder ist dies durchdachte Prosa. Am Ende bleibt ein skurriler Roman, welcher durch seine realitätsferne eine Atmosphäre schafft, die einen Blick auf das Hier und Jetzt in aller Kürze ermöglicht. In einer Zeit, in der es durch die Möglichkeiten der weltweiten Kommunikationen über Zeitzonen hinweg, kein Hier und Jetzt mehr gibt und die grundphilosophische Fragen zugleich schwieriger zu stellen und doch umso wichtiger erscheinen.



Michel Houellebecq, In Schopenhauers Gegenwart

IMG_20180106_180349_713.jpg Ein neuer Houellebecq ohne Skandal ist kaum vorstellbar. Keine Sexismus-, Religions-, und Islamdebatte erwartet einem im neuen Buch des Bestsellerautors. Und doch lässt sich in der kurzen Hommage an dessen Lieblingsphilosophen Schopenhauer ein neuer Blick auf den Autor selbst werfen.

In der Abhandlung, die nicht viel mehr als eine grobe Auswahl Schopenhauerszitate umfasst, werden die sonst so misanthropischen Figuren Houellebecq und Schopenhauer beidesamt menschlicher. Ein Blick hinter die Grausamkeit des Menschen wird erhascht und die darausfolgende Suche nach dem Schönen, das nicht zwangsläufig menschlich sein muss. Viel mehr will der Autor dieses Buches nicht vermitteln: Da gibt es einen Weg jenseits der hochgeschätzen Humanität. Empfehlenswert ist das Buch wohl höhstens für zwei exklusive Kreise: Philosophisch interessierte Vielleser und Fans Houellebecqs. Für alle anderen ist das Buch zu kurz, zu brüchig, zu zusammenhangslos und zu oft mit sexuellen Anspielungen durchzogen, die absolut verzichtbar sind, aber dennoch zum Image des Autors passen.

Dumont 2017, 80 Seiten, 18,00€


Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.

Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben

IMG_20180104_175454_389.jpg Nur ein Roman über lebenslange Freundschaft? Die langanhaltende Freundschaft zwischen einem Künstler, einem Schauspieler, einem Architekten, und Jude, einem Anwalt. Letzterer von jedem geliebt, obwohl er nichts von sich und seiner Vergangenheit preisgibt. Einzig seine Schmerzanfälle begleiten Freunde, Umfeld und den Leser immer wieder, während alles seinen Lauf geht und Jude mit den Jahren Freundschaft und Liebe erfährt – eine Tatsache, die er sich nie hat erträumen lassen, denn eines ist immer wieder zu lesen: Judes Selbsthass. Seine Scham über sich als Krüppel. Seine Vergangenheit und sowieso all seine Taten die er begangen hat.

Seite für Seite bekommen wir einen Hauch von Ahnung, was ihm zugestoßen sein könnte. Bruchstücke, die auch Judes Umfeld mit den Jahren erfahren sollen, mehr erratend als wissend. Es vergehen hunderte von Seiten, Jahrzehnte im Buch, bis etwas Konkretes erfahren wird. Der Leser wird Teilhaber des Lebens der Vier. Er wird Freund und innerer Anteil Judes, der selbstliebende Anteil im Protagonisten, der in seinem Inneren schlummert, aber unaufhörlich von ihm ignoriert wird. Ebenso wie Zärtlichkeit und Fürsorge seiner besten Freunde. Die Frustration, das Nicht-helfen-können, wenn einem nahen Menschen Grausamkeiten angetan worden sind, ist ein entscheidendes Hauptanliegen, das durch wechselnden Erzähler, durch das In-die-Länge-ziehen des Romans bei gleichzeitigem Unwissen erreicht wird. Durch die Fülle an Wörtern wird ein Gefühl der Frustration, der Wut und Hilflosigkeit erzeugt und doch kann man nicht aufhören den Roman weiterzulesen, können die Freunde Jude nicht im Stich lassen, auch wenn das Unsagbare nicht gesagt wird, die Hilfe nicht angenommen wird. Im Roman wird aufgezeigt, was es heißt, mit jemanden zusammenzustehen. Was es für einen Überlebenden von Misshandlung heißt, alle äußeren wie inneren Gefühle von Liebe, Geborgenheit und Fürsorge zu missachten, sich selbst so sehr für Taten zu hassen, die einem zugestoßen sind, und die Kontrolle letztendlich den inneren sowie äußeren Saboteuren zu überlassen. Wenn man so will ist der Roman ein Sinnbild des Kampfes zwischen dem Guten und dem Schlechten, zwischen Liebe und Hass, letztendlich zwischen dem Aussprechen-Können des Unsagbaren und dem ewigen Schweigen darüber. Nur der Erzähler, die Freunde und somit der Leser bekommen die Möglichkeit des Redens, um das Schweigen über Misshandlung, Quälerei und Grausamkeit zu brechen. Wenn Überlebende keine Worte für ihre Vergangenheit finden, kann nur das Umfeld dieses Tabu brechen. Nichts weniger will dieser Roman aussagen und aus keinem anderen Grund, hat diese Erzählung solche Furore gemacht.



Robert Menasse, Die Hauptstadt

IMG_20171229_181337_579.jpg Man wage ein Gedankenexperiment: Aus Gründen der Imageverbesserung bestellt die europäische Kommission bei einem bekannten Schriftsteller einen Roman. Natürlich nicht irgendeinen Roman, sondern ein tiefgründigen, gut erzählten, der nicht nur eine reine Tatsachenbeschreibung der Arbeit in Brüssel wäre, sondern auch das komplexe Durcheinander der Sprachen, Kulturen, Konfessionen und Religionen zeigen soll. Ohne Frage müssten auch die verschiedenen Probleme thematisiert werden, die störrischen Mitgliedsstaaten, Karrieristen, der Brexit…Aber am Ende müsste doch das Gemeinsame stehen, der große Gedanke, der hinter der Europäischen Union verborgen liegt, das Umfassende und Umgreifende. Das Feuilleton wäre begeistert, der Autor würde mit Preisen überhäuft und am Ende würde die gute Geschichte des europäischen Friedensprojektes wieder in den Herzen und Köpfen der Menschen ankommen. Schwer vorstellbar? Eine Zumutung? Ohne Zweifel. Aber ganz so liest sich der Bestseller und Buchpreisträger Die Hauptstadt des österreichischen Romanciers Robert Menasse.

Um es gleich vorweg zu nehmen: damit sei nicht unterstellt, dass dieses Gedankenexperiment wahr ist. Im Gegenteil, es ist – so steht zu hoffen – vermutlich am weitesten von der Realität entfernt. Aber dieses Spiel macht ein Problem deutlich, dass während der ganzen Lektüre besteht: mit was haben wir es zu tun? Mit einem Roman? Oder mit einer Aufklärungs- und Erziehungsschrift? Bevor hierauf eine Antwort gegeben werden kann, muss der Roman in seinen einzelnen Stücken betrachtet werden. Ohne Frage ist Robert Menasse ein großartiger Erzähler, vielleicht der Beste seiner Generation. Hier liegt die unverkennbare Stärke des Werkes, denn man schafft es kaum, dieses Buch aus der Hand zu legen und dies – und das muss wirklich hervorgehoben werden – nicht wegen, sondern trotz der Handlung. Aber wie spielt sich diese überhaupt ab? Der Leser wird gleich zu Beginn in ein etwas groteskes Szenario geworfen. Denn ein Schwein läuft frei in Brüssel, der Herzkammer der EU, herum und stiftet allerlei Verwirrung. Gleichzeitig geschieht es einen Mord in einem schicken Hotel mit anschließender Untersuchung (inklusive Vertuschung und Verschwörung) und – ganz zentral – die europäische Kommission möchte ihren Geburtstag feiern. In der schlimmsten Krise der EU seit…ja, wann eigentlich? 5 Jahren? 10 Jahren? Seit Ewigkeiten? Das klingt nach einem spannenden Plot? Nach Abenteuer- und Detektivgeschichte vor dem Hintergrund der mächtigen und undurchsichtigen Bürokratie der Union, gespickt mit einer geschickten Metapher eines Schweins (kann das etwas anderes sein?)? So klingt es, aber leider geschieht genau dies im Roman nicht. Denn eigentlich geht es in diesem um etwas anderes, nämlich um die Frage, was „Europa“ eigentlich sei. Ganz richtig, Europa, nicht die EU, nicht die Kommission, nicht die europäischen Bürger. Diese Gleichsetzung, die sich durch den gesamten Roman zieht und auf die Narration der Schuldenkrise zurückgreift, wonach EU und Europa irgendwie dasselbe seien („Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“), ist nicht zufällig. Sie ist geplant und unerbittlich durchgehalten und dies sicher nicht ohne Grund. Aber zurück zur Handlung. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Generaldirektion Kultur innerhalb der Kommission. Eine kleine, unbedeutende Direktion, ohne Budget, ohne Handlungsvollmacht. Ihr steht es zu, den anstehenden Geburtstag der Kommission auszurichten, ohne dabei eine genaue Vorstellung zu haben, wie man den Bürger die Wohltaten derselben wohl am besten verkaufen könnte. Was wohl vor allem an einem liegt: man kennt den Bürger überhaupt nicht. Dies hat einen einfachen Grund, die Bürokratie der Kommission besteht aus einer handverlesenen Elite, mit besten Abschlüssen an renommierten Universitäten, die einen jahrelangen Kursus durch die verschiedenen Ebenen genommen haben, um schließlich endlich Teamleiter oder Direktor einer Abteilung zu werden. So stellt sich der Leser es ohnehin vor und so wird es auch im Roman geschildert. Gleichwohl kommt man beim lesen nicht um die Erkenntnis herum: wenn das die europäische Elite ist, diese Menschen als Beamten Europas den Geist des Projektes der EU tragen sollen, dann sind wir alle unrettbar verdammt. Nein, das ist keine überzogene Polemik, sondern das Resultat der Lektüre von Die Hauptstadt. Hauptfigur, wenn man das so nennen kann, ist Fenia Xenopoulou, kurz Xeno, die ebenso strebsame wie machtorientierte Aufsteigerin aus Zypern („griechische Zypriotin“), die irgendwie in der DG Kultur gelandet ist, obwohl sie ihre Fähigkeiten doch eher woanders sieht, in der Direktion Handel oder gleich irgendwo beim Präsidenten der Kommission. Alles, was sie tut, ist dem Diktat des Aufstieges unterworfen. Menschliche Regungen existieren bei ihr nur in Bezug auf ihre Affäre Kai-Uwe Frigge, genannt „Fridsch“, was sie sich aber nicht eingestehen will, und – natürlich! – auf Europa. Das gesamte Projekt, meist kurz Jubilee Project genannt, ist dennoch bei ihr nur Mittel zum Zweck. Es soll sie bekannt machen, berühmt, soll ihren Aufstieg ermöglichen. Unterstützt wird sie dabei von Kollegen, bei denen man sich die ganze Zeit wundert, weshalb und warum sie überhaupt an eine solche Stelle gekommen sind, denn sie verhalten sich entweder völlig – um es nett zu formulieren – unbedarft oder sind völlig antriebslos und selbstgefällig. Aber es ist nicht die reine Inkompetenz oder die nur allzu sichtbare Benutzung von Auschwitz als Gründungsmythos der Europäischen Union für das persönliche Fortkommen, die einen verzweifeln lässt. Sondern der fast schon plakativ vorgetragene Rekurs auf die „europäischen Werte“, die vor allem in der Überwindung der Nationalstaaten zu bestehen scheinen. Man kann dies alles als eine groteske Übertreibung empfinden, eine Satire auf die babylonische Verwirrung in Brüssel, auf die wie eine Monstranz vor sich hergetragene Gewissheit auf der „richtigen“, der guten Seite der Geschichte zu stehen. Wenn dies so wäre, dann wäre Menasse tatsächlich ein großer Wurf gelungen. Ein neuer Prozess in größeren, nicht nur kafkaesken, sondern orwellschen Ausmaßen (auf beide Bücher wird hin und wieder Bezug genommen). Leider hat man als Leser immer wieder den Eindruck, dass dieser entscheidende Erzählstrang zwar immer wieder durchbrechen will, aber dann doch der Mut nicht vorhanden ist, ihn stringent durchzuziehen. Apropos Erzählstrang: man muss auch hier sagen, dass Menasses Buch hier alle guten Ansätze immer wieder und konsequent ignoriert, um einen farblosen und moralinsauren Plot zu inszenieren. Erinnern sie sich an die Anfangssätze? Über den Mord, die Verschwörung, das Schwein (Das steht – Überraschung – übrigens für die ungerechtfertigte Angst vor dem Fremden) All dies wird überhaupt nur ansatzweise angerissen, ohne dass erkennbar wäre, warum dies erzählerisch notwendig ist. Man kann einwenden, dass damit verschiedene Fäden der Geschichte immer wieder aufgenommen und zusammengeführt werden, aber das wirkt so wenig überzeugend, so simpel konstruiert, dass man sich immer wieder fragen muss, warum dieser oder jener Strang überhaupt seinen Eingang in den Roman gefunden hat. Sollte hier eigentlich vielmehr erzählt werden und fiel schlussendlich den Vorgaben des Verlags zum Opfer? Soll hier eine Metaebene etabliert werden? Oder hat dies einen verborgenen Sinn, den nur der Autor kennt? Aber wenn ja, warum dann diese völlig austauschbare Geschichte mit dem Vatikan und der NATO? Die ganze Geschichte gipfelt immer in den Sätzen: „Die Sicherheit eines Lebens in Würde, Glück, Menschenrechte, das ist doch seit Auschwitz ein ewiger Anspruch, oder? Das versteht doch jeder. Das müssen wir klarmachen: dass wir die Institution dieses Anspruches sind. Die Hüter dieses ewig gültigen Vertrages. Nie wieder! – das ist Europa! Wir sind die Moral der Geschichte!“ Nein, auch hier sucht man Ironie vergebens. Es sind plötzliche Ausbrüche der Figuren, die getrennt sind von ihren Heimatländern, ihren Familien, ihren eigentlichen Bezügen. Hier wird nicht nur eine kosmopolitische Elite vorgeführt, sondern als tatsächlicher Träger einer Idee bezeichnet. Das ist nicht nur grotesk, sondern intellektuell mindestens unterfordernd. Dies alles findet seinen Höhepunkt, wenn ein Buchzitat eines nicht genannten Buches präsentiert wird, das, wenn man recherchiert, aus einem Aufsatzband von Robert Menasse und Ulrike Guérot stammt, in der zur Gründung der europäischen Republik aufgerufen wird. Es ist also nicht so, dass Autor, Erzähler und Figuren ein getrenntes Leben führen, sondern in diesen monothematischen Ausbrüchen kommt sehr deutlich eine dezidierte Haltung des Autors zum Ausdruck, den man postmodern als Einreißung der Begrenzung von Werk und Mensch zur Kenntnis nehmen kann, aber damit eben seine fiktionale Kraft einbüßt. Jeder Vorwurf der letzten Jahre, dass Haltung ein größerer Wert beigemessen wird als Aufklärung, Erziehung der freien Bildung entgegengestellt wird und letztlich nur noch die Kommentare einer kosmopolitischen Elite einen Eingang in den Diskurs finden, bestätigen sich hier auf eine fast schon tragische Art und Weise. Dies ist umso erschütternder, weil der Roman an seinen guten Stellen genial ist. Die Figur des Prof. Ehrhardt ist nicht nur liebenswürdig – auch und gerade in seinem europäischen Fanatismus – sondern auch glaubwürdig. Und doch überzieht auch hier die Erzählung wieder mehr als einmal, indem die Vorschläge für eine europäische Hauptstadt dieser Figur in den Mund gelegt werden. Dies ist zwar folgerichtig, aber doch irritierend. Die Grenze zwischen ehrlichen Überzeugungen und opportunistischem Karrieretrieb sind in Bezug auf Europa anscheinend fließend. Hier liegt das eigentliche Ärgernis des Romans: der Bürger dieses „Europas“ kommt schlicht nicht vor, es sei denn als Opfer oder als Ärgernis. Aber nirgendwo merkt man eine ehrliche Hinwendung zu den Menschen, denen sich sowohl Idealisten wie auch Bürokraten doch eigentlich verpflichtet fühlen müssen. Ganz im Gegenteil merkt man den Figuren immer wieder den Ekel an, dass der Bürger „da draußen“, aber eben auch die Staats- und Regierungschefs doch immer noch nicht verstanden haben, welches humanitäre Wunderwerk an jedem Tag in den Korridoren der Brüsseler Bürokratie entsteht. Es ist diese überbordende Arroganz und Weltabgewandtheit, die das europäische Projekt tatsächlich gefährden. Aber Menasses Roman kritisiert diese Zustände nicht, legt nicht die Finger in die Wunde, wie es engagierte Literatur mal tun wollte, sondern verherrlicht und absolutiert diese Zustände. Und hierin liegt das eigentlich Skandalöse dieses Romans, der nicht nur zeigt, dass die Filterblase der verschiedenen Lager in Europa existiert, sondern dass diese auch keine gemeinsame Sprache mehr sprechen