Rezensionen

Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan von Helmut Böttiger

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Im letzten Jahr erschien die Doppelbiographie von Bachmann und Celan, geschrieben von dem renommierten Literaturkritiker und Kenner der Nachkriegsliteratur, Helmut Böttiger. Für Literaturwissenschaftler wie für Laien stellt sein neues Werk eine umfassende Zusammenfassung der zwei bekanntesten Lyriker der Nachkriegszeit dar. Doch mit welcher Berechtigung kann eine neue Biographie stehen, wenn keine neuen Quellen zur Verfügung stehen? Erschien hier ein Werk für die Wissenschaft, oder Literatur für die breite Gesellschaft, gefußt auf einer Emotionalisierung, wie man sie nur zu genüge aus der Sachbuchsparte der letzten Jahre kennt. Sollen nun auch Bachmann und Celan für eine biografische Bestandsaufnahme ihrer Liebesgeschichte herhalten, wie einst Arendt und Heidegger sowie Kafka und Felice Bauer. Zur Beruhigung kann schon einmal gesagt werden: Nein, dies ist hier nicht der Fall. Böttiger nimmt fehlende Dokumente zum Anlass, um eine Fassung der beiden Schriftsteller zu schaffen, die biografische Daten- und Lyrikanalyse gekonnt nebeneinandersetzt. Ohne den Blick auf die Lyrik zu verlieren, entstand hier ein Werk, welches nicht nur für Laien von Bedeutung sein kann, sondern eben auch Literaturwissenschaftler interessieren kann. Eine erfrischend neue Form einer Doppelbiographie, die es lohnt, näher zu betrachten.  

Es ist die wohl bekannteste Liebesgeschichte in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, die Geschichte der Gruppe 47 und zweier Liebender, die nicht zueinanderfinden konnten, in einer Zeit, in der alles möglich schien und nichts möglich war. Der 27-jährige Paul Antschel, besser bekannt unter seinem Pseudonym Paul Celan, lernte im Frühling 1948 die junge Ingeborg Bachmann in Wien kennen. Die Unterschiede der Beiden könnten nicht größer sein. Anschel, ein aus der ehemaligen k.u.k. Monarchie kommender Jude, strandet, nach den Traumatisierungen der ermordeten Eltern, im zerstörten Wien.

Mit ganz anderen Voraussetzungen kommt die wohlbehütete Bachmann nach Wien. Vordergründig um ihr Studium fortzuführen, ist sie ebenso wie Celan auf der Suche nach einem Anschluss an die intellektuellen Kreise der Stadt des Westens und der Hochburg der Literaten, Wien. Geboren in Klagefurt, wuchs sie mit beiden Eltern auf und konnte ihr Studium der Philosophie ein Jahr zuvor in Innsbruck und Graz beginnen. Trotz aller Unterschiede lernten die beiden sich kennen und verbrachten gemeinsam 6 Wochen in Wien. Wochen, die sowohl für Ingeborg Bachmann als auch für Paul Celan und deren künstlerischen Werke von Bedeutung werden sollten.

Zu Anfang kehrt Böttiger in die Vergangenheit der beiden zurück, zeichnet die Unterschiede der Herkunft, die Privilegen der Einen und die Entbehrungen des Anderen deutlich auf, um diese dann in die lyrische Analyse einfließen zu lassen. Die ersten Kapitel im Buch legen die Herangehensweise des Autors an Schriftsteller und ihr Werk offen und zeigen schon gleich zu Anfang, dass es sich lohnt, dieses Werk zu lesen. Im gesamten Buch wechseln sich Passagen über Celan und Bachmann ab. Ohne in einen Duktus reiner Datenaufzählungen zu verfallen, bindet er stets die Zeitumstände, die Vergangenheiten, die gegenwärtigen Situationen und Zukunftsvorstellungen in die Lebensdaten und das lyrische Werk ein.

Deutlich arbeitet Böttiger die Unterschiede der Herkunft heraus und widmet sich, mehr als der Leser es aus Biographien gewohnt ist, ebenso einer dichterischen Analyse. Was meist als unwissenschaftlich gilt, meistert Böttiger klug indem er keine Deutungshoheit aufstellt. Durch intertextuelle Bezüge lässt er genügend Raum zwischen Fakten und Interpretation offen. Zudem nimmt er immer wieder seinen roten Faden auf, der sich schon in der Auswahl seines Werktitels andeutet. Denn „Wir sagen uns Dunkles“ wird von ihm als Leitmotiv der Schriftstellerkonstellationen überzeugend ausgearbeitet und im ganzen Buch immer wieder aufgegriffen.

Doch wie bekannt, ist es nicht nur die bekannteste Liebesgeschichte der deutschen Nachkriegszeit, sondern eben auch die tragischste Liebesgeschichte. Der Kontakt der beiden Lyriker reißt immer wieder ab, bis es zu einem endgültigen Bruch kommen wird. Auch hier schafft es Böttiger die gegenwärtigen Situationen der Beiden und die Lage derer Umgebung in einem großen Zusammenhang zu bringen, ohne zu viel zu interpretieren. Er arbeitet eng mit den Schriftstücken des gemeinsamen Briefwechsels zwischen Bachmann und Celan „Herzzeit“ zusammen und bringt somit dem Leser die Bezüge zum  lyrischen Werk näher, in dem er aus allen Dokumenten Zusammentreffen und letztendlich den Bruch aufschlüsselt und deren Bedeutung jeweils in anschließenden Kapitelanalysen herausstellt.

Auch wenn die Biographie der Schriftsteller bekannt ist, soll hier nicht zu viel vom Inhalt erzählt werden. Es bleibt also zu sagen, dass es sich hier um ein durchaus gelungenes Werk handelt, welches sowohl von Kenner als auch von Neulingen des Œuvre Bachmanns und Celans zur Hand genommen werden kann. Natürlich ist Böttiger nicht umsonst als Experte der Gruppe 47 bekannt. Auch in diesem Werk hinterlässt seine Expertise seine Spuren und so bekommt der Leser nicht nur einen neuen Überblick über die Schriftsteller und obendrauf noch eine Zusammenführung von Werk und Lyrik, sondern eben auch eine Einbindung in den Literaturbetrieb der frisch geborenen Bundesrepublik. Trotz all der Informationen schafft Böttiger es, seine Doppelbiographie nicht mit Fakten zu überfüllen. Er legt eine sachliche und textnahe Biographie vor, die aufzeigt, was Lyrik auch und gerade in der Nachkriegszeit war und schaffen konnte. Spätestens nach dieser Lektüre wird der Leser zu dem lyrischen Werk Bachmanns und Celans greifen und den Briefwechsel der Beiden mit genügend Informationen und oder durch einen neuen Blick betrachten.


Hannes Köhler, Ein mögliches Leben

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In den letzten Jahren erschienen immer wieder Romane über die Zeit der Weltkriege, über das Leid und die Entbehrungen, die Täter und die Opfer, die Zeit in den Lagern, den Gefangenschaften in Russland, der Besatzungszeit in Frankreich. Wenig zu lesen bekommt man allerdings über die Zeit der amerikanischen Gefangenschaft. Hannes Köhler begibt sich hier in keine ausgetretenen Pfade und schafft mit seinem zweiten Roman „Ein mögliches Leben“ noch viel mehr als einen reinen Kriegs- und Nachkriegsbericht.

Der frischgebackene Vater Martin macht sich mit seinem Großvater auf eine unbestimmte Reise nach Amerika, an die Orte der Kriegsgefangenschaft im Jahr 1944. Doch ist es keine selbstverständliche Reise zwischen Enkel und Großvater, um die Vergangenheit zu beleuchten. Das Verhältnis der zwei war noch nie ein sehr enges. Zu schwierig war die Beziehung der Mutter zu ihrem kühlen und distanzierten Vater, und auch Martin befindet sich gerade in einer unpassenden Situation, um mit „dem Alten“, wie Franz im Buch des Öfteren genannt wird, nach Texas zu den Ruinen der Baracken des ehemaligen Lagers zu reisen. Seit kurzem muss er sich mit seiner Vaterschaft beschäftigen, die alles andere als gewollt gewesen ist, dessen Pflichten er sich aber dennoch stellt. Und so scheint dem Leser gleich zu Anfang schon bewusst zu sein, in welche Gefilde er hier gezogen wird: Ein Familienroman, gar ein Generationsroman, der durch die schwierige Vergangenheit und deren Auflösung, nicht nur die Probleme mit der Mutter und Tochter verständlich machen soll, sondern auch die Anfänge der neuen Familie zwischen Martin und der eher unbekannten Mutter seines Kindes lösen soll.

Doch weit gefehlt. Dieser Roman geht viel weiter, durchbricht die Klischees und verbindet alles auf realistische Weise mit einander, ohne die Brüche der Zeit zu vergessen. Ein mögliches Leben in Amerika, so muss den Kriegsgefangen die Ankunft jenseits des Ozeans erschienen sein, als sie die Weite des amerikanischen Landes entdeckten, als sie merkten, dass die Amerikaner sie anständig behandelten, als sie Englischkurse besuchen durften. Ein mögliches Leben, trotz aller Traumatisierungen im Krieg, trotz der Heimatlosigkeit, der Ideologie im Kopf, trotz des Sterbens der Heimat, der Familie, und allem Bekannten. Doch kann man Heimat nicht einfach vergessen, kann man den Krieg nicht vergessen und kann die Gedanken der letzten Jahre nicht auslöschen. Schwieriger wird es noch, wenn sich die Gefangenen in zwei Lager aufzuteilen beginnen. Zwischen denen, die weit weg in ein mögliches Leben wollen und denen, die noch immer auf einen Endsieg warten. Dass ein Gedankengut nicht einfach aus dem Kopf zu löschen ist, dass dies die jungen Menschen in ihren ganzen Tun und Denken zum Wanken bringen musste, und dass die Gefangenen eben nicht nur mit Feldarbeit, Ungewissheit und Heimatlosigkeit geplagt waren, sondern sich vielmehr in einem Bruch befanden, zeigt dieser kurze Ausschnitt, indem ein mitgefangener Kamerad einen Selbstmord begeht, eindrücklicher als ganze Geschichtsbände.

„Selbstmord“, sagt Franz.
Jürgens Gesicht ist ausdruckslos.
„Heldentod“, sagt er leise.

In diesem Roman sind nicht die Amerikaner die Feinde, hier sind es die eigenen Kameraden, die Führertreuen. Der Autor nimmt uns mit in Franz seine Zeit in den Lagern, lässt die Geschichte des Buches hauptsächlich in Texas zwischen den Kameraden spielen und gibt dem Leser einen Eindruck aus dieser Zeit. Einmal, vielleicht zweimal zu deutlich lässt er die Bedrohung durch die eigenen Kameraden anklingen. Zu oft wird auch die Meinungslosigkeit des Protagonisten betont, zu sehr erscheint dem Leser ein warnender Zeigefinder des sich entscheiden Müssens.
Doch hier kann dem Autor des Buches vertraut werden. Sein Weit- und Durchblick, den er auf seiner zweimonatigen Recherchereise durch Amerika zu den Schauplätzen der amerikanischen Lager verfeinert hat, klingt im gesamten Buch an und lässt keine gedankenlose, einseitige Geschichtsschreibung zu. Im Laufe des Buches wird der kritische Leser sich getrost zurücklehnen können, denn hier wird zwar eine deutliche Anklage geschaffen, doch ohne die gesamthistorischen Gegebenheiten aus dem Blick zu verlieren.
Es geht um die Zerrissenheit einer gesamten Generation, die Zerrissenheit der Ideologie, der Deutschen, schon vor dem Krieg, während, aber vor allem und am eindrücklichsten am Ende und nach dem Krieg.

So erscheint am Ende kein Enkel-Großvater Roman, sondern ein Generationsroman, der vor allem die Nachkriegsgeneration beleuchtet. Dass die Tochter von Franz, die Mutter von Martin also, gar nicht anders kann, als sich der 68-Generation zuzuwenden, zeigt um eines mehr, dass ein unwiderruflicher Bruch stattgefunden hat. Dass der ältere Franz, obwohl für die Amerikaner arbeitend, nicht vor seiner Vergangenheit fliehen kann, so sehr er sich der Entnazifizierung widmet, unterstreicht dieses Buch umso mehr. Dass aber gerade die Zuwendung der Tochter zum „linken Lager“ einen Bruch innerhalb der Familie nach sich zieht, ist ein eindrückliches Zeitzeugnis dieser Generation und auch heute noch spürbar, wenn wir über diese Zeit schreiben, lesen und sprechen wollen. Wie schnell wir von Strukturen geprägt sind, wie schwer wir uns davon trennen können wird im gesamten Roman angesprochen und stellt den Leser vor neuen Fragen.

Die Unmöglichkeit vor den Bruch zurückzukehren, wird zum wichtigen Motiv dieses Romans und lässt ihn allein deshalb deutlich herausstechen. Die Geschichte, die Zeichnungen der Protagonisten sind nicht nur realitätsnah, historisch klar und nachvollziehbar, nein sie schaffen dazu noch einen großen Bogen, der aufzeigt, dass es unmöglich ist Kontakt zu der vorherigen Generation aufzunehmen, dass eine Verständigung mit den Eltern der Kriegszeit nicht möglich war. Hier wird Geschichte ohne Wertung erzählt, weil dieser Roman es versteht, dass keine Wertung nach dem Bruch mehr möglich ist. Zugleich stellt der Roman durch die Aufmachung der Enkel-Großvater Beziehung die wichtige Frage, ob eine Verständigung und Wertung über diese Zeit, von der neuen, unserer Generation überhaupt möglich ist.


Hannes Köhler, Ein mögliches Leben, Ullstein Verlag, Erscheinungsdatum: 23.02.2018, ISBN – 978-3-550-08185-9

Ich danke Vorablesen für das Rezensionsexemplar.

 


Carl Frode Tiller, Kennen Sie diesen Mann

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Dass ein skandinavisches Buch seinen Weg auf den deutschen Buchmarkt findet, ist dank der nordischen Kriminalromane längst kein Einzelfall mehr. Anspruchsvollere Literatur hat es dagegen immer etwas schwerer und so fragt man sich, wenn man Carl Frode Tillers Roman Kennen Sie diesen Mann? aufschlägt schon, warum es ausgerechnet dieser – zumindest hier – unbekannte Autor geschafft hat.

Mit viel Wohlwollen ist es der Ausblick auf die zu lesende Geschichte. Mit mehr Realitätssinn wohl eher die erworbenen Literaturpreise. Um die Literatur nach dem zu beurteilen, was sie ist, werfen wir nun also einen Blick auf die Geschichte des Romans. Denn diese scheint auf dem ersten Blick doch ganz interessant, wenn auch bekannt: Ein Mann verliert sein Gedächtnis und bittet über ein Zeitungsinserat Verwandte und alte Bekannte um Mithilfe in Form von Briefen.

Drei Personen melden sich bei David, der – um gleich schon eines vorweg zu nehmen – selbst nie im Buch zu sprechen kommt, die als Erzähler seiner Geschichte dienen. In abwechselnden Episoden aus ihrer Gegenwart und langen szenischen Briefen über die gemeinsame Vergangenheit, zieht sich die Geschichte über David in drei Abschnitte durch die Seiten.

Angefangen mit seinem Jugendfreund Jon, der in seiner Gegenwartsdarstellung gerade seine Band verlassen hat und als Versager mehr als deutlich klassifiziert wird. In seinem Brief allerdings unvorstellbare Fähigkeiten von psychologischem Durchblick und Einfühlungsvermögen zeigt, so dass der Leser gleich zu Anfang schon nicht mehr weiß, ob es sich hier wirklich um den eben noch sentimentalen Looser handelt, der keine Ahnung von sich und seinem Leben zu haben scheint, oder ob der Autor hier nicht vielmehr den Ich-Erzähler mit einem nichtdiegetischen Erzähler verwechselt.

Im zweiten Teil kommt Arvid, der Stiefvater Davids zu Wort. Auch er steht an einem Scheideweg in seinem Leben. An Krebs erkrankt und von Schmerzanfällen gequält, findet aber auch er die Zeit, einen langen Brief an seinen liebgewonnenen Ziehsohn zu schreiben, den er schon mehr als zwanzig Jahre nicht gesehen hat. Als ehemaliger Pfarrer, der nach dem Tod seiner Frau und dem Weggang Davids, ein tristes Leben als Buchhalter führte, erzählt er von den schönen Kindheitserinnerungen Davids, der schwierigen Jugend und vom Familienleben.

Nur wurde im ersten Teil des Buches von Jon eine vollkommen andere Geschichte, andere Fakten und Zusammenhänge genannt. Spätestens hier wird dem der Leser deutlich, welchem künstlerischen Kalkül er gerade aufgesessen ist. Hier geht es natürlich nicht nur um eine einfache Lebensgeschichte. Nein, hier werden gleich die großen Geschosse von den Fragen des Lebens, von Wahrheit und Lüge und psychologischen Kämpfen aufgefahren.

Aber bevor sich der Leser damit beschäftigen kann, braucht es noch einen dritten Ich-Erzähler. Es war damit zu rechnen, dass nun die ehemalige Jugendliebe von David, Silje ins Spiel kommt. In beiden vorherigen Erzählungen schon fester Teil der Jugend und der Charakterwerdung Davids, hat auch Silje über zwanzig Jahre keinen Kontakt zu David gehabt. Früher eine künstlerische Seele, jetzt eine gelangweilte Ehefrau, die noch einmal die Chance ergreift, ihrem Leben Esprit zu geben, in dem sie voller Inbrunst und allem künstlerischen Können von Jon, Arvid, der Liebe zu David, der Mutter und dem Thema erzählt, dass sich den ganzen Roman über angedeutet hatte. In ihrer Gegenwart ist allerdings auch sie schweren Schicksalsschlägen ausgesetzt. Sie ist nicht nur kurz davor ihre Ehe zerbrechen zu lassen, sie befindet sich auch ebenfalls in der Trauerphase um ihre gerade erst verstorbene Mutter. Vielleicht davon beeinflusst, löst sie viele Geschehnisse auf, indem sie von den tragischen Vorfällen aus der gemeinsamen Jugend erzählt. So ist die Dreiergruppe aus Jon, David und ihr nicht nur Beobachter mehrerer traumatischer Erlebnisse geworden, auch allerlei todesnahe Szenen, haben sich in dem kleinen Dorf in Norwegen abgespielt, so dass sich die mysteriöse Frage, wer denn nun der Vater Davids sei, nur in Kategorien zwischen Vergewaltiger und schwerstkrankem Mann abspielen kann.

Wer von der überladenden Handlung, dem Zuviel an unwahrscheinlicher Tragik und offensichtlichen Wendungen noch nicht abgeschreckt ist, wird spätestens beim Schreibstil des Autors an seine Grenzen gebracht. Dieser ist nicht schlecht, aber leider so verstellt, so künstlerisch übertrieben schwankend zwischen überzogener Umgangssprache am Anfang und dem gerade angesagten Berichtstil am Ende, dass es kurz vor Schluss nur noch ein Kampf ist, dem Buch und seiner durchaus fesselnden, wenn auch absurden Geschichte zu folgen.

„[…] Trotzdem wollt ihr immer mehr haben, fährt sie fort. Ihr seid nie zufrieden, sagt sie. Nein, sind wir nicht, sage ich, wie du siehst. Und die Kinder werden schon genauso, sagt sie. Hör auf, über die Kinder zu jammern, Mama, sage ich und halte nach wie vor an meinem erschöpften Lächeln fest. Tu ich doch gar nicht, sagt sie. Es ist ja nicht ihre Schuld, dass sie so verwöhnt werden, sagt sie. Nein, daran bin ich natürlich schuld, ganz klar, sage ich. Das habe ich nicht gesagt, sagt sie. Das hast du aber gemeint, sage ich. Du trägst nun einmal die Verantwortung dafür, wie sich deine Kinder entwickeln, genau wie alle anderen Eltern auch, sagt sie. Na klar, sage ich…“

Wem bei solchen Passagen noch nicht die Ohren sausen, von all den „sagt sie“-, „sage ich“-Bruchstücken, dem sei gesagt, dass auch ständige Satzwiederholungen, von scheinbar sehr relevanten Sätzen, nicht stören dürfen. Ist man gegen all dies gefeit, muss eines am Schluss gesagt werden: Trotz aller sprachlicher sowie inhaltlicher Hindernisse, hat es der Autor geschafft, seine Figuren, so unsympathisch sie einen auch erscheinen mögen, ausreichend genug zu zeichnen, dass man doch mit einer Weiterführung des Werkes liebäugelt. Auch wenn die Anfangs gestellten Fragen über den Wahrheitsgehalt der Darlegung in den Briefen in den Hintergrund rücken, das Hauptanliegen des Romans somit verfehlt ist, hat die Geschichte doch neugierig gemacht auf weitere Darlegungen von Bekannten und Verwandten. Ob sich ein weiterer Kampf durch die sprachlichen Kunstversuche lohnt, muss jeder für sich selber entscheiden. Denn am Ende dieser Rezension bleibt, dass dieses Werk es nicht geschafft hat, hinter psychologischen Oberflächlichkeiten zu greifen, sei die Geschichte und der künstlerische Stil noch so außergewöhnlich.

 


Cormac McCarthy, Die Straße

Er lag da und lauschte dem im Wald tropfenden Wasser. Muttergestein, das. Die Kälte und die Stille. Die Asche der vorigen Welt von den rauen, irdischen Winden in der Leere hin- und hergeweht. Herangeweht, verstreut und abermals herangeweht. Alles aus seiner Verankerung gelöst. Ohne Halt in der aschenen Luft. Getragen von einem Atemhauch, zitternd und kurz. Wenn nur mein Herz aus Stein wäre. Er wachte vor Morgengrauen auf und sah zu, wie der graue Tag anbrach. Langsam und halb undurchsichtig. Während der Junge noch schlief, stand er auf, zog sich seine Schuhe an und marschierte, in seine Decke gewickelt, zwischen die Bäume. Er stieg in einen Felsspalt ab, wo er sich hustend zusammenkrümmte und lange Zeit weiterhustete. Dann kniete er einfach in der Asche. Er hob das Gesicht dem erblassenden Tag entgegen. Bist du da?, flüsterte er. Werde ich dich endlich sehen? Hast du einen Hals, damit ich dich erwürgen kann? Hast du ein Herz? Hol dich der Teufel, hast du eine Seele? O Gott, flüsterte er. O Gott
Ist das noch Literatur? Eine vermutlich ebenso sinnlose wie banale Einstiegsfrage in einen Text, der ein Buch besprechen soll. Natürlich, so lautet die erste – und durchaus nachvollziehbare – Antwort, ist das Buch Die Straße von Cormac McCarthy Literatur, was auch sonst?
So nachvollziehbar diese Haltung ist, so schwierig ist es, diese auch beim Lesen durchzuhalten. Denn in und durch diesen Roman geschieht mehr, als nur das kontextuelle Aneinanderereihen von Wortfolgen, die Sätze und im besten Fall eine Geschichte ergeben. Hier wird deutlich, was Literatur in ihrem besten Fall sein kann: eine eigene Welt, poesis im reinsten Wortsinne, die durch die Kraft der Narration aufgespannt wird.
Aber beginnen wir am Anfang. Die zitierten Sätze stammen aus einer der ersten Seiten des Werkes und schon hier wird deutlich, was den gesamten Roman ausmacht: die Leere, die Ödnis, die mit Händen zu greifende Verzweiflung des Mannes, der seinen Sohn beschützen muss. Aber vor was? Das wird nicht genau geschildert. Der Leser erfährt nur, dass Vater und Sohn unterwegs sind, um nach Süden zu gelangen, in die Sicherheit der Wärme vor dem heranbrechenden Winter. Aber was sich hier nach einem harmlosen Roadtrip anhört, spielt sich in der schlimmsten aller möglichen Welten ab: einer postapokalyptischen Erde. Ein Nuklearangriff? Ein Meteoriteneinschlag? Eine Umweltkatastrophe? Der Leser erfährt es nicht und auch wenn man sich am Beginn durchaus noch die Frage stellt, was geschehen sein könnte und ob nicht der Erzähler auf die Gefahren eines bestimmten Lebensstils des Menschen hinweisen will, verliert diese Frage nach und nach an Bedeutung. Weil sich die tatsächlichen existenziellen Probleme des Gespanns in den Vordergrund stellen: die Suche nach Nahrung, nach einer Unterkunft für die Nacht, nach Geborgenheit und Sicherheit und dabei immer mit der Hoffnung, den Weg nicht zu verlieren.
Natürlich, wendet an dieser Stelle der gelehrte Meta-Kritiker ein, dieses Szenario ist schon unzählige Male durchgespielt wurden. In Filmen, Theaterstücken, Romanen. Was ist also das Neue an diesem Werk, damit es hier besprochen werden kann? Es ist die unglaubliche Erfahrung des wirklichen Mit-Leidens mit den Figuren. Die Grenze zwischen der fiktiven Welt von Vater und Sohn und der (vermeintlich) realen des Lesers verschwimmen schon auf den ersten Seiten. Man wird, geschickt durch die Erzählinstanz vermittelt, unmittelbar in die Welt hineingezogen. Liegt mit den Beiden im Gras, wenn es gilt, sich vor Gefahren zu verstecken. Leidet selbst Hunger, wenn die Beiden seit Tagen nicht gegessen haben. Jeder Verlust schmerzt auf eine präsente Art und Weise. Jede neue Leiche, die auf der Straße gefunden wird, jagt den Schauer über den Rücken, jede Bestialität lässt einen fassungslos zurück und gleichzeitig scheint immer die eine Frage auf: was würde ich tun, um mein Leben zu erhalten? Würde ich alle hohen moralischen Fundierungen aufrechterhalten, die in der Moderne so prächtig gedeihen konnten, wenn ich seit 5 Tagen nichts mehr gegessen habe? Wenn das Kind neben mir nur noch Haut und Knochen ist? Würde ich es zurücklassen in dieser Welt, wenn ich selbst nicht mehr kann?
Ein Roman stellt im besten Fall den Leser vor die Erfahrung des So-könnte-es-auch-sein. Dies unterscheidet ohne Frage gute von schlechter Literatur. Aber dieses Werk ist noch ein bisschen mehr. In der ganzen Not und Verzweiflung, im Elend und Chaos, in dem der Nächste, der auch überlebt hat, nicht nur dein Feind sein, sondern das Böse schlechthin verkörpern kann, stellen sich die Grund-Fragen des Lebens neu. Gibt es eigentlich Vögel, wenn man seit Jahren keine gesehen hat? Was bleibt von den Dingen, wenn man vielleicht der letzte Mensch auf Erden ist? Wie schnell zerfällt all das menschliche Machwerk eigentlich zu Staub?
McCarthys Die Straße beantwortet diese Fragen nicht, weil die beiden Protagonisten nicht mehr dazu in der Lage sind. Sie leben in einer derartigen Hölle, dass jeder andere Ort, an dem irgendwie gelangen könnte, nur eine Verbesserung sein kann. Aber warum dann nicht den Ausweg in den Tod nehmen? Aufgeben, und das Beste hoffen? Nein, es geht um das weitermachen, auch wenn es kein Ziel mehr gibt, weil schon der Begriff des Ziels keinen Sinn mehr in dieser Welt hat. Weitergehen, aufstehen, weitersuchen, eine Nacht im Regen verbringen, der die Asche einer verbrannten Welt zu einem breiigen Schlamm vermischt. Und dann am nächsten Morgen wieder weiter, den Einkaufswagen mit den letzten Vorräten an der Hand. Ist das also der Sinn? Weitermachen, um jeden Preis?
Nein, hier liegt kein primitiver Lebenshilfe-Roman vor, denn in dieser Welt würde jeder aufgeben. Es ist auch kein Heroismus, der zu den Protagonisten aufschauen lässt. Es ist der unbedingte Drang des Lesers, dabeizubleiben. Seinen eigenen Ekel zu unterdrücken, das Gefühl, das Buch aus der Hand legen zu müssen, weil man den Tod und den Schmerz nicht mehr erträgt. Und dann erwischt man sich selbst, wie einem die Leichen zunehmend egal werden, der Weg, das Ziel. Wie man selbst mitläuft, wie sich selbst der Atem beschleunigt, wenn eine Bedrohung ganz nah erscheint. Man stumpft ab, hofft nicht mehr auf Besserung, sondern nur, dass die Figuren den nächsten Tag erleben. Wo es keinen Grund mehr gibt, da gibt es kein Ziel mehr. Wo alles aus den Fugen ist, wenn im Grunde überhaupt nichts mehr ist, dann schrumpft der Mensch auf denjenigen Rest einer tierischen Kreatur zusammen, die er immer schon ist. Der letzte Gott hat die Welt verlassen und übrig bleibt der Mensch in seiner banalen Existenz.
Wenn die Hölle der Ort ist, der am weitesten entfernt zu Gott steht, und – wenn Sartre Recht hat – die Hölle immer die anderen sind, dann ist der Ort, an dem sich Vater und Sohn aufhalten, die Hölle. Die Welt, als verlassen, im wahrsten Sinne Gottverlassen, aber nicht nur öd und leer, sondern auch feindselig und gleichzeitig immer verlockend, das Leben verlängernd um einen entscheidenden Tag. Gibt es noch Lachen, noch Glück? Nichts mehr davon. Die dauernde Traumatisierung des Menschen innerhalb dieser Postapokalypse lässt nicht mal erahnen, dass es etwas wie Zufriedenheit, wie Freude geben könnte. Und mit dem Glück starb ebenso die Schönheit, die Freude an den Dingen, die Bewunderung der Natur. Natürlich, es bleibt dem Menschen am Ende immer noch die Bindung der Familie, aber auch sie verbleibt im Rahmen der ultimativen Entscheidung: weiterleben, oder…
Es muss an dieser Stelle wirklich gewarnt werden: Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, sollten diesen Roman nicht lesen. Zu klaustrophobisch, zu grausam sind manche Szenen. Jeder Andere, der einmal die Erfahrung des extremsten Was-könnte-auch-sein machen möchte, muss dieses Buch empfohlen werden.
Wahnsinns-Literatur!

 


Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit Zweig_Sternstunden »So furchtbar rächt sich die große Sekunde, sie, die selten in das Leben der Irdischen niedersteigt, an dem zu Unrecht Gerufenen, der sie nicht zu nützen weiß. […] Verächtlich stößt er den Zaghaften zurück; Einzig den Kühnen hebt er, ein anderer Gott der Erde, mit feurigen Armen in den Himmel der Erde empor.« Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit Vor einem guten Jahr erschien – endlich, möchte man hinzufügen – die Neuausgabe von Stefan Zweigs »Sternstunden der Menschheit« mit den Illustrationen von Jörg Hülsmann. Ohne es vorweg nehmen zu wollen, aber hier ist dem S. Fischer Verlag ein großartiger Wurf gelungen. Aber eine solche Aussage sollte natürlich auch belegt werden. Betrachtet man dazu die »14 historischen Miniaturen« zweigeteilt in Form und Inhalt, sollte diese Urteil schnell deutlich werden. Der Urtext bestand im Jahre 1927 ursprünglich aus nur fünf kurzen, historischen Geschichten, die posthum 1943 um sieben erweitert worden sind, dazu zuzüglich 2 weitere, die 1940 in englischer Sprache erschienen. Von Cicero, über Waterloo bis hin zur Eroberung des Südpols und Lenis Rückkehr nach Russland, spannt der Autor ein Panorama auf, dass jene besonderen historischen Daten vereint, die man allgemein kennen sollte. Es ist also weniger die Originalität in der Auswahl, die dieses Buch so auszeichnet, sondern der Zugang als solcher. Die »Sternstunden der Menschheit«, das sind bei Stefan Zweig nicht jene, die die großen Ideen von Humanität oder Freiheit vorgebracht haben, sondern es sind die blutigen, kriegerischen Episoden, in denen sich Geschichte entscheidet. Aber wird hier nicht ein Widerspruch sichtbar? Sollten die »Sternstunden der Menschheit« nicht die friedlichen und großartigen Momente in der Entwicklung des menschlichen Geistes sein und nicht jene, in denen die Menschen zu hunderten, zu tausenden in den Tod gehen? Oder alleine in der Hölle des Polarkreises sterben? Diese Kritik wäre nachvollziehbar, verkennt aber den Sinn der Erzählungen. Stefan Zweig verstand es in diesem Buch meisterhaft, den roten Faden der Geschichte aufzuspüren. Die geheimen Kräfte, die die Historie antreiben und heute mit dem meist negativ besetzten Begriff des Schicksals verbunden werden. Der Tod, der in allen Erzählungen ständig präsent ist, ist dabei nur das Negativ, die dunkle Folie vor der das Licht des menschlichen Schaffens- und Eroberungsdrangs noch heller leuchtet. Die erzählerische Kraft, die dabei in den wenigen Seiten steckt, in denen die Geschichten erzählt werden, ist so groß, dass man unwiderruflich gefangen ist, von dem Schicksal eines Robert Scott, der in einer Eishöhle am Südpol stirbt oder dem Schicksal der Einwohner Konstantinopels, die furchtbares während der Belagerung und nach der Eroberung der Osmanen erdulden müssen. Man sieht förmlich vor seinem inneren Auge, dass ein neues Zeitalter anbricht, wenn Zweig beschreibt, wie Lenin in der Schweiz in den berühmten plombierten Zug steigt, um nach Russland zu gelangen. Eins ist allen Erzählungen gemein: hier werden keine Helden porträtiert, keine Hymnen gesungen. Alle Personen, die in den Geschichten vorkommen, sind gebrochene Gestalten, meist nahe dem Tod (wie z.B. Tolstoi) oder völlig durchschnittliche Gestalten, die für eine Sekunde die Chance haben, die Geschichte selbst zu schreiben – und unter dieser Last meist zusammenbrechen. Ihr Leben ist im Grunde dasselbe wie das der Tausenden und Abertausenden, die kein Platz in den Geschichtsbüchern bekamen, aber das Schicksal stellte sie auf ihre verlorenen Posten, auf ihren Platz, nicht indem sie versagten, sondern indem sie das taten, was von ihnen verlangt wurde (z.B. Napoleons General Grouchy). Die Kräfte, die durch die Geschichte wirksam werden, sind aber auch die, die zu neuen Taten im Angesicht des Grabes verleiten. Der alte Goethe, der in Marienbad ein junges Mädchen kennenlernt und mit dieser Begegnung die letzte schöpferische Phase seines Lebens einläutet. Der kranke Händel, der zusammenbricht, von Gläubigern gejagt, und in diesem Zusammenbruch die Kraft findet, neu zu beginnen. Aber sind es dann doch Trostgeschichten, die dem Leser zeigen sollen, dass auch der Unbedeutende seine Chance in der Geschichte erhält, wenn er nur aufmerksam ist? Der ebenfalls die Hoffnung nicht aufgeben soll, wenn die Zukunft schon verschlossen scheint? Nichts liegt den Erzählungen ferner. Es wird vielmehr gezeigt, dass die Geschichte gesichtslos ist. Dass sie nicht den Guten und Bösen separiert, sondern über beide hinweggeht und sich doch immer wieder diese kleinen Funken zeigen, in denen die Menschheit ihr eigentümliches Leuchten aufscheinen lässt und über sich hinauswächst. Ja, diese Momente sind oft mit Grausamkeit, Verschlagenheit und Tod erkauft, aber dies ist der Lauf der Dinge, es zu bedauern würde nur bedeuten, das Schöne, was trotzdem in den Dingen ist, nicht sehen zu wollen. Stefan Zweig achtete in seinen Schilderungen stets auf historische Korrektheit, wenngleich einiges dem Narrativ unterworfen wird und manche Erzählung daher durchaus einen Zug ins Phantastische bekommen kann. Nein, Stefan Zweig schreibt nicht wie ein Historiker, aber vielleicht ist auch deshalb seine Form der Historienschreibung die interessantere. Was für die Erzählungen selber gilt, gilt auch für die hervorragenden Illustrationen von Jörg Hülsmann, die dieses Buch schließlich endgültig mit einer Kaufempfehlung ausstatten. Die ganzseitigen, fast schon minimalistischen Zeichnungen, nehmen immer wieder das Motiv des Sternenhimmels auf, das auch das Buchcover prägt. Damit schafft der Illustrator es auf bemerkenswerte Weise immer wieder eine Verbindung mit dem Text herzustellen und zu zeigen, dass die Sternstunden nicht nur in den Personen sind, sondern auch in den Dingen und Umgebungen, die diese erst ermöglichen. Was wäre Lenin ohne den Zug? Was wäre die französische Nationalhymne nicht ohne die »Kinder des Vaterlands«, die in ihr besungen werden? Es ist fast zu bedauern, dass es nur die wenigen Illustrationen im Buch selbst gibt, wenngleich damit immer deutlich wird, dass auch in der Neuausgabe der Text im Vordergrund steht. Dies ist vielleicht auch die größte Leistung des Zeichners: niemals drängen sich die Illustrationen auf, gemächlich, fast geschmeidig kommen sie daher und fangen den Leser ein, damit dieser, am Ende der Erzählungen, nochmal einen verträumten Blick auf sie wirft und sich seiner eigenen Sternstunden bewusst wird. Diese Neuausgabe ist ein rundum gelungenes Werk, das von der Meisterschaft des Autors und dem Können des Illustrators lebt. Auch wenn das Buch nicht ganz günstig ist, so lohnt sich doch jeder einzelne Euro des Kaufes. Vor allem in Hinblick auf die kommende Weihnachtszeit, nicht nur im Sinne eines Geschenks, sondern auf die Besinnlichkeit des Advents, ein absoluter Pflichtkauf. Stefan Zweig Sternstunden der Menschheit. Vierzehn historische Miniaturen. Mit Illustrationen von Jörg Hülsmann. S.Fischer Verlag 2016 272 Seiten 30,00 Euro



Zersplitterte Identität, zersplitterter Roman: Daniel Kehlmanns Ruhm

20180111_191854-01.jpeg Eine ältere Dame begibt sich auf ihrem letzten Weg in die Schweiz, um sich ein Medikament zum Sterben geben zu lassen. So kurz vor das Ende ihrer Existenz gestellt, fleht sie den Erzähler um Gnade an. Derselbe Erzähler, der vorher noch als bekannter Autor, Neurotiker und Liebhaber porträtiert wird. Derselbe Liebhaber, der eine Affäre mit einer ruhmreichen Frau hat, die sich am Ende fragen wird, ob sie nur Kopie einer Romanschöpfung, reine Fiktion oder doch real ist. Schon oft wurde in den letzten Jahren der Versuch unternommen, die Fragen nach Identität, nach Wirklichkeit, kurz die Grundfragen der Philosophie, in einem Roman zu thematisieren. Auch die Gefahren der neuen Medien, der Sozialen Netzwerke und der allgegenwärtigen Sichtbarkeit wurde schon oft in dystopischer Weise auf den Markt gebracht. Und doch konnten beide Versuche mehr durch Handlung und Spannung punkten, als durch die Fragen als solche. Es gelingt diesem Roman, beides in Zusammenhang zu bringen. In sechs weiteren kurzen Geschichten erschafft Kehlmann Figuren, die scheinbar wahr-und zusammenhangslos auftreten. Durch feine Hinweise sind sie aber stattdessen so miteinander verwoben, dass am Ende ein Roman entsteht, bei dem die Frage nach der Realität ebenso gestellt wird wie die nach Zerrissenheit von allem und der eigenen Identität. Auf nur rund 200 Seiten erscheinen – ebenso subtil wie präzise – die Möglichkeiten und Gefahren der neuen technischen Welt. Dennoch steht hier ein Roman, der dann doch nicht als solcher bezeichnet werden kann. Wir finden keine durchgehende Erzählung und doch einen roten Faden, der alles verbindet, aber nichts erzählen lässt. Kurze Geschichten erscheinen nacheinander, zwar im leichten Zusammenhang, aber nie mehr verbunden, als durch das Thema der Folgen des Ruhmes, der Sichtbarkeit und ständigen Verbundenheit über alle Kanäle. Kann ein Mensch seine Identität vollkommen auslöschen, wie der berühmte Schauspieler im Buch, der, verzweifelt von seiner Berühmtheit, ein anonymes Leben als Doppelgänger seiner Selbst wählt. So lange bis ein wirklicher Doppelgänger sein eigentliches Leben nimmt und er nicht mehr in sein eigenes Haus hineingelassen wird, missverstanden als Betrüger auf der Straße sitzt, ohne Identität, ohne Alles. Solchen Kuriositäten nähert sich Kehlmann in einer präzisen Weise, die den Leser nicht abschreckt und doch am Ende eines jeden Kapitels schlucken lässt. Doch will er die neue Technik sicherlich nicht verteufeln, nur den Umgang mit dieser kritisch hinterfragen. In kurzer Form und literarischem Geschick werden hier verschiedene Standpunkte widergegeben, die am Ende einen kritischen Blick auf die Thematik ermöglichen. So kann es doch einmal geschehen, dass ein bekannter Autor lieber seine aktuelle Liebschaft begleitet, um Inspiration für eine neue Figur zu haben, anstatt eine Geschäftsreise nach Asien zu unternehmen. Diese Reise in einem neuen Kapitel aber wiederum zur Katastrophe wird, wenn seine Vertretung in einem fremden Land, ohne telefonischen Kontakt zur Heimat, festsitzt. Am Ende scheint es dann doch, dass der Autor in diesem Roman eine Möglichkeit gefunden hat, verschiedenste Erzählstile auszuprobieren, um diese zusammenzuführen. Kann dies den Leser sicherlich zeitweise verwirren, so unterstützt diese Methode doch auch die Vielschichtigkeit der Fragen, die nicht in einem Buch, nicht von einer Person beantwortet werden können. Und dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Ist dies ein Roman in dem der Leser Versuchskaninchen verschiedener Stile, Erzählweisen und holpriger Standpunkte wird oder ist dies durchdachte Prosa. Am Ende bleibt ein skurriler Roman, welcher durch seine realitätsferne eine Atmosphäre schafft, die einen Blick auf das Hier und Jetzt in aller Kürze ermöglicht. In einer Zeit, in der es durch die Möglichkeiten der weltweiten Kommunikationen über Zeitzonen hinweg, kein Hier und Jetzt mehr gibt und die grundphilosophische Fragen zugleich schwieriger zu stellen und doch umso wichtiger erscheinen.



Michel Houellebecq, In Schopenhauers Gegenwart

IMG_20180106_180349_713.jpg Ein neuer Houellebecq ohne Skandal ist kaum vorstellbar. Keine Sexismus-, Religions-, und Islamdebatte erwartet einem im neuen Buch des Bestsellerautors. Und doch lässt sich in der kurzen Hommage an dessen Lieblingsphilosophen Schopenhauer ein neuer Blick auf den Autor selbst werfen. In der Abhandlung, die nicht viel mehr als eine grobe Auswahl Schopenhauerszitate umfasst, werden die sonst so misanthropischen Figuren Houellebecq und Schopenhauer beidesamt menschlicher. Ein Blick hinter die Grausamkeit des Menschen wird erhascht und die darausfolgende Suche nach dem Schönen, das nicht zwangsläufig menschlich sein muss. Viel mehr will der Autor dieses Buches nicht vermitteln: Da gibt es einen Weg jenseits der hochgeschätzen Humanität. Empfehlenswert ist das Buch wohl höhstens für zwei exklusive Kreise: Philosophisch interessierte Vielleser und Fans Houellebecqs. Für alle anderen ist das Buch zu kurz, zu brüchig, zu zusammenhangslos und zu oft mit sexuellen Anspielungen durchzogen, die absolut verzichtbar sind, aber dennoch zum Image des Autors passen.



Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben

IMG_20180104_175454_389.jpg Nur ein Roman über lebenslange Freundschaft? Die langanhaltende Freundschaft zwischen einem Künstler, einem Schauspieler, einem Architekten, und Jude, einem Anwalt. Letzterer von jedem geliebt, obwohl er nichts von sich und seiner Vergangenheit preisgibt. Einzig seine Schmerzanfälle begleiten Freunde, Umfeld und den Leser immer wieder, während alles seinen Lauf geht und Jude mit den Jahren Freundschaft und Liebe erfährt – eine Tatsache, die er sich nie hat erträumen lassen, denn eines ist immer wieder zu lesen: Judes Selbsthass. Seine Scham über sich als Krüppel. Seine Vergangenheit und sowieso all seine Taten die er begangen hat. Seite für Seite bekommen wir einen Hauch von Ahnung, was ihm zugestoßen sein könnte. Bruchstücke, die auch Judes Umfeld mit den Jahren erfahren sollen, mehr erratend als wissend. Es vergehen hunderte von Seiten, Jahrzehnte im Buch, bis etwas Konkretes erfahren wird. Der Leser wird Teilhaber des Lebens der Vier. Er wird Freund und innerer Anteil Judes, der selbstliebende Anteil im Protagonisten, der in seinem Inneren schlummert, aber unaufhörlich von ihm ignoriert wird. Ebenso wie Zärtlichkeit und Fürsorge seiner besten Freunde. Die Frustration, das Nicht-helfen-können, wenn einem nahen Menschen Grausamkeiten angetan worden sind, ist ein entscheidendes Hauptanliegen, das durch wechselnden Erzähler, durch das In-die-Länge-ziehen des Romans bei gleichzeitigem Unwissen erreicht wird. Durch die Fülle an Wörtern wird ein Gefühl der Frustration, der Wut und Hilflosigkeit erzeugt und doch kann man nicht aufhören den Roman weiterzulesen, können die Freunde Jude nicht im Stich lassen, auch wenn das Unsagbare nicht gesagt wird, die Hilfe nicht angenommen wird. Im Roman wird aufgezeigt, was es heißt, mit jemanden zusammenzustehen. Was es für einen Überlebenden von Misshandlung heißt, alle äußeren wie inneren Gefühle von Liebe, Geborgenheit und Fürsorge zu missachten, sich selbst so sehr für Taten zu hassen, die einem zugestoßen sind, und die Kontrolle letztendlich den inneren sowie äußeren Saboteuren zu überlassen. Wenn man so will ist der Roman ein Sinnbild des Kampfes zwischen dem Guten und dem Schlechten, zwischen Liebe und Hass, letztendlich zwischen dem Aussprechen-Können des Unsagbaren und dem ewigen Schweigen darüber. Nur der Erzähler, die Freunde und somit der Leser bekommen die Möglichkeit des Redens, um das Schweigen über Misshandlung, Quälerei und Grausamkeit zu brechen. Wenn Überlebende keine Worte für ihre Vergangenheit finden, kann nur das Umfeld dieses Tabu brechen. Nichts weniger will dieser Roman aussagen und aus keinem anderen Grund, hat diese Erzählung solche Furore gemacht.



Robert Menasse, Die Hauptstadt

IMG_20171229_181337_579.jpg Man wage ein Gedankenexperiment: Aus Gründen der Imageverbesserung bestellt die europäische Kommission bei einem bekannten Schriftsteller einen Roman. Natürlich nicht irgendeinen Roman, sondern ein tiefgründigen, gut erzählten, der nicht nur eine reine Tatsachenbeschreibung der Arbeit in Brüssel wäre, sondern auch das komplexe Durcheinander der Sprachen, Kulturen, Konfessionen und Religionen zeigen soll. Ohne Frage müssten auch die verschiedenen Probleme thematisiert werden, die störrischen Mitgliedsstaaten, Karrieristen, der Brexit…Aber am Ende müsste doch das Gemeinsame stehen, der große Gedanke, der hinter der Europäischen Union verborgen liegt, das Umfassende und Umgreifende. Das Feuilleton wäre begeistert, der Autor würde mit Preisen überhäuft und am Ende würde die gute Geschichte des europäischen Friedensprojektes wieder in den Herzen und Köpfen der Menschen ankommen. Schwer vorstellbar? Eine Zumutung? Ohne Zweifel. Aber ganz so liest sich der Bestseller und Buchpreisträger Die Hauptstadt des österreichischen Romanciers Robert Menasse. Um es gleich vorweg zu nehmen: damit sei nicht unterstellt, dass dieses Gedankenexperiment wahr ist. Im Gegenteil, es ist – so steht zu hoffen – vermutlich am weitesten von der Realität entfernt. Aber dieses Spiel macht ein Problem deutlich, dass während der ganzen Lektüre besteht: mit was haben wir es zu tun? Mit einem Roman? Oder mit einer Aufklärungs- und Erziehungsschrift? Bevor hierauf eine Antwort gegeben werden kann, muss der Roman in seinen einzelnen Stücken betrachtet werden. Ohne Frage ist Robert Menasse ein großartiger Erzähler, vielleicht der Beste seiner Generation. Hier liegt die unverkennbare Stärke des Werkes, denn man schafft es kaum, dieses Buch aus der Hand zu legen und dies – und das muss wirklich hervorgehoben werden – nicht wegen, sondern trotz der Handlung. Aber wie spielt sich diese überhaupt ab? Der Leser wird gleich zu Beginn in ein etwas groteskes Szenario geworfen. Denn ein Schwein läuft frei in Brüssel, der Herzkammer der EU, herum und stiftet allerlei Verwirrung. Gleichzeitig geschieht es einen Mord in einem schicken Hotel mit anschließender Untersuchung (inklusive Vertuschung und Verschwörung) und – ganz zentral – die europäische Kommission möchte ihren Geburtstag feiern. In der schlimmsten Krise der EU seit…ja, wann eigentlich? 5 Jahren? 10 Jahren? Seit Ewigkeiten? Das klingt nach einem spannenden Plot? Nach Abenteuer- und Detektivgeschichte vor dem Hintergrund der mächtigen und undurchsichtigen Bürokratie der Union, gespickt mit einer geschickten Metapher eines Schweins (kann das etwas anderes sein?)? So klingt es, aber leider geschieht genau dies im Roman nicht. Denn eigentlich geht es in diesem um etwas anderes, nämlich um die Frage, was „Europa“ eigentlich sei. Ganz richtig, Europa, nicht die EU, nicht die Kommission, nicht die europäischen Bürger. Diese Gleichsetzung, die sich durch den gesamten Roman zieht und auf die Narration der Schuldenkrise zurückgreift, wonach EU und Europa irgendwie dasselbe seien („Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“), ist nicht zufällig. Sie ist geplant und unerbittlich durchgehalten und dies sicher nicht ohne Grund. Aber zurück zur Handlung. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Generaldirektion Kultur innerhalb der Kommission. Eine kleine, unbedeutende Direktion, ohne Budget, ohne Handlungsvollmacht. Ihr steht es zu, den anstehenden Geburtstag der Kommission auszurichten, ohne dabei eine genaue Vorstellung zu haben, wie man den Bürger die Wohltaten derselben wohl am besten verkaufen könnte. Was wohl vor allem an einem liegt: man kennt den Bürger überhaupt nicht. Dies hat einen einfachen Grund, die Bürokratie der Kommission besteht aus einer handverlesenen Elite, mit besten Abschlüssen an renommierten Universitäten, die einen jahrelangen Kursus durch die verschiedenen Ebenen genommen haben, um schließlich endlich Teamleiter oder Direktor einer Abteilung zu werden. So stellt sich der Leser es ohnehin vor und so wird es auch im Roman geschildert. Gleichwohl kommt man beim lesen nicht um die Erkenntnis herum: wenn das die europäische Elite ist, diese Menschen als Beamten Europas den Geist des Projektes der EU tragen sollen, dann sind wir alle unrettbar verdammt. Nein, das ist keine überzogene Polemik, sondern das Resultat der Lektüre von Die Hauptstadt. Hauptfigur, wenn man das so nennen kann, ist Fenia Xenopoulou, kurz Xeno, die ebenso strebsame wie machtorientierte Aufsteigerin aus Zypern („griechische Zypriotin“), die irgendwie in der DG Kultur gelandet ist, obwohl sie ihre Fähigkeiten doch eher woanders sieht, in der Direktion Handel oder gleich irgendwo beim Präsidenten der Kommission. Alles, was sie tut, ist dem Diktat des Aufstieges unterworfen. Menschliche Regungen existieren bei ihr nur in Bezug auf ihre Affäre Kai-Uwe Frigge, genannt „Fridsch“, was sie sich aber nicht eingestehen will, und – natürlich! – auf Europa. Das gesamte Projekt, meist kurz Jubilee Project genannt, ist dennoch bei ihr nur Mittel zum Zweck. Es soll sie bekannt machen, berühmt, soll ihren Aufstieg ermöglichen. Unterstützt wird sie dabei von Kollegen, bei denen man sich die ganze Zeit wundert, weshalb und warum sie überhaupt an eine solche Stelle gekommen sind, denn sie verhalten sich entweder völlig – um es nett zu formulieren – unbedarft oder sind völlig antriebslos und selbstgefällig. Aber es ist nicht die reine Inkompetenz oder die nur allzu sichtbare Benutzung von Auschwitz als Gründungsmythos der Europäischen Union für das persönliche Fortkommen, die einen verzweifeln lässt. Sondern der fast schon plakativ vorgetragene Rekurs auf die „europäischen Werte“, die vor allem in der Überwindung der Nationalstaaten zu bestehen scheinen. Man kann dies alles als eine groteske Übertreibung empfinden, eine Satire auf die babylonische Verwirrung in Brüssel, auf die wie eine Monstranz vor sich hergetragene Gewissheit auf der „richtigen“, der guten Seite der Geschichte zu stehen. Wenn dies so wäre, dann wäre Menasse tatsächlich ein großer Wurf gelungen. Ein neuer Prozess in größeren, nicht nur kafkaesken, sondern orwellschen Ausmaßen (auf beide Bücher wird hin und wieder Bezug genommen). Leider hat man als Leser immer wieder den Eindruck, dass dieser entscheidende Erzählstrang zwar immer wieder durchbrechen will, aber dann doch der Mut nicht vorhanden ist, ihn stringent durchzuziehen. Apropos Erzählstrang: man muss auch hier sagen, dass Menasses Buch hier alle guten Ansätze immer wieder und konsequent ignoriert, um einen farblosen und moralinsauren Plot zu inszenieren. Erinnern sie sich an die Anfangssätze? Über den Mord, die Verschwörung, das Schwein (Das steht – Überraschung – übrigens für die ungerechtfertigte Angst vor dem Fremden) All dies wird überhaupt nur ansatzweise angerissen, ohne dass erkennbar wäre, warum dies erzählerisch notwendig ist. Man kann einwenden, dass damit verschiedene Fäden der Geschichte immer wieder aufgenommen und zusammengeführt werden, aber das wirkt so wenig überzeugend, so simpel konstruiert, dass man sich immer wieder fragen muss, warum dieser oder jener Strang überhaupt seinen Eingang in den Roman gefunden hat. Sollte hier eigentlich vielmehr erzählt werden und fiel schlussendlich den Vorgaben des Verlags zum Opfer? Soll hier eine Metaebene etabliert werden? Oder hat dies einen verborgenen Sinn, den nur der Autor kennt? Aber wenn ja, warum dann diese völlig austauschbare Geschichte mit dem Vatikan und der NATO? Die ganze Geschichte gipfelt immer in den Sätzen: „Die Sicherheit eines Lebens in Würde, Glück, Menschenrechte, das ist doch seit Auschwitz ein ewiger Anspruch, oder? Das versteht doch jeder. Das müssen wir klarmachen: dass wir die Institution dieses Anspruches sind. Die Hüter dieses ewig gültigen Vertrages. Nie wieder! – das ist Europa! Wir sind die Moral der Geschichte!“ Nein, auch hier sucht man Ironie vergebens. Es sind plötzliche Ausbrüche der Figuren, die getrennt sind von ihren Heimatländern, ihren Familien, ihren eigentlichen Bezügen. Hier wird nicht nur eine kosmopolitische Elite vorgeführt, sondern als tatsächlicher Träger einer Idee bezeichnet. Das ist nicht nur grotesk, sondern intellektuell mindestens unterfordernd. Dies alles findet seinen Höhepunkt, wenn ein Buchzitat eines nicht genannten Buches präsentiert wird, das, wenn man recherchiert, aus einem Aufsatzband von Robert Menasse und Ulrike Guérot stammt, in der zur Gründung der europäischen Republik aufgerufen wird. Es ist also nicht so, dass Autor, Erzähler und Figuren ein getrenntes Leben führen, sondern in diesen monothematischen Ausbrüchen kommt sehr deutlich eine dezidierte Haltung des Autors zum Ausdruck, den man postmodern als Einreißung der Begrenzung von Werk und Mensch zur Kenntnis nehmen kann, aber damit eben seine fiktionale Kraft einbüßt. Jeder Vorwurf der letzten Jahre, dass Haltung ein größerer Wert beigemessen wird als Aufklärung, Erziehung der freien Bildung entgegengestellt wird und letztlich nur noch die Kommentare einer kosmopolitischen Elite einen Eingang in den Diskurs finden, bestätigen sich hier auf eine fast schon tragische Art und Weise. Dies ist umso erschütternder, weil der Roman an seinen guten Stellen genial ist. Die Figur des Prof. Ehrhardt ist nicht nur liebenswürdig – auch und gerade in seinem europäischen Fanatismus – sondern auch glaubwürdig. Und doch überzieht auch hier die Erzählung wieder mehr als einmal, indem die Vorschläge für eine europäische Hauptstadt dieser Figur in den Mund gelegt werden. Dies ist zwar folgerichtig, aber doch irritierend. Die Grenze zwischen ehrlichen Überzeugungen und opportunistischem Karrieretrieb sind in Bezug auf Europa anscheinend fließend. Hier liegt das eigentliche Ärgernis des Romans: der Bürger dieses „Europas“ kommt schlicht nicht vor, es sei denn als Opfer oder als Ärgernis. Aber nirgendwo merkt man eine ehrliche Hinwendung zu den Menschen, denen sich sowohl Idealisten wie auch Bürokraten doch eigentlich verpflichtet fühlen müssen. Ganz im Gegenteil merkt man den Figuren immer wieder den Ekel an, dass der Bürger „da draußen“, aber eben auch die Staats- und Regierungschefs doch immer noch nicht verstanden haben, welches humanitäre Wunderwerk an jedem Tag in den Korridoren der Brüsseler Bürokratie entsteht. Es ist diese überbordende Arroganz und Weltabgewandtheit, die das europäische Projekt tatsächlich gefährden. Aber Menasses Roman kritisiert diese Zustände nicht, legt nicht die Finger in die Wunde, wie es engagierte Literatur mal tun wollte, sondern verherrlicht und absolutiert diese Zustände. Und hierin liegt das eigentlich Skandalöse dieses Romans, der nicht nur zeigt, dass die Filterblase der verschiedenen Lager in Europa existiert, sondern dass diese auch keine gemeinsame Sprache mehr sprechen