Rezensionen

Juli Zeh: Unterleuten

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Ein Dorf zwanzig Jahre nach der Wende. Nicht unweit von Berlin und doch weit genug entfernt, um einen anderen Schlag Mensch anzutreffen. Das auf jeden Fall scheint die feste Überzeugung der zugezogenen Berliner zu sein, der Wessis, wie die Unterleutner sagen würden. Ein Dorf in Brandenburg, Ostdeutsche, die hängen geblieben sind, Menschen, die unweigerlich miteinander verbunden sind. Durch Gefälligkeiten, Liebschaften, durch alte Feindschaften und Kriege – in einem Roman Juli Zehs – ebenso durch einen ungeklärten Mord, der vor zwanzig Jahren geschehen sein soll. Die große Dorfidylle, das wünschen sich die Zugezogenen, so zumindest der ehemalige Professor, der die Grünen in Berlin mitgegründet hatte und nun vor Langeweile und Missachtung flieht. Zusammen mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau und dem Neugeborenen, an das sie sich klammert, wie an einem Strohhalm. Der Ort um Geschäftsideen wahrwerden zu lassen, das denkt sich die zielstrebige Pferdenärrin, die . Sie klammert sich an diese Idee, ebenso wie die Frau des Umweltschützers an das Kind. Das sind die Neuen.

Beherrscht wird das Dorf allerdings nur von einem: Gombrowski, Sohn der alten, zu DDR-Zeiten enteigneten Großgrundfamilie, Chef der LPG und nach der Wende erneut Landbesitzer, Firmenchef und Koordinator des Dorfes. Der Feind, ein (Alt-)Kommunist. Kron, mürrisch, brutal, vorlaut, Weltdurchschauer und genauso alt und stur wie Gombrowski. Neben diesen noch ein enttäuschter Bürgermeister, der es nie verwunden hat, dass seine tote Frau ihn und alle anderen im Dorf zu DDR-Zeiten bespitzelt hat. Eine alte Katzennärrin, diverse Trunkenbolde, ein verletzter Mechaniker und so jegliches weitere Klischee an Dorfbewohner, das man sich denken kann. Gezeichnet sind diese Figuren zu offensichtlich. Das Grau, das den ganzen Roman durchziehen soll, auch zu gemalt, um wirklich echt zu erscheinen. Die Fronten scheinen ebenso geklärt und doch ziehen sich die Konflikte mit einer Beharrlichkeit durch die Seiten, wie es nur ein Juli Zeh Roman schaffen kann. Da werden jahrzehntelange Fehden neu erzählt, alte Gewissheiten immer wieder aus neuer Perspektive verstanden und doch bleibt der Grundkonflikt immer der Gleiche. Die Menschen sind aneinandergebunden, ob sie wollen oder nicht. Das waren sie schon immer und das änderte auch keine Wende. Das ändern noch nicht einmal die Zugezogenen, auch wenn diese jederzeit wieder flüchten können.  Eines ist klar: Zeh schafft ein Gesellschaftspanorama, lässt alles in einem kleinen Dorf spielen, ohne dabei gesellschaftliche Themen außenvorzulassen. Ein Makrokosmos trifft auf einen Mikrokosmos. Da es nicht ganz sicher ist, ob seltsame Fremdlinge aus Berlin für eine Eskalation des Ganzen ausreichen, nimmt Zeh den schnellen Eskalationsweg: Sie bringt die aktuelle Politik mit ins Spiel. Kurz, die Energiewende kommt nach Unterleuten. Ein geplanter Windpark bringt nicht nur die Sicherung der Zukunft ins Dorf. Er versperrt auch nicht nur die idyllische Sicht auf die Natur. Nein, er bringt vor allem Probleme, Konflikte, neue Verbindungen und Deals mit sich und ganz nebenbei eignet er sich perfekt, um einen ganzen Roman entstehen zu lassen, in dem die verschiedenen Systeme und Menschen von einer allwissenden Erzählerin erläutert werden. Der Kapitalismus, der Kommunismus, die Generation Y können ebenso präzise in seinen oberflächlichen Betrachtungen dargelegt werden, wie der Egozentriker, der Faule, der Naivling, der Weltverbesserer und der Schlägertyp.

Weil immer noch nicht sicher ist, ob dies für eine Eskalation reicht, wird im letzten Drittel des Romans noch einmal richtig übertrieben. So weit, dass es absurd wird, dass das gezeichnete Bild, auch in seiner bewussten Zeichnung, nur noch grotesk wirkt und nicht mehr zum nachdenken anregen kann. Einmal mehr scheint es so, als wollte oder könnte sich die Autorin nicht entscheiden, welche Art von Roman sie schreiben möchte. Zwischen Gesellschaftskritik, Thriller und Unterhaltungsliteratur kann alles dabei gewesen sein und doch kommt man nicht umhin zu sagen, dass Juli Zeh es trotz aller Widersprüche schafft, einen flüssigen Roman zu erschaffen, den man doch nicht zur Seite legen kann. Spannung erzeugt sie nicht, gesellschaftliche Themen werden auch unter der Fülle an Figuren unwichtig, die Zeichnung der Figuren wiederrum regen nicht an, dem Text eine gewisse Tiefe nachsagen zu können und doch lebt der Roman vor sich hin. Gleichgültig, unaufregend und doch mit einem Hauch Ehrlichkeit, der auch nach zuklappen des Buches noch an die Bewohner von Unterleuten denken lässt.

Juli Zeh wollte ein Bild von Deutschland aufzeigen, wollte die Stimmung einfangen und Töne erklingen lassen. Überzeugt davon, dies geschafft zu haben, sagte sie mehrmals in Interviews, dass sie mit Bedauern nur ein trostloses Bild schaffen konnte. Doch dies schaffte sie nicht. Dieses trostlose Bild, das sie schaffen wollte, von einem Deutschland, von den Bürgern in diesem Land, von den Ostdeutschen und von den doch so anders denkenden Westdeutschen, all das ist nur ein oberflächliches Bild, das in den vielen Politshows eingefangen wird, in denen sie sitzt. Die Menschen holt sie nicht ab, der Blick auf den Ostdeutschen ist ein Blick von oben und so bleibt auch das ganze Buch nur ein Blick von oben, ohne den Versuch unternommen zu haben, den Menschen dahinter zu sehen. Fakten, Konflikte und gesellschaftliche Umbrüche wurden erklärt, doch auch dieser Roman schaffte es nicht, ein Lebensgefühl, eine ganze Ära aus Menschen zu greifen. Er griff daneben, indem er Menschen skizzierte. Dabei wird es fast nebensächlich, wie der Mensch dahinter aussehen könnte. In den Mittelpunkt rückt nach der Lektüre eher der Gedanke, weshalb die Menschen fast karikaturhaft dargestellt werden, weshalb alles bewusst kühl und trostlos erscheinen muss und eine Ehrlichkeit nicht zu greifen ist. Vielleicht ist die Antwort in der Realität so einfach, wie die im Buch. Die Autorin ist und bleibt eine Zugezogene.

Luchterhand 2017, 640 Seiten, 24,99€



Ich danke Randomhouse für das Rezensionsexemplar


Jens Andersens fulminante Biografie über Astrid Lindgren

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„Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.“ Das Zitat ist fast so bekannt, wie seine Verfasserin. Astrid Lindgren, die bekannte Kinderbuchautorin, Heldin einer jeden Kindheit, Tagebuchschreiberin und leidenschaftliche Brieffreundin. Wer ist die Person hinter der Ikone? Dieser Frage nähert sich Jens Andersen, Biograph so mancher skandinavischer Schriftstellergröße, 2017 in seinem Buch: „Astrid Lindgren. Ihr Leben“ und durchwühlt dabei Archive, um das Werk mit zahlreichen Zitaten und Fotos auszustatten. Die Verbindung, die er von der ersten Seite an, zwischen der privaten und der öffentlichen Person Lindgrens versucht herzustellen, scheint an mancher Stelle doch ein wenig zu übereifrig, wenngleich nie unsensibel. Anfangs wird eine stürmiche Jugendliche porträtiert, die schon früh gegen das ländliche Leben rebelliert, ohne ihre Arbeit in der Familie und auf dem Feld zu missachten. Der Wunsch Journalistin zu werden, verschwand aber nie aus ihrem Kopf und so wurde sie schon sehr früh als Volontärin in der größten Zeitung der Kleinstadt angestellt. Ausführlich berichtet Jens Andersen über ihre jungen Jahre, den Lebensgeist der neuen Generation, von einer neuen Zeit – schlicht, von der schwedischen Lebens- und Kulturgeschichte des anfänglichen 20. Jahrhunderts und gleitet dabei oft genug in Einzelheiten ab, die Lindgren ein Leben lang zu verbergen versuchte.

Dass der Höhepunkt des Buches einen Skandal bereithält, überrascht kaum. Die achtzehnjährige Lindgrens flüchtet überstürzt nach Stockholm. Mit einem unehelichen Kind unter dem Herzen, – der Vater, ein Mann in Scheidung und Verleger der Zeitung, für die sie arbeitete. Die Motive der mutterlosen Kinder in ihren Büchern, das Engagement für Frauen- und Kinderrechte, werden nun vorschnell auf die Situation der jungen Lindgren zurückgeführt. Sie eigenen sich hervorragend, um die Verbindung zwischen der jungen Frau herzustellen, die schon zu früh erwachsen werden musste und ihr Kind über drei Jahre lang bei einer dänischen Pflegefamilie lassen musste. Schnell gleitet der Autor in Interpretationen über die Gefühlwelt der Autorin ab, schafft es aber gleichzeitig nicht, die Person Astrid Lindgren näher zu bringen. Vielmehr ist von lebenslangen Schuldgefühlen die Rede, von Ersatzhandlungen, die in den Geschichten Lindgrens auftauchen, um das zu verarbeiten, was in der Realität nicht zu verarbeiten war.

Es kommt 1931 zur Heirat, schnell darauf zur Geburt des zweiten Kindes Karin. Das Leben als Hausfrau und Mutter wird erzählt, aber im Gegensatz zum restlichen Leben fast stiefmütterlich behandelt. Vielmehr rücken die Gedanken zur politischen Lage und der spätere Krieg in den Vordergrund. Andersen bezieht sich hier auf die kürzlich erschienenen Tagebücher und setzt auch hier wieder hauptsächlich auf die Suche nach Motiven in Lindgrens Werk. Dass Pippi Langstrumpf im direkten Zusammenhang zum 2. Weltkrieg entstanden ist, ist obligatorisch. Nur folgerichtig erscheint Andersens Darlegung des weiteren Werdegangs Lindgrens. Sie wird Chefredakteurin bei dem Verlag, in dem auch ihr Gesamtwerk erschien. Der Weg dorthin erscheint in diesem Buch wie eine nicht enden wollende Odyssee. Schließlich wird sie politisches Sprachrohr gegen Ungerechtigkeit und Verletzung der Kinderrechte. Andersen bezieht sich dabei fast ausschließlich auf die Rolle in Schweden und bleibt seinem Ziel, neben der Geschichte Astrid Lindgrens auch die schwedische Literatur- Verlags- und Lebenswelt aufzuzeigen, treu.

Kann dies ein Punkt für Kritik sein, so stellt das zwanghafte interpretieren von Astrid Lindgrens Gefühlswelt bezogen auf ihr Werk, den zweiten und somit bedeutenderen Punkt für Kritik dar. Wobei die Tatsache nicht außen vorgelassen werden darf, dass dies der heutige Duktus der Biografien sein muss, bei dem Jens Andersen es allerdings sehr gut schafft, weder indiskret noch unsensibel, wenngleich aber übermotiviert und vorschnell vorzugehen. Er schafft einen neuen Blick auf Astrid Lindgren, auch wenn bei aller Motivik eines auf der Reise durch ihr Leben verloren geht: Ihre Persönlichkeit , und damit vor allem der Reiz, den ihre Bücher ausmachen. Die eingestaubten Kinderbücher werden allerdings schon während oder spätenstens nach der Lektüre der Biografie aus den Regalen geholt. Vielleicht mit dem Ziel, Parallelen zwischen Figuren und Biografie zu ziehen. Eine Vorgehensweise, die aber spätestens auf der zweiten Seite wieder vergessen ist, sind die Abenteuer Pippi Langstrumpfs doch spannender; ob nun Verweis auf Ideologie, Gewalt und Macht im 2. Weltkrieg, oder nicht.

Pantheon 2017, 448 Seiten, 18,00€


Mit Dank an Randomhouse, die mir dieses Werk als Rezensionswerk haben zukommen lassen.


Florian Illies – 1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte
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Florian Illies – neuer Verleger des Rowohlt Verlags – brachte vor sieben Jahren sein Buch „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ heraus und begeisterte damit endgültig das Publikum als begabter Autor. Ende 2018 löste er wieder einen Aufschrei aus – aus Freude oder Empörung?

Da ist sich das Publikum bis heute noch unsicher, aber spätestens während der Anschlusslektüre „1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ wird dies wohl vollkommen nebensächlich. Denn ob sinnlose Weiterführung eines abgeschlossenen Romans oder erweiterter Einblick in das Jahr 1913, auch sein neues Buch lässt wieder mit viel Charme, Witz und Details in das Jahr 1913 hineinschauen und wagt dieses Mal sogar den Blick außerhalb Europas.
Wie schon im ersten Band nimmt Illies den Leser wieder mit zu den Protagonisten des Jahres, erzählt aus deren Tagebüchern, Büchern, Briefwechseln und sonstigen Quellen, dessen Herkunft nicht so deutlich aber auch nicht so wichtig erscheinen. Wichtig erscheint ihm allerdings, alles in einen großen Zusammenhang zu bringen und so wird aus kleinen Geschichten ein volles Jahr aus unendlich vielen bekannten Namen und unendlich viel Absurdität, die entweder in der Moderne, den Protagonisten oder dem Autor ihren Ursprung finden. Vergessen werden die meisten Sätze dann aber doch wieder, denn wie die Figuren, so hetzt auch Ilies durch die Tage und Monate und hinterlässt dem Leser eine kleine Ahnung von dem, was vor dem Krieg in Mensch und Großstadt vor sich ging.
Der kritische Leser könnte verstimmt sein über die Ansammlung der Anekdoten, die nie zu enden scheinen. Sei es die Geschichte über Kafka, der nun aus Angst vor Else Lasker-Schüler seine Felice Bauer fast vergisst oder die Erzählungen all der anderen Figuren, die in diesem Jahr und Jahrhundert gefangen waren. Doch der Leser könnte sich auch ebenso gut zurücklehnen und den Geschichten über Freud, Hesse, Stalin, Musil und Co., in all seinen ironischen Tönen lauschen und sie genießen. Denn eines ist sicher: Für ernsthafte Lektüre wird in diesem Büchlein genügend Anreiz geboten.

S. FISCHER 2018, 304 SEITEN, 20,00 EURO


Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.


Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer

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Mit Zeit der Zauberer hat der langjährige Chefredakteur des Philosophie-Magazins mehr für das gegenwärtige Ansehen und die Wahrnehmung der Philosophie getan, als viele Schriften und Aufsätze der letzten Jahre.

Dass Philosophen nicht nur akademische „Superstars“ waren, sondern schlechthin gesellschaftliche Ereignisse, zeigt dieses Buch. Es entführt den Leser in das große Jahrzehnt der modernen Philosophie, die Jahre zwischen 1919 und 1929. Hier treten vor allem vier Personen auf, die in ihrem Leben nicht nur völlig unterschiedliche Positionen einnahmen, sondern auch aus verschiedenen sozialen Umständen kamen. Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein, Ernst Cassirer und Walter Benjamin spannten in diesem Jahrzehnt einen Kosmos der Weltbetrachtung auf, an denen man sich bis heute orientieren kann, wenn man die Aufgabe des Denkens ernst nehmen will.
Eilenberger schafft es, für den interessierten Laien eine spannende Narration zu entwickeln. Mit zahlreichen Seitenblicken, Andeutungen und biographischen Versatzstücken entsteht ein Gefühl für die damalige Welt und die Kämpfe, die in ihr ausgetragen wurden. Gleichzeitig liegt aber hier eine unübersehbare Schwäche des Buches. So verbleiben manche Schilderungen in einfachen biographischen Nacherzählungen, die man schon bei anderen lesen konnte, – neue Erkenntnisse sind daher nicht zu erhoffen, was aber wiederum auch nicht zu erwarten war. Schwerer wiegt, dass der Autor offensichtlich das Ziel hatte, ein – im besten Sinne gemeintes! – populärwissenschaftliches Buch zu schreiben. Die Beschäftigung mit den philosophischen Ideen ist daher an manchen Stellen extrem flach und teils unangebracht. Ebenso stellt sich sehr schnell heraus, welche Denker Eilenberger schätzt und welchen er skeptisch gegenübersteht. Dies ist zwar verständlich, evoziert aber auch sehr schnell normative Urteile, die in einer philosophischen Auseinandersetzung schlicht deplatziert sind.
Dennoch bleibt ein lesenswerter Abriss über vier großartige Philosophen und die Zeit, die diese erst hervorbringen konnte.

Klett Cotta 2018, 431 Seiten, 25,00 Euro


Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.

Uwe Timm: Ikarien

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Ikarien von Uwe Timm brachte Ende 2017 Furore in die Medienlandschaft. Der neue Roman des altbekannten Schriftstellers aus Hamburg beschäftigt sich mit der Rassenhygiene und deren Ursprünge.

Im 19. Jahrhundert noch eine Traumvorstellung. Ein sozialistisches Paradies, mit Gleichberechtigung von Mann und Frau, freien Wahlen und basisdemokratischer Abstimmung. Ein Gegenentwurf zur Industrialisierung, mit ihrer Kinderarbeit, dem frühen Tod der Arbeiter und den hygienischen Verhältnissen in den überfüllten Städten.
Ikarien. Eine Utopie und nun der Titel des Romans von Uwe Timm. Doch der Roman setzt nicht in der Utopie ein, sondern in einer Trümmerlandschaft. Tote und Verstümmelte im Deutschland des Jahres 1945.
Nun könnte man denken, man begibt sich in die Sphären eines grandiosen Romans. Die Idee ist zweifelslos groß, denn in vielschichtigen Handlungsfäden, wird eine  entscheidende Frage gestellt: Wie konnte aus einer progressiven (utopischen) Idee eine totale Barbarei entstehen, wie kann ein humanistisch geprägter Mensch zum Vorkämpfer der Vernichtung von Menschen anderer Rassen werden? Timms Antwort weist seinen Weitblick auf, der die Moderne an sich mit ihrem Hang der Verwissenschaftlichung, Des-immer-weiter-vorans, als Grund nennt und damit postuliert, dass die entstandene Barbarei aus dieser gründet, indem die „gesunde Rasse“ die medizinische Antwort auf ein soziales Problem „sein musste“. Es war der Gegenentwurf zum politischen Umbruch, die Lösung, die Zahl der Erbkranken möglichst gering zu halten.
Doch so schwierig die Handhabung der Themen im Roman ist, so enttäuschend sind auch die oberflächlichen Monologe, die der Tiefe des Themas nicht gerecht werden, gar eine unrealistisch detaillierte Nachkriegssicht kundtun. Schaffte Timm einen neuen Blickwinkel, so vermochte er es nicht, ihm die angemessene Weite zu verleihen. Deswegen bleibt am Ende nur ein Roman, der hätte grandios werden können. Der eine neue Art der Aufmachung zwischen progressiven Strömungen und realen Vergangenheitsquerschnitt vorstellte, aber weder Aufregung erzeugte noch Neuigkeiten verkündigte, so dass nur noch eine Frage bleibt: Mit was für einen Roman hat man es hier zu tun? Einer Kritik, die auf die Gegenwart abzielt? Einem historischen Abriss? Mit einer Geistesstudie? Alles versucht er zu sein und schafft es nicht eines davon komplett auszufüllen.

KiWi 2017, 512 Seiten, 24,00 Euro


Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

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Erhielt Arno Geiger im Jahr 2005 noch für „Es geht uns gut“ den Deutschen Buchpreis, so brachte Geiger Anfang des letzten Jahres erneut einen fulminanten neuen Roman heraus, der in den Feuilletons der deutschen Zeitungen für lange Zeit Gesprächsthema und Interessenpunkt war.

An der Drachenwand im Jahr 1944 spielt der neue Roman des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger. Der junge Veit Kolbe reist zum Mondsee, um sich von den Schrecken des Krieges zu erholen. Wie eine Atempause liest sich auch das Buch, in dem ganz bewusst die Ambivalenz des Krieges inszeniert wird. Zwischen Krieg und Idylle befindet sich die Kulisse, befinden sich alle Figuren. Allen voran Veit Kolbe, der mehr mit seinen Erinnerungen aus dem Krieg zu kämpfen hat, als mit den äußeren Gefahren. Findet man diese stete Ambivalenz bei dem Hauptprotagonisten, verweist Geiger mit strenger Beharrlichkeit auch auf die innere Widersprüchlichkeit der anderen Figuren, die keine absoluten Meinungen vertreten und sich gerade deshalb dem Roman auf künstliche Weise anpassen. In jedem Satz kommt die Mitteilung des Werkes zum Vorschein; die Atempause, das Gefühl des Abwartens. Zurückgenommen ist der Krieg, und doch in jeder banalen Alltagshandlung vorhanden. Das Medium des eigenen Schreibens als Zwischenton, als Heilmittel spielt somit nicht nur für Veit Kolbe – der uns die Geschichte auf diese Weise erzählt – eine wichtige Rolle. Auch unbekannte Personen im Buch bedienen sich seitenlanger Briefe, so dass nicht nur die Bewohner des Mondsees zu Wort kommen können, sondern der Blick auch auf andere Teile des Reiches gelenkt werden kann. In steter Behutsamkeit entwickelt sich schließlich noch eine Liebesgeschichte, die trotz aller Zurückgenommenheit ein Zuviel an allem doch nicht übersehen lässt. Letztendlich ist es ein Liebesroman, der es nicht versäumt zeitgeschichtliche Elemente hineinzubringen, welche nicht immer zurückgebunden sein können, in einer Geschichte, die Ruhe ausströmen soll und doch in keinem subtilen Ton gehalten ist.

Hanser Verlag 2018, 480 Seiten, 26,00 Euro


Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.

Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan von Helmut Böttiger

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Im letzten Jahr erschien die Doppelbiographie von Bachmann und Celan, geschrieben von dem renommierten Literaturkritiker und Kenner der Nachkriegsliteratur, Helmut Böttiger. Für Literaturwissenschaftler wie für Laien stellt sein neues Werk eine umfassende Zusammenfassung der zwei bekanntesten Lyriker der Nachkriegszeit dar. Doch mit welcher Berechtigung kann eine neue Biographie stehen, wenn keine neuen Quellen zur Verfügung stehen? Erschien hier ein Werk für die Wissenschaft, oder Literatur für die breite Gesellschaft, gefußt auf einer Emotionalisierung, wie man sie nur zu genüge aus der Sachbuchsparte der letzten Jahre kennt. Sollen nun auch Bachmann und Celan für eine biografische Bestandsaufnahme ihrer Liebesgeschichte herhalten, wie einst Arendt und Heidegger sowie Kafka und Felice Bauer. Zur Beruhigung kann schon einmal gesagt werden: Nein, dies ist hier nicht der Fall. Böttiger nimmt fehlende Dokumente zum Anlass, um eine Fassung der beiden Schriftsteller zu schaffen, die biografische Daten- und Lyrikanalyse gekonnt nebeneinandersetzt. Ohne den Blick auf die Lyrik zu verlieren, entstand hier ein Werk, welches nicht nur für Laien von Bedeutung sein kann, sondern eben auch Literaturwissenschaftler interessieren kann. Eine erfrischend neue Form einer Doppelbiographie, die es lohnt, näher zu betrachten.  

Es ist die wohl bekannteste Liebesgeschichte in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, die Geschichte der Gruppe 47 und zweier Liebender, die nicht zueinanderfinden konnten, in einer Zeit, in der alles möglich schien und nichts möglich war. Der 27-jährige Paul Antschel, besser bekannt unter seinem Pseudonym Paul Celan, lernte im Frühling 1948 die junge Ingeborg Bachmann in Wien kennen. Die Unterschiede der Beiden könnten nicht größer sein. Anschel, ein aus der ehemaligen k.u.k. Monarchie kommender Jude, strandet, nach den Traumatisierungen der ermordeten Eltern, im zerstörten Wien.

Mit ganz anderen Voraussetzungen kommt die wohlbehütete Bachmann nach Wien. Vordergründig um ihr Studium fortzuführen, ist sie ebenso wie Celan auf der Suche nach einem Anschluss an die intellektuellen Kreise der Stadt des Westens und der Hochburg der Literaten, Wien. Geboren in Klagefurt, wuchs sie mit beiden Eltern auf und konnte ihr Studium der Philosophie ein Jahr zuvor in Innsbruck und Graz beginnen. Trotz aller Unterschiede lernten die beiden sich kennen und verbrachten gemeinsam 6 Wochen in Wien. Wochen, die sowohl für Ingeborg Bachmann als auch für Paul Celan und deren künstlerischen Werke von Bedeutung werden sollten.

Zu Anfang kehrt Böttiger in die Vergangenheit der beiden zurück, zeichnet die Unterschiede der Herkunft, die Privilegen der Einen und die Entbehrungen des Anderen deutlich auf, um diese dann in die lyrische Analyse einfließen zu lassen. Die ersten Kapitel im Buch legen die Herangehensweise des Autors an Schriftsteller und ihr Werk offen und zeigen schon gleich zu Anfang, dass es sich lohnt, dieses Werk zu lesen. Im gesamten Buch wechseln sich Passagen über Celan und Bachmann ab. Ohne in einen Duktus reiner Datenaufzählungen zu verfallen, bindet er stets die Zeitumstände, die Vergangenheiten, die gegenwärtigen Situationen und Zukunftsvorstellungen in die Lebensdaten und das lyrische Werk ein.

Deutlich arbeitet Böttiger die Unterschiede der Herkunft heraus und widmet sich, mehr als der Leser es aus Biographien gewohnt ist, ebenso einer dichterischen Analyse. Was meist als unwissenschaftlich gilt, meistert Böttiger klug indem er keine Deutungshoheit aufstellt. Durch intertextuelle Bezüge lässt er genügend Raum zwischen Fakten und Interpretation offen. Zudem nimmt er immer wieder seinen roten Faden auf, der sich schon in der Auswahl seines Werktitels andeutet. Denn „Wir sagen uns Dunkles“ wird von ihm als Leitmotiv der Schriftstellerkonstellationen überzeugend ausgearbeitet und im ganzen Buch immer wieder aufgegriffen.

Doch wie bekannt, ist es nicht nur die bekannteste Liebesgeschichte der deutschen Nachkriegszeit, sondern eben auch die tragischste Liebesgeschichte. Der Kontakt der beiden Lyriker reißt immer wieder ab, bis es zu einem endgültigen Bruch kommen wird. Auch hier schafft es Böttiger die gegenwärtigen Situationen der Beiden und die Lage derer Umgebung in einem großen Zusammenhang zu bringen, ohne zu viel zu interpretieren. Er arbeitet eng mit den Schriftstücken des gemeinsamen Briefwechsels zwischen Bachmann und Celan „Herzzeit“ zusammen und bringt somit dem Leser die Bezüge zum  lyrischen Werk näher, in dem er aus allen Dokumenten Zusammentreffen und letztendlich den Bruch aufschlüsselt und deren Bedeutung jeweils in anschließenden Kapitelanalysen herausstellt.

Auch wenn die Biographie der Schriftsteller bekannt ist, soll hier nicht zu viel vom Inhalt erzählt werden. Es bleibt also zu sagen, dass es sich hier um ein durchaus gelungenes Werk handelt, welches sowohl von Kenner als auch von Neulingen des Œuvre Bachmanns und Celans zur Hand genommen werden kann. Natürlich ist Böttiger nicht umsonst als Experte der Gruppe 47 bekannt. Auch in diesem Werk hinterlässt seine Expertise seine Spuren und so bekommt der Leser nicht nur einen neuen Überblick über die Schriftsteller und obendrauf noch eine Zusammenführung von Werk und Lyrik, sondern eben auch eine Einbindung in den Literaturbetrieb der frisch geborenen Bundesrepublik. Trotz all der Informationen schafft Böttiger es, seine Doppelbiographie nicht mit Fakten zu überfüllen. Er legt eine sachliche und textnahe Biographie vor, die aufzeigt, was Lyrik auch und gerade in der Nachkriegszeit war und schaffen konnte. Spätestens nach dieser Lektüre wird der Leser zu dem lyrischen Werk Bachmanns und Celans greifen und den Briefwechsel der Beiden mit genügend Informationen und oder durch einen neuen Blick betrachten.

DVA 2018, 272 Seiten, 22,00 Euro


Hannes Köhler, Ein mögliches Leben

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In den letzten Jahren erschienen immer wieder Romane über die Zeit der Weltkriege, über das Leid und die Entbehrungen, die Täter und die Opfer, die Zeit in den Lagern, den Gefangenschaften in Russland, der Besatzungszeit in Frankreich. Wenig zu lesen bekommt man allerdings über die Zeit der amerikanischen Gefangenschaft. Hannes Köhler begibt sich hier in keine ausgetretenen Pfade und schafft mit seinem zweiten Roman „Ein mögliches Leben“ noch viel mehr als einen reinen Kriegs- und Nachkriegsbericht.

Der frischgebackene Vater Martin macht sich mit seinem Großvater auf eine unbestimmte Reise nach Amerika, an die Orte der Kriegsgefangenschaft im Jahr 1944. Doch ist es keine selbstverständliche Reise zwischen Enkel und Großvater, um die Vergangenheit zu beleuchten. Das Verhältnis der zwei war noch nie ein sehr enges. Zu schwierig war die Beziehung der Mutter zu ihrem kühlen und distanzierten Vater, und auch Martin befindet sich gerade in einer unpassenden Situation, um mit „dem Alten“, wie Franz im Buch des Öfteren genannt wird, nach Texas zu den Ruinen der Baracken des ehemaligen Lagers zu reisen. Seit kurzem muss er sich mit seiner Vaterschaft beschäftigen, die alles andere als gewollt gewesen ist, dessen Pflichten er sich aber dennoch stellt. Und so scheint dem Leser gleich zu Anfang schon bewusst zu sein, in welche Gefilde er hier gezogen wird: Ein Familienroman, gar ein Generationsroman, der durch die schwierige Vergangenheit und deren Auflösung, nicht nur die Probleme mit der Mutter und Tochter verständlich machen soll, sondern auch die Anfänge der neuen Familie zwischen Martin und der eher unbekannten Mutter seines Kindes lösen soll.

Doch weit gefehlt. Dieser Roman geht viel weiter, durchbricht die Klischees und verbindet alles auf realistische Weise mit einander, ohne die Brüche der Zeit zu vergessen. Ein mögliches Leben in Amerika, so muss den Kriegsgefangen die Ankunft jenseits des Ozeans erschienen sein, als sie die Weite des amerikanischen Landes entdeckten, als sie merkten, dass die Amerikaner sie anständig behandelten, als sie Englischkurse besuchen durften. Ein mögliches Leben, trotz aller Traumatisierungen im Krieg, trotz der Heimatlosigkeit, der Ideologie im Kopf, trotz des Sterbens der Heimat, der Familie, und allem Bekannten. Doch kann man Heimat nicht einfach vergessen, kann man den Krieg nicht vergessen und kann die Gedanken der letzten Jahre nicht auslöschen. Schwieriger wird es noch, wenn sich die Gefangenen in zwei Lager aufzuteilen beginnen. Zwischen denen, die weit weg in ein mögliches Leben wollen und denen, die noch immer auf einen Endsieg warten. Dass ein Gedankengut nicht einfach aus dem Kopf zu löschen ist, dass dies die jungen Menschen in ihren ganzen Tun und Denken zum Wanken bringen musste, und dass die Gefangenen eben nicht nur mit Feldarbeit, Ungewissheit und Heimatlosigkeit geplagt waren, sondern sich vielmehr in einem Bruch befanden, zeigt dieser kurze Ausschnitt, indem ein mitgefangener Kamerad einen Selbstmord begeht, eindrücklicher als ganze Geschichtsbände.

„Selbstmord“, sagt Franz.
Jürgens Gesicht ist ausdruckslos.
„Heldentod“, sagt er leise.

In diesem Roman sind nicht die Amerikaner die Feinde, hier sind es die eigenen Kameraden, die Führertreuen. Der Autor nimmt uns mit in Franz seine Zeit in den Lagern, lässt die Geschichte des Buches hauptsächlich in Texas zwischen den Kameraden spielen und gibt dem Leser einen Eindruck aus dieser Zeit. Einmal, vielleicht zweimal zu deutlich lässt er die Bedrohung durch die eigenen Kameraden anklingen. Zu oft wird auch die Meinungslosigkeit des Protagonisten betont, zu sehr erscheint dem Leser ein warnender Zeigefinder des sich entscheiden Müssens.
Doch hier kann dem Autor des Buches vertraut werden. Sein Weit- und Durchblick, den er auf seiner zweimonatigen Recherchereise durch Amerika zu den Schauplätzen der amerikanischen Lager verfeinert hat, klingt im gesamten Buch an und lässt keine gedankenlose, einseitige Geschichtsschreibung zu. Im Laufe des Buches wird der kritische Leser sich getrost zurücklehnen können, denn hier wird zwar eine deutliche Anklage geschaffen, doch ohne die gesamthistorischen Gegebenheiten aus dem Blick zu verlieren.
Es geht um die Zerrissenheit einer gesamten Generation, die Zerrissenheit der Ideologie, der Deutschen, schon vor dem Krieg, während, aber vor allem und am eindrücklichsten am Ende und nach dem Krieg.

So erscheint am Ende kein Enkel-Großvater Roman, sondern ein Generationsroman, der vor allem die Nachkriegsgeneration beleuchtet. Dass die Tochter von Franz, die Mutter von Martin also, gar nicht anders kann, als sich der 68-Generation zuzuwenden, zeigt um eines mehr, dass ein unwiderruflicher Bruch stattgefunden hat. Dass der ältere Franz, obwohl für die Amerikaner arbeitend, nicht vor seiner Vergangenheit fliehen kann, so sehr er sich der Entnazifizierung widmet, unterstreicht dieses Buch umso mehr. Dass aber gerade die Zuwendung der Tochter zum „linken Lager“ einen Bruch innerhalb der Familie nach sich zieht, ist ein eindrückliches Zeitzeugnis dieser Generation und auch heute noch spürbar, wenn wir über diese Zeit schreiben, lesen und sprechen wollen. Wie schnell wir von Strukturen geprägt sind, wie schwer wir uns davon trennen können wird im gesamten Roman angesprochen und stellt den Leser vor neuen Fragen.

Die Unmöglichkeit vor den Bruch zurückzukehren, wird zum wichtigen Motiv dieses Romans und lässt ihn allein deshalb deutlich herausstechen. Die Geschichte, die Zeichnungen der Protagonisten sind nicht nur realitätsnah, historisch klar und nachvollziehbar, nein sie schaffen dazu noch einen großen Bogen, der aufzeigt, dass es unmöglich ist Kontakt zu der vorherigen Generation aufzunehmen, dass eine Verständigung mit den Eltern der Kriegszeit nicht möglich war. Hier wird Geschichte ohne Wertung erzählt, weil dieser Roman es versteht, dass keine Wertung nach dem Bruch mehr möglich ist. Zugleich stellt der Roman durch die Aufmachung der Enkel-Großvater Beziehung die wichtige Frage, ob eine Verständigung und Wertung über diese Zeit, von der neuen, unserer Generation überhaupt möglich ist.

Ullstein Verlag 2018, 352 Seiten, 22,00€

Ich danke Vorablesen für das Rezensionsexemplar.

Carl Frode Tiller, Kennen Sie diesen Mann

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Dass ein skandinavisches Buch seinen Weg auf den deutschen Buchmarkt findet, ist dank der nordischen Kriminalromane längst kein Einzelfall mehr. Anspruchsvollere Literatur hat es dagegen immer etwas schwerer und so fragt man sich, wenn man Carl Frode Tillers Roman Kennen Sie diesen Mann? aufschlägt schon, warum es ausgerechnet dieser – zumindest hier – unbekannte Autor geschafft hat.

Mit viel Wohlwollen ist es der Ausblick auf die zu lesende Geschichte. Mit mehr Realitätssinn wohl eher die erworbenen Literaturpreise. Um die Literatur nach dem zu beurteilen, was sie ist, werfen wir nun also einen Blick auf die Geschichte des Romans. Denn diese scheint auf dem ersten Blick doch ganz interessant, wenn auch bekannt: Ein Mann verliert sein Gedächtnis und bittet über ein Zeitungsinserat Verwandte und alte Bekannte um Mithilfe in Form von Briefen.

Drei Personen melden sich bei David, der – um gleich schon eines vorweg zu nehmen – selbst nie im Buch zu sprechen kommt, die als Erzähler seiner Geschichte dienen. In abwechselnden Episoden aus ihrer Gegenwart und langen szenischen Briefen über die gemeinsame Vergangenheit, zieht sich die Geschichte über David in drei Abschnitte durch die Seiten.

Angefangen mit seinem Jugendfreund Jon, der in seiner Gegenwartsdarstellung gerade seine Band verlassen hat und als Versager mehr als deutlich klassifiziert wird. In seinem Brief allerdings unvorstellbare Fähigkeiten von psychologischem Durchblick und Einfühlungsvermögen zeigt, so dass der Leser gleich zu Anfang schon nicht mehr weiß, ob es sich hier wirklich um den eben noch sentimentalen Looser handelt, der keine Ahnung von sich und seinem Leben zu haben scheint, oder ob der Autor hier nicht vielmehr den Ich-Erzähler mit einem nichtdiegetischen Erzähler verwechselt.

Im zweiten Teil kommt Arvid, der Stiefvater Davids zu Wort. Auch er steht an einem Scheideweg in seinem Leben. An Krebs erkrankt und von Schmerzanfällen gequält, findet aber auch er die Zeit, einen langen Brief an seinen liebgewonnenen Ziehsohn zu schreiben, den er schon mehr als zwanzig Jahre nicht gesehen hat. Als ehemaliger Pfarrer, der nach dem Tod seiner Frau und dem Weggang Davids, ein tristes Leben als Buchhalter führte, erzählt er von den schönen Kindheitserinnerungen Davids, der schwierigen Jugend und vom Familienleben.

Nur wurde im ersten Teil des Buches von Jon eine vollkommen andere Geschichte, andere Fakten und Zusammenhänge genannt. Spätestens hier wird dem der Leser deutlich, welchem künstlerischen Kalkül er gerade aufgesessen ist. Hier geht es natürlich nicht nur um eine einfache Lebensgeschichte. Nein, hier werden gleich die großen Geschosse von den Fragen des Lebens, von Wahrheit und Lüge und psychologischen Kämpfen aufgefahren.

Aber bevor sich der Leser damit beschäftigen kann, braucht es noch einen dritten Ich-Erzähler. Es war damit zu rechnen, dass nun die ehemalige Jugendliebe von David, Silje ins Spiel kommt. In beiden vorherigen Erzählungen schon fester Teil der Jugend und der Charakterwerdung Davids, hat auch Silje über zwanzig Jahre keinen Kontakt zu David gehabt. Früher eine künstlerische Seele, jetzt eine gelangweilte Ehefrau, die noch einmal die Chance ergreift, ihrem Leben Esprit zu geben, in dem sie voller Inbrunst und allem künstlerischen Können von Jon, Arvid, der Liebe zu David, der Mutter und dem Thema erzählt, dass sich den ganzen Roman über angedeutet hatte. In ihrer Gegenwart ist allerdings auch sie schweren Schicksalsschlägen ausgesetzt. Sie ist nicht nur kurz davor ihre Ehe zerbrechen zu lassen, sie befindet sich auch ebenfalls in der Trauerphase um ihre gerade erst verstorbene Mutter. Vielleicht davon beeinflusst, löst sie viele Geschehnisse auf, indem sie von den tragischen Vorfällen aus der gemeinsamen Jugend erzählt. So ist die Dreiergruppe aus Jon, David und ihr nicht nur Beobachter mehrerer traumatischer Erlebnisse geworden, auch allerlei todesnahe Szenen, haben sich in dem kleinen Dorf in Norwegen abgespielt, so dass sich die mysteriöse Frage, wer denn nun der Vater Davids sei, nur in Kategorien zwischen Vergewaltiger und schwerstkrankem Mann abspielen kann.

Wer von der überladenden Handlung, dem Zuviel an unwahrscheinlicher Tragik und offensichtlichen Wendungen noch nicht abgeschreckt ist, wird spätestens beim Schreibstil des Autors an seine Grenzen gebracht. Dieser ist nicht schlecht, aber leider so verstellt, so künstlerisch übertrieben schwankend zwischen überzogener Umgangssprache am Anfang und dem gerade angesagten Berichtstil am Ende, dass es kurz vor Schluss nur noch ein Kampf ist, dem Buch und seiner durchaus fesselnden, wenn auch absurden Geschichte zu folgen.

„[…] Trotzdem wollt ihr immer mehr haben, fährt sie fort. Ihr seid nie zufrieden, sagt sie. Nein, sind wir nicht, sage ich, wie du siehst. Und die Kinder werden schon genauso, sagt sie. Hör auf, über die Kinder zu jammern, Mama, sage ich und halte nach wie vor an meinem erschöpften Lächeln fest. Tu ich doch gar nicht, sagt sie. Es ist ja nicht ihre Schuld, dass sie so verwöhnt werden, sagt sie. Nein, daran bin ich natürlich schuld, ganz klar, sage ich. Das habe ich nicht gesagt, sagt sie. Das hast du aber gemeint, sage ich. Du trägst nun einmal die Verantwortung dafür, wie sich deine Kinder entwickeln, genau wie alle anderen Eltern auch, sagt sie. Na klar, sage ich…“

Wem bei solchen Passagen noch nicht die Ohren sausen, von all den „sagt sie“-, „sage ich“-Bruchstücken, dem sei gesagt, dass auch ständige Satzwiederholungen, von scheinbar sehr relevanten Sätzen, nicht stören dürfen. Ist man gegen all dies gefeit, muss eines am Schluss gesagt werden: Trotz aller sprachlicher sowie inhaltlicher Hindernisse, hat es der Autor geschafft, seine Figuren, so unsympathisch sie einen auch erscheinen mögen, ausreichend genug zu zeichnen, dass man doch mit einer Weiterführung des Werkes liebäugelt. Auch wenn die Anfangs gestellten Fragen über den Wahrheitsgehalt der Darlegung in den Briefen in den Hintergrund rücken, das Hauptanliegen des Romans somit verfehlt ist, hat die Geschichte doch neugierig gemacht auf weitere Darlegungen von Bekannten und Verwandten. Ob sich ein weiterer Kampf durch die sprachlichen Kunstversuche lohnt, muss jeder für sich selber entscheiden. Denn am Ende dieser Rezension bleibt, dass dieses Werk es nicht geschafft hat, hinter psychologischen Oberflächlichkeiten zu greifen, sei die Geschichte und der künstlerische Stil noch so außergewöhnlich.




Zersplitterte Identität, zersplitterter Roman: Daniel Kehlmanns Ruhm

20180111_191854-01.jpeg Eine ältere Dame begibt sich auf ihrem letzten Weg in die Schweiz, um sich ein Medikament zum Sterben geben zu lassen. So kurz vor das Ende ihrer Existenz gestellt, fleht sie den Erzähler um Gnade an. Derselbe Erzähler, der vorher noch als bekannter Autor, Neurotiker und Liebhaber porträtiert wird. Derselbe Liebhaber, der eine Affäre mit einer ruhmreichen Frau hat, die sich am Ende fragen wird, ob sie nur Kopie einer Romanschöpfung, reine Fiktion oder doch real ist.

Schon oft wurde in den letzten Jahren der Versuch unternommen, die Fragen nach Identität, nach Wirklichkeit, kurz die Grundfragen der Philosophie, in einem Roman zu thematisieren. Auch die Gefahren der neuen Medien, der Sozialen Netzwerke und der allgegenwärtigen Sichtbarkeit wurde schon oft in dystopischer Weise auf den Markt gebracht. Und doch konnten beide Versuche mehr durch Handlung und Spannung punkten, als durch die Fragen als solche. Es gelingt diesem Roman, beides in Zusammenhang zu bringen. In sechs weiteren kurzen Geschichten erschafft Kehlmann Figuren, die scheinbar wahr-und zusammenhangslos auftreten. Durch feine Hinweise sind sie aber stattdessen so miteinander verwoben, dass am Ende ein Roman entsteht, bei dem die Frage nach der Realität ebenso gestellt wird wie die nach Zerrissenheit von allem und der eigenen Identität. Auf nur rund 200 Seiten erscheinen – ebenso subtil wie präzise – die Möglichkeiten und Gefahren der neuen technischen Welt. Dennoch steht hier ein Roman, der dann doch nicht als solcher bezeichnet werden kann. Wir finden keine durchgehende Erzählung und doch einen roten Faden, der alles verbindet, aber nichts erzählen lässt. Kurze Geschichten erscheinen nacheinander, zwar im leichten Zusammenhang, aber nie mehr verbunden, als durch das Thema der Folgen des Ruhmes, der Sichtbarkeit und ständigen Verbundenheit über alle Kanäle. Kann ein Mensch seine Identität vollkommen auslöschen, wie der berühmte Schauspieler im Buch, der, verzweifelt von seiner Berühmtheit, ein anonymes Leben als Doppelgänger seiner Selbst wählt. So lange bis ein wirklicher Doppelgänger sein eigentliches Leben nimmt und er nicht mehr in sein eigenes Haus hineingelassen wird, missverstanden als Betrüger auf der Straße sitzt, ohne Identität, ohne Alles. Solchen Kuriositäten nähert sich Kehlmann in einer präzisen Weise, die den Leser nicht abschreckt und doch am Ende eines jeden Kapitels schlucken lässt. Doch will er die neue Technik sicherlich nicht verteufeln, nur den Umgang mit dieser kritisch hinterfragen. In kurzer Form und literarischem Geschick werden hier verschiedene Standpunkte widergegeben, die am Ende einen kritischen Blick auf die Thematik ermöglichen. So kann es doch einmal geschehen, dass ein bekannter Autor lieber seine aktuelle Liebschaft begleitet, um Inspiration für eine neue Figur zu haben, anstatt eine Geschäftsreise nach Asien zu unternehmen. Diese Reise in einem neuen Kapitel aber wiederum zur Katastrophe wird, wenn seine Vertretung in einem fremden Land, ohne telefonischen Kontakt zur Heimat, festsitzt. Am Ende scheint es dann doch, dass der Autor in diesem Roman eine Möglichkeit gefunden hat, verschiedenste Erzählstile auszuprobieren, um diese zusammenzuführen. Kann dies den Leser sicherlich zeitweise verwirren, so unterstützt diese Methode doch auch die Vielschichtigkeit der Fragen, die nicht in einem Buch, nicht von einer Person beantwortet werden können. Und dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Ist dies ein Roman in dem der Leser Versuchskaninchen verschiedener Stile, Erzählweisen und holpriger Standpunkte wird oder ist dies durchdachte Prosa. Am Ende bleibt ein skurriler Roman, welcher durch seine realitätsferne eine Atmosphäre schafft, die einen Blick auf das Hier und Jetzt in aller Kürze ermöglicht. In einer Zeit, in der es durch die Möglichkeiten der weltweiten Kommunikationen über Zeitzonen hinweg, kein Hier und Jetzt mehr gibt und die grundphilosophische Fragen zugleich schwieriger zu stellen und doch umso wichtiger erscheinen.



Michel Houellebecq, In Schopenhauers Gegenwart

IMG_20180106_180349_713.jpg Ein neuer Houellebecq ohne Skandal ist kaum vorstellbar. Keine Sexismus-, Religions-, und Islamdebatte erwartet einem im neuen Buch des Bestsellerautors. Und doch lässt sich in der kurzen Hommage an dessen Lieblingsphilosophen Schopenhauer ein neuer Blick auf den Autor selbst werfen.

In der Abhandlung, die nicht viel mehr als eine grobe Auswahl Schopenhauerszitate umfasst, werden die sonst so misanthropischen Figuren Houellebecq und Schopenhauer beidesamt menschlicher. Ein Blick hinter die Grausamkeit des Menschen wird erhascht und die darausfolgende Suche nach dem Schönen, das nicht zwangsläufig menschlich sein muss. Viel mehr will der Autor dieses Buches nicht vermitteln: Da gibt es einen Weg jenseits der hochgeschätzen Humanität. Empfehlenswert ist das Buch wohl höhstens für zwei exklusive Kreise: Philosophisch interessierte Vielleser und Fans Houellebecqs. Für alle anderen ist das Buch zu kurz, zu brüchig, zu zusammenhangslos und zu oft mit sexuellen Anspielungen durchzogen, die absolut verzichtbar sind, aber dennoch zum Image des Autors passen.

Dumont 2017, 80 Seiten, 18,00€


Die Rezension ist bei der Zeitschrift für Literaturkritik, dem Rezensöhnchen (https://www.rezensoehnchen.com) erschienen.

Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben

IMG_20180104_175454_389.jpg Nur ein Roman über lebenslange Freundschaft? Die langanhaltende Freundschaft zwischen einem Künstler, einem Schauspieler, einem Architekten, und Jude, einem Anwalt. Letzterer von jedem geliebt, obwohl er nichts von sich und seiner Vergangenheit preisgibt. Einzig seine Schmerzanfälle begleiten Freunde, Umfeld und den Leser immer wieder, während alles seinen Lauf geht und Jude mit den Jahren Freundschaft und Liebe erfährt – eine Tatsache, die er sich nie hat erträumen lassen, denn eines ist immer wieder zu lesen: Judes Selbsthass. Seine Scham über sich als Krüppel. Seine Vergangenheit und sowieso all seine Taten die er begangen hat.

Seite für Seite bekommen wir einen Hauch von Ahnung, was ihm zugestoßen sein könnte. Bruchstücke, die auch Judes Umfeld mit den Jahren erfahren sollen, mehr erratend als wissend. Es vergehen hunderte von Seiten, Jahrzehnte im Buch, bis etwas Konkretes erfahren wird. Der Leser wird Teilhaber des Lebens der Vier. Er wird Freund und innerer Anteil Judes, der selbstliebende Anteil im Protagonisten, der in seinem Inneren schlummert, aber unaufhörlich von ihm ignoriert wird. Ebenso wie Zärtlichkeit und Fürsorge seiner besten Freunde. Die Frustration, das Nicht-helfen-können, wenn einem nahen Menschen Grausamkeiten angetan worden sind, ist ein entscheidendes Hauptanliegen, das durch wechselnden Erzähler, durch das In-die-Länge-ziehen des Romans bei gleichzeitigem Unwissen erreicht wird. Durch die Fülle an Wörtern wird ein Gefühl der Frustration, der Wut und Hilflosigkeit erzeugt und doch kann man nicht aufhören den Roman weiterzulesen, können die Freunde Jude nicht im Stich lassen, auch wenn das Unsagbare nicht gesagt wird, die Hilfe nicht angenommen wird. Im Roman wird aufgezeigt, was es heißt, mit jemanden zusammenzustehen. Was es für einen Überlebenden von Misshandlung heißt, alle äußeren wie inneren Gefühle von Liebe, Geborgenheit und Fürsorge zu missachten, sich selbst so sehr für Taten zu hassen, die einem zugestoßen sind, und die Kontrolle letztendlich den inneren sowie äußeren Saboteuren zu überlassen. Wenn man so will ist der Roman ein Sinnbild des Kampfes zwischen dem Guten und dem Schlechten, zwischen Liebe und Hass, letztendlich zwischen dem Aussprechen-Können des Unsagbaren und dem ewigen Schweigen darüber. Nur der Erzähler, die Freunde und somit der Leser bekommen die Möglichkeit des Redens, um das Schweigen über Misshandlung, Quälerei und Grausamkeit zu brechen. Wenn Überlebende keine Worte für ihre Vergangenheit finden, kann nur das Umfeld dieses Tabu brechen. Nichts weniger will dieser Roman aussagen und aus keinem anderen Grund, hat diese Erzählung solche Furore gemacht.